Beiträge von Calandra

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    Marcus ließ den Blick über das verschneite Tal gleiten und betrachtete es mit der gleichen Gewissheit, wie ein König sein Königreich betrachtete.
    Vom winzigsten Kiesel bis zu den majestätischen Harpyien gehörte alles der Blackthorne-Familie. Wobei die Harpyien da sicherlich anderer Ansicht waren. Die geflügelten Kreaturen besaßen ein erstaunliches Maß an Intelligenz, Familienzusammengehörigkeit und emotionales Verständnis. Die einzige Gefühlregung, die er von den geflügelten Scharen gewohnt war, war definitiv Zorn. Sie lebten in Frieden, so lange Marcus die Langeweile nicht zu einer Jagd auf den Berg trieb. Es kam nicht oft vor, aber das reichte den leicht reizbaren Flugwesen. Für den Moment reichte es, dass sie genügend Magie in ihren Körper bündelten, um Lysandrea ein wenn auch blutiges Festmahl zu bereiten. Der Jäger in seiner Brust konnte es kaum erwarten, die Drachendame bei der Jagd zu beobachten. Die Vorfreude hätte ihm fast ein äußerst zufriedenes und erregtes Grollen entlockt. Fast.
    Darüber, was noch alles in den Bergen hauste, war sich niemand wirklich sicher. Anselm schwor darauf eine größere Machtquelle in den Tiefen des Gesteins zu spüren, aber bisher hatte sich nichts an die Oberfläche getraut und da Marcus‘ Interesse für die industriellen Zweige des Familienreichtums in Grenzen hielten, lagen die weitläufigen Minen in den Berghängen bereits seit langer Zeit still.
    Den spöttischen Kommentar zur Wahl des Jagdgebietes prallte an dem hochgewachsenen, eleganten Mann ab. Marcus zeigte sich beinahe ein wenig enttäuscht, weil Lysandreas Spott allmählich an Biss verlor. Für ihre Verhältnisse wirkte die hübsche aber emotional kühle Frau in seinem Arm erstaunlich handzahm. Auch hier vertraute er auf Anselms Urteil. Der Leprechaun hatte ihn in einer ruhigen Minute gewarnt. Lysandrea war fast komplett ausgezehrt, auf magischer und mystischer Ebene. Eine erneute Verwandlung könnte sowohl tödlich als auch die letzte Rettung sein.
    "Es fehlt nur noch ein zufälliger Schneesturm und ein wenig heißer Kakao", schloss Lysandrea ab und blieb trotz ihres Hohns weich und kooperativ in seinem Arm. Marcus schmunzelte dunkel und trat weiter in das Innere des Zimmers um Lysandrea in einem der bequemen und mit dunkelgrünem Samt überzogenen Ohrensessel abzusetzen.
    "Reichtum bewegt vieles und so gern ich dir deinen Wunsch nach Zweisamkeit in einer eingeschneiten Berghütte erfüllen würde, gehört das Wetter bedauerlicherweise nicht dazu", erwiderte Marcus ungerührt von ihrer abweisenden Haltung und ging sogar soweit ihr mit dem Daumen über das Kinn ihres Porzellangesichts zu streicheln.
    Die Geste war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Verlockend, sanft aber mit einem unübersehbaren Besitzanspruch, der sich in dem leichten Druck seiner Fingerspitzen versteckte. Danach wandte er sich um und tippte etwas in sein Smartphone. Wenige Minuten später klopfte es an der Tür und der Butler aus dem Foyer trat ins das Zimmer. Tatsächlich stellte er die erwähnte Tasse mit dampfendem Kakao vor Lysandrea auf dem kleinen Tisch ab. Marcus verkniff sich ein überhebliches Grinsen und sein Angestellter verschwand ohne ein weiteres Wort wieder durch die Tür. Beiläufig schlüpfte er aus seinem Pelzmantel, zog auch das Jackett aus und öffnete die ersten Knöpfe seines Hemdes um es sich bequem zu machen. Als er die Ärmel seines Hemdes bis zu den Ellbogen hochkrempelte, ließ sich auch die Chimaera endlich wieder blicken. Allerdings nur auf dem Unterarm, der am nächsten zum Feuer war.
    "Ansonsten ist mir eine Freunde, dir all deine Wünsche zu erfüllen. Du musst mich nur darum bitten, Liebes."

