Der Rauswurf aus Durmstrang war zu erwarten gewesen. Ein einfaches Gespräch in einem Raum mit drei Männern, darunter der Schulleiter, sein Vater und der Vater jenes Schülers, der seines Lebens nicht mehr froh werden würde. Zwei von ihnen hatten ihren Zauberstab unausgesprochen gezogen. Gellert war einer von ihnen. Sie hatten seine Akten vor sich ausgebreitet wie eine Autopsie. Gefährliche Experimente. Grenzüberschreitungen. Ein Zwischenfall, der beinahe tödlich geendet wäre, hieß es darin. Höflich und aufmerksam hatte der junge Zauberer zugehört. Er hatte nicht widersprochen, weil es nichts zu widersprechen gab. Alles, was sie sagten, stimmte. Und dennoch war es lächerlich. Sie sprachen von Verantwortung, während er es als Notwendigkeit sah. Sie wollten Reue sehen, er hingegen bot ihnen eine Logik, die sie nicht verstanden. Der Moment, in dem sie begriffen, dass sie ihn nicht mehr kontrollieren konnten, war unausweichlich gewesen. Ein Blickwechsel. Eine Entscheidung. Durmstrang hatte viele dunkle Dinge geduldet, aber keinen Schüler, der nicht bereit war, sich selbst Grenzen zu setzen. Als sie ihm sagten, dass er gehen müsse, nickte Gellert nur.
Der Zug verließ den Norden früh am Morgen. Das Land glitt an ihm vorbei wie etwas, das bereits hinter ihm lag. Er hatte Durmstrang nicht geliebt, aber es hatte ihn zugegebenermaßen geformt. Ihm gezeigt, wie weit er gehen konnte, bevor selbst die Dunkelheit vor ihm zurückwich. Seine Familie hatte auf die Nachricht reagiert, wie er es erwartet hat. Still und unpersönlich. Ein Brief, distanziert formuliert, zwar ohne Vorwurf aber genauso ohne Trost. Man habe entschieden, dass ein weiterer Aufenthalt unter ihrem Dach nicht… ratsam sei. Sein Weg habe eine Richtung eingeschlagen, die sie nicht mittragen könnten. Gellert faltete das Schreiben sauber zusammen und verbrannte es ohne Zögern. Blut verpflichtete nur, wenn es nützlich war und an der Stelle, an der man ihm den Rücken kehrte, war die Nutzlosigkeit dahingeschwunden. Die Entscheidung, ihn nach England zu schicken, war ebenso pragmatisch. Bathilda Bagshot - seine Großtante. Historikerin. Eine Frau, die hoffentlich verstand, dass Wissen keine moralische Dimension besaß, sondern nur Konsequenzen. Godric’s Hollow war ruhig, abgeschieden und alt. Ein Ort voller Geschichte. Voller Mythen. Vor allem aber voller Spuren.
Gellert hatte sich bereits in Durmstrang mit dem Märchen beschäftigt. Beedle der Barde. Die drei Brüder. Der Tod, der überlistet worden war. Es war kein Kinderbuch für ihn gewesen, sondern eine Hypothese. Eine Spur. Und Godric’s Hollow war einer der wenigen Orte, an denen Geschichte und Legende sich so dicht überlappten, dass sie kaum voneinander zu trennen waren. Wenn es Hinweise gab, dann hier. Bathilda erwartete ihn nicht am Bahnsteig. Ihr Haus stand leicht zurückgesetzt von der Straße, umgeben von Hecken, die schon bessere Zeiten gesehen hatten. Als sie ihm die Tür öffnete, musterte sie ihn lange mit einem Blick, der weder tadelnd noch warm war. „Du bist gewachsen“, stellte sie fest. „Nicht genug“, erwiderte er. Das gefiel ihr. Er sah es an dem kaum merklichen Zucken um ihre Mundwinkel. Sie stellte keine Fragen zu Durmstrang und tat nicht so, als sei da etwas zu reparieren. Sie zeigte ihm das Gästezimmer, den Schreibtisch und den Blick auf den Garten. Erwähnte beiläufig die Bibliothek. Sagte, dass sie viel arbeite und wenig störe. Dass er tun könne, was er wolle, solange er keine Dummheiten mache, die den Ort gefährdeten. Grindelwald versprach nichts.
