Beiträge von Rustin

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    Das unheimlich freundliche Skelett nickte eifrig wie zur Bestätigung der Frage. Und nein, jene Regung wurde nicht vom Wind ausgelöst, der in den hohlen Schädel fuhr und entstaubte, was es zu entstauben gab, was wiederum eine Menge war in Anbetracht der langen Zeit, die er unter der Erde verbracht hatte. Ja, er verstand die Sprache des Menschen. Verstand, dass er ihm Blumen schenken wollte und Wiedergutmachung leisten wollte für die unerhörte Ruhestörung.

    Nur das Antworten fiel ihm schwer, so ganz ohne das nötige Mundwerkzeug. Deswegen blinzelte er ihn bloß ratlos an mit seinen nicht vorhandenen Augenlidern, die tief in den Schädel blicken ließen. Während der Bursche mit sich haderte, gar um sein Seelenheil bangte, musterte das Skelett ihn reglos. Lediglich die knöcherne Hand blieb ausgestreckt, wartete auf den Handschlag in stoischer Gelassenheit. Wer Jahrzehnte geschlafen hatte, der konnte auch mehrere Minuten bis Stunden auf eine Reaktion seines Gegenübers warten. Juckte ihn nicht, dass der Junge schwer von Begriff war. Manche brauchten eben länger, bis sie verstanden hatten, was man von ihnen wollte. Und in diesem Augenblick wollte er einen schlichten Gruß von ihm. Einen, den man sich mit den Händen gab. Und tatsächlich, der Bengel schlug ein, sodass sie einander die Pranken schütteln konnten. Das Skelett blickte sichtlich zufrieden drein, als hätte man ihm einen großen Gefallen getan mit dieser schlichten Geste. Zeugte dies doch von einem Mindestmaß an Vertrauen. Vertrauen, welch seltsames Wort. So vertraut und doch so fremd. Wann hatte er zuletzt jemandem vertraut? Es musste eine Ewigkeit her sein. Es war ein elektrisierendes Gefühl nach so vielen Jahren endlich wieder das pulsierende Leben zu spüren, dieses Mal in Form einer fremden Hand, die weich wie Butter war und warm wie frisch gebackener Kuchen. Am liebsten hätte er die Hand gar nicht mehr losgelassen, so angenehm war sie in ihrer gesamten Erscheinung in seinem knöchernen Griff.

    Der Skelettkrieger zeigte sein schönstes Lächeln, das voller gelber Zähne war, nachdem sich Charon namentlich bei ihm vorgestellt hatte. Charon, wieder so ein seltsames Wort. Er konnte sich nicht erinnern, jemals einem Charon begegnet zu sein. Dafür erinnerte er sich schlagartig an seinen eigenen Namen. Dieser spontane Einfall freute ihn so sehr, dass er auf der Stelle von einem Bein aufs andere hüpfte und sich dabei noch im Kreis drehte. Jetzt musste er sich nur noch einfallen lassen, wie er dem Burschen seinen Namen mitteilte. Da erblickte er auch schon einen Stock zu seinen Füßen, den er prompt zwischen die Finger nahm und mit dem spitzen Ende im weichen Erdboden zu kritzeln begann. Ein wenig wackelig, aber schon bald waren Buchstaben in altmodischer Blockschrift zu erkennen: J-E-R-I-C-H-O, ergaben die Schriftzeichen einen urtümlichen Namen, der einst sehr modern gewesen war, jedoch nach und nach in Vergessenheit geriet. Stolz auf sein Werk deutete er mit dem Finger darauf und danach auf sich, was so viel heißen sollte wie: ich heiße Jericho.

    Besagter Jericho legte den Kopf schief, als er abermals nach etwas gefragt wurde. Ob er jemanden suchte? Jemanden, oder etwas? Wenn er das nur wüsste! Im Moment wollte er einfach nur wissen, was los war. Warum er ein lebender Toter war und warum Charon noch weniger darüber zu wissen schien als er selbst. In einem Anflug von Tatendrang umklammerte er den Stock, der ihm als Stift diente, fester und kritzelte erneut drauf los: "Was ist geschehen? Warum bin ich nicht mehr tot? Warum hast du mich wiederbelebt?" - und dann noch so schlecht… Die Hälfte seines Gewebes fehlte. Verständnislos sah das Skelett namens Jericho den Burschen mit seinen schaurig glühenden Augen an, die so voller Kummer waren, dass man glatt Mitleid mit ihm bekommen könnte. Mit ihm, dem abscheulichen Widergänger, der so nicht unter die Leute gehen konnte. Jedenfalls nicht ohne eine Massenpanik auszulösen. Er würde für immer im Wald bleiben müssen, wenn er nicht in seine Einzelteile zerlegt werden wollte.

    Albus nickte ernst, als der Andere ihm wortreich versicherte, das Geheimnis der Dumbledores unter Verschluss zu halten. Das war genau das, was er hören wollte. Doch noch mehr wollte er, dass sich Gellert auch daran hielt. Ihnen beiden dürfte klar sein, dass etwaiger Wortbruch zu einem sofortigen Ende ihrer hypothetischen Freundschaft führen würde. Dieser Umstand musste weder thematisiert, noch ausgeschmückt werden. Es war ein schlichtes Faktum, welche Folgen ein solcher Vertrauensbruch haben würde. Drohungen oder dergleichen waren nicht nötig, damit Gellert erkannte, wie ernst es Albus war. Er schätzte ihn jedenfalls für intelligent genug ein, um das auf Anhieb zu begreifen.

    Gellert begriff aber auch noch etwas anderes. Nämlich, dass Mythos und Wirklichkeit nah beieinander lagen. Nicht immer, aber oftmals. Wie viel Wahrheit in dieser einen Geschichte steckte, schien er ermitteln zu wollen und dafür brauchte er einen ortskundigen Kompagnon. Da Albus ohnehin gelangweilt war vom häuslichen Leben mit seinen Geschwistern, ließ er sich auf das Abenteuer ein, das einem wissenschaftlichen Exkurs in die Unterwelt glich. Wie könnte er dazu "nein" sagen? Davon ab war Gellert ein solch sonderbarer Geselle, dass es sich gewiss lohnte, einen genaueren Blick hinter die Kulissen zu werfen. Drum ließ er sich nicht zwei mal bitten, als er geradezu energisch auf die Beine gezogen wurde. In dem Kerlchen steckte wahrlich mehr Kraft als man ihm zutrauen würde. Leicht wankend kam Albus zum Stehen, wobei er nicht mit aller Gewissheit sagen konnte, ob er wegen des Schwungs derart schwankte oder wegen etwas anderem. Wegen Gellerts Nähe zum Beispiel… Sie hatte eine gewisse umwerfende Wirkung auf ihn. Es war beschämend, dass er zu einem primitiven Einzeller wurde, wenn er die Hand des Jüngeren in seiner spürte. Als wäre er nicht das gefeierte Ausnahmetalent der Zaubererwelt, sondern ein ganz normaler Teenager, dessen Hormone Amok liefen. Er kannte sich so nicht. Hätte es nicht für möglich gehalten, dass seine Triebe je stärker sein könnten als sein Intellekt. Aber genau so war es in diesem Augenblick. Albus bekam kaum ein Ton aus sich heraus, während Gellert ihm die Hand schüttelte und dabei so unverschämt kokett anmutete, dass er ihn um diese Souveränität nur beneiden konnte. Anschließend tat der Andere so, als wäre nichts dergleichen geschehen, doch Albus konnte das Kribbeln auf seiner Haut nicht ignorieren. Er fühlte dem nach, während der Verursacher des Gefühls den Abschied einläutete, jedoch nicht ohne sich vorher noch über Albus zu amüsieren. Jener brachte ein halb verlegenes, halb verzweifeltes Lachen zustande, ehe er versicherte, weder die Verabredung noch seinen Zauberstab zu vergessen. Als Gellert schließlich zur Tür hinaus ging, sah er ihm noch lange nach. Erst das Gekreische seiner Schwester aus der Küche vermochte ihn aus seiner nachdenklichen Starre zu befreien. Da fiel es ihm auch schon wie Schuppen von den Augen: sein Zauberstab steckte noch in der Schüssel. Jener Zauberstab, den er nicht zu vergessen versprochen hatte. Also eilte er in die Küche, wo Bathilda und Ariana heiter Kuchen backten. Und genau das war ein Fehler, denn kaum hatte er auch nur einen Fuß in Teufels-Küche gesetzt, schon wurde er gegen seinen Willen von den Damen zu "Backe-backe-Kuchen" verdonnert. Bathilda rechtfertigte das mit den Worten, dass er nur durch tatkräftige Unterstützung noch etwas von ihr lernen könne. Also blieb er und lernte. Von volle Konzentration konnte dabei nicht die Rede sein, da seine Gedanken von Gellert und ihrem bevorstehenden Treffen dominiert wurden. Der Kerl war dermaßen präsent in seinem Kopf, dass er den Verdacht hatte, von ihm verhext worden zu sein. Anders konnte er sich seine Versessenheit nicht erklären. Eine halbe Stunde später wurde er endlich entlassen. In dieser Zeit füllte er nicht nur Teig in kleine Backförmchen, sondern musste zudem das Kreuzverhör durch Bathilda über sich ergehen lassen. Neugierig wie die alte Schreckschraube war, wollte sie im Detail von ihm wissen, was er von ihrem Neffen hielt. So gut er konnte wich er ihren bohrenden Fragen aus, antwortete nur einsilbig. Nichtsdestotrotz schien sie mit seinen Antworten zufrieden zu sein, denn zu Albus‘ grenzenloser Erleichterung bot sie ihm an, an diesem Abend auf seine Geschwister aufzupassen, bis er von seiner Verabredung mit Gellert zurückkehrte. Ihr war offenbar sehr daran gelegen, dass sich die beiden Jungen anfreundeten. Warum sonst sollte sie bis spät in die Nacht zwei nervtötende Bälger hüten wollen? Albus wüsste zu gern, was Bathilda ausheckte, doch sie war noch schwerer zu durchschauen als ein Buch mit sieben Siegeln.

    Als die antike Kuckucksuhr im Esszimmer zehn Uhr schlug, riss er seinen Wollmantel von der Garderobe, schlüpfte hinein und schlich zur Tür hinaus wie ein gemeiner Dieb. Allerdings mit frisch poliertem und eingestecktem Zauberstab! Noch einmal erlaubte er sich eine Blamage wie vorhin nicht. Dann hielt er mitten in seiner Bewegung inne, da er sich dessen bewusst wurde, dass sie keinen konkreten Treffpunkt vereinbart hatten. Sollte er Gellert etwa bei Bathildas Haus abholen? Oder wartete er bereits vor dem Friedhof auf ihn? Stirnrunzelnd sah er sich in der Dunkelheit um, beschwor schließlich ein "Lumos" und erhellte so die Umgebung. Daraufhin erübrigte sich seine Frage auch schon, da er in kurzer Entfernung den dunkelhaarigen, jungen Mann entdeckte, der sich perfekt einfügte in die sternenlose Nacht mit seiner finsteren Aufmachung als wäre er Luzifers Adjutant höchstpersönlich. Sich nicht darüber im Klaren seiend, was er davon halten sollte, ging er auf die düstre Gestalt zu, angetrieben von seiner inneren Sehnsucht, die ihn wie ein Magnet zu ihm hinzog, entgegen jeglicher Vernunft. Verlegen strich er sich das fuchsbraune Haar aus der Stirn, als er zu ihm aufschloss, und mit einem Handzeig auf den verschlungenen Pfad deutete, der sich in der Dunkelheit verlor. „Zum Friedhof geht es da lang“, kommentierte er seinen Wink mit dem Zaunpfahl, ehe er sich dem Gehweg zuwandte und sich erst wieder in Bewegung setzte, wenn Gellert bereit für den Aufbruch war. „Was willst du dort eigentlich? Denkst du, ihre… Habseligkeiten wurden mit den Peverells beerdigt?“, musste er dann doch seiner Neugier Luft machen, weil es ihm schon den ganzen Abend lang unter den Fingernägeln brannte. Albus bezweifelte stark, dass es Gellert lediglich um einen gewöhnlichen Spaziergang ging. Wenn es so wäre, könnte er ihm weitaus schönere Orte in Godric‘s Hollow zeigen als den verdammten Totenacker.

    Albus gab ein entrüstetes Schnauben von sich, ehe er aufklärte: „In diesem speziellen Fall drücken sich unsere Eltern nicht vor der Verantwortung. Sie sind tot. Deswegen können sie sich nicht um meine Geschwister kümmern. Deswegen musste ich für sie einspringen. Sie haben mir die Verantwortung nicht zugeschoben, falls du das denkst.“ Es war ihm wichtig, die Ehre seiner Eltern zu verteidigen, damit sie nicht wie Rabeneltern dargestellt wurden. Oder mit anderen Rabeneltern in eine Schublade gesteckt. Es sollte nicht so aussehen, als hätten die beiden die Flucht vor ihrer Eltern-Rolle ergriffen.

    Albus‘ Kiefermuskeln waren angespannt. „Ich weiß nicht, was genau Bathilda dir über uns erzählt hat, aber was auch immer es war, es ist unheimlich wichtig, dass du kein Wort darüber verlierst. Niemand darf wissen, dass Ariana, meine Schwester, mit uns in diesem Haus lebt. Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du dieses Geheimnis für dich behältst“, bestand er auf Diskretion und Verschwiegenheit. Wie ernst ihm das war, verdeutlichte der warnende Unterton in seiner früh-reifen Stimme. Ein wenig zürnte er der Nachbarin dafür, dass sie so gedankenlos jemand Fremdes in sein Haus geholt hatte, wohlwissend, dass sich die Dumbledores nur den wenigsten anvertrauten. Er baute aber auf ihre guten Menschenkenntnisse, weshalb er Gellert einen Vertrauensvorschuss gab. Wer so geheimnisvoll anmutete wie der Schwarzhaarige, der konnte sicherlich ein vertrauenswürdiger Geheimniswahrer sein. Und falls nicht, würde er ihm zeigen, was er von Verrätern hielt. Albus folgte kurz Gellerts Blick, sah hin, wo dieser hinsah und fragte sich, ob er mit seinen verschieden farbigen Augen mehr sehen konnte als er. Ein absurder Gedanke, aber durchaus berechtigt. Immerhin hatte sein Gast in seiner mimischen Trickkiste diesen durchdringenden Blick, der in andere Dimensionen zu blicken schien. Als befänden sich in diesem Raum mehr als zwei Personen. Mehr Materie, mehr Substanz, mehr Geschichte. Als sprächen die Geister der Vergangenheit zu ihm. Albus wüsste zu gern, was sie ihm zuflüsterten. Er schrägte den Kopf an, bedachte seinen Gesprächspartner mit einem abschätzigen Blick als wäge er ab, ob jener sein neustes Forschungsobjekt werden könnte, bevor er die Lippen schürzte und beschloss, seine vorherige Aussage zu revidieren - nein, zu konkretisieren. Dass die Peverells ausgestorben waren, konnte bislang weder bestätigt noch widerlegt werden.

    „Der Legende zufolge war es nur Ignotus gelungen, vor seinem Tod einen Erben zu zeugen und ihm seinen Umhang zu vermachen. Ob sein Sohn die Blutlinie der Peverells erhalten konnte, ist den wenigsten bekannt. Angeblich gibt es eine Chronik, die bis zu den ersten Peverell-Brüdern zurückreicht. Die im Detail dokumentiert, welcher Peverell zu welcher Zeit gelebt hat und wie lange. Die Frage ist bloß, wo liegt diese Chronik verborgen?“ Obschon er sich nie sonderlich für die Peverells interessiert hatte, war sein Interesse nun doch geweckt. Viellicht lohnte es sich ja, sich intensiver mit dieser geschichtsträchtigen Familie auseinanderzusetzen. Doch wozu? Auch das glaubte er inzwischen begriffen zu haben: „Die Peverells sind den Menschen nur deswegen in Erinnerung geblieben, weil sie mit… unwahrscheinlich mächtigen Artefakten in Verbindung gebracht werden.“ Er wollte jene Artefakte nicht beim Namen nennen, weil er Gellert testen wollte, ob der die Anspielung verstand. Ob er das Märchen kannte und womöglich zu wörtlich nahm. „Wie lauten deiner Meinung nach die richtigen Fragen?“, hakte er kurz darauf mit verengten Augen nach, den Verdacht hegend, dass sich Gellert bereits lange mit den besagten Fragen auseinandergesetzt hatte. Er saß im Hause Bagshot immerhin an der richtigen Quelle für zeitgenössische Literatur, die rasch die eigene Fantasie beflügeln konnte, wenn man sich zu lange mit ihr befasste. Gellert war doch nicht etwa ein Tagträumer? Ein Hans-guck-in-die-Luft, der den Bezug zur Realität verlor? Wäre ihm jedenfalls zuzutrauen, so surreal wie er in seiner gesamten Aufmachung wirkte. Und dann noch auf seiner Couch! Gellert war ihm so zugewandt, wie man es auf dieser Distanz nur sein konnte. Wie eine selten schöne Versuchung, die allein dem Zweck diente, Albus‘ Selbstbeherrschung auf die Probe zu stellen. Glücklicherweise war Albus kein triebgesteuerter Lüstling, sondern ein verkopfter Denker. Andernfalls wäre es längst um ihn geschehen. "Alles hat seinen Preis", rezitierte die Versuchung und der Denker wüsste zu gerne, welchen Preis die erwähnten Möglichkeiten haben. Er kam jedoch nicht dazu, danach zu fragen, weil Gellert auch schon auf den Punkt kam mit seiner unmöglichen Frage. Im ersten Moment wusste Albus nicht, ob er sich verhört hatte. Der Schöngeist auf seiner Couch wollte mit ihm auf den Friedhof gehen? Warum sollte er das wollen? Warum sollte man an das Grab der Peverells wollen? Gellert war wie besessen von dieser Familie, die unzählige Kinderbücher füllte und mehrere Generationen belehrte. Den einen mehr, den anderen weniger. Gellert schien jedenfalls sehr fasziniert zu sein von den Peverells - oder dem Makaberen. Eine Einladung auf den Friedhof war durchaus makaber, hatte Albus so auch noch nicht gehabt. Vermutlich war genau das der Reiz an dieser Verabredung. Es war ungewöhnlich und verlockend. Auf eine sehr morbide Weise.

    Sein hellblaues Augenmerk ruhte lange auf dem blassen Antlitz wie in dem Versuch, die wahren Absichten in diesen ebenmäßigen Zügen zu ergründen. Das Verlangen nach einem Abenteuer jenseits dieses Hauses war groß. Seit er wieder in Godric‘ Hollow war hatte er nichts Aufregendes mehr erlebt, bis auf die Wutausbrüche seiner Schwester, auf die er gut und gerne verzichten konnte. „Heute Abend?“, antwortete er mit einer Gegenfrage, die sich so verwegen anfühlte wie Gellert in seiner düstren Vollkommenheit auf dem Sofa anmutete. Albus fragte noch nicht einmal, was er am Grab der Peverells wollte. Natürlich interessierte es ihn, andererseits war er sich sicher, dass er die Antwort noch früh genug erfahren würde. Vorerst genügte ihm der Nervenkitzel. Vernünftig sein konnte er später wieder, wenn er zurück bei seinen Geschwistern war und deren Vormund spielen musste.

