Albus hob eine bemehlte Augenbraue, kommentierte den subtilen Vorwurf mit dem Gesichtsausdruck eines verkannten Genies, das sich für etwas rechtfertigen musste, das er nicht verbrochen hatte. Sein unverhoffter, unangekündigter(!) Besuch hatte sich etwas Geordneteres vorgestellt? Nun, hätte er geahnt, dass er an diesem Tag noch Besuch bekommt, hätte er sich das Kuchenbacken gespart, ebenso das Sich-Panieren. Wer aber so gleichmütig war wie Albus, der schlug nicht wild um sich, bloß weil man ihn kritisiert hatte. Es sei denn die Kritik kam von Aberforth, dann konnte er durchaus aus der Haut fahren, wie man unlängst gesehen hatte. Obwohl kein noch so charmantes Lächeln über seine mehlige Erscheinung hinweg täuschen konnte, lächelte er dennoch charmant und konterte blitzgescheit mit einer allseits bekannten Redewendung: „Das Genie beherrscht das Chaos, nicht?“ Wer brauchte da noch Ordnung? Und ja, er war ein Genie. Kein Back-Genie, aber dafür ein Zauber-Genie. Das Schwarzhaar hatte trotzdem recht, gewissermaßen. Denn auch er, das mehrfach ausgezeichnete Genie, hatte seine Ecken und Kanten. Seine Schwächen. Denkarbeit war ihm schon immer leichter gefallen als Hausarbeit. Für Letzteres war stets seine Mutter da gewesen, warum also hätte er sich mit Backen, Kochen, Waschen und Putzen befassen sollen? Das war Frauenarbeit. Vermutlich hätte er anders darüber gedacht, sich besser vorbereitet, hätte ihm jemand gesagt, dass seine Mutter schon sehr bald von ihnen gehen würde. Er hatte noch nicht einmal die Zeit gehabt, sich mit dem Gedanken, für seine Geschwister zu sorgen, anzufreunden. Man hatte ihn so schnell in seine neue Rolle hinein katapultiert, dass sein brillanter Verstand noch hinterher hinkte mit der Verarbeitung der jüngsten Geschehnisse. Man mochte es ihm also verzeihen, dass er die gewaltige Lücke, die seine Mutter hinterlassen hatte, nicht zu aller Zufriedenheit ausfüllen konnte. Ohne Bathilda wäre er ziemlich aufgeschmissen. Nicht zuletzt deswegen, weil sich die Familie Dumbledore abgeschottet hatte vom Rest der Welt, nachdem sie nach Godric‘s Hollow umgezogen war. Niemand sollte von der Tragödie erfahren, die mit Ariana in Verbindung stand. Bathilda Bagshot war die einzige Nachbarin, der sich seine Mutter Kendra anvertraut hatte. Ansonsten hatte sie sich von allen anderen fern gehalten, um das düstre Familiengeheimnis zu wahren sowie niemanden, der ihnen zu nahe kam, zu gefährden. Letztendlich war sie ihrer eigenen Ausgrenzung zum Opfer gefallen. Hätte sie sich doch nur professionelle Hilfe ins Haus geholt, dann wäre es vielleicht nicht so weit gekommen. Es machte Albus rasend, dass er niemandem die Schuld für das, was geschehen war, geben konnte. Doch noch rasender machte ihn, dass er, als rationales Wesen, sich nicht mit der Begrifflichkeit "Unfall" abfinden konnte. Er wollte dieses schreckliche Schicksal nicht als Unfall hinnehmen. Er wollte jemandem die Schuld dafür geben und das tat er auch, indem er insgeheim seine Schwester Ariana zum Sündenbock machte. Wenn sie nicht gewesen wäre, wäre seine Mutter noch am Leben und er könnte seine Träume leben, statt hier in diesem Kaff gefangen zu sein und die Verantwortung für seine Geschwister zu übernehmen. Sein Verhältnis zu den beiden könnte nicht schlechter sein. Es war, als könnten Aberforth und Ariana spüren, was er über sie dachte, weshalb sie ihm nicht gehorchen wollten. Als wäre seine angestaute Wut greifbar für die beiden. Als wäre er der Störenfried in ihren Augen, den es aus dem Haus zu ekeln galt. Entsprechend gering war seine Motivation, für gute Stimmung zu sorgen. Er tat das Nötigste, um Ariana zufrieden zu stellen, damit sie nicht erneut spontan explodierte wie eine tickende Zeitbombe. Wenn sie wollte, konnte sie das gesamte Haus - das ganze Dorf! - binnen Sekunden in Schutt und Asche legen. Dennoch brachte er es nicht übers Herz, sie ins St. Mungo einzuweisen, wo sie eigentlich hingehörte mit ihrer psychischen Störung. Sie war nicht nur eine Gefahr für sich selbst, sondern für ihr gesamtes Umfeld. In manchen Nächten, wenn er wach in seinem Bett lag, ertappte er sich bei dem grauenvollen Wunsch, dass er lieber Ariana tot gesehen hätte statt seine Mutter. Er hasste sich für diese finsteren Gedanken, konnte jedoch nichts dagegen unternehmen. Wut war nun mal nicht rational, weshalb selbst der klügste Kopf ab und an irrationales dachte. Oder tat.