In den ersten Tagen beobachtete er viel. Godric’s Hollow war klein. Ein Dorf, das zu viel gesehen hatte, um noch überrascht zu werden von einem Jungspund wie Gellert. Und dann war da der andere Name. Dumbledore. Albus Dumbledore. Gellert hörte ihn, bevor er ihn selbst gesehen hat; in Nebensätzen, in Andeutungen, in Bathildas gelegentlichen Bemerkungen. Ein junger Mann, außergewöhnlich begabt hieß es, gerade erst aus Hogwarts zurück. Eine Familie, die vom Schicksal nicht verschont geblieben war. Eine Schwester, über die man nicht sprach. Ein Bruder. Und ein Albus, der zu viel wusste und zu wenig tat. Interessant. Gellert erkannte das Muster sofort. Isolation. Intelligenz. Verantwortung, die wie eine Kette wirkte. Albus war laut den Erzählungen kein gewöhnlicher Zauberer, was im Umkehrschluss bedeutete, dass er ein Rohdiamant war, der sich selbst bremste. Gellert lächelte, als ihm das klar wurde. Durmstrang hatte ihn fortgeschickt, weil er zu weit gegangen war. Seine Familie hatte sich von ihm gelöst, weil sie den Weg nicht mitgehen wollte. Godric’s Hollow war kein Exil, höchstens eine Übergangsstation. Ein Ort, an dem Ideen wachsen konnten, die größer waren als Schulen, größer als Familien, größer als feige Kompromisse.Des Nachts saß er am Schreibtisch, das Märchen von den Heiligtümern vor sich ausgebreitet, und dachte an Macht und Ordnung. An eine Welt, die nicht länger von Angst regiert wurde. Und an Albus Dumbledore als Möglichkeit. Wenn es jemanden gab, der ihn verstehen konnte, dann war es jemand wie Albus, vorausgesetzt er hielt was die Geschichten über ihn versprachen. Wenn es jemanden gab, der stark genug war, an seiner Seite zu stehen, dann musste er klug genug sein, nicht zurückzuschrecken.
Bathilda Bagshot trank ihren Tee, der Nachmittag hing still im Haus, das Licht fiel schräg durch die Gardinen und zeichnete Staubkörner in die Luft, als wären sie Gedanken, die noch keinen Platz gefunden hatten. Gellert saß ihr gegenüber, sein Blick war wach, aufmerksam und von jener unruhigen Klarheit, die nicht aus Erwartung entstand. Sein Gesicht war schmal, die Züge bereits markant, fast zu erwachsen für sein Alter. Die zwei unterschiedlich gefärbten Augen, eines heller, eines dunkler, gaben seinem Blick etwas Irritierendes, als würde er die Welt immer aus zwei Perspektiven gleichzeitig betrachten.
„Du arbeitest viel.“, stellte Bathilda fest und blickte über den Rand ihrer Tasse hinweg zu ihm. „Es gibt hier viel zu lesen“, erwiderte Gellert ruhig. „Mehr, als ich erwartet hatte.“
„Godric’s Hollow sammelt Dinge“, sagte sie mit einem wissenden Lächeln auf ihren Lippen. „Geschichten, Namen, Spuren. Manche bleiben. Manche verschwinden.“ Er lächelte interessiert. „Und manche kehren zurück.“
Bathilda stellte die Tasse ab. „Du gehst kaum hinaus.“
„Ich habe keinen Grund dazu.“
„Noch nicht“, korrigierte sie ihn sanft und musterte ihn einen Moment länger, dann lehnte sie sich zurück. „Albus Dumbledore ist zurück in der Gegend.“ Gellert hob kaum merklich den Blick. „Ich weiß.“