    Oh, er meinte es ernst. Und wie! Schön, dass der Knilch das nun auch begriffen hatte. Hinter dem Sheriff ertönte ein schiefer Singsang aus Hey, Okay, Halt, Stop und Bleib stehen. Na, wenn das mal nicht Musik in seinen Ohren war. Sowas hörte er wirklich gern. Noch lieber, wenn es aus tiefster Überzeugung gesagt wurde und nicht aus purer Verzweiflung. Wenn es nicht inszeniert wurde. Aber fürs Erste dürfte diese dürftige "Schuldbekennung" reichen. Denn ja, für Zacharias stand nach wie vor fest, dass der sogenannte "Grinch" schuld an den Missständen in der Stadt war. Und an der Misshandlung seines Mustangs. Die Indizien waren eindeutig. Er hatte ihn quasi auf frischer Tat ertappt! Zacharias brauchte nur noch Beweise oder ein Geständnis, um den Fall abschließen zu können. Selbst wenn der Bursche nur zum Schein kooperierte, war er sich sicher, dass er früher oder später das bekommen würde, was er wollte; einen Abschluss. Genugtuung. Recht. Gerechtigkeit. Aber eins nach dem anderen. Zunächst einmal musste er das Vertrauen von dem Kerl erlangen, damit er in Zacharias den Freund und Helfer sah, der er im weitesten Sinne war. Vielleicht glaubte Remington ihm dann, dass er lediglich eine milde Strafe zu erwarten hatte, wenn er zu seinen Verfehlungen stand. Das wäre für alle Beteiligten das Beste, nur für den Bürgermeister nicht. Der würde sich grün und schwarz ärgern, wenn Remington mit einer Bewährungsstrafe davon käme statt mit der Höchststrafe.

    Langsam, als hätte er alle Zeit der Welt, machte er auf dem Absatz Kehrt und änderte seine Richtung. Statt den Ausgang steuerten seine schweren, scheppernden Schritte wieder den Zellentrakt an. Dort durfte er sich an einem knienden Remington ergötzen. Bei diesem wunderschönen Bild der Demut zuckte es leicht in seiner Hose. Ach, der Grinch entschuldigte sich nicht? Nicht einmal ein bisschen? Das werden wir ja noch sehen. Zumindest ging er schon mal vor ihm auf die Knie, zwar gewohnt motzend, doch darüber konnte Zacharias hinwegsehen, oder hinweghören. Für den Anfang reichte ihm dessen Kompromiss- und Kooperationsbereitschaft. Reue, oder Einsicht würden auch noch folgen. Von wegen unschuldig. Aber wenigstens war der Spinner lernfähig. Damit konnte Zacharias etwas anfangen. Er zeigte sein wölfisches Grinsen, das mehr Zähne entblößte als es sollte, und ließ seinen harten Schlagstock an den Gitterstäben entlang rattern, während er auf den Häftling zuschritt, der in seiner knienden und flehenden Position beinahe einem betenden Engel glich. KLONK, KLONK, KLONK machte es mit jedem weiteren Gitterstab, der von dem Eisen in seiner Hand touchiert wurde. Einschüchterungstaktik? Mag sein. Hauptsache, der Grinch erkannte, dass mit dem Sheriff nicht gut Kirschen essen war. Jedenfalls nicht, solange man ihm auf der Nase rumtanzte und das hatte Remington lange genug gemacht. Er wollte jetzt Taten sehen und kein dümmliches Geschwätz. Das dümmliche Geschwätz bekam er zwar on top trotzdem dazu, aber wenigstens stimmte die Pose dabei. Fehlte nur noch, dass der Sheriff seinen Schwanz aus seiner Hose holte und dem Schwätzer den Mund damit stopfte. Aber auch dafür waren zu viele Kameras zugegen (er wollte nicht als Meme im Internet enden), weshalb er diesen äußerst verlockenden Drang unterdrückte. Schade eigentlich, dabei hatte sein bestes Stück eine gründliche Politur bitter nötig nach der Übelkeit-erregenden Nummer in der Besenkammer.

    Vor dem Knienden stehend, umfasste er den Schlagstock an beiden Enden mit den Händen und hörte sich an, was der Bursche zu sagen hatte. Die Hälfte davon war reiner Bullshit. "Großer, tabakduftender Gesetzesgott von Wintercrest" hingegen könnte ihm durchaus gefallen. Viel weniger gefiel ihm dafür "nervig und anstrengend". Einen nervigen und anstrengenden Komplizen konnte er bei seinen nervigen und anstrengenden Ermittlungsarbeiten nicht auch noch gebrauchen. Das Schweigen musste er ihm definitiv noch beibringen. Wie gut, dass Remington lernfähig war. „Na also, geht doch“, lobte er das Bürschchen fürs brave Knien und wog den Schlagstock ein letztes Mal in seiner Hand, ehe er ihn zurück an seinen Gürtel steckte und den Schlüsselbund hervorholte. Als hätte er spontan vergessen, welcher Schlüssel der Richtige war, nahm er einen nach dem anderen zwischen die Finger, musterte ihn ausgiebig und strapazierte so Remingtons Geduld. „Sing und tanz so viel du willst. Das juckt mich nicht die Bohne“ - und wenns ihm doch mal zu bunt werden sollte, versohlte er ihm einfach den Hintern. Nach einer nervenaufreibenden Suche hatte er schließlich den passenden Schlüssel gefunden, den er als nächstes in das Türschloss steckte und geräuschvoll herum drehte, sodass das Schloss mit einem erlösenden "Klack" aufsprang. Bevor aber Remington herausstürmen konnte, hielt Zacharias den Türgriff fest umschlossen, versperrte ihm mit seinem gestählten Körper den Weg und erklärte ihm in der nächsten Sekunde die Spielregeln: „Nicht so schnell, Freundchen. Wenn ich dich hier rauslasse, tanzt du nach meiner Pfeife, klar? Keine dummen Scherze mehr. Keine Streiche und keine Spielchen. Erst recht lässt du die Finger von meinem Wagen, verstanden?! Hältst du dich nicht an das, was ich sage, stecke ich dich mit dem brutalsten Ficker des Landes in eine Zelle, kapiert?“ Das dürfte abschreckend genug sein, damit sich der "Grinch" so lange zusammenriss, bis sie den Bürgermeister dingfest gemacht hatten. Was Remington danach machte, war ihm vollkommen egal. Zacharias wäre dann eh nicht mehr in Wintercrest. „Und jetzt will ich diesen "kranken Kater" sehen.“, entschied er kurzerhand, wo sie als erstes zusammen hingehen würden, so als frisch gebackene Partner. Warum er den Kater sehen wollte? Nun, er wollte sich mit eigenen Augen von Remingtons Glaubwürdigkeit überzeugen. Wollte sehen, ob er ihm eine Lüge aufgetischt hatte. Falls nicht, war dies der erste Beweis dafür, dass man Remington vertrauen konnte. Es würde noch einige dieser Vertrauensbeweise brauchen, damit der Sheriff den Burschen von der kurzen Leine ließ. Bis dahin würde er ihn rund um die Uhr im Auge behalten.

    Sollte sich der wandelnde Wuschelkopf darauf einlassen, würde Zacharias ihm die Handschellen abnehmen, ihn zu seinem Streifenwagen geleiten und ihn dorthin fahren, wo der vermeintlich sterbenskranke Kater auf seinen Pfleger wartete. Man war schließlich kein Unmensch…

    Hätte er das mal gewusst, dann hätte er die lächerliche Schürze anbehalten. Aber leider war er des Gedankenlesens nicht mächtig, noch nicht, sodass er sich ihrer entledigte statt sie wie ein schmückendes Accessoire zur Schau zu stellen. In jenem Moment kam er jedenfalls nicht auf die Idee, sein Besuch könnte eine Schwäche für Männer in Schürzen haben. Wie auch? Gellert machte viel eher den Eindruck, als wäre ihm alles zuwider, womit man sich die Finger schmutzig machen könnte. Er ließ sich lieber bedienen, statt andere zu bedienen oder anderen einen Gefallen zu tun. So lautete zumindest seine erste Einschätzung zum Dunkelhaarigen. Dennoch war er bereit, sich eines Besseren belehren zu lassen. Wenn Bathilda sagte, sie könnten Freunde werden, dann musste es einige Gemeinsamkeiten zwischen ihnen geben, die weit über Oberflächlichkeiten hinaus gingen. Er war gespannt, womit Gellert noch so aufwarten konnte, wenn schon nicht mit Bescheidenheit. Oder Selbstlosigkeit. Dessen Kommentar zu Albus‘ vielseitigen Rolle in der Familie ließ zudem vermuten, dass er nicht die Verantwortung für seine Geschwister übernommen hätte, wäre er an Albus’ Stelle. Kein rühmlicher Charakterzug, aber wenigstens war der Blässling ehrlich. Und wenn Albus ganz ehrlich war, dann hätte er die Rolle ebenfalls lieber abgelehnt. Sein Herz hing jedoch zu sehr an seiner Familie, weshalb er das Vermächtnis seiner Eltern nicht mit Füßen treten konnte. Er musste es in Ehren halten, selbst wenn dies bedeutete, die eigenen Interessen und Bedürfnisse hinten anzustellen. Es war Albus hoch anzurechnen, dass er trotz allem sein lebensfrohes Naturell nicht verloren hatte. Statt Trübsal zu blasen, machte er das Beste aus seiner Situation, hatte sogar stets einen flotten Spruch auf den Lippen, wenn man meinte, ihn piesacken zu müssen. Er ließ sich einfach nicht aus der Ruhe bringen, egal wie schlecht seine Chancen standen, einen Kampf zu gewinnen. Gut, mit Ausnahme von Aberforth. Der triezte ihn allein mit seiner bloßen Anwesenheit bis aufs Blut. Ein Talent, für das man ihn wahrlich beneiden konnte.

    Aber auch Gallert hatte eine gewisse Wirkung auf sein Blut. Nicht so wie Aberforth, aber anders. Wie anders, musste Albus noch herausfinden. Jener schnaubte in einem Anflug von Zynismus, als der Jüngere so ungeniert seine Lebensumstände in Frage stellte. Aber auch das vermochte ihn nicht zu beleidigen. Es amüsierte ihn höchstens, dass sein Gast wenig Respekt vor Schicksalsschlägen zu haben schien. „Ich kann dir versichern, dass ich mir das nicht ausgesucht habe. Ich hatte andere Pläne als in meinem Alter Familienoberhaupt zu werden. Ab einem bestimmten Punkt im Leben muss man wohl einsehen, dass alles anders kommt als geplant. Ich habe es auf die harte Tour lernen müssen“, kam es gedehnt seufzend aus seiner Richtung, ehe er sich in den kleinkarierten Sessel setzte, der der Lieblingsplatz seines Vaters gewesen war und nun der seine war. Im weiteren Gesprächsverlauf erfuhr er einiges über seinen Gast - Details, die dieser eher nebensächlich erwähnte, was aber Albus umso neugieriger machte. Gerade wegen dieser Nebensächlichkeit. Es fielen Worte wie vorübergehend, zum ersten Mal hier, England nicht reizvoll. Und dazwischen ein spitzbübisches Grinsen, das definitiv eine Wirkung auf sein Blut hatte, welches er nun überdeutlich in seinen Ohren rauschen hörte. Wenn Gellert so grinste, mit diesem unverschämten Zug um seine Mundwinkel, konnte er ihm alles erzählen und Albus würde es ihm vorbehaltlos glauben. Hauselfen auf dem Mond? Na klar! Schrumpfhörnige Schnarchkackler unter seinem Bett? Natürlich! Trolle im Zaubereiministerium? Aber sicher doch! Albus würde ihm die schönsten Lügen glauben, solange er ihn so angrinste. Und ansah. Bei Merlins Bart, dieses gespenstische Auge, das tief in seine Seele zu blicken schien, machte ihn ganz wahnsinnig! Es besaß die Macht, innerhalb eines Wimpernschlags alles und jeden zu manipulieren. Oder war nur er so empfänglich dafür? Gerade eben noch hätte Albus schwören können, kein Liebhaber von hochnäsigen Schnöseln zu sein, die sich für etwas Besseres hielten. Aber schon einen intensiven Blickkontakt später, war er davon überzeugt, nichts mehr zu begehren als hochnäsige Schnösel, die sich für etwas Besseres hielten. Albus‘ Hand umfasste die Armlehne seines Sessels fester, während Gellert ihn mit seinem Sirenengesang einlullte. Sein schlauer Kopf fühlte sich wie Watte an, die man in betörende Rosenessenz tunkte. Gellert verstand, warum man hier blieb, wenn man musste, und Albus verstand, dass man seinetwegen blieb. Wenn schon alles andere in Godric’s Hollow öde war, dann blieb man wenigstens wegen Albus. Ja, das war das, was er verstanden hatte. Oder verstehen wollte. Himmel, die mysteriöse Redensart des Schwarzhaarigen war mindestens genau so rätselhaft wie jedes Backrezept. Albus musste sich räuspern, um nicht den Anschluss an ihre Unterhaltung zu verlieren. Mittlerweile war Gellert beim nächsten Thema angelangt und Albus‘ Einsatz war gefragt. Nachdenklich strich er sich mit dem Finger über die Unterlippe als müsste er abwägen, wie viel er Gellert über sich und dieses Dorf verraten konnte. Immerhin war es nach wie vor ein gut gehütetes Geheimnis, dass die Dumbledores in Godric‘s Hollow hausten mit einem Obscurial unter ihrer Decke, das sie vor der Außenwelt versteckten. „Ich bin zwar kein Einheimischer, sondern nur ein Zugezogener, aber ja, ich kenne mich hier recht gut aus“, gestand er ihm bedächtig nickend zu, so als würde er Gellert für würdig genug erachten, von seinem enormen Wissensschatz profitieren zu dürfen. Wer seine armselige Couch mit seiner bloßen Anwesenheit aufzuwerten vermochte, indem er auf ihr thronte wie ein verwegener Fürst der Finsternis, der durfte ihm auch das ein oder andere Geheimnis entlocken. Aber nur, wenn man ihn im Gegenzug um den kleinen Finger wickelte. Nach all den Entbehrungen in letzter Zeit tat es gut, zur Abwechslung wie ein Mensch mit Bedürfnissen behandelt zu werden statt bloß wie eine Maschine. Oder ein Hauself. Selbst der bekam mehr Anerkennung von seinen Unterdrückern als Albus. Letztendlich war er auch nur ein Mann, der sich nach Zuneigung sehnte, egal wie clever oder "genial" er war. Zu einem gescheiten Geist gehörte nun mal auch ein Körper, der mindestens genau so viel Aufmerksamkeit brauchte wie sein geistiges Äquivalent.

    „Die Peverells?“, wiederholte Albus überrascht, als hätte er nicht damit gerechnet, dass sich jemand ausgerechnet für die Peverells interessieren könnte, wenn doch die Gegenwart sehr viel mehr Gesprächsstoff zu bieten hatte. Warum interessierte sich Gellert für jahrhundertealte Tote? Er hatte doch nicht etwa das "Märchen von den drei Brüdern" zu wörtlich genommen? Mit einer Mischung aus Neugier und Argwohn sah er ihn an, versuchte dessen regloses Gesicht zu lesen, doch dort war nichts zu lesen. Dafür hatte sich Bathildas Neffe zu gut unter Kontrolle. „Kaum jemand spricht noch über die Peverells. Es ist nicht einmal bekannt, ob es noch lebende Nachfahren von ihnen gibt. Warum sollte sich jemand für eine ausgestorbene Blutlinie interessieren?“ Albus hatte eine lauernde Körperhaltung angenommen, als wäre er in einen Busch voller Dornen geschubst worden. Als hege er den starken Verdacht, dass es bei diesem Besuch um weitmehr als Freundschaft ging. Was führte dieser schwarzäugige Teufel bloß im Schilde? Mit abschätzig verengten Augen versuchte er aus seinem Gegenüber schlau zu werden. „Gut erkannt. Ich habe nicht halb so viel Zeit für meine Interessen, wie ich gern hätte. Das macht das "Erwachsenwerden" wohl aus.“ Ein Hauch Wehmut wohnte seiner warmherzigen Stimme bei. Aber auch eine stille Kritik an Gellert, der mit seiner selbstsüchtigen Haltung einem verträumten Kindskopf glich, der die volle Breitseite der harten Realität noch nicht zu spüren bekommen hatte. Oh, wie er ihn um diese Unbeschwertheit beneidete. Der Jüngere hatte offenkundig genug Muße, sich über die Peverells den Kopf zu zerbrechen, während Albus den Kopf voller Sorgen um seine Geschwister hatte.

    Der Level 15-Skelettkrieger mit Schwert hockte nun ohne Schwert hinter dem duckmäuserischen Level 1-Helden, der seinem Namen keine Ehre machte. Anstatt sich dem Ungetüm zu stellen und die Welt vor dem drohenden Unheil zu bewahren, kauerte er wie ein Feigling im Unterholz des Waldes und schien darauf zu warten, dass er von einem anderen, höher leveligen Helden gerettet wurde. Doch vor was? Vor was musste man ihn retten, diese Bangebuchse? Vor dem Skelett? Na, hör mal, das war doch ganz harmlos! Und total freundlich oder war der Möchtegern-Held etwa blind für Freundlichkeiten? Wer konnte schon diesem äußerst charmanten Lächeln widerstehen? Es war so charmant wie man als knöcherner Prinz Charming nur sein konnte. Jener tippte ihm gar brav auf die Schulter, um sich anzukündigen, damit sich das scheue Kerlchen nicht zu Tode erschrak. Oder in die Hose machte, was noch unangenehmer wäre für alle Beteiligten… Immerhin hatte er eine Hose im Gegensatz zum Skelett, das sich nackt bis auf die Knochen fühlte.

    Unermüdlich folgte es dem türmenden Helden um den Baum, ließ sich nicht abschütteln, da es ohnehin nichts Besseres zu tun hatte, als sich an jemandes Fersen zu heften und zu hoffen, dass man ihn aufklärte - nicht über Bienchen und Blümchen, sondern über das, was just geschehen war. Warum hatte man ihn aus dem Schlaf gerissen und obendrein aus dem Grab geholt? Wie war sowas möglich und wie sollte es nun mit ihm weitergehen? Wer übernahm die Verantwortung für ihn und für das, was er tat? Gab es eine Art "Knigge der Knochen"? Eine "Skelettikette für Anfänger"? Er wusste es nicht. Woher auch? Er war schließlich nicht derjenige, der durch Wälder stolperte und irgendwelche Tote zum Leben erweckte und das noch nicht einmal besonders gut angesichts der Tatsache, dass er bloß aus Knochen bestand. So konnte er doch nicht unter Menschen gehen! Wie sollte er so Fuß fassen in der Welt der Lebenden, wo jeder über Haut, Fleisch, Muskeln und mehr verfügte? Sie würden ihn wie einen Außenseiter behandeln! Wie einen… Freak. Falls sie ihn nicht gleich ins nächstbeste Forschungslabor steckten, um ihn zu sezieren und zu studieren.

    Der "Skelettkrieger" schrägte den blank polierten Kopf als das Kerlchen unkontrolliert zu plappern anfing. Zunächst ergaben die Silben keinen Sinn in seinem leer gefegten Schädel. Doch schon bald erinnerte er sich an ihre Bedeutung. An das Vokabular, das man hierzulande verwendete, um sich zu verständigen. Es war gewiss nicht sein Gerippe, das ihm als Kommunikations-Zentrale diente, sondern sein Geist, der an dem Auferstandenen hing wie eine lange, unsichtbare Leitung für Ferngespräche. Der Bursche wollte ihm Blumen schenken? Jetzt schon? War es dafür nicht noch etwas zu früh? Sie kannten sich ja noch nicht einmal, weder namentlich noch sonst wie, und doch wollte er ihm schon Avancen machen mit irgendwelchen Blumen. Das Skelett würde sich ja geschmeichelt zeigen, könnte es erröten. Doch das konnte es nicht, weshalb es den Rosenkavalier bloß mit seinen toten, roten Augen ansah als wäre jener hier das Schreckgespenst und nicht das Skelett. Der Auferstandene wollte ihm antworten, ihm sagen, dass Blumen zwar nett waren, aber nicht so ganz seine Kragenweite, weshalb es den rostigen Kiefer auf und ab klappte ohne einen Ton von sich zu geben. Offenbar gab es noch einige Probleme mit der Artikulation, sodass sein Einwand ungehört blieb. Sprachbarriere mal anders. Weil er sich nicht anders zu helfen wusste, streckte er seinen Arm aus und reichte dem Menschling die Hand zum Gruße. Es war offensichtlich, dass er ein Greifen nach seiner Hand erwartete, damit sie einander die Hände schütteln konnten, so wie es sich für Fremde gehörte, die sich zum ersten Mal begegneten. Erwartungsvoll blickte er sein Gegenüber an, während es ihm die knöcherne Hand hinhielt und somit eine namentliche Vorstellung einforderte, was zu seinen Lebzeiten Gang und Gebe war, dass man vor dem ersten Rendezvous einander den Namen verriet. Man lernte sich zunächst kennen, bevor man sich gegenseitig Blumen schenkte. Oder gar Pralinen. Mhm, Pralinen. Die würde er jetzt unheimlich gern essen - konnte man denn etwas essen, wenn man keinen Magen hatte? Nicht einmal eine Zunge? Verdammt, ein Skelett zu sein war wirklich kein Zuckerschlecken. Man musste auf all die Annehmlichkeiten verzichten, die ein intakter, menschlicher Körper so mit sich brachte.