    Ganz langsam kam Jax wieder runter. Sekunden entwickelten sich zu Minuten. Es war ein stetiges Tröpfeln von Zeit, das stumme Ticken einer unsichtbaren Uhr. Die verschwommenen Konturen an den Rändern seines Sichtfeldes nahmen wieder scharfe Konturen an. Das Gefühl kehrte in seine Fingerspitzen zurück, die über warme und nackte Haut streichelten. Jax kam das erste Mal genug zu Atem, um die Berührung ganz bewusst wahrzunehmen. Wie sich seine Finger in die Muskeln unterhalb der scharfen, hervorstehenden Linie eines Schulterblattes drückten. Die sanften Erhebungen der Wirbelsäule, sobald er die Hand ein wenig zur Seite schob. Wie sich Cass‘ Rücken bei jedem Atemzug in seine Handfläche schmiegte.
    Das grelle, kaltweiße Neonlicht über ihren Köpfen, stach ihm in den Augen, als er die Lider anhob und nichts erblickte außer nackter, blasser Haut. Ein dezenter Rotschimmer hatte sich über die Kehle, die Schulter und ein Stück die Brust hinunter ausgebreitet. Ein unstetes Flackern durchzuckte seine geweiteten Pupillen, als sich sein Blick auf die Abdrücke seiner eigenen Zähne in geröteter Haut heftete. Der Beweis seines Kontrollverlustes schrie ihm höhnisch ergeben, bleckte symbolisch die Zähne. Jax war so absurd fixiert auf dieses winzige Fleckchen malträtierter Haut, dass er erst bemerkte, wie Cassian seine Hand unter dem Bund der Trainingshose hervorzog, als der Dieb die warmen Lippen gegen seinen Handrücken drückte. Ein Beben durchlief den dazugehörigen Arm, vom Handgelenk bis zur Schulter. Die Geste war zu sanft und beinhaltete so viel Zärtlichkeit, dass etwas in Jax‘ Brustkorb splitterte. Er hörte Cassian nicht. Da war nur das Pochen seines eigenen Herzschlages in seinen Ohren und die glühende Stirn an seiner. Es wurde fast zu viel. Jax spürte, wie sich sein Körper wieder anspannte, wie sich die Muskeln unter der Intimität und Nähe verkrampften – wäre da nicht die Hand in seinem Nacken gewesen, die ihn erdete. Ein Daumen streichelte beinahe beruhigend über seine Haut. Es war auf eine schmerzhafte und befremdliche Weise tröstlich, von der Jax niemals gedacht hätte, dass er sich eines Tages danach sehnen könnte. Er fühlte sich unangenehm gesehen. Das war schon einmal passiert, in der verwüsteten Küche im Loft. Wie Cass das anstellte, war ihm schleierhaft.
    Widerstandlos lockerte Jax den Käfig seiner Arme und Cassian glitt von seinem Schoß. Der plötzliche Verlust der Wärme eines anderen Körpers war ein Schock. Seine Finger krümmte sich um Luft, die ihm weder Halt noch Wärme bot. „Holy shit…“

    Jax‘ Blick schnappte ruckartig zu Cass, der sich offensichtlich schneller wieder fing als er, wäre das nicht die verräterische Beule unter dem Stoff gewesen. Erst jetzt realisierte er, dass Cassian trotz seines klangvollen, sündhaften Stöhnens und Keuchens nicht gekommen war. Er runzelte die Stirn, aber da Cass beschloss das Problem zu ignorieren, tat Jax es ihm gleich. Mit gesenktem Blick rieb er sich über die Oberarme und wich damit gezielt dem amüsierten Blick des Streuners aus.
    „Für einen Hetero hast Du das verdammt überzeugend durchgezogen.“
    Gott, er musste nicht einmal hochschauen. Jax konnte das Grinsen in jeder einzelnen Silbe hören. Ab heute würde der Dieb unausstehlich sein. Mit verkniffener Miene trank er ein paar Schlucke um seine ausgedörrte Kehle zu beruhigen. Cassian begann ziellos am Rand des Boxrings entlang zu wandern. Jax wusste genau, was der Dieb damit bezweckte und es machte den aufgebrochenen, schmerzlich wunden Teil in seiner Brust noch ein wenig größer. Instinktiv oder vollkommen bewusst, aber er schenkte ihm Raum zum Atmen, zum Denken. Zeit um die Trümmer aufzusammeln, die Cass eigenhändig zu seinen Füßen verteilt hatte.
    „Diese drittklassigen Kellnerinnen würden heulend in den Staub kotzen, wenn sie wüssten, wie Du gerade gekommen bist.“
    „Cass!“, explodierte Jax empört, aber da war es bereits zu spät. Er konnte es fühlen.