„Natürlich weißt Du das“, sagte sie trocken. „Du weißt immer mehr, als man Dir zutraut.“ Er zuckte mit den Schultern. „Man redet.“
„Man redet selten über Albus.“, entgegnete Bathilda. „Und wenn, dann falsch.“ Das weckte sein Interesse mehr als ihr Vorschlag selbst. „Falsch in welcher Hinsicht?“
„Er ist weder das eine noch das andere.“, lautete ihr fragwürdiges Urteil. Gellert lehnte sich minimal vor. „Und was ist er?“ Bathilda lächelte schmal. „Allein.“ Das Wort blieb zwischen ihnen stehen. Gellert ließ es wirken, ohne es zu kommentieren. „Er ist klug“, fuhr sie fort. „Brillant. Und gerade deshalb in einer schwierigen Lage. Verantwortung ist ein schweres Gepäck für jemanden, der lieber denkt als gehorcht.“ Gellert nickte langsam. „Klingt… anstrengend.“
„Für alle Beteiligten.“ Sie sah ihn jetzt direkt an. „Ich dachte, ihr solltet euch kennenlernen.“ Er ließ sich Zeit mit der Antwort. „Damit ich einen Freund finde?“ fragte er schließlich. Bathilda hob eine Braue. „Ich dachte, das wäre offensichtlich.“
„Freunde sind… unzuverlässig“, sagte er ruhig. „Sie erwarten Dinge.“
„Das tun Menschen immer“, entgegnete sie. „Aber Albus ist keiner, der leichtsinnig fordert.“
„Und warum gerade er?“ fragte Gellert. „Warum nicht irgendein anderer junger Zauberer mit ausreichend Freizeit und mäßigem Verstand?“ Jetzt lachte sie leise. „Weil ihr euch sonst langweilen würdet.“ Das gefiel ihm. Er lächelte diesmal offen, nahezu charmant. „Du unterschätzt mich“, sagte er. Ein kurzer Moment des Schweigens folgte. Dann stand Gellert auf und trat zum Bücherregal, ließ die Finger über die Rücken gleiten, als würde er sie zählen. Seine Stimme kam beiläufig, fast gedankenverloren. „Albus Dumbledore interessiert sich für Geschichte?“
„Sehr.“
„Für alte Magie?“
„Mehr als gut für ihn ist.“
Gellert zog ein schmales Buch hervor, blätterte darin, ohne wirklich zu lesen. „Für Märchen?“ Bathilda beobachtete ihn aufmerksam. „Das kommt darauf an, was man unter Märchen versteht.“ Er drehte sich halb zu ihr um. „Manche Märchen sind nur schlecht erinnerte Wahrheiten.“
„Oder gefährliche Vereinfachungen“, gab sie zurück.
„Oder Einladungen“, sagte er leise. Jetzt stand sie ebenfalls auf. „Was suchst Du, Gellert?“ Ohne auszuweichen sah der Jüngling sie an. „Zusammenhänge.“
Sie nickte langsam. „Das tun Historiker auch.“
„Dann kennst Du sicher die Geschichte der drei Brüder“, sagte er beiläufig. „Die mit dem Fluss.“ Bathilda lächelte dünn. „Beedle der Barde. Ja.“
„Glaubst Du, dass sie erfunden ist?“ fragte er.
„Ich glaube“, sagte sie ruhig, „dass jede Generation selbst entscheidet, wie viel Wahrheit sie erträgt.“ Er hielt ihren Blick. Ein Funken Anerkennung blitzte auf. „Dann wäre es klug“, meinte er, „mit jemandem zu sprechen, der die Wahrheit ebenfalls erträgt.“ Bathilda sah ihn lange an. Dann nickte sie. „Ich werde euch vorstellen.“ Gellert neigte den Kopf leicht. „Ich bin gespannt“, sagte er. „Auf Albus Dumbledore.“ Auf jemanden, der vielleicht verstand, dass manche Märchen mehr waren als Geschichten und dass es Menschen gab, die bereit waren, ihnen zu folgen.