    Albus hob eine bemehlte Augenbraue, kommentierte den subtilen Vorwurf mit dem Gesichtsausdruck eines verkannten Genies, das sich für etwas rechtfertigen musste, das er nicht verbrochen hatte. Sein unverhoffter, unangekündigter(!) Besuch hatte sich etwas Geordneteres vorgestellt? Nun, hätte er geahnt, dass er an diesem Tag noch Besuch bekommt, hätte er sich das Kuchenbacken gespart, ebenso das Sich-Panieren. Wer aber so gleichmütig war wie Albus, der schlug nicht wild um sich, bloß weil man ihn kritisiert hatte. Es sei denn die Kritik kam von Aberforth, dann konnte er durchaus aus der Haut fahren, wie man unlängst gesehen hatte. Obwohl kein noch so charmantes Lächeln über seine mehlige Erscheinung hinweg täuschen konnte, lächelte er dennoch charmant und konterte blitzgescheit mit einer allseits bekannten Redewendung: „Das Genie beherrscht das Chaos, nicht?“ Wer brauchte da noch Ordnung? Und ja, er war ein Genie. Kein Back-Genie, aber dafür ein Zauber-Genie. Das Schwarzhaar hatte trotzdem recht, gewissermaßen. Denn auch er, das mehrfach ausgezeichnete Genie, hatte seine Ecken und Kanten. Seine Schwächen. Denkarbeit war ihm schon immer leichter gefallen als Hausarbeit. Für Letzteres war stets seine Mutter da gewesen, warum also hätte er sich mit Backen, Kochen, Waschen und Putzen befassen sollen? Das war Frauenarbeit. Vermutlich hätte er anders darüber gedacht, sich besser vorbereitet, hätte ihm jemand gesagt, dass seine Mutter schon sehr bald von ihnen gehen würde. Er hatte noch nicht einmal die Zeit gehabt, sich mit dem Gedanken, für seine Geschwister zu sorgen, anzufreunden. Man hatte ihn so schnell in seine neue Rolle hinein katapultiert, dass sein brillanter Verstand noch hinterher hinkte mit der Verarbeitung der jüngsten Geschehnisse. Man mochte es ihm also verzeihen, dass er die gewaltige Lücke, die seine Mutter hinterlassen hatte, nicht zu aller Zufriedenheit ausfüllen konnte. Ohne Bathilda wäre er ziemlich aufgeschmissen. Nicht zuletzt deswegen, weil sich die Familie Dumbledore abgeschottet hatte vom Rest der Welt, nachdem sie nach Godric‘s Hollow umgezogen war. Niemand sollte von der Tragödie erfahren, die mit Ariana in Verbindung stand. Bathilda Bagshot war die einzige Nachbarin, der sich seine Mutter Kendra anvertraut hatte. Ansonsten hatte sie sich von allen anderen fern gehalten, um das düstre Familiengeheimnis zu wahren sowie niemanden, der ihnen zu nahe kam, zu gefährden. Letztendlich war sie ihrer eigenen Ausgrenzung zum Opfer gefallen. Hätte sie sich doch nur professionelle Hilfe ins Haus geholt, dann wäre es vielleicht nicht so weit gekommen. Es machte Albus rasend, dass er niemandem die Schuld für das, was geschehen war, geben konnte. Doch noch rasender machte ihn, dass er, als rationales Wesen, sich nicht mit der Begrifflichkeit "Unfall" abfinden konnte. Er wollte dieses schreckliche Schicksal nicht als Unfall hinnehmen. Er wollte jemandem die Schuld dafür geben und das tat er auch, indem er insgeheim seine Schwester Ariana zum Sündenbock machte. Wenn sie nicht gewesen wäre, wäre seine Mutter noch am Leben und er könnte seine Träume leben, statt hier in diesem Kaff gefangen zu sein und die Verantwortung für seine Geschwister zu übernehmen. Sein Verhältnis zu den beiden könnte nicht schlechter sein. Es war, als könnten Aberforth und Ariana spüren, was er über sie dachte, weshalb sie ihm nicht gehorchen wollten. Als wäre seine angestaute Wut greifbar für die beiden. Als wäre er der Störenfried in ihren Augen, den es aus dem Haus zu ekeln galt. Entsprechend gering war seine Motivation, für gute Stimmung zu sorgen. Er tat das Nötigste, um Ariana zufrieden zu stellen, damit sie nicht erneut spontan explodierte wie eine tickende Zeitbombe. Wenn sie wollte, konnte sie das gesamte Haus - das ganze Dorf! - binnen Sekunden in Schutt und Asche legen. Dennoch brachte er es nicht übers Herz, sie ins St. Mungo einzuweisen, wo sie eigentlich hingehörte mit ihrer psychischen Störung. Sie war nicht nur eine Gefahr für sich selbst, sondern für ihr gesamtes Umfeld. In manchen Nächten, wenn er wach in seinem Bett lag, ertappte er sich bei dem grauenvollen Wunsch, dass er lieber Ariana tot gesehen hätte statt seine Mutter. Er hasste sich für diese finsteren Gedanken, konnte jedoch nichts dagegen unternehmen. Wut war nun mal nicht rational, weshalb selbst der klügste Kopf ab und an irrationales dachte. Oder tat.

    „Oh, ich habe einen Zauberstab. Er ist jedoch in der Küche und rührt in irgendeiner Schüssel“, berichtigte er Gellert, damit der bloß nicht dachte, er hätte es hier mit einem Squib - oder noch schlimmer - einem Hochstapler zu tun. Zauberstablose Magie wäre zwar auch eine Option gewesen, doch die beherrschte er noch nicht gut genug. Nicht, dass er sich noch die Nase wegzauberte oder einen anderen lieb-gewonnenen Körperteil. Albus hielt zwar viel von sich und seinen Fähigkeiten, aber er prahlte nicht mit ihnen und schon gar nicht, setzte er sie ein, wenn er sich unsicher war. Macht brachte große Verantwortung mit sich, das hatte er so sehr verinnerlicht, dass er sie nie für zerstörerische Zwecke einsetzen würde… Daher arbeitete er unentwegt an sich und seinen Zauberkünsten, um sich stetig zu verbessern und weiterzuentwickeln. Denn Stillstand bedeutete Verfall. Geistigen Verfall, wovor er sich mehr fürchtete als vor allem anderen.

    Gellerts Hervorholen seines Zauberstabs nahm er wohlwollend zur Kenntnis. Es war genau das, was er gerade sehen wollte. Das Gefühl von Mehl, das sich wie eine dicke Staubschicht auf ihn gelegt hatte, war ihm nämlich außerordentlich unangenehm geworden. Vor allem in der Gegenwart eines Fremden. Eines viel zu attraktiven Fremden. Seine Geschwister empfanden das ungleiche Augenpaar vielleicht als unheimlich, verstörend gar. Er hingegen fand, dass es Gellert umso geheimnisvoller machte. Es macht ihn zu etwas Außergewöhnlichem, was wiederum Albus‘ Interesse weckte, da er ein Faible für Außergewöhnliches hatte. Gewöhnlich konnte jeder, doch nur die wenigsten waren außergewöhnlich.

    Dass auch er mit einem halbwegs akzeptablen Äußeren aufwarten konnte, davon konnte sich Gellert wenig später selbst überzeugen, indem er seinen Zauberstab fachmännisch schwang und den Bemehlten von seinen Mehlschichten befreite. Zum Vorschein kam ein schlanker, drahtiger Körper, der in ordentlicher Kleidung steckte - mit Ausnahme der Schürze - und frei von jeglichem Makel war, zumindest oberflächlich. Er wies weder Narben auf noch sonstige Macken, die seine leicht gebräunte Haut entstellen könnten. Für gewöhnlich war Albus ähnlich blass wie Gellert, weil er aber seit seiner Rückkehr häufiger mit Ariana im Garten hocken und Blumenkränze flechten musste, hatte er sich diesen Sommer eine zarte Bräune eingefangen. Ansonsten wurde sein Gesicht dominiert von strahlend blauen Augen, die noch strahlender waren, wenn sie nicht gerade von Müdigkeit überschattet wurden. Seine gerade Nase harmonierte mit den hohen Wangenknochen und der markanten Linie seines Kiefers. Seit Neustem sprießten rot-braune Bartstoppeln auf seinen Wangen und seinem Kinn, wodurch er älter wirkte als er eigentlich war. Offenbar stand er auf der Schwelle zum Mannesalter, war mit den erwachenden Hormonen kantiger und maskuliner geworden. Die ihm auferlegte Vaterrolle hatte ihn zusätzlich älter, reifer gemacht - wäre da nicht diese rosa-geblümte Kochschürze, die seine Autorität ins Lächerliche zog. Wie sein munter sprießender Bartschatten war auch sein Haar von einem rötlichen Kastanienbraun durchzogen, das einen hübschen Kontrast zu seinen blauen Augen bildete. Trotz der erkennbaren Erschöpfung war sein Blick wachsam und intelligent, so voller Wissensdurst.

    „Danke“, war er sich nicht zu schade, sich bei seinem Gast für die überfällige Säuberung zu bedanken. Damit auch nichts schief ging, hatte er wie befohlen still gehalten. Doch nun löste er sich aus seiner Starre, damit er sich die Schürze abbinden konnte, die eine Beleidigung für seine Männlichkeit war. Normalerweise scherte er sich nicht sonderlich darum, was andere von ihm hielten oder von ihm dachten. In Gellerts Gegenwart jedoch wollte er als das wahrgenommen werden, was er war: ein pflichtbewusstes, fürsorgliches Mannsbild, das intelligent genug war, um innerhalb kürzester Zeit abschätzen zu können, welche Schlacht sich zu kämpfen lohnte und welche nicht. Mit hoffnungslosen Fällen gab er sich erst gar nicht ab. Er verschwendete keine wertvollen Ressourcen an Banalitäten oder Nichtigkeiten. Vielmehr fokussierte er sich auf das Wesentliche und das war in seinem Fall die Wissenschaft. Denn Wissen ist Macht.

    „Wie bitte? Hilflos? Ich? Nein, ganz bestimmt nicht“, erwiderte er leis lachend, als das Rabenhaar ihn abermals zu triezen gedachte. „Schieben wir es einfach auf den Zeitpunkt. Ich gewöhne mich noch an meine neue Rolle als "Putzfrau" und "Dienstmädchen" meiner Geschwister. Wie du siehst, liegen meine Talente überall anders, bloß nicht in der Küche“, fügte er erklärend an in der Hoffnung, somit seine Ehre verteidigen zu können. „So, meint sie das? Wie kommt sie bloß darauf?“, bewies er mit dem nächsten Atemzug, dass er ebenfalls sarkastisch sein konnte. Ja, wie kam Bathilda bloß darauf, dass Gellert und er Freunde werden könnten? Auf den ersten Blick schien es, als könnten sie nicht unterschiedlicher sein. Abgesehen von den offensichtlichen Dingen, war Gellert darüber hinaus sehr viel düsterer, spöttischer und selbstgefälliger als Albus. Albus konnte überhebliche Menschen nicht gut leiden, weswegen er sich umso mehr darüber wunderte, dass er sich zu Gellerts Optik hingezogen fühlte, obwohl er bis dato davon ausgegangen war, für Äußerlichkeiten nicht empfänglich zu sein. Ihm waren andere Werte wichtiger wie etwa Bescheidenheit, Gutmütigkeit und Scharfsinn. Bislang hatte er sich höchstens in den Charakter eines Menschen verliebt, nicht in dessen Aussehen. Falls man seine wenige Erfahrung mit der Liebe überhaupt als Maßstab nehmen konnte. Dass er homosexuell war, damit hatte er sich längst abgefunden, aber nicht damit, dass er womöglich eine Vorliebe für narzisstische Persönlichkeiten haben könnte. Das widersprach so ziemlich allem, wofür Albus stand. Sein Freund Elphias war alles andere als eine Schönheit, trotzdem hatte er ihn gemocht. Sehr sogar. Vielleicht wäre aus ihnen ein Paar geworden, hätten sie wie geplant die Welt gemeinsam bereist. Wenn aber Bathilda als außerordentlich kluge Frau der Meinung war, dass sie beide Freunde werden könnten, musste etwas dran sein. Derartiges sagte sie bestimmt nicht leichtsinnig. Albus war neugierig, was sie so denken ließ, weswegen er beschloss, dem sonderbaren Gellert eine Chance zu geben. „Bitte, setz dich doch“, fand er seine Manieren wieder und wies auf die zerschlissene Couch, die schon bessere Zeiten gesehen hatte. Fürs Sitzen - und Springen - war sie aber noch gut genug, weshalb er nicht gedachte, sie gegen eine Neue auszutauschen. Zumal das Geld dafür fehlte. "Bathilda ist also deine Großtante? Bist du diesen Sommer das erste Mal bei ihr zu Besuch? Ich habe dich hier vorher noch nie gesehen. Du wärst mir bestimmt aufgefallen“, verfiel er ins Plaudern so wie es die Klatschtanten bei Kaffee und Kuchen taten mit dem Unterschied, dass sie keinen Kaffee und Kuchen hatten. Dabei merkte Albus nicht, dass er etwas zu interessiert wirken könnte mit seinem Nachsatz, dass Gellert ihm aufgefallen wäre, hätte er sich schon eher im Dorf rumgetrieben. „Sie hat dich noch nie erwähnt“, merkte er außerdem mit gerunzelter Stirn an als hätte sich Gellert damit verdächtig gemacht, das schwarze Schaf der Familie zu sein, über das niemand sprechen wollte. Geschweige denn bei sich haben.

    In Godric’s Hollow im Hause Dumbledore ging es drunter und drüber. Seit seiner Rückkehr aus Hogwarts war Albus für seine Geschwister verantwortlich und das war zermürbender als jeder Kampf mit einer Hydra. Schlug man ihr den einen Kopf ab, wuchsen drei neue nach. Ja, das klang ganz nach den chaotischen Zuständen bei den Dumbledores. Kaum hatte er den einen Brandherd gelöscht, taten sich anderswo mindestens zwei weitere auf. Seine Schwester Ariana war schwerer zu kontrollieren als ein Sack Flöhe. Und dazu noch launischer. Seit dem tragischen Tod ihrer Mutter war sie kaum noch zu bändigen, was wiederum ausgesprochen fatal war, denn jeder Wutausbruch konnte allen Beteiligten das Leben kosten. So wie es ihrer Mutter das Leben gekostet hatte. Drum setzten Albus und sein drei Jahre jüngerer Bruder Aberforth alles daran, sie bei Laune zu halten. Heute backte Albus sogar Kesselkuchen, Arianas Leibspeise, und das obwohl ihm Backen überhaupt nicht lag. Dabei war er doch so vielseitig talentiert. Ein hochbegabter Zauberer, der mehrfach ausgezeichnet worden war für seine brillanten Forschungsergebnisse. Wie gern er doch in Hogwarts geblieben wäre. Weitergeforscht hätte. Mit seinem Schulfreund Elphias um die Welt gereist wäre. Aber nein, er hatte all seine Pläne auf Eis legen müssen, damit er seinen Geschwistern in diesen schwierigen Zeiten beistehen konnte. Vater und Mutter waren nicht mehr da. Sie hatten nur noch einander. Als ältester Bruder sah er sich nun mal dazu verpflichtet, die Verantwortung für die Bagage zu übernehmen und für Arianas Wohlergehen zu sorgen. Tatkräftige Unterstützung bekam er dabei von ihrer Nachbarin Bathilda Bagshot, eine berühmte Historikerin, die ein Herz für verwaiste Kinder hatte.

    Während in der Wohnstube getobt wurde, studierte Albus in der angrenzenden Küche das Kuchenrezept, das für ihn tausendmal rätselhafter war als jede noch so komplizierte Zauberformel. Er war von oben bis unten mit Mehl bedeckt. Um seine Hüften hatte er eine rosa geblümte Schürze gewickelt und in seinem rostbraunen Haar fand sich die ein oder andere Eierschale. Er war wahrlich auf Kriegsfuß mit diesem vermaledeiten Rezept, das ebenso gut in Hieroglyphen hätte verfasst sein können. Vor ihm auf dem Küchentresen rührte emsig ein Rührbesen in einer Rührschüssel rum ohne sein dazutun. Der Rührbesen rührte gar so emsig, dass er ringsherum Teig auf Wände und Zauberer verspritzte. Wenn das so weiterging, würde von der zähen Teigmasse bald nichts mehr in der Schüssel sein. Um das zu verhindern, schüttete Albus unermüdlich Backzutaten hinein, bis es schließlich an der Haustür klingelte und er die Stirn genervt runzelte. „Aberforth! Kannst du wenigstens die verdammte Tür aufmachen, wenn du schon nicht beim Backen helfen willst!?“, brüllte er in seiner Verzweiflung durch die Durchreiche ins Nebenzimmer, wo besagter Bruder mit dem Sortieren seiner Schokofrosch-Karten beschäftigt war. Doch der gab vor, seinen älteren Bruder nicht zu hören, was gar nicht mal so unwahrscheinlich war, da die vierzehn-jährige Ariana kreischend auf dem Sofa hin und her hüpfte wie ein hyperaktiver Flummi. Mit der teigigen Hand fasste sich Albus an die Stirn und murmelte etwas vor sich hin, das verdächtig nach „Ich werde noch wahnsinnig“ klang. In seiner Eile ließ er seinen Zauberstab links liegen, sodass er sich sauber zu zaubern vergaß, und hechtete an die Eingangstür, die pflichtbewusst schrillend einen Besucher ankündigte. Gänzlich außer Atem nach dieser akrobatischen Meisterleistung öffnete er die Tür und blickte zwei Personen auf der Schwelle entgegen, wovon eine seine Nachbarin Bathilda war. Schräg hinter ihr stand ein dunkelhaariger, junger Mann, dessen verschieden farbigen Augen ihn sofort fesselten. Albus starrte wie ein dümmlicher, großäugiger Haushelf aus der Wäsche. Oder besser; aus der Schürze. Apropos Haushelf, was gäbe er jetzt nicht dafür, einen Hauselfen zu haben, der ihm die lästige Hausarbeit abnahm. Doch leider war er gegen jegliche Form der Versklavung, weshalb der dumbledore’sche Haushalt keine Hauselfen hatte. Ganz zu schweigen davon, dass sie sich die Anschaffungskosten nicht leisten konnten. Die finanziellen Rücklagen der Familie waren nahezu aufgebraucht, was kein Wunder war so ganz ohne Vater, der bis zum Zeitpunkt seiner dramatischen Inhaftierung vor einigen Jahren als einziger für ihr Einkommen zuständig gewesen war.