    Die Hitze die seinen Nacken hinaufkroch, sich über sein Gesicht ausbreitete und selbst seine Ohren nicht verschonte. Letztere glühten mit der Beleuchtung des Studios um die Wette. Das war keine Lust, keine Begierde. Das war Scham. Reinste, unverfälschte Scham und Jax wünschte sich im Stillen, dass ich unter seinen Füßen ein schwarzes Loch auftun und ihn verschlucken würde. Endlich schien sich Jax auch daran zu erinnern, dass ihm die Hose praktisch immer noch in den Kniekehlen hing. Hastig zog er sich das Kleidungsstück über die Hüften.
    Mit den Händen fuhr er sich peinlich berührt über das brennende Gesicht. Er wirkte plötzlich um ein paar Jahre jünger, eher wie ein Teenager und weniger wie ein brutaler, angsteinflößender Schläger. Er presste sich eine Hand auf die Augen und schüttelte ungläubig den Kopf. Durch die gespreizten Finger funkelte er Cassian mit einem Auge an.
    „Das ist übrigens meine Hose, die du da gerade ruiniert hast…“, gab er möglichst trocken von sich. Er nickte in Richtung der eindeutigen Flecken, die Cass auf dem dunklen Stoff hinterlassen hatte. Jax gab sich noch einen Moment, strich sich das Haar aus der Stirn zurück und hievte sich auf die Beine. Das zerknitterte T-Shirt rutschte zurück an Ort und Stelle. Cassian grinste immer noch unverschämt, als er ihm die Wasserfalsche zurückreichte.
    „Hör auf damit…- Sieh mich nicht so an, du weißt ganz genau, was ich meine!“, knurrte Jax halbherzig und drückte Cass gleich im Anschluss seine Sweatshirt-Jacke in die Hände, damit er das verschwitzte T-Shirt nicht wieder anziehen musste. Sein Blick flackerte zu dem Bissabdruck über seinem Schlüsselbein. Die Ränder schwollen bereits an und das Rot sah so schmerzhaft aus, dass Jax‘ Mundwinkel sich schuldbewusst verzogen. Das war nicht seine Art, zumindest nicht bisher. Sicherlich packte er seine Partnerinnen nicht mit Samthandschuhen an und bisher hatte sich keine der Damen beschwert, aber ein Biss wie dieser…das war neu. „Tut mir leid deswegen.“
    Vielleicht hatte sein Gehirn noch keine brauchbare Konsistenz angenommen, aber für einen Sekundenbruchteil gefiel ihm die Aussicht sogar. Er hatte diese Spur auf Cass hinterlassen. Für den Moment ließ er die Wärme zu, die der Anblick auslöste. Jax beschloss, die angaloppierende Lebenskrise und das Mir-fällt-das-Universum-auf-den Kopf-Problem auf die Minute zu verschieben, in der er am Morgen aufwachen würde. Äußerlich wirkte er ruhig, ein wenig zu ruhig, zu gelassen, aber glaubte nicht, dass Cassian ihm die Show auch nur eine Sekunde abkaufte. Bei jedem Schritt, jedem Blick in Cass‘ Richtung knackte es ein weiteres Mal in seiner Brust. Die Risse wurden breiter und öffneten neue Abgründe, von denen sich Jax wissentlich abwandte.
    Er humpelte ein paar Schritt vor und drehte sich dann halb zu Cass auf. „Willst Du da Wurzeln schlagen und Moos ansetzen? Lass uns nach Hause gehen.“

    Jax sog scharf die Luft ein, als sich Cass hemmungslos gegen seine Hand drückte. Er bildete sich ein, spüren zu können, wie die eindeutige Härte unter seinen zögerlichen und gleichzeitig neugierigen Fingern zuckte. Cass schien die Berührung zu genießen, mehr noch als das, er ging vollkommen darin auf, dabei trennten sie noch zwei lächerliche Stoffschichten. Jax wagte einen flüchtigen Blick unter gesenkten Augenlidern hindurch in das Gesicht des Diebes, das seinem gefährlich nah gekommen war. Der pure Anblick entlockte ihm ein atemloses Keuchen. Leuchtende, glasige Augen, als erlebte Cass gerade das verdammt beste High seines Lebens. Das Verlangen brannte in ihnen und drohte Jax mit Haut und Haaren zu verschlingen. Er reckte den Kopf um kühn in die angebotene Unterlippen zu zwicken. Eine gehauchte Andeutung von Zähnen, ehe das nächste Stöhnen geradewegs in seinen Mund floss und Jax mit begierig dabei zusah, wie die rosigen, erhitzten Wangen noch intensiver glühten. Das hatte er getan. Das war sein Werk. Cass sah jetzt schon völlig fertig aus. Wegen ihm.