Gellert hatte schon viele seltsame Begrüßungen erlebt. Aber das hier rangierte mühelos unter den Top drei. Er stand im Flur des Hauses Dumbledore, einen Schritt zu spät, um der Dame auszuweichen, und einen Schritt zu früh, um sich elegant aus der Situation zu ziehen, und betrachtete das Bild, das sich ihm bot, mit einer Mischung aus stiller Belustigung und aufrichtiger Fassungslosigkeit. Das also war Albus Dumbledore. Für wahr nicht der brillante Geist, von dem Bathilda mit diesem kaum verhohlenen Stolz gesprochen hatte. Nicht der junge Mann, dessen Name in akademischen Nebensätzen gefallen war, als handele es sich um eine kommende Größe. Sondern ein… Mehlwesen. Ein wandelnder Sack Weißpulver mit zerzausten Haaren und einem Blick, der so hilflos zwischen Entschuldigung und Panik pendelte, dass Gellert sich ernsthaft fragte, ob man ihn aus Versehen beim Backen vergessen hatte. Sein Blick glitt langsam an Albus hinab, blieb an den Schultern hängen, an denen das Mehl klebte wie eine besonders schlechte Tarnung, und wanderte wieder nach oben. Die zwei verschiedenfarbigen Augen Gellerts blitzten amüsiert auf. „Ah.“, sagte er schließlich ruhig, fast freundlich. „Dann ist das hier also das berühmte Dumbledore-Chaos.“ Er ließ den Blick kurz durch das Wohnzimmer schweifen: das verstummte Mädchen, das ihn anstarrte, als wäre er aus einem Märchen gefallen; der missmutige Bruder mit der aggressiven Schulter; die Großtante, die mit einem Putzlappen Krieg führte. Dann wieder zurück zu Albus. „Ich hatte mir etwas… Geordneteres vorgestellt“, fügte er wenig beeindruckt hinzu. „Aber ich schätze, jede Legende braucht ihre Schwächen.“ Als Aberforth ihn anrempelte, bewegte Gellert sich kaum. Nur ein leichtes Verdrehen des Kopfes, ein schmaler Seitenblick, während er darauf verzichtete, etwas zu der Aktion zu sagen. Menschen, die so offensichtlich provozierten, verdienten keine Reaktion, schon gar nicht von ihm. Seine Aufmerksamkeit kehrte sofort zu Albus zurück, der sich sichtbar zwischen ihn und das Chaos stellte, als könne er irgendetwas beschützen, das er selbst kaum unter Kontrolle hatte. Mutig dachte Gellert. Oder naiv. Als Albus begann, sich entschuldigend zu erklären und sich dabei noch mehr Mehl in die Haare rieb hob Gellert eine Augenbraue. „Niemand würde sich freiwillig so… panieren.“, erwiderte er gelassen. Der Hauch eines Grinsens zuckte über seine Lippen. Dann bat Albus um Hilfe. Gellert sah zuerst auf die leere Stelle an dessen Hüfte, wo ein Zauberstab hätte stecken sollen. Dann wieder in Albus’ Gesicht. Dieses vorsichtige, hoffnungsvolle, beinahe schuldbewusste Gesicht, als hätte er Angst, mit der Bitte bereits zu viel verlangt zu haben. Merkwürdig dachte Gellert. Das hier soll der klügste Kopf seiner Generation sein? Argwöhnisch ließ er sich Zeit - jedenfalls genug, um Albus’ Verlegenheit wachsen zu lassen und sich an ihr zu ergötzen. „Du hast keinen Zauberstab“, stellte er schließlich fest. „Und versuchst trotzdem zu backen.“ Ein leises, echtes Lachen entwich ihm, unverkennbar amüsiert. „Das erklärt einiges.“ Er zog seinen eigenen Zauberstab hervor, drehte ihn spielerisch zwischen den Fingern, als sei es eine beiläufige Geste, kein Machtsymbol. Sein Blick ruhte dabei aufmerksam auf Albus’ Gesicht, weniger interessiert an dessen Aussehen als an seiner Reaktion. „Steh still“, sagte er beiläufig befehlend. „Sonst verteile ich das Mehl nur gleichmäßiger.“ Mit einer präzisen, sauberen Bewegung sprach er den Zauber. Das Mehl löste sich, als hätte es nie existiert und rieselte unsichtbar davon. Gellert senkte den Zauberstab, musterte sein Werk und nickte knapp. „Besser“, befand er sein Werk und betrachtete den jungen Mann mit einem schiefen Lächeln auf dem Lippenpaar. „Auch wenn ich befürchte, dass das Problem nicht ausschließlich kosmetischer Natur war.“ Er steckte seinen Zauberstab weg und trat einen halben Schritt zurück, musterte Albus erneut, diesmal jedoch weniger belustigt, dafür prüfender. „Bathilda meint, wir könnten Freunde werden“, sagte er mit ruhiger Stimme offen heraus. Sein Blick funkelte spitzbübisch. „Sag mir, Albus Dumbledore“, fuhr er fort, neugierig, aber noch immer leicht herablassend, „bist Du immer so… hilflos? Oder habe ich Dich einfach zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt erwischt?“