„Oh, ich habe einen Zauberstab. Er ist jedoch in der Küche und rührt in irgendeiner Schüssel“, berichtigte er Gellert, damit der bloß nicht dachte, er hätte es hier mit einem Squib - oder noch schlimmer - einem Hochstapler zu tun. Zauberstablose Magie wäre zwar auch eine Option gewesen, doch die beherrschte er noch nicht gut genug. Nicht, dass er sich noch die Nase wegzauberte oder einen anderen lieb-gewonnenen Körperteil. Albus hielt zwar viel von sich und seinen Fähigkeiten, aber er prahlte nicht mit ihnen und schon gar nicht, setzte er sie ein, wenn er sich unsicher war. Macht brachte große Verantwortung mit sich, das hatte er so sehr verinnerlicht, dass er sie nie für zerstörerische Zwecke einsetzen würde… Daher arbeitete er unentwegt an sich und seinen Zauberkünsten, um sich stetig zu verbessern und weiterzuentwickeln. Denn Stillstand bedeutete Verfall. Geistigen Verfall, wovor er sich mehr fürchtete als vor allem anderen.
Gellerts Hervorholen seines Zauberstabs nahm er wohlwollend zur Kenntnis. Es war genau das, was er gerade sehen wollte. Das Gefühl von Mehl, das sich wie eine dicke Staubschicht auf ihn gelegt hatte, war ihm nämlich außerordentlich unangenehm geworden. Vor allem in der Gegenwart eines Fremden. Eines viel zu attraktiven Fremden. Seine Geschwister empfanden das ungleiche Augenpaar vielleicht als unheimlich, verstörend gar. Er hingegen fand, dass es Gellert umso geheimnisvoller machte. Es macht ihn zu etwas Außergewöhnlichem, was wiederum Albus‘ Interesse weckte, da er ein Faible für Außergewöhnliches hatte. Gewöhnlich konnte jeder, doch nur die wenigsten waren außergewöhnlich.
Dass auch er mit einem halbwegs akzeptablen Äußeren aufwarten konnte, davon konnte sich Gellert wenig später selbst überzeugen, indem er seinen Zauberstab fachmännisch schwang und den Bemehlten von seinen Mehlschichten befreite. Zum Vorschein kam ein schlanker, drahtiger Körper, der in ordentlicher Kleidung steckte - mit Ausnahme der Schürze - und frei von jeglichem Makel war, zumindest oberflächlich. Er wies weder Narben auf noch sonstige Macken, die seine leicht gebräunte Haut entstellen könnten. Für gewöhnlich war Albus ähnlich blass wie Gellert, weil er aber seit seiner Rückkehr häufiger mit Ariana im Garten hocken und Blumenkränze flechten musste, hatte er sich diesen Sommer eine zarte Bräune eingefangen. Ansonsten wurde sein Gesicht dominiert von strahlend blauen Augen, die noch strahlender waren, wenn sie nicht gerade von Müdigkeit überschattet wurden. Seine gerade Nase harmonierte mit den hohen Wangenknochen und der markanten Linie seines Kiefers. Seit Neustem sprießten rot-braune Bartstoppeln auf seinen Wangen und seinem Kinn, wodurch er älter wirkte als er eigentlich war. Offenbar stand er auf der Schwelle zum Mannesalter, war mit den erwachenden Hormonen kantiger und maskuliner geworden. Die ihm auferlegte Vaterrolle hatte ihn zusätzlich älter, reifer gemacht - wäre da nicht diese rosa-geblümte Kochschürze, die seine Autorität ins Lächerliche zog. Wie sein munter sprießender Bartschatten war auch sein Haar von einem rötlichen Kastanienbraun durchzogen, das einen hübschen Kontrast zu seinen blauen Augen bildete. Trotz der erkennbaren Erschöpfung war sein Blick wachsam und intelligent, so voller Wissensdurst.