    „Scheiße, Jax…“, murmelte Cass und Jax antwortete mit einem tiefen, kehligen Knurren. Ja, scheiße.
    Ein heißkalter Schauer prickelte seine Wirbelsäule entlang. Die neue Tonlage, so rau und verrucht, stellte ganz verbotene Dinge mit seinen Nervenenden an. Wie ein Blitzschlag schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er von diesem Klang nie wieder genug bekommen würde. Durch die irrwitzige Erkenntnis angespornt, erhöhte er den Druck seiner Hand, aber das reichte Cass noch nicht. Der Passivität langsam überdrüssig, legte sich eine Hand über seine und übernahm die Führung. Die Unsicherheit, die sich unwillkommen und störend in seinen Hinterkopf bohrte, verflüchtigte sich schlagartig weil Cassian ihn dafür mit einer wunderschönen und obszönen Melodie aus Keuchen und stockenden Atemzügen belohnte. Jax drehte den Kopf, seine Lippen streiften die Stirn, die noch wenige Sekunden zuvor an seiner Wange geruht hatte.
    Die Sanftheit der unwillkürlichen Geste ließ Jax zurückzucken. Dankbarerweise sorgte Cass für Ablenkung - eine Hand in seinem Rücken, Haut auf Haut, und ein Becken, das sich fordernd an ihn presste bis die Hände in der Hitze zwischen ihren Leibern eingeklemmt waren. Es war bestimmt kontraproduktiv, aber Jax packte beherzt unter Cass Gesäß und zog den Dieb tiefer in seinen Schoß. Mit einem dumpfen Aufprall knallte sein Hinterkopf gegen die Wand in seinem Rücken und ließ ihn Sterne sehen während die verführerischen Lippen an seinem Hals ihm den Rest gaben.
    „Ich will das zu Ende bringen, Jax. Ich will Dich zu Ende bringen.“, stöhnte Cass und Jax verlor jeglichen Rhythmus.
    "Verdammt, Cass", keuchte er. "...Du, du bist...-Shit! Kannst du nicht einmal...Ah! Erinnere mich daran, dich nächstes Mal zu knebeln..."
    Die letzten Worte presste Jax mühevoll zwischen den Zähnen hervor. Wem machte er etwas vor? Wie Cass ihm ins Ohr stöhnte und ihm all diese heißen Worte einflüsterte, ließ seine schmerzlich vernachlässigte Härte verräterisch zucken. So oft er es auch verfluchte, er stand auf Cass' loses Mundwerk. Als hätte der Lockenkopf seine Gedanken gelesen, packte er zwischen ihre zuckten und sich aneinander drängenden Leiber. Die Berührung presste ihm die Luft als heiseres Keuchen aus den Lungen. Wie ein unerwarteter Schlag direkt in die Magengrube. Jax versenkte seine Zähne in dem ausgeprägten Schwung des Schlüsselbeins um das bisher lauteste Stöhnen aus seiner Kehle zu dämpfen.
    Blind fummelte er am Bund der Trainingshose, fluchte unverständlich, weil er sich weigerte seinen Biss zu lockern, ehe eine seiner Hände endlich den Weg unter den Stoff fand. Jax hatte sich längst von allem Zögern und seinem Gehirn verabschiedet. Es fehlte dem Blonden an Finesse, als er Cass' steifes Glied in einem ungünstigen Winkel umfasste und massierte, aber nicht an Enthusiasmus. Die Bemühungen stockten. Jax konnte sich nicht konzentrieren, weil...weil Cass...Gott, Cass.
    Es überrollte Jax wie eine Welle. Vollkommene Reizüberflutung ließ die letzten Synapsen in den Windungen seines Verstandes explodieren wie ein zu früh gezündetes Feuerwerk. Jax presste seinen Mund gegen Cass' Schulter um den erlösenden Laut zu ersticken, als sein ganzer Körper sich versteifte und schließlich in ein heftiges Beben überging. Er kam. Heftig. Und viel schneller als ihm lieb war. Jax ergoss sich über die geschickten Finger und der lustvolle Schock ging ihm durch Mark und Bein. Schweiß perlte ihm über die Schläfen. Der Blonde krümmte sich in Richtung Cassian, schlang einen Arm um seinen Rücken und presste ihn an sich. Brust an Brust, bis kein Blatt mehr dazwischen passte.