    „Um Himmelswillen, Albus!“, entfloh der Nachbarin ein Schreckenslaut, die wohl ein Sumpfmonster vor sich zu haben glaubte. „Bist du in einen Sack Mehl gefallen? Husch, husch, geh zur Seite und lass mich retten, was noch zu retten ist“, schob sich die rüstige Rentnerin ins Haus, dabei eine scheuchende Bewegung mit den Händen machend, als würde sie eine Schar Hühner aus dem Weg räumen wollen. Indessen richtete sie das nächste Kommando an ihren geheimnisvollen Begleiter: „Gellert, steh nicht wie angewurzelt in der Gegend rum! Komm rein und hilf Albus beim Saubermachen. Du brüstest dich doch sonst immer mit deiner Zauberkunst, also zeig, was du kannst.“ Mit diesen Worten war sie auch schon in die Küche gerauscht, um den misslungenen Klumpen Teig mit ihrem Hausfrauen-Charme zu bezirzen. Derweil stand Albus wie verdattert im Türrahmen seines Hauses und wusste nicht so recht, wie ihm geschah. Er hatte keine Ahnung, wer dieser Gellert war, und warum der so verflucht gut aussah. So gut, dass sich selbst der pragmatische Albus zu ihm hingezogen fühlte. Nur langsam sickerte in sein schock-gelähmtes Bewusstsein, dass er im Gegensatz zu Gellert alles andere als gut aussah. Er musste einen solch erbärmlichen Eindruck auf den Sonderling machen, dass der ihn sicherlich für einen minderbemittelten Hinterwäldler hielt. Und wenn man sich die tobende Bande hinter ihm so ansah, dann konnte man auch glatt meinen, dass man hier in einer Irrenanstalt gelandet war. Ariana kreischte ununterbrochen und Aberforth schimpfte ununterbrochen über Arianas Gekreische. Es war wie verhext; kaum hatte er mal Besuch - was ohnehin viel zu selten geschah - schon lief alles aus dem Ruder. Es musste aussehen, als hätte Albus nichts im Griff. Weder seine Geschwister, noch sein Leben. Noch den Haushalt. Noch irgendwas.

    „Ehm…“, sagte er wenig eloquent sowie peinlich berührt, als er mit Gellert allein im Flur zurückblieb wie jemand, den man den Wölfen zum Fraß vorgeworfen hatte. „Ich… habe versucht zu backen“, lautete seine dürftige Erklärung für sein desaströses Aussehen. Dass er zu backen versucht hatte, war mehr als offensichtlich und trotzdem wollte er es erwähnt haben für den Fall, dass Gellert ihn für einen leidenschaftlichen Mehl-Fetischisten hielt, der sich liebend gern in Mehl wälzte. „Komm doch rein. Aber Vorsicht vor den "Biestern" im Wohnzimmer. Die sind bissig“, lud er ihn schließlich ins Innere des Backstein-Hauses ein, nachdem er sich einigermaßen gefasst hatte. In der großen Stube wurde es schlagartig still, als die Geschwister Gellert erblickten, der mit seinem leuchtend hellen Auge unheimlich auf die beiden wirkte. Ariana, deren langen, blonden Zöpfe bis eben noch beim Springen durch die Luft gewirbelt waren, ließ sich auf ihren Hintern plumpsen und sah den Dunkelhaarigen mit großen, runden Augen an. Aberforth hingegen schien sofort zu spüren, dass mit Gellert etwas nicht stimmte. Dass er eine Gefahr für ihre Familie darstellte. Er starrte den Eindringling bloß düster an, ehe er wieder auf die Sammelkarten in seiner Hand sah und vorgab, Besseres zu tun zu haben als sich um irgendwelchen dahergelaufenen Besuch zu kümmern. Albus, der sich in diesem Augenblick nicht nur für sein Aussehen schämte, sondern auch für seine Familie, postierte sich zwischen Gellert und die beiden "Bestien" auf dem Sofa. „Entschuldige, ich sehe normalerweise nicht so aus…“, setzte er zu einer Entschuldigung an, als er auch schon von einem nicht-aufblickenden Aberforth unterbrochen wurde: „Doch, tust du.“

    „Halt die Klappe, Aberforth!“, herrschte Albus ihn daraufhin an, was er besser nicht getan hätte, denn die Retourkutsche folgte sogleich: „Halt du doch die Klappe. Du hast mir nichts zu sagen! Du bist nicht mein Vater!“ - ein Argument, das Aberforth jedesmal auspackte, wenn er keine Lust hatte, die Anweisungen seines älteren Bruders zu befolgen, was fast immer der Fall war. Diese Diskussion hatten sie schon so oft geführt, dass Ariana es allmählich leid war, ihnen zuzuhören. Also reagierte sie wiederum so, wie sie immer reagierte, wenn sich ihre Brüder stritten; sie heulte auf und schlug sich mit den flachen Händen manisch auf den Kopf.

    „Was, in Morganas Namen, ist in euch gefahren? Ihr benehmt euch wie eine Horde Brüllaffen! Was soll mein Großneffe Gellert bloß von euch denken? Dabei habe ich ihm gerade noch erzählt, was für eine nette Familie ihr doch seid und dass ihr euch anfreunden könntet. Der arme Junge sitzt den lieben-langen Tag in seinem Zimmer mit der Nase in irgendwelchen verstaubten Büchern - das kann doch nicht gesund sein für einen jungen Mann! Wollt ihr euch also vertragen und ihn herzlich in Empfang nehmen?“, meckerte Bathilda großmütterlich, die den Kopf durch die Durchreiche gesteckt hatte, und nun einen nach dem anderen böse anfunkelte. Ariana, die schon immer eine Schwäche für weibliche Autorität hatte, verstummte augenblicklich, während sich die Brüder feindselig ansahen. Wenn Blicke töten könnten, würden sie nun nacheinander tot umfallen. Wie vom Affen gebissen sammelte Aberforth schleunigst seine Karten vom Couchtisch ein, als könnte sie ihm jemand wegnehmen, und stürmte an den beiden jungen Männern vorbei, wobei er Gellert absichtlich mit der Schulter anrempelte, bevor er die Treppe hoch in sein Zimmer rannte und das so laut stapfend wie nur möglich.

    „Aberforth!“, war es nun Bathilda, die zur Abwechslung den Jungen rügte, indem sie dessen Namen wie einen unverzeihlichen Fluch aussprach. „Kein Benehmen, diese Jugend von heute!“ Die alte Frau warf ihm den Putzlappen hinterher, traf ihn zielsicher im Genick, woraufhin Ariana schallend zu lachen begann. Sie hing wirklich sehr an Bathilda, die sich die letzten Wochen liebevoll um die Nachbarskinder gekümmert hatte, sodass sich Albus nach seiner Rückkehr langsam an seine neue Rolle als Familienoberhaupt gewöhnen konnte. Gar so sehr, dass sie wie ein Wirbelwind vom muffigen Sofa sprang und zu der runzligen, alten Dame in die Küche flitzte, wo sie direkt in die Kunst des Backens eingeführt wurde. So hatten Gellert und Albus ein wenig Zeit, einander kennenzulernen, ohne dass die restlichen, lebenden Dumbledores um sie herum schwirrten und sich gegenseitig ankeiften. In einer verlegenen Übersprungshandlung begann sich Albus mit den Händen das Mehl aus seinen kinnlangen Haaren zu wuscheln, was dazu führte, dass ihm das Zeug wie Schuppen auf seine ohnehin pudrig-weißen Schultern rieselte. Aus Gewohnheit wollte er seinen Zauberstab aus seiner Hosentasche ziehen, doch der lag noch in der Küche, weshalb er auf Gellerts Hilfe angewiesen war. „Wenn du so freundlich wärst…?“, erhoffte er sich, einen Säuberungs-Zauber von Gellert zu ergattern.

    Geduldig hörte die Wand dem Motzenden zu. Ihr blieb ja auch nichts anderes übrig als stillzuhalten und zuzuhören, sofern Wände hören konnten. Sogar verkloppen ließ sie sich. Fing sich eine Kopfnuss nach der anderen genügsam ein, während der Insasse der Zelle Monologe hielt, die bei jedem anderen Zuhörer Ohrenbluten verursacht hätten. Nicht aber bei der Wand! Die blieb wacker stehen wie ein Zinnsoldat. Nicht einmal das gedämpfte Gestöhne aus dem Nebenraum vermochte sie in die Knie zu zwingen. Vielmehr ließ sie die Klänge zum Arrestanten hindurch dringen, damit der sich die Ohren zuhalten musste, wenn er der penetranten Lautmalerei entkommen wollte. Es wurde gegrunzt und gekeucht als wäre jemand schwer am schuften. Das war Zacharias auch, schwer am Schuften. Anders konnte er das Gehämmer seiner Hüften nicht bezeichnen. Schon gar nicht schönreden. Jaja, er war ein wilder Hengst! Und was für einer. Nur leider einer, der sein Potenzial gerade an eine Schabracke verschwendete. Was für eine Schande. Als es endlich vorbei war, hätte er nicht erleichterter sein können. Er bekam sogar die Informationen, die er brauchte, um den längst abgeschlossenen Fall "des Bürgermeisters Sohn" neu aufrollen zu können. Er wollte für Remington bloß hoffen, dass sich sein voller (Körper-)Einsatz dafür gelohnt hatte. Wehe, es kam nichts dabei rum. Wehe, er hatte seinen Schwanz völlig umsonst in "Schande" getunkt... Gut, er war ein räudiger Köter, aber das bedeutete noch lange nicht, dass er alles vögelte, was bei Drei nicht auf den Bäumen ist. Auch er hatte seine Würde. Wenigstens war Remys schockgeweitete Miene das alles wert gewesen. Der Junge sah aus als hätte er ein Gespenst gesehen. Als hätte man seine jungfräulichen Ohren vergewaltigt. Zacharias war ein wenig stolz auf sich und seine Leistung. Offenbar hatte er es Desiree so gut besorgt, dass selbst der Grinch grün vor Neid war. Dessen frigides Gehabe tat er mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. „Stell dich nicht so an. Das bisschen Geschrei wird dir schon nicht die Unschuld rauben.“ Ausgerechnet der Dorf-Terrorist beklagte sich über Lärmbelästigung. Ausgerechnet derjenige, der sein Auto so manipuliert hatte, dass es das schwulste Cowboy-Lied aller Zeiten lauthals in die Welt hinaus posaunte. Remington sollte mal ganz ruhig bleiben angesichts seiner zahlreichen Schandtaten. Hätte der Sheriff mal gewusst, dass man den Knilch mit Sex-Geräuschen so quälen konnte, hätte er ihn längst auf diese Weise gefoltert bis er ihm alles gestand, was er ihm entlocken wollte.

    Schmerzensgeld, ha! Darauf konnte das Mimöschen lange warten. Wie dreist konnte man eigentlich sein? Als ob er ihm Schmerzensgeld geben würde! Wenn, dann schuldete Remington ihmSchmerzensgeld! Oder besser gesagt, seinem Mustang! Nichtsdestotrotz wischte er sich sicherheitshalber über jene gerötete Stelle an seinem Hals, die der anti-sexistische Häftling just weg-exorzierte als wäre er der Papst höchstselbst, der jedwedes lasterhafte Verhalten scheinheilig verteufelte. Wie konnte man nur päpstlicher sein als der Papst? Das passte gar nicht zum diabolisch agierenden Grinch, der das Weihnachtsfest in einer Tour sabotierte. „Noch nie nen Knutschfleck gesehen, huh?“, stellte er keifend Remingtons Kenntnisse auf diesem Gebiet in Frage. So unschuldig konnte man mit Anfang Dreißig doch nicht sein, dass man beim Vernehmen von Gestöhne sowie beim Anblick eines Knutschflecks die Fassung verlor. Als wäre das noch nicht die Spitze des Eisbergs, erdreistete sich der Bengel dazu, ihm Bedingungen zu stellen. Das war an Dreistigkeit kaum zu ertragen! Der spinnt doch! Zacharias brauchte eine Weile, um zu kapieren, was der Knilch von ihm forderte. Er wollte weder gestehen, noch seine Schulden abarbeiten. Dabei hatte ihm der Sheriff ein absolut faires Angebot gemacht, dafür, dass er sich für Remys Ehre so selbstlos einsetzen wollte. Das machte ihn jetzt wirklich sehr zornig. Mit der Bedrohlichkeit eines Wandschranks trat er an die Gitterstäbe heran und sah den tolldreisten Freak äußerst erbost an. „Falsch! Ich helfe dir dabei, dir zu helfen. Nicht andersrum! Du willst Gerechtigkeit also machen wirs auf meine Weise. Nicht auf deine! Mir kann egal sein, was mit dir ist. Ob die Leute dich zum Sündenbock machen oder nicht. Ich kann dich hier drin festhalten bis du schwarz wirst, wenn ich will. Du bist nicht in der Position, Forderungen zu stellen. Steck dir deine Bedingungen also sonst wohin. Ich lass dich hier nicht eher raus, bis du mich auf den Knien darum anbettelst“, spie er ihm entgegen wie der leibhaftige Foltermeister aus diversen Gruselfilmen, die nicht davor zurückschreckten, ihren Opfern jeden Knochen einzeln zu brechen. Remington sollte ihm besser die Füße küssen, wenn er je wieder aus der Zelle rauskommen wollte. Mh ja, das würde dem Sheriff durchaus gefallen.

    Ein raues, markerschütterndes Lachen folgte, als der Grinch, kackendreist wie er war, obendrein von ihm verlangte, dass er ihm die Handschellen abnahm. „Du hast doch den Schlüssel - befrei dich selbst.“ Als ob er ihm den Gefallen auch noch tun würde. Um ihm zu demonstrieren, dass er von Remingtons Gunst nicht abhängig war, wandte er sich von ihm ab - eine herbe Tabak-Duftspur hinter sich herziehend - und strebte die Tür an. Er hatte noch anderes zu erledigen als auf die geneigte Stimmung der Diva zu warten. Zum Beispiel seine neue, vorläufige Bleibe zu beziehen. Ebendies dürfte seine Aufbruchstimmung ausstrahlen - wenn der Bengel ihm nicht gleich sagte, was er hören wollte, würde er zur Tür hinausgehen und ihn die Nacht in der Zelle verbringen lassen. Kranker Kater hin oder her.

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    Für das Größere Wohl

    ❝ Loving you is a losing game❞

    Eine Grindeldore-Fanfiction über innere Zerrissenheit, moralische Konflikte und ganz viel Herzschmerz.

    Wir setzen an der Stelle an, als sich Gellert und Albus zum ersten Mal begegnet sind. Also kurz nach Gellerts Schulverweis von Durmstrang und nach Albus‘ Schulabschluss. Die Nachbarin der Dumbledores, Bathilda Bagshot, machte die beiden Jungen einander bekannt, als ihr Neffe Gellert bei ihr zu Besuch war. Und hier beginnt auch schon unsere Geschichte. Nach ihrer ersten, zaghaften Begegnung entdeckten sie viele Gemeinsamkeiten, darunter ihre Passion für Wissenschaft und Forschung. Gemeinsam legten sie den Grundstein für eine neue Weltordnung, die dem "Größeren Wohl" dienen sollte. Zu diesem Zweck begaben sie sich auf die Suche nach den Heiligtümern des Todes. Doch schon nach zwei Monaten intensivster Zusammenarbeit kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den Geschwistern und Gellert, ausgelöst durch Aberforth, der die ständige Abwesenheit seines Bruders Albus sowie dessen neue Freundschaft nicht gut heißen konnte. Er sah in Gellert eine große Bedrohung für die ohnehin stark gebeutelte Familie, weswegen er die Pläne der beiden vereiteln wollte mit schrecklichen Folgen.

    Ihre Wege trennten sich schlussendlich und Albus setzte alles daran, ein rechtschaffener Zauberer zu werden, der die dunklen Künste strikt ablehnt. Viele Jahre später, im Jahr 1945, kreuzen sich ihre Wege wieder und Albus wird zu der Entscheidung gedrängt, sich Gellert - seiner großen Liebe - anzuschließen oder gegen ihn zu kämpfen. Für welche Seite wird er sich in dieser Version entscheiden? Oder ist es etwa Gellert, der einen Sinneswandel erfährt? Man darf gespannt sein. Quasilotte

    Zitat

    It feels like an eternity since I had you here with me. Since I had to learn to be someone you don't know.

    To be with you in paradise, what I wouldn't sacrifice. Why'd you have to chase the light somewhere I can't go?

    As I walk this world alone. („Bitte melde dich an, um diesen Link zu sehen.“ by Alex Warren)

    Albus "Percy" Dumbledore
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    Name: Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore
    Blutstatus: Halbblütiger Zauberer
    Geburtsjahr: August 1881
    Schule: Hogwarts, Gryffindor

    A broken heart is all that's left. I'm still fixing all the cracks. Lost a couple of pieces when I carried it home.

    I spent all of the love I've saved. We were always a losing game. Small-town boy in a big arcade.

    I got addicted to a losing game. („Bitte melde dich an, um diesen Link zu sehen.“ by Duncan Laurence)

    Sonstiges: Albus war der älteste Sohn von Percival und Kendra Dumbledore und Bruder von Aberforth Dumbledore und Ariana Dumbledore. Sein Vater verstarb schon sehr früh in Askaban, während seine Schwester und seine Mutter später durch einen Unfall getötet wurden. Diese frühen Verluste beeinflussten ihn sehr stark, machten ihn aber auch zu einem besseren Menschen.

    Bereits in der Schule tat sich Albus durch seine großartigen Leistungen hervor, obwohl er eine durchaus problematische Kindheit hatte. So saß sein Vater in Askaban ein, weil er einen Überfall auf seine Tocher Ariana (Albus' Schwester) gerächt hatte, ohne aus Rücksicht auf seine Tochter seine Beweggründe darzulegen. Ariana blieb das Sorgenkind der Familie. Als Albus' Mutter starb und sein Vater noch in Askaban saß, musste er sich nun um seinen jüngeren Bruder Aberforth und um seine Schwester Ariana kümmern.

    In der Nachbarschaft lebte auch die berühmte magische Historikerin Bathilda Bagshot, die Dumbledore mit Gellert Grindelwald bekannt machte. Die beiden freundeten sich an und Dumbledore entwickelte nach und nach auch romantische Gefühle für Grindelwald; gemeinsam schmiedeten die beiden Jungen revolutionäre Pläne zur Unterwerfung der Muggel. Hierzu wollten sie die Heiligtümer des Todes finden. Die Freundschaft währte aber nur 2 Monate. Bei einem Streit zwischen Albus, Grindelwald und Aberforth kam - wohl versehentlich - die kleine Schwester Ariana um. Es wurde nie aufgeklärt, wer den tödlichen Fluch gegen Ariana verwendet hat. Nach dem Tod von Ariana war Grindelwald sofort verschwunden. Dumbledore verließ seine Familie und das Verhältnis zu Aberforth war noch Jahre später belastet, auch wenn die beiden im Laufe der Jahre ihr Verhältnis wieder verbesserten.

    Dumbledores Gefühle gegenüber Grindelwald hatten ihn zu Jugendzeiten dessen wahre Natur nicht sehen lassen und Jahre später zögerte er auch aus diesem Grund Grindelwald im Duell gegenüber zu treten. Geprägt von seiner einzigen, tragischen Erfahrung mit der Liebe, schwor er, sich nicht mehr von derlei Gefühlen beeinflussen zu lassen. Als Ergebnis führte er ein "zölibatäres und gelehrtes Leben."

    Quelle: Bitte melde dich an, um diesen Link zu sehen.


    Zitat

    Take your eyes off of me so I can leave. I′m far too ashamed to do it with you watching me.

    Please, stay where you are. Don′t come any closer. Don′t try to change my mind. I′m being cruel to be kind.

    Gellert Grindelwald

    Name: Gellert Grindelwald

    Geburtsdatum: 1883 (genaues Datum unbekannt)

    Geburtsort: Mitteleuropa (wahrscheinlich osteuropäischer Raum)

    Blutstatus: Reinblut (oder bewusst elitär wahrgenommen, selbst wenn es faktisch egal wäre)

    Schule: Durmstrang-Institut, vor seinem Abschluss verwiesenen wegen „gefährlicher Experimente und moralischer Grenzüberschreitungen“

    Ein besonderes Merkmal stellen seine unterschiedlich gefärbten Augen, seine außergewöhnliche magische Begabung und seine hohe rhetorische und manipulative Intelligenz dar.