„Danke“, war er sich nicht zu schade, sich bei seinem Gast für die überfällige Säuberung zu bedanken. Damit auch nichts schief ging, hatte er wie befohlen still gehalten. Doch nun löste er sich aus seiner Starre, damit er sich die Schürze abbinden konnte, die eine Beleidigung für seine Männlichkeit war. Normalerweise scherte er sich nicht sonderlich darum, was andere von ihm hielten oder von ihm dachten. In Gellerts Gegenwart jedoch wollte er als das wahrgenommen werden, was er war: ein pflichtbewusstes, fürsorgliches Mannsbild, das intelligent genug war, um innerhalb kürzester Zeit abschätzen zu können, welche Schlacht sich zu kämpfen lohnte und welche nicht. Mit hoffnungslosen Fällen gab er sich erst gar nicht ab. Er verschwendete keine wertvollen Ressourcen an Banalitäten oder Nichtigkeiten. Vielmehr fokussierte er sich auf das Wesentliche und das war in seinem Fall die Wissenschaft. Denn Wissen ist Macht.
„Wie bitte? Hilflos? Ich? Nein, ganz bestimmt nicht“, erwiderte er leis lachend, als das Rabenhaar ihn abermals zu triezen gedachte. „Schieben wir es einfach auf den Zeitpunkt. Ich gewöhne mich noch an meine neue Rolle als "Putzfrau" und "Dienstmädchen" meiner Geschwister. Wie du siehst, liegen meine Talente überall anders, bloß nicht in der Küche“, fügte er erklärend an in der Hoffnung, somit seine Ehre verteidigen zu können. „So, meint sie das? Wie kommt sie bloß darauf?“, bewies er mit dem nächsten Atemzug, dass er ebenfalls sarkastisch sein konnte. Ja, wie kam Bathilda bloß darauf, dass Gellert und er Freunde werden könnten? Auf den ersten Blick schien es, als könnten sie nicht unterschiedlicher sein. Abgesehen von den offensichtlichen Dingen, war Gellert darüber hinaus sehr viel düsterer, spöttischer und selbstgefälliger als Albus. Albus konnte überhebliche Menschen nicht gut leiden, weswegen er sich umso mehr darüber wunderte, dass er sich zu Gellerts Optik hingezogen fühlte, obwohl er bis dato davon ausgegangen war, für Äußerlichkeiten nicht empfänglich zu sein. Ihm waren andere Werte wichtiger wie etwa Bescheidenheit, Gutmütigkeit und Scharfsinn. Bislang hatte er sich höchstens in den Charakter eines Menschen verliebt, nicht in dessen Aussehen. Falls man seine wenige Erfahrung mit der Liebe überhaupt als Maßstab nehmen konnte. Dass er homosexuell war, damit hatte er sich längst abgefunden, aber nicht damit, dass er womöglich eine Vorliebe für narzisstische Persönlichkeiten haben könnte. Das widersprach so ziemlich allem, wofür Albus stand. Sein Freund Elphias war alles andere als eine Schönheit, trotzdem hatte er ihn gemocht. Sehr sogar. Vielleicht wäre aus ihnen ein Paar geworden, hätten sie wie geplant die Welt gemeinsam bereist. Wenn aber Bathilda als außerordentlich kluge Frau der Meinung war, dass sie beide Freunde werden könnten, musste etwas dran sein. Derartiges sagte sie bestimmt nicht leichtsinnig. Albus war neugierig, was sie so denken ließ, weswegen er beschloss, dem sonderbaren Gellert eine Chance zu geben. „Bitte, setz dich doch“, fand er seine Manieren wieder und wies auf die zerschlissene Couch, die schon bessere Zeiten gesehen hatte. Fürs Sitzen - und Springen - war sie aber noch gut genug, weshalb er nicht gedachte, sie gegen eine Neue auszutauschen. Zumal das Geld dafür fehlte. "Bathilda ist also deine Großtante? Bist du diesen Sommer das erste Mal bei ihr zu Besuch? Ich habe dich hier vorher noch nie gesehen. Du wärst mir bestimmt aufgefallen“, verfiel er ins Plaudern so wie es die Klatschtanten bei Kaffee und Kuchen taten mit dem Unterschied, dass sie keinen Kaffee und Kuchen hatten. Dabei merkte Albus nicht, dass er etwas zu interessiert wirken könnte mit seinem Nachsatz, dass Gellert ihm aufgefallen wäre, hätte er sich schon eher im Dorf rumgetrieben. „Sie hat dich noch nie erwähnt“, merkte er außerdem mit gerunzelter Stirn an als hätte sich Gellert damit verdächtig gemacht, das schwarze Schaf der Familie zu sein, über das niemand sprechen wollte. Geschweige denn bei sich haben.