    Jax musste gestorben und geradewegs zur Hölle gefahren sein - oder in den Himmel. Es kam darauf an, aus welcher Perspektive er seine Lage betrachtete. Im Augenblick kniete die teuflische Inkarnation der puren Sünde zu seinen Füßen und dem Glitzern in den grünen Augen nach zu urteilen, hatte er eindeutig zu viel Spaß daran, ihn aus der Fassung zu bringen. Was Cass da gerade mit seiner Zunge und seiner Kehle anstellte, sollte physikalisch unmöglich sein. Da konnten die Damen im Blue Orchid einpacken. Überwältigende Hitze und Lust strömte durch sämtliche seiner angespannten Muskeln, von den verkrampften Zehen bis in seinen wummernden Schädel.
    Das Seil ächzte bedrohlich in seinem eisernen Griff, weil Cassian es fertigbrachte ihn so tief zu schlucken, dass er den zitternden Widerstand seiner Kehle spürte. Das entlockte ihm wohl endlich das gewünschte, langgezogene Stöhnen, denn Cass warf ihm exakt in diesem Moment einen Blick zu, der vor Selbstzufriedenheit triefte. Warnend schoss Jax‘ freie Hand nach vorn und grub sich erneut in die dichten, schwarzen Locken, die Cass vereinzelt in der verschwitzten Stirn klebten. Er drängte ihn nicht näher, schob ihn aber auch nicht weg. Cass bohrte als Antwort die Fingerspitzen schmerzhaft in seine Hüften, bis seine Nägel kleine halbmondförmige Abdrücke in der Haut hinterließen. Ab dieser Sekunde erfüllte atemlosen Keuchen und gequältes, lustvolles Stöhnen die Boxhalle. Als Cass eine freche Hand ins Spiel brachte, war das Zucken in seinen Oberschenkeln heftig genug, dass Jax' Knie beinahe einknickten. Seine Hüfte zuckte brutal und unkontrolliert nach vorn, versenkte sich unendlich tief in der einladenden Kehle, bis Cass die Situation wieder unter seine Kontrolle brachte. Es war erbärmlich. Als hätte er in seinem Leben noch nie einen Blowjob verpasst bekommen. „Fuck.
    Jax war eindeutig in der Hölle gelandet, denn für die laszive Art wie Cass mit seiner Zunge über seine Härte glitt und ihn dabei ohne Blinzeln ansah, verdiente er definitiv keinen verdammten Heiligenschein.
    Mit einem Knurren zog Jax seinen Kopf zurück und zerrte ihn an den Haaren nachdrücklich zurück in den Nacken bis er beobachten konnte, wie der Adamsapfel der geschundenen Kehle unter einem schweren Schlucken hüpfte. Es bereitete Jax fast körperliche Schmerzen, die geschwollenen und geröteten Lippen von seiner Erektion zu lösen, aber der Griff am Seil war schon lange keine unterschwellige Suche nach Halt mehr, sondern eine Notwendigkeit. So ungern Jax es zugab, er musste sich setzten. Mit dem gleichen, unnachgiebigen Griff dirigierte er Cassian zurück auf die Füße und rückwärts vom Boxring und den schwingenden Seilen fort. Er hatte noch genügend verfügbare Gehirnzellen übrig, die Hose weit genug hochzuziehen, dass er nicht über die eigenen Hosenbeine stolperte.
    Jax zischte ungehalten, als sein nackter Hintern auf das kalte Holz einer der Bänke traf, die die Wände der Halle in regelmäßigen Abständen säumten. Erleichterung und eine nie fortgewesene Lust durchströmte ihn, als sich sein verkrampftes, schmerzendes Knie endlich entspannte.
    "Komm her", knurrte er ein wenig zu eilig, zu bedürftig für seinen Geschmack. Das war alles Cass' Schuld.
    Mit einem kräftigen Ruck zog er Cass ohne Umschweife rittlings auf seinen Schoß, bevor sich der Dieb wieder zwischen seinen ausgestellten Beinen auf die Knie sinken lassen konnte. Das Holz der Bank knarzte unter dem zusätzlichen Gewicht und den Knien, die sich in die harte Sitzfläche bohrten. Sein stockender Atem glitt über feuchte, halbgeöffnete Lippen und Jax verzog kurzzeitig das Gesicht, als er seine Mund auf Cassians presste und sich selbst auf der Zunge des anderen schmeckte. Gewöhnungsbedürftig und keine Erfahrung, die er unbedingt wiederholen musste. Weshalb er auch schnell wieder von dem Kuss abließ und stattdessen seine Zähne über die elegante Kurve der Kehle gleiten ließ.