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    Gellert Grindelwald wurde nicht zu dem, was er war. Bereits früh erkannte er, dass er es schon immer gewesen ist. Schon als Kind zeigte sich bei ihm eine Form von Wachheit, die seine Mitmenschen irritierte. Anders als üblich wohnte in dem Knaben kein kindlicher Überschwang, anstelle von naiver Neugier besaß er ein präzises Interesse an Zusammenhängen. Er wollte nicht wissen, dass Dinge funktionierten, sondern warum sie es taten und wie man sie verbessern konnte. Grenzen betrachtete er weniger als Schutz als Einladung. Seine Familie erkannte sein Talent, aber nicht seine Konsequenz. Sie förderte seine Bildung, ohne zu begreifen, dass Wissen für Gellert keinem Selbstzweck diente. Menschen waren für ihn früh Mittel zum Zweck, weniger aus Grausamkeit als aus Klarheit. Nähe empfand er nicht als Trost, sondern als potenzielle Schwäche. Zuneigung war interessant, Loyalität hingegen nützlich. Durmstrang war die logische Wahl für seine Schullaufbahn. Eine Schule, die Dunkelheit nicht verteufelte, sondern lehrte. Und doch war selbst dort der Punkt erreicht, an dem Gellert weiterging, als man bereit war, ihm zu folgen. Seine Experimente waren nicht unkontrolliert, nein, doch sie waren kompromisslos. Der Vorfall, der zu seinem Rauswurf führte, war eine Machtdemonstration, die man nicht zu benennen wagte. Der Verweis war eine Bestätigung für sein Können und dafür, dass die Menschen noch einiges von ihm lernen konnten. Der junge Zauberer nahm das zur Kenntnis und zog weiter. Gefühle waren ohnehin Ballast, wenngleich er mit seinem Auftauchen in dem kleinen Ort Godric‘s Hollow Dinge in sich freilegte, an die er nicht zu denken vermochte. Die Unterbringung bei Bathilda Bagshot war kein Zufall. Gellert hatte den Weg dorthin selbst geebnet, indem er Abneigung inszenierte und Widerstand simulierte. Godric’s Hollow wurde zunächst zu einem Knotenpunkt. Geschichte, alte Namen, verdrängte Mythen und das Grab der Peverells.

    Charakterlich ist Gellert kontrolliert, elegant und gefährlich ruhig. Er erhebt selten die Stimme, weil er es nicht nötig hat. Seine Überlegenheit liegt nicht in Drohungen, mehr im Denken. Er manipuliert nicht durch Lügen, sondern durch Auswahl; er sagt genau so viel Wahrheit, wie es braucht, um andere in Bewegung zu setzen. Er kennt kein schlechtes Gewissen. Moral ist für ihn kein innerer Kompass, nur ein gesellschaftliches Konstrukt, das der Ordnung dient oder ihr im Weg steht. Sein Ziel ist keine blinde Zerstörung, er will eine neue Hierarchie. Eine Welt, in der Macht dort liegt, wo sie hingehört, nämlich bei denen, die sie tragen können. Freunde hat er keine. Dafür Menschen, die ihm folgen, ihn bewundern oder ihn fürchten. Nähe ist für ihn ein Spielfeld, er ist kein Romantiker, aber auch kein Asket. Begehren existiert in der einzigen Ausnahme, der er sich nicht verwehren kann. Albus Dumbledore ist diese eine Ausnahme, noch bevor Gellert sie so benennen würde. Nicht nur weil er ihm emotional nahekommt, sondern weil er ihm geistig begegnet. Ein Mann, der versteht, ohne ihm sofort zu folgen. Ein Risiko - und damit interessant.

    Gellert Grindelwald glaubt an eine Richtung und daran, dass die Welt formbar ist, wenn man bereit ist, sie sich zu nehmen. Der erwachsene Grindelwald ist kein Mann von Wut. Man könnte meinen er sei ein blindwütiger Zerstörer, doch seine Brutalität zeugt von einer Klarheit, die so verstörend ist, weil sie nicht schwankt. Wo andere zögern, entscheidet er. Wo andere diskutieren, handelt er. Und wo andere noch hoffen, hat er längst geplant. Was man Wahnsinn nennt, ist bei ihm Konsequenz. Ein Gedankengebäude, das zu Ende gedacht wurde, ohne Rücksicht darauf, wen es unter sich begräbt. Den Glauben an das Gute im Menschen hält er für eine sentimentale Ausrede, um Verantwortung zu vermeiden. Menschen, so seine Überzeugung, sehnen sich nach Ordnung, nach Führung, nach jemandem, der bereit ist, Entscheidungen zu treffen, die sie selbst nicht tragen können. Wer fällt, fällt nicht aus Zorn, sondern weil er im Weg stand. Obgleich es an Fanatismus grenzt, speist sich dieser aus einer Vision, die größer ist als er selbst, und gerade deshalb so gefährlich ist. Grindelwald sieht die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie sie sein könnte, wenn man den Mut hätte, sie von ihren eigenen Schwächen zu befreien. Menschen folgen ihm nicht, weil er sie zwingt, sondern weil er ihnen das Gefühl gibt, verstanden zu werden. Er spricht aus, was andere denken, sich aber nicht zu sagen getrauen. Er bietet Sinn statt Trost und eine Richtung statt Mitgefühl. Wer sich ihm anschließt, tut das oft im Glauben, Teil von etwas Größerem zu sein und bemerkt zu spät, dass Größe bei Grindelwald immer Opfer fordert. Wenn er jemanden an sich heranlässt, dann nicht aus Bedürftigkeit, sondern aus Wahl und diese Wahl kann jederzeit revidiert werden. Was ihn letztendlich so gefährlich macht, ist seine Überzeugung, im Recht zu sein. Und weil ein Teil von jedem, der ihm zuhört, spürt, dass er in einem Punkt recht hat. Die Welt ist grausam und er bietet eine Lösung an, die niemand laut auszusprechen wagt.

    Gellert Grindelwald ist kein Monster, das aus dem Schatten springt. Er ist die Stimme, die flüstert, dass Ordnung einen Preis hat und die Frage, wer bereit ist, ihn zu zahlen.

    Zitat

    I can't love you in the dark. It feels like we′re oceans apart. There is so much space between us. Baby, we're already defeated.

    Please, don't fall apart. I can't face your breaking heart. I′m trying to be brave. Stop asking me to stay.

    („Bitte melde dich an, um diesen Link zu sehen.“ by Adele)

    Der Bursche hatte Angst? Vor ihm? Ha, ausgerechnet er, der Lebende, hatte Angst?! Wenn der wüsste, was für eine Angst das Skelett hatte! Er war immerhin hier der lebende Tote und nicht der Bengel! Das war wirklich mehr als befremdlich. Und furchterregend. Allein zu begreifen, was hier gerade geschah, überstieg seine Vorstellungskraft. Hatte ein Skelett überhaupt eine Vorstellungskraft? Einen Gedanken? Schwer zu sagen, schließlich hatte er kein Gehirn. Was auch immer ihn am Leben hielt, es brauchte keinerlei Organe. Wenigstens hatte er seinen Kopf wieder, den er sich mit viel Mühe auf seinen knorpeligen Hals setzte, gar drauf schraubte, was gar nicht so leicht war ohne das nötige Handwerkszeug. Es quietschte und ratschte unangenehm in den nicht vorhandenen Ohren, während er schraubte, was das Zeug hielt. Die fehlende Gehirnmasse machte es ihm umso schwerer, die einzelnen Prozessschritte beim Schrauben im Detail zu erfassen. Oder zu begreifen. Er handelte instinktiv, wie ein primitives Geschöpf, das just dem Schoße Mutter Naturs entsprungen war und nun zusehen musste, wie es allein zurechtkam. Kaum war die Verbindung zwischen Schädel und Halswirbel wieder hergestellt, wurde er überflutet von einer Sinneswahrnehmung, wie er sie die letzten Jahrzehnte nicht gekannt hatte. Ihm war nicht mehr schwarz vor Augen. Er sah Farben in all ihrer Pracht. Kaleidoskopartig setzten sich Bilder, Muster und Strukturen vor seinen leeren Augenhöhlen zusammen als würde sich ihm die Welt auf einen Schlag offenbaren wollen. Mit all ihrer wilden, rauen Schönheit. Kälte, Nässe, Starre wich aus seinen blanken Knochen, nur um wieder klamm zu werden ob des Regens, der durch das dichte Blätterdach auf seinen nackten Schädel herab platschte. Orientierungslos sah er sich um, drehte den Kopf wie eine Eule langsam um die eigene Achse, erfasste alles, was sich ihm binnen Sekunden zeigen wollte. Blätter, Sträucher, Hölzer und... der Knabe, der ihm den Kopf von den Schultern gekickt hatte. Jener Bengel, der nun davon stob wie ein scheues Rehkitz, das sich hinter einem Baum verstecken wollte. Der auferstandene Tote blinzelte verständnislos mit den Lidern, die er nicht hatte. Wollte gar auf den Davon-Eilenden zugehen als würde er ihm sagen wollen, dass er sich vor ihm nicht fürchten musste. Doch er blieb an Ort und Stelle stehen als hätte er augenblicklich das Gehen verlernt. Sich nicht vom Fleck weg bewegend, hob er die knöchernen Beine abwechselnd an, ließ die Füße in den Gelenken baumeln, schaukelte die Unterschenkel in den Knien. Alles funktionierte tadellos, als hätte er nicht eine Ewigkeit reglos geschlafen. Sogar das Schwert steckte noch in ihm, zwischen den Rippen. Durchstach nach wie vor das Herz, das nicht mehr im Brustkorb schlug. Es war verwest, so wie der Rest von ihm. Aus einer Laune heraus umfasste er das Heft des Schwertes mit seinen langen, hautlosen Fingern und zog daran, woraufhin es mit Leichtigkeit aus ihm herausglitt. Kein Wunder, es steckte ja auch nicht in Schichten von Fleisch fest, hatte sich bloß in dem knöchernen Gefängnis verfangen. Irritiert sah er es an, fragte sich, warum es in ihm gesteckt hatte wie ein Zahnstocher in einer Olive. So ganz ohne Hirn dauerte es eine Weile, bis er begriff, dass dies die Ursache seines Todes sein könnte. War er überhaupt tot? Träumte er? War das die Hölle? Der Himmel? Er wusste es nicht. Starrte bloß mit seinen toten Augen in die Leere, das Schwert hatte er mittlerweile auf den Boden fallen gelassen. Es verwirrte ihn zu sehr. Machte ihn ganz melancholisch, obwohl er nichts empfinden konnte. Dann 'blinzelte' er wieder in Richtung des Jungen, sah ihm wehmütig nach als wäre dieser der Quell seines Lebens, den er schmerzlichst vermisste, wann immer er nicht in seiner Nähe war. Angezogen von dieser unwiderstehlichen, lebensspendenden Aura machte er einen großen Ausfallschritt in jene Richtung, in der sich die Quelle allen Lebens befand. Auf den Weg dorthin prüfte er immer wieder seine neu-erlangte Beweglichkeit. Riss die Arme in die Höhe, breitete sie seitlich aus. Schaukelte sie vor und zurück. Dehnte sich, reckte und streckte sich. Begradigte den Rücken, machte einen Buckel. Aus der Ferne betrachtet könnte man meinen, er führe ein paar Yoga-Übungen durch. Hätte Spaß am sich Bücken und Strecken gefunden. Zwischendurch verrenkte er sich sogar, kugelte die Schulter aus und wieder ein. Er war so gelenkig und beweglich wie noch nie. Wenn er wollte, könnte er seinen rechten Arm als Verlängerung seines linken Arms nutzen. Ihn wie ein Schwert schwingen und andere damit verprügeln. Im Moment aber wollte er niemanden verprügeln. Er wollte bloß wissen, warum sich der Bursche vor ihm versteckte. Immerhin hatte er ihn zum Leben erweckt, warum also stieß er ihn derart ab? War er mit seiner Schöpfung etwa unzufrieden? Hatte er sich Besseres erhofft, ein anderes Ergebnis? Im Stechschritt näherte er sich ihm, umschlich den massiven Baumstamm auf leisen, lautlosen Sohlen, bis er auf der anderen Seite wieder erschien. Und zwar auf der genau entgegengesetzten Seite von der Seite, in welche der Jüngling sah, sodass er ihn von hinten mit einem langen Finger anstupsen konnte, um auf sich aufmerksam zu machen. Es fehlte nur noch ein 'Buh!' und der Spuk wäre perfekt. Aber leider verfügte er über keine Stimmbänder, sodass er das Stupsen akustisch nicht begleiten konnte. Sollte sich der Junge zu ihm herumdrehen, würde er ihn erwartungsvoll mit seinen rötlich glimmenden Augenhöhlen ansehen in der Hoffnung, dass er ihn mit nach Hause nahm oder ihm zumindest erklären konnte, warum er ihn aus dem Grab geholt hatte. Indes umwaberte Nebel seine Fußknöchel wie zur Untermalung der mystischen Szenerie, die umso mystischer wurde, je mehr seine Augen in der Dämmerung glommen - zwei dämonischen Irrlichtern gleich, die sich in seinen Höhlen eingenistet hatten. Das bizarre Grinsen in seinem kahlen Gesicht war breit und zahnlastig aufgrund der fehlenden Lippen. Alles in allem wirkte er wie ein Halloween-Schreckgespenst auf Ecstasy.

    Die Geräuschkulisse des Braungelockten erinnerte ihn an eine seiner unzähligen Jagdausflüge, als ein Eber auf den Schwanz eines Eichhörnchens getreten war. Kein schöner Laut. Es geht einem durch Mark und Bein. Hier aber klang es sehr viel amüsanter. Das Gemisch aus menschlichen und animalischen Geräuschen war wie ein Unfall zwischen Katz und Mann. Ein Gejaule um die Wette. Remingtons Gewissenskonflikt konnte wahrlich nicht unterhaltsamer sein. Ein Weghören war kaum möglich. Dieser Junge war aber auch ein Komödiantentrupp auf zwei Beinen. Allmählich hatte Zacharias Sorge, dass sich der Bursche einen noch größeren Dachschaden holte, wenn er die Wand weiterhin mit seinem Kopf bearbeitete. Ob er ihm sagen sollte, dass die Wand nicht nachgeben wird? Dass Beton dicker ist als jeder Schädel? Hm, nein. Das konnte der Bengel ruhig selbst herausfinden. So war er wenigstens 'sinnvoll' beschäftig, während er, der Sheriff, seine Recherchen pflichtbewusst tätigte. Um die Sachlage fundiert bewerten zu können, benötigte er ein paar weitere Aussagen, die den Bürgermeister belasteten, weshalb er den kürzesten Weg zu nehmen beschloss und der hieß nun mal 'Désirée Nick'. Remington bestätigte ihm sogar, auf der richtigen Spur zu sein, spickte seine Motivationsrede jedoch mit den üblichen Gehässigkeiten. Der Bursche sollte wirklich niemals als Motivations-Coach arbeiten. Der Sheriff tat die überspitzten Warnungen mit einem Brummen ab gepaart mit einem wölfischen Lächeln, das das Grübchen in seinem Kinn vertiefte. Wenn hier einer wusste, wie man eine Furie zähmte, dann ja wohl er, der passionierte (Schürzen-)Jäger. "Ich brauche keine Flirt-Tipps von einem Grünschnabel", sprach das chauvinistische Macho-Schwein aus ihm. Ihm verkrampfte sich zwar der Magen bei der Vorstellung, Desiree Honig um die Schlauchbootlippen zu schmieren, aber er wäre nicht er, wenn er vor solch einer Herausforderung den Schwanz einzog. Im Suff hatte er schon mit ganz anderen 'Ungeheuern' geflirtet. "Klingt, als hättest du dein Glück bei ihr schon versucht, hä?", stichelte er zurück mit dem kratzigen Charme eines Wüsten-Kaktusses. So leidenschaftlich wie Remington ihn vor der Tippse warnte, konnte man glatt meinen, er wäre schon mehrmals von ihr abserviert worden. Als stünde ihm ein Kampf mit einem Löwen bevor, rückte Zacharias seinen Gürtel zurecht und setzte obendrein seinen außerordentlich autoritären Hut auf, der ihn gleich fünf Zentimeter größer machte. Mit vorgetäuschter Gelassenheit und scharrenden Cowboy-Boots ging er schließlich zur Tür hinaus und kam erst sehr viel später wieder zurück.

    Der Sheriff hatte sich bestimmt eine Stunde, wenn nicht sogar länger mit der Blondine 'unterhalten', hatte sie befragt und ausgequetscht wie eine überreife Melone. Man konnte ihm wirklich viel vorwerfen, aber nicht, dass er bei seinen Befragungen nicht vollen 'Körpereinsatz' zeigte. Er hatte all seinen Gossen-Charme spielen lassen, was bei der bedürftigen Desiree mehr als gut ankam. Sie sog seine 'schlechten' Anmachsprüche auf wie ein ausgetrockneter Schwamm - wobei die Betonung auf 'ausgetrocknet' lag. Seit ihrem letzten Pornodreh hatte sie vermutlich kein Stelldichein mehr gehabt, sodass Zacharias nicht viel Überzeugungsarbeit leisten musste, damit sie mit ihm für die Befragung in der Besenkammer verschwand… Es rumpelte und polterte ordentlich in dem kleinen Kabuff, gut möglich, dass davon etwas im Zellentrakt zu hören war. Man könnte meinen, ein Waschbär plünderte die Vorratskammer. Auf Zacharias‘ Standhaftigkeit war eben immer Verlass, selbst wenn es hieß 'Augen zu und durch'. Die Augen musste er tatsächlich schließen, um an etwas Anregenderes zu denken, damit er bis zum Schluss durchhalten konnte. Wie ironisch, normalerweise war es doch genau andersrum, wenn man(n) bis zum Schluss durchhalten wollte. Dann dachte man vielmehr an etwas Abtörnendes. Der Gedanke an seine senile Oma war in diesem Moment jedenfalls vollkommen überflüssig.

    Letztendlich sang Desiree wie ein Vögelchen, das zu lange geschwiegen hatte. Ihr 'zartes' Stimmchen erzählte von den Gräueltaten des Bürgermeisters und je mehr er davon hörte, desto mehr widerte sie ihn an, weil sie all das Unheil zugelassen hatte. So wie die vielen anderen Dorfbewohner auch. Kein Wunder, dass Remington einen schier leidenschaftlichen Hass auf sie alle hatte. Das konnte Zach nun gut verstehen, aber warum auf ihn? Auf sein Auto?? Wegen ihm musste Zacharias nun mit dem Streifenwagen fahren wie ein gewöhnlicher Bulle! Sei‘s drum, er hatte jetzt anderes zu tun als sich über Peanuts aufzuregen. Nach getaner Arbeit, zog er seinen Reißverschluss wieder hoch und ließ die 'Höhle der Schande' rasch hinter sich in der Hoffnung, alsbald aus Wintercrest abgezogen zu werden, damit er der weiblichen Version von Graf Dracula nicht mehr über‘n Weg laufen musste. Remington war ihm ganz klar etwas schuldig dafür, dass er sich so sehr für ihn eingesetzt hatte. Auf diese Leistung war er wirklich nicht stolz, aber wenigstens konnte er in Erfahrung bringen, was er erfahren musste, um Remingtons Motive zu verstehen. Er wusste nun, was ihn zu all dem Schabernack antrieb. Erkannte, woher er den Zunder nahm für seine kriminellen Energien. Nichtsdestotrotz würde er weiter ermitteln müssen. Musste noch mehr Dorfbewohner befragen, damit er das Gesamtbild wie ein Mosaik zusammensetzen konnte. Es würde verdammt schwer werden, den Bürgermeister nach all der Zeit dranzukriegen, doch je mehr gegen ihn aussagten, desto besser. Remington war leider kein allzu glaubwürdiger Zeuge aufgrund seiner langen Serie an Anschlägen auf das Dorf. Zudem würden die meisten Bewohner nicht einfach so reden wollen, da sie sich der Mittäterschaft schuldig gemacht hatten mit ihrer schweigsamen Passivität. Sie hatten nicht eingegriffen. Keine Hilfe geholt. Zacharias würde einige Deals aushandeln müssen, damit sie redeten ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Himmel, was hatte er sich da bloß wieder eingebrockt? Konnte er nicht einfach zurück auf die Straße, wo sich die meisten Verbrechen mit einem Schreckschuss erledigen ließen? Langatmige Ermittlungsarbeit war ihm wirklich zuwider. Er war nicht so der Typ für etwas Langes. Lieber kurz und heftig, als lang und monoton. Mit einer Ladung Kautabak im Mund zur Neutralisierung eines gewissen Geschmacks, stapfte er zurück in den Zellentrakt und bedachte den Gefangenen mit einem undefinierbaren Blick. Dabei rieb er sich die stoppelige Wange geistesabwesend in der Hoffnung, dass dort keine Bisspuren zu sehen waren. Oder der kirschrote Abdruck eines Kussmundes. Warum bloß hatte er das Gefühl, dass eine Silikonfuge an ihm klebte? Waren ihre Lippen etwa aufgeplatzt? Oder noch schlimmer, die Brüste? Uff, er musste dieses Bild ganz schnell aus dem Kopf kriegen, ehe er sich noch in den nächstbesten Mülleimer übergab.

    Remington war tatsächlich nicht der Übeltäter, sondern der Bürgermeister. Trotzdem konnte er ihn nicht einfach laufen lassen. Nicht nach dem ganzen Chaos, das er veranstaltet hatte. "Ich mag‘s kaum zugeben, aber es scheint ganz so, als wäre deine Geschichte wahr", lauteten die guten Nachrichten. Doch die schlechten folgten sogleich wie Schüsse aus einer rasch gezückten Pistole: "Das ändert jedoch nichts daran, dass du einen Haufen Mist gebaut hast, wofür du gerade stehen musst. Selbstjustiz wird hierzulande nicht geduldet. Das Strafmaß lässt sich allerdings abmildern, wenn du gestehst und es als Verzweiflungstat abtust. Mit einer Bewährungsstrafe dürftest du davonkommen." Zumindest lief das erfahrungsgemäß so ab. Remingtons Chancen standen gut, glimpflich davonzukommen. Er musste bloß kooperieren. Was allerdings Zachs Wagen betraf, würde es mehr als Reue brauchen: "Den Schaden an meinem Fahrzeug kannst du anderweitig abarbeiten. Ich kann bisweilen eine Hilfskraft gebrauchen. Wenn du mir bei den Ermittlungsarbeiten assistierst, wäre ich bereit, zu vergessen, was du meinem Schätzchen angetan hast. Deal?" Für derlei Tätigkeiten hatte er zwar den Deputy, aber der schien ihm nicht halb so gewieft zu sein wie Remington. Eine Zusammenarbeit zwischen ihnen hätte obendrein den charmanten Vorteil, dass er den Bengel im Auge behalten konnte. Und ihm vielleicht sogar eine Perspektive für die Zukunft bieten konnte, je nach dem wie gut er sich anstellte. Dass Hilfsarbeit in diesem Zusammenhang auch kleinere, private Gefälligkeiten bedeutete, behielt er vorerst für sich. Ein Deal mit dem Teufel hatte nun mal seine Schattenseiten. Gedanklich malte er sich bereits aus, wie ihm sein neuer HiWi beim Häuten seiner Jagdbeute zur Hand ging. Das wird Remington bestimmt sehr gefallen, nicht. "Also, wie siehts aus? Bist du dabei?", hakte er ungeduldig auf dem Tabak kauend nach.

    In der Tat, ebendieser Lucius Malfoy hatte sich für ihn die Hände schmutzig gemacht. War ohne Hauselfen oder Dienerschaft ins Ungewisse gezogen, um für das zu kämpfen, was er zu lange wie eine Nebensächlichkeit behandelt hatte. Nun sollte diese Nebensächlichkeit der Mittelpunkt seines Lebens werden - ihrer beider Leben. Und Severus hatte wie versprochen den Grundstein dafür gelegt, womit er zum unzähligsten Mal bewiesen hatte, dass auf ihn Verlass war. Nichts schien ihn von seinem Weg abbringen zu können. Was er sich in den Kopf setzte, setzte er mit aller Beharrlichkeit um. Diese Eigenschaft hatte Lucius schon immer an ihm bewundert.

    Nicht gewillt, den Schlüssel jemals wieder loszulassen, behielt er ihn in seiner Hand. Holte gar einen Talisman aus seiner Tasche hervor, den Severus ihm vor über zwanzig Jahren als Abschiedsgeschenk überlassen hatte, und verwob auf magische Weise den Schlüssel mit der dazugehörigen Silberkette. Nun waren Talisman und Schlüssel auf ewig miteinander verbunden, so wie sie es waren. "Ich bin heilfroh, dass du die Hoffnung nicht aufgegeben hast", gab er erleichtert zu. Er selbst hatte die Hoffnung ebenfalls nie aufgegeben, was der Talisman bewies. Er hatte ihn all die Jahre bei sich behalten wie einen Ehering, hatte sich daran geklammert in der Hoffnung, eines Tages wieder mit Severus vereint zu sein. Einen Moment lang ließ sich Lucius treiben, von der Erinnerung, von ihren Zukunftsplänen und von Severus, der ihn ansah als wäre er das Schönste, was er je gesehen hatte, und Lucius fühlte sich ihm so nah wie noch nie. Er wollte jeden Tag neben diesem Mann aufwachen und mit diesem Blick angesehen werden. Etwas Schöneres konnte er sich nicht vorstellen. Der Blonde wiederum erwiderte jenen vielsagenden Blick mit derselben Zärtlichkeit. Mit einem Blick, der Severus versicherte, dass er der wichtigste Mensch auf Erden war. Dass er die Mühe, die Jahre, die Schmerzen wert war. Und noch mehr. Er war es wert, dass Lucius mit ihm einen Neuanfang wagte. Dass er sich endlich zu ihm bekannte und sich von all dem löste, was ihnen nicht guttat. Dazu gehörten das Manor, die Todesser, sein Familienname und die Existenzängste. Alle Lasten, die den alten Lucius Malfoy ausmachten, mussten nun schwinden. Er wollte sie ausmerzen wie Unkraut, das sein Herz zu lange gefangen gehalten hatte. Jenes tot-geglaubte Herz flatterte in seiner Brust, befreite sich von seinen Fesseln, als er Severus‘ Flüstern dicht an seinen Lippen vernahm. Und Lucius konnte nicht anders, als ihm seinen Mund aufzudrücken und ihn so die Euphorie spüren zu lassen, die er bei dem Gedanken an eine gemeinsame Zukunft empfand. Er küsste seinen Mund von einem Winkel zum anderen, fuhr mit seinen Lippen die harte Linie entlang, die er zukünftig täglich mit einem Lächeln versehen wollte.

    "Es geschieht wirklich. Ich bin hier. Ich bin da. Von jetzt an bis in alle Ewigkeit. Ich bin da. Hier, bei dir.", bläute er ihm mit jedem seiner Küsse ein, damit kein Zweifel mehr an seiner Glaubwürdigkeit bestand. Tatsächlich konnte er es selbst kaum glauben, dass das Schicksal es nun endlich gut mit ihnen meinte. Dass Severus ihn noch wollte! Dass er ihn nicht aufgegeben hatte. Nicht eingetauscht hatte gegen einen anderen, beständigeren Gefährten. Die Zeit der Wankelmütigkeit war ein für alle mal vorbei. Er musste nur noch für klare Verhältnisse sorgen und damit würde er jetzt gleich anfangen. "Triff mich morgen am frühen Abend in Hogsmeade. Bis dahin werde ich alles erledigt haben.", flüsterte er ihm verschwörerisch zu, ehe er sich wieder aufrichtete und ihm den Schlüssel mitsamt Talisman überreichte als Garant dafür, dass er am vereinbarten Ort sein würde. "Pass solange gut auf ihn auf, ja?", fügte er noch an, da er der Meinung war, dass es dem Hausherren zustand, ihr gemeinsames Domizil aufzuschließen, wenn sie es zum ersten Mal zusammen betraten. "Ich werde jetzt gehen und Narzissa in unsere Pläne einweihen. Es wird sie ohnehin nicht sonderlich überraschen, da sie bereits ahnt, dass ich… anders bin. Es dürfte sie sogar freuen, dass ich unserer desaströsen Ehe ein Ende bereite. Dann kann auch sie sich öffentlich zu ihrer Affäre bekennen. Draco hole ich später dazu. Er muss nicht dabei sein, wenn ich mit Narzissa die Formalitäten durchgehe." So weit, so gut. Doch bevor er ging, wollte er Severus noch ein Lächeln entlocken: "Morgen kannst du mir von Dracos schulischen Leistungen berichten, nachdem du mir das Haus gezeigt hast. Ich habe da so eine Ahnung, dass er in dieser Hinsicht ganz nach mir kommt - der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, hm?" Ein Scherz auf Kosten der malfoy'schen Blasiertheit läutete schließlich sein Gehen ein. Mit dem aufgeschobenen Elternsprechtag im Hinterkopf küsste er Severus ein letztes Mal zum Abschied und verließ anschließend den Raum ohne zurückzublicken, weil er befürchtete, sich dann gar nicht mehr von Severus losreißen zu können. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass der morgige Tag alles zum Guten wenden würde. Morgen wäre der erste Tag in seinem neuen Leben. Ein Leben mit Severus Snape x3

    ~ The (very happy) End ~

    Zacharias‘ Geduld mit Remington hing am seidenen Faden. Es fehlte nicht mehr viel, bis er mit viel Getose riss. Dann würde er wohl doch noch zu härteren Mitteln greifen müssen. Zu Daumenschrauben und Waterboarding. Wie primitiv. Aber so war er nun mal. Primitiv und grobschlächtig. Eine Amöbe, die durch Zufall an zu viele Muskeln geraten war. Und an ein paar Hirnzellen. Jene Hirnzellern ratterten gerade auf Hochtouren, als ihn der Bengel mit einer ungewöhnlichen Ernsthaftigkeit über die Verbrechen des Bürgermeisters aufklärte. Warum nur wunderte ihn das nicht? Es wäre aber auch zu schön gewesen, wenn er wenigstens einmal an einen simplen Fall geriet, der nicht gleich die Ausmaße einer Staatsaffäre hatte. War ja klar, dass an der Sache was faul war. War es immer, wenn Politiker involviert waren. Hätte er sich ja gleich denken können. Der Bengel wollte also Vergeltung. Gerechtigkeit. Aber die bekam man nicht, wenn man ungerecht handelte. Ein ganzes Dorf für die Taten eines Einzelnen zu bestrafen, war eindeutig nicht der richtige Weg. Schon gar nicht, wenn er sich dabei auch noch an Zacharias‘ Mustang vergriff! Der hatte mit der Sache nun wirklich nichts zu tun! Das nahm er dem Burschen nach wie vor sehr übel, egal wie viel Unrecht man Remington oder seinem Freund angetan hatte. "Das sind schwere Anschuldigungen", war alles, was der Sheriff zu all dem zu sagen hatte. Einen Schritt zurückmachend nutzte er den kleinen Raum in der Zelle für ein Auf- und Ab-Tigern. Er musste sich bewegen, um seine grauen Zellen in Schwung zu bringen. Und seinen Kreislauf, der allmählich träge wurde nach all der Aufregung an diesem Tag. Er war nun mal nicht mehr der Jüngste, egal wie sehr er sich gegen das Älterwerden sträubte. Währenddessen kringelte sich sein halb-getrocknetes Haar in der aufgeladenen Heizungsluft. Seine Frisur glich einem erschlafften Irokesen, der ihm seitlich vom Kopf hing, während die Seiten kurz rasiert waren. Eine Neu-Interpretation des in die Mode geratenen Undercuts. Er musste sich die kinnlangen Strähnen hinters Ohr schieben, um nicht wie ein wüster Stier anzumuten, der wutschnaubend im Gehege seine Kreise drehte. Tatsächlich dachte er nach. Überlegte, wie man dem Bürgermeister ein Schnippchen schlagen konnte. Der Kerl war ihm ohnehin von Anfang an unsympathisch. Einer wie der konnte nur Dreck am Stecken haben. Es würde ihm eine Freude sein, den Fettsack hinters Licht zu führen, sofern Remington recht hatte. Er musste der Sache auf den Grund gehen, ehe er in diese Richtung ermitteln konnte. Einige Recherchen mussten her, bevor er eine Entscheidung treffen konnte, wie er als nächstes vorgehen wollte. "Bleib, wo du bist. Und halt die Klappe. Ich muss nachdenken", wies er den in die Ecke gedrängten Mann an, still auszuharren, während er sich an den Computer vor der Zelle setzte und die Datenbanken nach Hinweisen durchforstete. Und tatsächlich, er fand die Polizeiakte des Bürgermeisters, die überwiegend lupenrein war bis auf den einen Eintrag, welcher das erwähnte Annäherungsverbot enthielt. Dass man Remington ohrfeigen wollte, konnte Zacharias bestens nachvollziehen. Für einen Bürgermeister geziemte es sich jedoch nicht, derart aus der Haut zu fahren. Ein solcher Kontrollverlust bewies aber noch lange nicht, dass das Oberhaupt von Wintercrest ein pädophiler Schwerverbrecher war. Also recherchierte Zacharias weiter und traf schon sehr bald auf einen Bericht über den ermordeten Sohnemann. Der genaue Tathergang war schwammig. Eine Autopsie wurde nicht durchgeführt, was den Sheriff sehr stutzig machte. Die Sache roch nach Vertuschung. Aber auch das reichte nicht aus, um offiziell gegen den Bürgermeister vorgehen zu dürfen. Er brauchte einen Augenzeugenbericht. Oder zumindest jemanden, der Remingtons‘ Aussage bezeugen konnte. Laut Remington 'weiß das wohl jeder', was in Wintercrest vorgefallen war, also nahm er sich vor, den ein oder anderen Bewohner dazu zu befragen. Entschlossen trat er wieder an Remingtons Zelle heran und fragte: "Was ist mit 'Fräulein' Nick? Lebt sie schon lange genug in Wintercrest, um deine Behauptung bestätigen zu können?" Die vollbusige Rezeptionistin war gleich hinter der nächsten Tür und somit schnell erreichbar für ihn. Doch bevor er sie mit dieser Unterstellung konfrontierte, wollte er wissen, ob sich eine Befragung der drallen Blondine lohnte. Er wollte wirklich nicht mehr als nötig mit ihr sprechen müssen. Sie war wie eine schwarze Witwe, die Männer wie ihn zum Frühstück verspeiste.

    Er hatte das Gefühl gehabt, es ihm schuldig zu sein. In gewisser Weise hatte er sich selbst gepeinigt mit dieser Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Hatte sich selbst dafür gestraft, was er Severus angetan hatte mit der ewigen Warterei auf ihn. Hatte sich bei ihm für seine Geduld revanchieren wollen. Stattdessen war es nach hinten losgegangen. Es war eine lange beschwerliche Reise um die ganze Welt gewesen. Eine Reise, die länger angedauert hatte als ursprünglich geplant. Weil er die Spur zu oft verloren hatte. Weil er einer falschen Fährte gefolgt war. Weil er gefangen genommen wurde. Er war zwischen die Fronten geraten, mehrmals. Hatte in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele geblickt. Und wofür das alles? Damit sich die Ratte mit ihrem Meister ins nächstbeste Loch verkriechen konnte, jenseits seiner Reichweite. Wenigstens hatte er nun Gewissheit, was die Existenz Voldemorts betraf. Wusste, dass an den Gerüchten etwas dran war. Dass dieser Potter-Junge nicht geschwindelt hatte, als er behauptete, Voldemorts Fratze in Quirrells Hinterkopf gesehen zu haben. Oder seinem früheren Ich in der Kammer des Schreckens begegnet zu sein. Es waren nicht die Hirngespinste eines nach Aufmerksamkeit heischenden Jungen, der als einziger den Todesfluch überlebt hatte. Dieser Junge könnte womöglich ihre Geheimwaffe sein. Lucius musste wahrlich dringend mit Dumbledore sprechen. Aber nicht jetzt. Dieser besondere Moment sollte allein ihnen gehören. Er wollte nicht länger an das Monster denken, das sie entzweien könnte, weshalb er sich wohlig seufzend den Streicheleinheiten hingab, mit welchen Severus ihn just überschüttete. Jede einzelne Berührung war wie ein heilsamer Balsam für seinen geschundenen Leib, der unter den streichelnden Händen allmählich erstarkte. Allein dieser selten schöne Blick aus herzzerreißend dunklen Augen jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Lucius sonnte sich förmlich in der spürbaren Bewunderung, die Severus ihm mit Blicken und Berührungen zukommen ließ. Es tat unbeschreiblich gut, von ihm aufgefangen zu werden nach einem langen, tiefen Fall, der ihm beinahe das Genick gebrochen hätte. "So ist es, ich bin für dich gegangen. Für uns. Und ich würde es jederzeit wieder tun. Das bin ich dir schuldig. Du hast so vieles für uns geopfert, nun bin ich an der Reihe.", antwortete er in einem solch warmherzigen Ton wie man ihn nur selten von ihm hörte. Die Jagd nach Voldemort oder dem, was von ihm übrig geblieben war, war das eine Opfer. Das nächste folgte sogleich in Form seines alten, prestigeträchtigen Lebens, das er hinter sich lassen wollte mit allen Altlasten, die ihre Beziehung so lange verpestet hatten, dass sie beinahe daran zerbrochen wären. Nun war es an der Zeit, die Scherben aufzusammeln und wieder zusammenzusetzen, damit etwas Neues, Besseres daraus entstehen konnte. Dummerweise fühlte er sich momentan alles andere als stark genug für diese Mammutaufgabe. Er war vollkommen ausgelaugt. Die Jagd hatte ihn müde gemacht. Ihn zermürbt. Er fühlte sich alt. So unfassbar alt. So viele Jahre, erneut verschwendet an etwas, das sinnlos war. Jahre, die er nicht wiederkriegen würde. Die er nicht mit Severus verbracht hatte. Und jetzt, da er ohne Versteckspiel mit ihm zusammen sein konnte, war er so alt und verbraucht, dass er sich ihrer Liebe unwürdig fühlte. Er war so ausgehungert, so liebesdurstig, hatte aber nicht die Kraft, seiner Sehnsucht Ausdruck zu verleihen. Severus würde nachsichtig mit ihm sein müssen, bis er wieder zu seiner alten Form zurückgefunden hatte. Jener Form, die er noch vor seiner Abreise innehatte. Als er noch stolz und erhaben war. Kein hinkender Denunziant.

    Lucius musste an sich halten, um sich nicht gänzlich dem Genuss hinzugeben, den Severus ihm verschaffte. Unter halb gesenkten Lidern sah er, wie die tastenden Hände beinahe überall waren. Wie sie ihn streichelten, heilten, beschwichtigten. Aber auch beschützten vor einem unsichtbaren Feind, der sich ihnen jeden Augenblick nähern könnte. Mit trägen Augen, die auf das bleiche Gesicht seines Gegenübers gerichtet waren, lauschte er den hektisch gesprochenen Worten, die ihm genau die Geborgenheit gaben, die er gerade brauchte. Seine Hände, die genauso zerschrammt waren wie sein Gesicht, erzitterten vor Wonne bei jedem Kuss, der ihnen so hingebungsvoll geschenkt wurde, dass es an Besessenheit grenzte. Für wahr, sie waren besessen, voneinander. So besessen, dass sie bereit waren, alles füreinander zu riskieren. Ihre Leben, ihre Reputation, ihre Gewohnheiten. Lucius konnte die Schlagzeilen jetzt schon sehen. Die Boulevardpresse würde sich das Maul zerreißen über den Skandal des Jahres: Ein Malfoy, der auf alte Familientraditionen spuckte, und lieber in Schande lebte. Es würde nicht leicht für sie werden. Für sie alle nicht. Weder für sie beide noch für Draco oder Narzissa. Sie würden viel Hohn und Spott ertragen müssen, ehe die Medien das Interesse an ihnen verloren. Spottende Zeitungen konnten ihm allerdings nichts mehr anhaben. Er hatte Schlimmeres durchgestanden. Lucius war bewusst, was er seiner Familie abverlangte, aber er konnte nicht länger auf sie Rücksicht nehmen. Das hatte er lange genug getan. Von jetzt an würden sie lernen müssen, mit seiner 'egoistischen' Entscheidung zu leben.

    Wieder fanden seine Finger ihren Weg in Severus‘ Haar, streichelten es, als jener seinen Kopf auf Lucius‘ Oberschenkel bettete. Er hätte ewig so sitzenbleiben können, eng an seinen Geliebten geschmiegt, der ihm die Welt zufüßen legte. Wortwörtlich. "Nicht weniger will ich", besiegelte er ihr gemeinsames Schicksal ehrfürchtig flüsternd. Er würde es sogar vor einem leibhaftigen Altar beteuern, dass er ihm ein guter Mann sein wollte, wie in guten so in schlechten Zeiten. Es hatte etwas Heiliges, wie Severus vor ihm kniete und ihn mit den schönsten Beschwörungsformeln umwarb. Lucius wollte all das, was er ihm darbot, und noch mehr. Wollte bis in alle Ewigkeit sein treuer Gefährte sein.

    Doch dann war es Severus, der schließlich ihr einträchtiges Miteinander beendete und zu seinem Tisch hinüber ging, woraufhin sich im Blonden augenblicklich ein Gefühl der Leere ausbreitete. Obwohl sie sich in ein und demselben Raum befanden, vermisste er dessen Nähe jetzt schon. Die Distanz zwischen ihnen war zu groß, weshalb sich Lucius mühselig von seinem Sitzplatz erhob, ungeachtet dessen wie sehr sein Bein schmerzte. Seiner geschmeidigen Anmut beraubt, näherte er sich dem Professor auf seinen Gehstock gestützt bis auf wenige Zentimeter. Wie gebannt beobachtete er das Tun des Anderen, der andächtig sprechend eine verwunschene Schublade entzauberte, diese öffnete und einen unscheinbaren Schlüssel hervorholte wie einen gut gehüteten Schatz. Lucius verstand nicht sofort, stand da mit gerunzelter Stirn und ungläubig erhobener Braue. Es war tragisch und romantisch zugleich wie lange Severus schon an ihrem geneinsamen Heim arbeitete, mit einer unerschütterlichen Vehemenz, als hielte ihn allein der Nestbau am Leben unabhängig davon, ob je jemand dort einziehen würde. Lucius war gewiss nicht sentimental, aber das rührte ihn durchaus zu Tränen. Obschon ihre Liaison mehrmals auf der Kippe gestanden hatte, hatte Severus nicht aufgehört daran zu glauben, dass Lucius viele, viele Jahre später sein Versprechen einlösen würde. Das Versprechen, zu ihm zurückzukehren, für immer. Und hier war er, der hochmütige Lucius Malfoy, mit Leib und Seele. Nicht mehr ganz so prächtig wie früher, aber er war da.

    "Sev…", machte er mit belegter Stimme vom Kosenamen des Professors Gebrauch. "Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll." Ein sprachloser Malfoy war wahrlich eine Seltenheit. Rührselig hob er die Hand, die nicht den Gehstock umklammert hielt, und führte sie an Severus‘ Hals, den er sacht streichelte, bevor er ihm die Hand reichte und sich den Schlüssel hinein legen ließ. Behutsam schloss er die Finger um das Kleinod und drückte es an seine Brust. Was ihn noch mehr rührte als der Schlüssel, war die Art wie Severus von dem Haus erzählte. Dieser Anflug von Schüchternheit in seiner sonst so festen Stimme war zum Dahinschmelzen. Als wären sie wieder fünfzehn-jährige Jungen, die in Liebesdingen noch völlig unerfahren waren. "Du hast schon immer gewusst, was ich wollte, noch bevor ich es wusste", bewunderte er Severus‘ gutes Gespür. Als hätte er seine Gedanken gelesen. Als hätte er schon vor Jahren gewusst, dass Lucius mit ihm in Hogsmeade sesshaft werden wollte. In einer kleinen, bescheidenen Villa, die von ihnen beiden restauriert und hergerichtet wurde. "Zeigst du es mir morgen?", bat er um eine Führung durchs Haus, wobei er seine Ungeduld kaum verbergen konnte. Hätte er nicht an diesem Tag noch einige Gespräche zu führen, würde er das Haus jetzt gleich sehen wollen. Doch vorher musste er für klare Verhältnisse sorgen, am besten direkt im Anschluss zu seinem Besuch in Hogwarts, damit er schnellstmöglich mit Severus zusammenziehen konnte.

    Wie im Schnelldurchlauf schien der Bengel einen Wandel zu durchlaufen, der vornehmlich in dessen wirr dreinblickenden Augen zu erahnen war. Als würde sich seine Persönlichkeit von jetzt auf gleich wechseln. Als wäre da neben dem kindlich verspielten Riesenbaby noch etwas anderes in ihm. Etwas weitaus boshafteres. Etwas, das nicht nur eine Pudding-Apokalypse auslösen wollte, sondern weitaus Schlimmeres vollbringen konnte. Eben diese andere Seite des Burschen wehrte sich bissig gegen die handfeste 'Hilfeleistung'. Was hatte er denn anderes erwartet, wenn nicht ein Durchgreifen dieser Art? So sah Erste Hilfe nun mal aus bei drohendem Erstickungstod. Man betätschelte die Wangen so lange, bis dem anderen keine andere Wahl blieb als nach Luft zu schnappen. Wenn das nicht half, kam die gute alte Mund-zu-Mund-Beatmung zum Einsatz. Beide konnten froh sein, dass es nicht so weit kommen musste. Knurrig ließ Zacharias das Angeschnauzt-werden über sich ergehen, obwohl er eine solche Respektlosigkeit nicht verdient hatte. Nächstes Mal lässt er den Bengel einfach elendig verrecken, Kamera hin oder her. Wenigstens zeichneten die Dinger den Ton nicht auf, sodass er Remington so viel beschimpfen konnte, wie er wollte, falls nötig. Und Remington wiederum konnte so viel kichern wie er wollte ohne dass ihn jemand in der Zentrale für völlig bekloppt hielt. Schade eigentlich. Einen besseren Beweis für Remingtons Geistesgestörtheit konnte Zacharias vermutlich nicht kriegen. Oh, wie sehr es ihn reizte, diesen Knilch windelweich zu prügeln. Ihm die Wangen nicht nur zu tätscheln, sondern blutig zu schlagen. Und zwar so lange, bis ihm das Kichern und Spotten verging. Irgendetwas tief in ihm sagte ihm jedoch, dass selbst das nichts nützen würde. Vermutlich stand der Bursche sogar darauf, vermöbelt zu werden. Wahrscheinlich provozierte er ihn deswegen so sehr. Weil er ein masochistisches, kleines Arschloch war, das sich am Leid ergötzte. Egal wen es dabei traf, ob ihn selbst oder andere. Zacharias raubtierhafter Blick ließ den Kerl nicht aus den Augen, während der sich einen halben Schritt von ihm entfernte und dabei das ahnungslose Opfer spielte, das den Sheriff für dumm verkaufte. "Aye, das glaube ich", ließ der sich allerdings nicht für dumm verkaufen, indem er weiterhin darauf beharrte, dass man ihm den versteckten Schlüssel aushändigte. Wie sonst hätte Remington die Handschellen lockern können, wenn nicht ohne Schlüssel? Konnte er etwa zaubern? Ganz sicher nicht! Sie waren hier immerhin nicht bei 'Harry Potter'! Abermals veränderte sich der Blick in Remingtons Augen als auch der Ton seiner Stimme als hätte jemand einen Schalter umgelegt und somit etwas in ihm getriggert. Zacharias war das Schauspiel und die Ausflüchte leid. Das einzige, was ihn davon abhielt, tatsächlich nach Remingtons Eiern zu greifen, waren die Kameras, nicht dessen leeren Drohungen. Sollte er ihn doch so viel anzeigen wie er wollte, solange er unter dringendem Tatverdacht stand, würde sich niemand für seine vermeintlichen Rechte einsetzen. Dafür würde Zacharias sorgen. "Jetzt hör mir mal gut zu, Bürschchen", grollte seine scheppernde Reibeisenstimme, deren letzte Ölung lange her war. Viel zu lange. Indes ging er einen Schritt auf ihn zu, baute sich bedrohlich vor ihm auf, drängte ihn gen Wand und starrte ihn mit seinem stählernen Blick zu Grund und Boden. "Du rückst jetzt den Schlüssel raus oder ich lege dir nicht nur Handschellen an!" Es wird ihm wahrlich ein Vergnügen sein, den Kerl zuzuschnüren wie ein hübsches Paket. "Wenn ich will, kann ich dir nicht nur an die Eier gehen - ich kann dir den Arsch aufreißen mit der Begründung, dass du unter Verdacht stehst, harte Drogen in deinem Rektum zu schmuggeln. Keiner wird das hinterfragen oder anzweifeln, dafür hast du mit deinen durchgeknallten Aktionen gesorgt. Wer auf so ne verrückte Idee kommt, Pudding mit Schneekanonen zu verschießen, der kann nur unter Drogen stehen.", spie er ihm entgegen mit der Überlegenheit einer Autoritätsperson, die nur allzugern ihre Macht missbrauchte. Auf das Siezen verzichtete er dabei, da ihm nicht mehr danach war, den Möchtegern-Clown mit mehr Respekt zu behandeln als nötig. "Warum sollte sich der Bürgermeister dir nicht mehr nähern dürfen, hm?", schwang nun doch so etwas wie Neugier in seiner whiskygetränkten Stimme mit. Nicht, dass er ihm auch nur ein Wort glauben wollte, aber es konnte durchaus interessant sein zu hören, mit welcher Wahnvorstellung der Bursche als nächstes um die Ecke kam.

    Lucius staunte nicht schlecht, als die Dämme zwischen ihnen vollends brachen und Severus unter der Wucht einknickte wie ein wackerer Krieger, den man nach einem langen Kampf gefällt hatte. Dieser willensstarke Mann, der sich von nichts und niemanden beherrschen ließ, lag ihm nun zu Füßen und Lucius war zutiefst gerührt von dieser Geste. Ihn so zu sehen, übermannt von der entfesselten Kraft ihrer Gefühle, machte auch ihn ganz weich. Er musste sich nicht länger verstellen. Musste nicht den Unnahbaren spielen. Musste nicht gehorchen. Er durfte nun er selbst sein. Nach ihrem leidenschaftlichen Kuss schmeckte Lucius noch Severus’ bittersüße Essenz auf seiner Zunge, woraufhin er ihn sehnsüchtig umarmte. Er hielt ihn fest an sich gedrückt, wohlweislich, dass er Schuld war an der jahrelang andauernden Seelenpein seines Geliebten. Einen nicht geringen Teil davon hatte er zu verantworten mit seiner Hinhalte-Taktik. Dieses Wissen tötete den Blonden schier jeden Tag. Jeden Tag ein bisschen mehr. Den Mann, den er abgöttisch liebte, zusammenbrechen zu sehen, schmerzte tief im Innern seines Herzens. Es ging ihm an die Substanz. Wie Severus vor ihm auf die Knie sackte als gäbe es nichts mehr, das ihn halten konnte. Und doch hielt Lucius ihn. Hielt ihn mit all seiner Obsession. Er hatte wahrlich eine Menge wieder gutzumachen. Seine entblößte Hand begab sich an Severus‘ Hinterkopf, wo sie ihre feingliedrigen Finger in den pechschwarzen Schopf steckte und die Kopfhaut sanft zu kraulen begann, während sein Herz klopfend und pochend verkündete, wie sehr er den gebrochenen Mann an seiner Brust liebte.

    Lucius lockerte seinen Klammergriff erst, als sein Liebster Anstalten machte, ihm etwas zu sagen. Etwas, das zutiefst erschütternd zu werden drohte. Stirnrunzelnd richtete er sein besorgtes Augenmerk auf das vertraute aber kummervoll verzerrte Antlitz seines Geliebten. Severus wirkte so gehetzt wie ein wildes Tier, dass Lucius sofort in Alarmbereitschaft war. Was hatte ihn bloß so sehr aufgebracht? Hatte ihn jemand bedroht? Ihn verletzt? Lucius war drauf und dran aufzuspringen und seinen Zauberstab zu zücken, um denjenigen zu vernichten, der es gewagt hatte, seinem Mann zu schaden. Doch er kam nicht weit, weil ihn sein schlecht verheiltes Bein an den Stuhl fesselte, zusammen mit Severus, der seine Finger in sein Gewand gekrallt hatte und ihn so an Ort und Stelle hielt. Seine Augen wurden schmal ob der wachsenden Panik, mit welcher der Kniende sprach. Es schien, als hätte er ihm etwas zu beichten. Und tatsächlich, er beichtete ihm, ein weiteres Leben zu führen. Lucius verstand zunächst nicht. Ging instinktiv vom Schlimmsten aus. Von einem anderen Mann, mit dem er zusammenlebte. Von dem er sich trösten ließ. Der ihm die Wartezeit versüßen sollte, bis Lucius endlich so weit war, öffentlich zu ihrer Romanze zu stehen. Die aalglatten Züge verhärteten sich, während er binnen Sekunden abwägte, ob er mit dieser Offenbarung leben könnte. Ob er es ertragen könnte, dass Severus sein Bett mit einem anderen statt ihm teilte. Oh, wie er sich täuschte! Die tatsächliche Offenbarung war viel… harmloser. Jegliche Kontrolle entglitt ihm augenblicklich und seine Miene wechselte von ausdruckslos zu gleichgültig. Denn ja, Voldemort war ihm gleichgültig. Ihm war gleichgültig, wem Severus‘ Gefolgschaft galt, solange seine Liebe einzig und allein ihm galt. In Tat und Wahrheit war er sogar erleichtert zu hören, dass auch Severus dem Dunklen Lord abgeschworen hatte. Es grämte ihn zwar etwas, dass er sich ihm nicht eher anvertraut hatte, aber in erster Linie war er erleichtert.

    Mit deutlich weicherem Blick sah er seinen Liebsten an, imponiert von dessen Ehrlichkeit. "Ich werde dich niemals zurückweisen. Nicht jetzt. Nicht, nachdem ich so lange auf diesen Moment warten musste. Wir dürfen uns unser hart erkämpftes Glück von niemandem nehmen lassen. Nicht einmal von ihm.", initiierte er mit kämpferischer Stimme, die nicht einmal vor dem mächtigsten Schwarzmagier aller Zeiten zurückschreckte. "Severus… auch ich muss dir etwas sagen." Seine Hand glitt unter Severus‘ Kinn und hob es leicht an, damit er ihm geradewegs in die Augen sah. "Wie du weißt, bin ich auf der Suche nach ihm gewesen. Was du aber nicht weißt; ich bin nicht losgezogen, um ihm beizustehen, sondern um ihn zu vernichten. Endgültig. Er darf nicht mehr an die Macht gelangen. Das wäre unser aller Untergang. Unser beider Untergang. Ich bin gegangen, um uns vor ihm zu schützen. Damit wir ihn nie wieder fürchten müssen. Eher will ich sterben, als tatenlos zuzusehen, wie er sich erneut zwischen uns stellt." Ein zweites Mal würde er den machtbesessenen Lucius Malfoy, der für Voldemort über Leichen gehen würde, sicherlich nicht glaubhaft vortäuschen können. Schon gar nicht, wenn er dabei seine innige Verbindung zu Severus leugnen musste. Sie wieder vor aller Augen verstecken musste. Nein, das würde er kein weiteres Mal zulassen! Deswegen wollte er Vorsorge treffen, indem er Voldemort aufspürte noch ehe dieser vollständig genesen war. Während Lucius nach ihm gesucht hatte, war er mehrmals versucht gewesen, die Mission abzubrechen und heimzukehren. Doch das Verlangen, Voldemort zu finden und ihn ein für alle mal auszulöschen, war größer. Ja, er war nicht wie behauptet aus Pflichtgefühl losgezogen, sondern um jeden aus dem Weg zu schaffen, der Severus und ihm gefährlich werden könnte. Der ihre Beziehung nicht dulden könnte, weil er gleichermaßen antiquiert in seiner Denkweise war wie sein Vater Abraxas.

    Einen Wermutstropfen gab es dennoch: "Es ist wahr, Severus. Er ist zurückgekehrt. Er ist allerdings nicht mehr als ein… Geist. Er kann uns nichts anhaben in seiner körperlosen Gestalt. Er ist… schwach. Ich hätte ihn vernichtet, hätte ich gewusst wie. Aber wie tötet man einen Geist? Ehe ich es in Erfahrung bringen konnte, war er zusammen mit Pettigrew verschwunden… Ich bin ihm völlig umsonst drei Jahre lang nachgereist. Drei verdammte Jahre!" Seine Hand verkrampfte sich in seinem Schoß, ballte sich zur Faust aus Wut, aus Zorn, aus Trauer, weil er versagt hatte. Weil die Zukunft ungewiss war. Seine einzige Hoffnung war, jene Horkruxe zu finden und zu zerstören, die Voldemort in einer ihrer vergangenen Todesser-Treffen prahlerisch erwähnt hatte. Falls überhaupt etwas Wahres dran war. Da kam ihm auch schon ein Geistesblitz: "Dumbledore… er wird sicherlich wissen, wie wir ihn bekämpfen können. Hältst du es für möglich, dass er mich anhört, wenn ich ihn darum bitte? Ich will ihm berichten, was ich weiß." Ihm war bewusst, dass er sich mit seinem beginnenden Verrat auf ganz dünnes Eis begab, aber das war ihm einerlei. Er war bereit, für ihre Beziehung alles erdenkliche zu tun, selbst Voldemort ans Messer zu liefern. Davon ab wollte er auf dergleichen Seit sein wie Severus und wenn der sich Dumbledore angeschlossen hatte, dann wollte er sich ihm ebenfalls anschließen.

    Na, jetzt war er aber gespannt. Er konnte es kaum erwarten zu erfahren, warum sich der Bengel in den Schritt gefasst hatte. Remington tat ja gerade so, als wäre es das Normalste auf der Welt, sich im Beisein eines Anderen an die Eier zu grabschen. War er etwa die Wiedergeburt von Michael Jackson? Oder hatte er einfach nur Sackläuse? Juckte es im Schritt? Der äußerst heftigen Reaktion des Burschen nach zu schließen war alles andere wahrscheinlicher als ein mutwilliger Verführungsversuch. Ja, klar, warum sollte der Knilch ihn auch verführen wollen? Vielleicht, um aus der Zelle rauszukommen? Zacharias hatte schon die verrücktesten Dinge erlebt. Menschen konnten sehr kreativ werden, wenn es darum ging, der Gefangenschaft zu entgehen. Remington war definitiv einer der kreativsten Spinner, die er je gesehen hatte. "Ahja. Sie haben sich wohl bei ner läufigen Hündin angesteckt, was?", scherzte er grobschlächtig über den angeblichen Juckreiz des umtriebigen Straßenköters in Menschengestalt. Das hatte man davon, wenn man sein 'Würstchen' überall reinsteckte. Auch Zacharias konnte ein Lied davon singen, aber dieses Vergnügen ersparte er ihnen gerade. Er war ein noch schlechterer Sänger als Remington. Die nächste Watsche folgte zugleich. Kleinstadt-Bulle. Autsch. Erotisch entfremdeter Bruder von Lucky Luke. Noch mehr autsch. Remington hatte aber auch die fiesesten Beleidigungen in petto. Der 'Kleinstadt-Bulle' fing gleich an zu weinen, so sehr hatte der Knilch ihn gekränkt. Nein, nicht wirklich. Zacharias hatte schon schlimmeres gehört. Man hatte ihn schon so ziemlich alles geschimpft, was man einen Menschen schimpfen konnte. Beleidigungen verletzten ihn schon lange nicht mehr. Eines musste er dem Knilch aber lassen; er war verdammt kreativ. Und unterhaltsam. Wenn er seine kriminellen Energien anderweitig nutzen würde, könnte er wahrlich Großes vollbringen wie etwa Krebs heilen oder Kriege beenden. Er brauchte bloß ein gutes Vorbild. Jemanden, der ihn an der Hand nahm und auf den rechten Weg führte. Falls es dafür nicht schon zu spät war. Wie alt mochte Remington wohl sein? Von seinem Verhalten her nicht älter als 13. Vom Aussehen her könnte er irgendetwas zwischen 25 und 30 sein. Der Sheriff kratzte sich am Kopf als wäre er mit seinem Latein am Ende. Dieser Bursche raubte ihm noch den letzten Nerv. Er könnte ihn ordentlich in die Mangel nehmen so wie er es bei den richtig fiesen Typen tat, aber irgendetwas hielt ihn davon ab, Remingtons Kopf in die Kloschüssel zu drücken und die Spülung zu betätigen bis er keine Luft mehr bekam. Vermutlich lag es an seiner kindlichen Aura, die Zacharias davon abhielt, mit ihm umzuspringen wie mit einem der üblichen Gangstern, denen er ein Geständnis entlocken wollte. Ein bellendes Lachen überkam ihn, weil er abermals anderer Meinung war als der keifende Bursche. Jener brauchte nämlich unbedingt Freunde, wenn er nicht wollte, dass ihn alsbald ein wütender Mob mit Mistgabeln und Schaufeln aus der Stadt jagte. Denn so wie Zach die Lage einschätzte, dauerte es nicht mehr lange bis der Bürgermeister ganz Wintercrest gegen Remington aufgestachelt hatte. Während Remington wie eine Katze fauchte und miaute, griente Zacharias wie ein Wolf. Er griente so breit, dass seine Zähne im schwachen Lampenlicht aufblitzten. Es wäre wahrlich ein Leichtes für ihn, dem Spottenden das Genick zu brechen. Seine Finger zuckten bereits vorfreudig. Leider war er nicht hier, um zu morden, sondern um zu missionieren. Doch so wie er den Bürgermeister einschätzte, würde es nicht mehr lange dauern, bis er Remington zum Abschuss freigab. Derart zwielichtige Auftraggeber waren ihm die liebsten, aber so nervig Remington auch war, den Tod hatte er wirklich nicht verdient. Nicht, solange er niemandem das Leben geraubt hatte. Gleiches mit Gleichem zu vergelten war zwar Zacharias liebstes Strafmaß, aber selbst er verspürte gewisse Hemmungen bei dem Gedanken, einer solch gepeinigten Seele mit der scheinbaren Unschuld eines Kindes ein Ende zu bereiten. Zacharias war kein Scheusal, selbst wenn er sich wie einer benahm. Er war nun lange genug im Business, um zu ahnen, dass sich hinter dem affektierten Getue mehr verbarg. Er würde sogar so weit gehen und behaupten, dass Remington von all dem, was er sagte, das genaue Gegenteil meinte. Wenn er sagte, dass er keinen Freund brauchte, dann brauchte er sehr wohl einen Freund. Wenn er sagte, dass er nicht auf Kleinstadt-Bullen stand, dann stand er sehr wohl auf Kleinstadt-Bullen. Wenn er sagte, er sei unschuldig, dann war er definitiv nicht unschuldig - zumindest nicht, was die Verbrechen in Wintercrest betraf. In gewisser Weise war er wie eine Frau. Wenn die 'nein' sagte, meinte sie für gewöhnlich 'ja'. Das wusste doch jedes Kind. Umgekehrte Psychologie nannte man das. Und die beherrschte Remington perfekt, fand zumindest Zacharias. Solche Spielchen konnte er allerdings auch spielen, weshalb er in tödlicher Gelassenheit sein Messer aus der Halterung am Gürtel zog und es in seiner Hand wog wie ein Filetiermesser. Remington wollte filetiert werden? Kein Problem! Er sollte aufpassen, was er sich in Zachs Anwesenheit wünschte. Doch es ging noch weiter - Filetiert werden war nicht Remingtons einziger Wunsch, oh nein - er wünschte sich auch noch ihn zu Weihnachten. Na, sowas aber auch, wo es doch erst kürzlich hieß, er stehe nicht auf Kleinstadt-Bullen. Der Jung flehte förmlich darum, dass ihm jemand die Kehle aufschlitzte, so wie der sich die Seele aus dem Leib 'sang'. Zacharias hatte zwischenzeitlich einen AirPod aus seinem Ohr gepult, um in den Genuss der schiefen Töne zu kommen, die ein auffallendes Faible für Weihnachtslieder zu haben schienen. Dafür, dass Remington Weihnachten hasste, kannte er sich sehr gut mit der weihnachtlichen Hitparade aus. Das alles glich einem verzweifelten Schrei nach Liebe. Offensichtlicher ging es ja gar nicht mehr. Und dann veränderte der Bursche plötzlich seine Strategie. Statt ihm ein Weihnachtslied nach dem Anderen um die Ohren zu schmettern, führte er nun den sterbenden Schwan auf. Der Junge sah eindeutig zu viel fern. Aber was sollte er auch sonst machen, so ganz allein hoch oben im Observatorium? Wer dort lebte konnte bloß verrückt werden.

    Zacharias verdrehte die Augen, als er sich genötigt sah, zum wiederholten Mal aufzustehen und an die Zelle heran zu treten, damit man ihm im Zweifelsfall keine 'Unterlassene Hilfeleistung' vorwerfen konnte. Das konnte er nicht auch noch gebrauchen. Verdammte Kameras! So wie Remington theatralisch nach Luft rang, könnte man meinen, er hätte sich an seiner eigenen schief-singenden Stimme verschluckt. Geschah ihm recht! Karma is a bitch, nicht wahr? Mit in die Hüften gestemmten Händen stand er vor der Zellentür und sah sich das Theater mit unbeeindruckter Miene an. Er wusste, dass Remington ihm etwas vormachte, nur leider wussten das die Kameras nicht. Die zeigten bloß unverfälscht, was im Department abging, und sendeten die Bilder live an die Zentrale. Drum hatte er keine andere Wahl als die Zelle aufzuschließen und einzutreten. Und hinter sich wieder abzuschließen. "Tun Sie uns allen den Gefallen und kratzen Sie endlich ab. Aber leise, wenn möglich." Natürlich ging es nicht leise vonstatten. Remington plapperte weiter vor sich hin trotz simulierter Atemnot. Solange der Junge noch singen konnte, konnte es nicht allzu schlimm sein. "Für wie blöd halten Sie mich eigentlich?", knurrte er verärgert, weil er ihm helfen musste, ob er wollte oder nicht. Unsanft packte er ihn am Kragen und hievte ihn vom Boden auf die Beine, tätschelte ihm abwechselnd die Wangen mit einer Hand wie um ihm Leben einzuhauchen. Oder gesunden Menschenverstand. Was tat man nicht alles für eine gute Show, damit die Zentrale einem kein Fehlverhalten vorwarf. "Ich sagte doch bereits, dass Sie hier nicht eher rauskommen, bis Sie gestanden haben. Sparen Sie sich also die Spielchen", maßregelte er ihn knurrig und mit wenig Feingefühl. Dabei bemerkte der 'Feind in Flanell' die gelockerten Handschellen, woraufhin er eins und eins zusammenzählte - er war schließlich nicht auf den Kopf gefallen: "Sie haben doch nicht etwa einen Schlüssel zwischen ihren kleinen Eiern versteckt?" Grundgütiger, dieser Bursche war noch durchgeknallter als er dachte! "Los, her damit oder ich sehe mich leider gezwungen, Ihnen den Schlüssel zu entwenden", gab er ihm die Chance, den Schlüssel freiwillig rauszurücken. Andernfalls würde er so lange in Remingtons Hose rumwühlen, bis er den kleinen Handschellen-Öffner gefunden hatte.

    Über alle Maßen erleichtert schloss Lucius die Augen und schmiegte seine zerkratzte Wange in die liebkosende Hand, die mit wenigen Berührungen seine Wunden zu heilen vermochte. Sie waren vielleicht noch sichtbar, schmerzten aber kaum noch, wenn Severus‘ Daumen über die gepeinigte Haut strich. Unendliche Erleichterung flutete seinen Geist, als Severus ihm mit Worten und Gesten zu verstehen gab, dass er ihm die lange Abwesenheit verzieh. Dass er ihn trotz allem haben wollte. Egal wie zerschunden und glanzlos er war. "Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich du mich damit machst", hauchte er ihm in einem Tonfall zu, der zärtlich und zerbrechlich war wie klirrendes Glas. Wie Samt, der alle Sinne hauchzart umschmeichelte. Stirn an Stirn saßen sie einander gegenüber, die Hände ineinander verschränkt, zu überwältigt von den eigenen Gefühlen, die nicht länger im Verborgenen hausen mussten, sondern strahlen durften wie der hellste Stern in dunkelster Nacht. "Du wirst es nicht bereuen", versicherte er ihm kehlig flüsternd, die Stimme noch immer heiser vom vielen Brüllen von Kommandos, Befehlen und Drohungen. Wie berauscht vom eifrigen Pochen des Herzens in der Brust seines Geliebten strich er ehrfürchtig darüber hinweg, rieb die Stelle sacht mit seiner Hand, die er kurz zuvor aus dem schwarzen Leder-Handschuh gezogen hatte, um noch intensiver fühlen zu können. Für wahr, er würde höchstpersönlich dafür Sorge tragen, dass Severus das lange Warten auf ihn nicht bereute. Er würde ihm jeden Tag dafür danken, auf jede erdenkliche Weise. Würde ihn für den Rest seines Lebens spüren lassen, wie sehr er geliebt und geschätzt wurde. Obwohl Lucius so vieles in seinem Leben als selbstverständlich hinnahm, sah er Severus nicht als selbstverständlich. Er war etwas, worum er kämpfen musste. Musste hüten und schützen, was sie hatten, damit es nie wieder verloren ging. Das gegenwärtige Familienoberhaupt der Malfoys war mit Anfang Vierzig bereit für einen Neuanfang. Von jetzt an fing sein wahres Leben an. Alles davor war ein billiger Abklatsch dessen gewesen, was er hätte haben können, wenn er dafür eingestanden wäre. Der Preis für seine Feigheit war hoch gewesen, doch jetzt konnte er frei von Zwängen leben, ganz so wie er wollte. Er war von heute an sein eigener Herr. Nicht länger fremdbestimmt. Keine Marionette seines Vaters mehr.

    Die winzig-kleinen Veränderungen in Severus‘ Blick, seinem Lachen, seiner gesamten Körpersprache machten all das Leid der letzten Jahre wett. Es beglückte ihn so sehr, den sonst so zynischen Mann glücklich zu sehen, dass sein Herz vor Freude überquoll. Severus war sein und er würde ihn nicht mehr hergeben. Wenn nötig, würde er ihn mit allen Zaubern, die er kannte, an sich binden. "Natürlich! Es gibt nichts, das ich mir sehnlicher wünsche", erwiderte er daher ohne eine einzige Sekunde zu zögern. Natürlich, wollte er an seiner Seite stehen. Er wollte es so sehr, dass sie hier und jetzt damit anfangen konnten. Severus musste es nur ebenso wollen. Es zulassen. Ihre Blicke kreuzten sich, liebkosten einander wie zwei Liebhaber, die zu lange aufeinander warten mussten. Lucius seufzte lang und gedehnt wie jemand, der zum ersten Mal tief Luft holte. Zum ersten Mal befreit atmen konnte. Um Severus zu beweisen, dass er es ernst meinte, wollte er als nächstes Nägel mit Köpfen machen. Wollte ihm in aller Klarheit sagen, wie er sich die nächsten Schritte vorstellte: "Ich werde alles Nötige in die Wege leiten. Werde Narzissa das Manor überlassen. Ihr und Draco. Sie soll mit ihm dort leben. Ich will es nicht mehr haben. Zu viele… Erinnerungen haften daran. Es war mir lange genug ein Gefängnis. Wir könnten uns ein Haus nehmen, in Hogsmeade vielleicht - Ich habe genug Ersparnisse für ein bequemes Leben" und gewisse Mindestanforderungen an seine neue Bleibe hatte er zudem. Auf den gewohnten Luxus wollte er nämlich nicht gänzlich verzichten. Eine kleine Stadtvilla mit genug Platz für zwei bis drei Personen sowie deren Bedürfnisse sollte es vorzugsweise werden. Severus könnte sich ein alchemistisches Labor im Keller einrichten und den Garten für den Anbau von Zaubertrank-Zutaten nutzen, während Lucius seinen exquisiten Geschmack in die Gestaltung ihrer vier Wände einfließen ließ. Er hatte die langen Reihen an kostbaren Kunstwerken bereits vor Augen. Die vergoldeten Armaturen im Bad. Die weitläufigen Marmorböden. Die antiken Möbel. Für wahr, in Gedanken hatte er ihr gemeinsames Heim schon mehrmals eingerichtet. Eine klarere Vorstellung davon konnte man nicht haben.

    Viele Jahre lang hatte er im Detail darüber sinniert, was er tun würde, wenn es endlich so weit war. Hatte sich einen Plan zurecht gelegt, der das Unmögliche möglich machen sollte. Sicher, sie lebten noch immer in einer Zeit, die das Zusammenleben zweier Männer nicht gern sah, aber die Zauberer-Gesellschaft war um einiges toleranter geworden als noch vor zwanzig Jahren. Insbesondere Hogsmeade hatte diesbezüglich große Fortschritte gemacht. Viele aufgeschlossene Hexen und Zauberer lebten dort - war nicht sogar die Inhaberin des beliebtesten Pubs der Stadt mit einer Frau liiert? Jene Ortschaft war ihrer Zeit zweifelsfrei weit voraus. Und ein weiterer Pluspunkt: Hogsmeade lag nah an Hogwarts, sodass Severus es nicht weit bis zu seinem Arbeitsplatz hätte und Draco konnte seinen Vater besuchen kommen wann immer er wollte, sogar nach dem Unterricht. Und wenn er wollte, konnte er seine Ferien bei ihm in Hogsmeade verbringen. "Draco ist nun alt genug. Er wird die Trennung seiner Eltern verkraften. Wir werden es ihm so schonend wie möglich beibringen. Auch was mich betrifft - mich und dich. Er wird das verstehen. Ich habe ihn in dieser Hinsicht tolerant erzogen." Im Gegensatz zu Lucius‘ Vater. Was Abraxas ihm angetan hatte, wollte er seinem eigenen Sohn nicht antun. Dieser sollte später lieben dürfen, wen er wollte. Deswegen hatte Lucius ihm schon im Kindesalter eine gewisse Toleranz mitgegeben in weiser Voraussicht. Was Severus‘ Berufsumfeld anbelangte, überließ er es ihm zu entscheiden, wie transparent er mit seinem Lebensstil umgehen wollte. Ob er seine Kollegen und Schüler einweihte oder nicht. Lucius war jedenfalls der Letzte, der ihm diesbezüglich Vorschriften machen konnte. Er, der jahrelang auf Geheimhaltung bestanden hatte, konnte keine absolute Transparenz von seinem Lebensgefährten verlangen. Das wäre selbst für malfoy'sche Verhältnisse anmaßend.

    Severus Hand streichelte seine Wange, die sich ungewöhnlich kratzig anfühlen musste aufgrund der kurzen Bartstoppel, die er noch nicht beseitigen konnte - für eine gründliche Rasur war er viel zu sehr in Eile gewesen - und Lucius lächelte sein spezielles Lächeln, das er niemandem sonst außer ihm schenkte. Selbst die feinen Linien in seinem Gesicht, die sein Alter unleugbar verrieten, schienen Severus nicht abzuschrecken, wofür der eitle Malfoy ihn umso mehr liebte. Sacht legte er seine Hand auf die des Anderen und nahm ihm raunend die letzten Bedenken: "Nein, kein Überschwang, sondern Obsession. Du bist meine Obsession, Severus. Gestern, heute, morgen. Für immer." Sein leidenschaftliches Geständnis hing noch zwischen ihnen in der aufgeheizten Luft, als er sich von diesen herrlich bebenden Lippen zu einem Kuss verleiten ließ. Er konnte der Versuchung nicht länger widerstehen, weshalb er das Reden sein ließ und nach den Lippen haschte, deren Beben er abfedern wollte mit der rauen Weichheit seiner eigenen Kusspolster.

    So lange hatte er friedlich geschlafen und dann das. Jemand, oder etwas, rüttelte an seinem Kopf - nein! - an seinem Schädel! Einen Kopf konnte man das, was von ihm übrig geblieben war, freilich nicht nennen. Es fehlten schmückendes Haar, kleidende Haut und noch mehr Details, die ein Gesicht zu einem Gesicht machten. Anstelle von kugelrunden Augäpfeln waren da nur noch schwarze Höhlen. Die gradlinige Nase war ein gleichermaßen klaffendes Loch und die schelmischen Lippen waren lippenlosen Zahnreihen gewichen. Der einst ansehnliche Mann war ein hässliches Ungetüm, man konnte es nicht anders sagen. Wirklich nicht. Ein Glück, dass er sich seiner fürchterlichen Erscheinung (noch) nicht bewusst war. Andernfalls hätte er laut aufgeschrien. Aber noch war es nicht so weit. Noch harrte er still und heimlich unter seiner Decke aus Moos und Pilzen aus, während seine blank polierte Schädeldecke aus dem Schlamm hervorlugte wie ein überneugieriges Ding, das nachsehen wollte, ob die Luft rein war. Aber sie war nicht rein. Genau genommen war sie sehr unrein. Es war nämlich eine Menge los im namenlosen Wald. Konkret, an seinem 'Grab'. Ein Trampel trampelte über ihn hinweg und betatschte ihn mit tolldreisten Fingern als wären sie hier bei einer Fleischbeschau nur ohne Fleisch. Belästigung hätte man ein solches Verhalten zu seiner Zeit genannt, aber hier und jetzt war das wohl Gang und Gebe, einander zu betatschen ohne sich vorher den Hof zu machen. Was war das bloß für ein Sittenverfall? Eine Schande ist das!

    Ein sachtes Vibrieren ging durch sein gesamtes Rückgrat, je länger diese äußerst lebendige Hand seine hohle Birne befummelte. Er spürte wie Leben in ihn hinein floss, durch die Schädeldecke hindurch, geradewegs in das klapprige Gerüst seines Körpers. Jeder einzelne Knochen wurde belebt von jenem energetischen Strom, der durch die Fingerspitzen des Burschen in ihn hinein gesandt wurde, fast wie bei einem unheiligen Ritual. Wie bei einer… Totenbeschwörung! Einem Leichenschmaus! Man wusste es nicht, welche Mächte dort am Werk waren, außer, dass sie wirkten und das war das Einzige, was zählte. Hätte er Augen und die dazugehörigen Lider, würde er sie glatt aufreißen, derart belebt fühlte er sich nach einem Jahrhunderte langen Schlaf. Aber nein, er musste in den Händen des Jünglings verweilen, der da so frech mit seinem Schädel spielte wie mit einem Ball! Diese Jugend, kein Respekt vor dem Alter! In den toten Augenhöhlen glommen langsam aber sicher zwei rötliche Punkte auf, die lodernden Flammenzungen zum Verwechseln ähnlich sahen. Indes erzitterte der Waldboden. Die kleinen Kieselsteine hüpften auf dem Laub auf und ab, die Regenpfützen gerieten in Wallung und die Grashalme schüttelten ihre schlanken Leiber. Sodann schoss eine knorrige, knöcherne Hand aus dem Boden hervor und fasste mit langen Fingern nach etwas, das dem verborgenen Skelett Halt bieten konnte. Tastend trippelten blanke Fingerspitzen wie kleine Spinnen über den matschigen Untergrund bis sie einen Knöchel zu fassen bekamen, der sich äußerst lebendig anfühlte. Gierig nach diesem erquickenden Gefühl verstärkte die Knochenhand ihren Griff um das Fußgelenk und zog den Rest des Arms hinter sich aus der schlammigen Erde heraus. Elle und Speiche zeigten sich, formten nach und nach einen skelettartigen Arm, der an einem staubtrockenen Skelett hing, das wiederum ruckartig aus seinem provisorischen Grab heraus stieg, dem geborgenen Arm hinterher. Der Ruck war gar so groß, dass der Schädel, der in den Händen des Knaben ruhte, vom obersten Halswirbel abgerissen wurde, woraufhin ein kopfloses Skelett seine nackten, gleichsam blanken Füße auf dem Erboden abstellte und blind umher tappste. Ein-, zweimal umkreiste es den Menschling, ehe es die Hände nach dem bleichen Schädel ausstreckte, um seinen Kopf wie ein verloren gegangenes Puzzleteil einzufordern. Währenddessen klapperte der Schädel wild mit den Zähnen, geradezu ekstatisch, als sehnte er sich nach seinem fahrbaren Untersatz. Er klapperte gar so sehr mit den Zähnen, dass der Bursche Gefahr lief, in den Finger gebissen zu werden, wenn er nicht alsbald losließ.

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