    Seine Schultern hoben sich unter einem schweren Atemzug und Jax gefror mitten in der Bewegung. Sein Gedächtnis hatte übersprungen, wie seine Hände über sich deutlich abzeichnende Rippen und schlanke, fast knochige Hüften gewandert waren. Jetzt glühte Cass' Körper gefährlich unter seinen Fingerspitzen. Bebende Finger tanzten über dem Bund der Trainingshose. Jax fixierte den verfänglichen Punkt mit halbgesenkten Augenlidern und atmete mühselig in die kaum ertragbare Hitze zwischen ihren Körper. Jax sah zu, wie sich seine Hand verselbstständigte und mit deutlichem Druck seines Handballens über die eindeutige Wölbung in Cass‘ Schritt glitt. Die Gedanken zerfielen zunehmend, zerfaserten an den Enden bis nichts übrig war als diese verdammte, alles erstickende Hitze und das fremde, aber elektrisierende Gefühl von Cassians Erregung unter seiner Hand.

    Cassian war einfach überall. Er fuhr ihm geradewegs unter die Haut. Hände unter seinem zerknitterten T-Shirt. Ein drängendes Flüstern auf seinem Lippen, heiße Atemzüge und eine noch viel heißere Zunge in seinem Mund. Ein Becken, das sich fordernd gegen ihn presste und ihm beinahe entwürdigendes, ersticktes Knurren aus den tiefen seiner Kehle entlockte. Einmal von der Leine gelassen, schien es für Cass kein Halten mehr zu geben. Seine Lippen brannten, als Cassian endlich von ihm abließ und eine glühende, feuchte Spur über seinen Kiefer zog. Sein Griff in dem dunklen Lockenschopf war unerbittlich, aber er ließ Cass gewähren, fühlte seinen rasenden Puls, der gegen einen gierigen Mund pochte.
    Jax sog scharf die Luft ein, als sich Cassian an dem sensiblen Fleckchen dünner, weicher Haut unter seinem Ohr festsog als hinge sein Leben davon ab. Halbherzig zog Jax an den störrischen Locken, weil er nicht daran zweifelte, dass Cass ihm gerade ein hübsches, glühendes und tiefrotes Andenken verpasste. Er leckte sich über die geröteten, pochenden Lippen. Das Knurren schwoll zu einem ausgewachsenen Grollen an, weil die Andeutung von Zähne über seine Haut kratzte und Cass ihn übermütig damit zwickte, als reichte ihm der leuchtende, rote Fleck unter seinem Ohr noch nicht. Als wollte er sich auf Jax' Körper mit einem unbestreitbaren Zeichen verewigen.
    Die Fingerknöchel seiner Hand, die immer noch das Seil umklammerte, traten weiß unter der vernarbten Haut hervor ebenso wie die Sehnen in seinem Unterarm. Die Muskeln strebten gegen das grob gedrehte Material, dass sich stetig enger und fester um seinem Arm zusammenzog, je mehr Gewicht Jax in die Seile warf. Herausfordernd blitzte ihm ein glasiges Augenpaar entgegen und als Cass dieses Mal sein Becken mit einer rollenden Bewegung, die eindeutig verboten gehörte, an ihn schmiegte, antwortete Jax reizüberfluteter Körper von ganz allein. Jax unterdrückte ein Keuchen, schlug die Kiefer so fest aufeinander, dass es in seinen Ohren klingelte, als er sich Cassian entgegenwölbte. Mehrere Schichten aus Kleidungsstücken halfen wenig, um das Gefühl einer der harten Ausbeulung in Cass' Jogginghose zu verstecken. Schamlos presste der Dieb seine wachsende Erektion an ihn. Gott, stöhnte Jax gedanklich auf. Wobei der damit gerade recht wenig zu tun hatte. Das Glimmen in Cassians Augen ließ keine Zweifel daran, dass der Dieb haargenau wusste, welche Knöpfe er gerade drückte. Und nicht einmal jetzt schaffte er es, den Mund zu halten. „Willst Du mir ernsthaft sagen, dass Du das nicht willst?“
    Die Seile in Jax' Rücken bebten, als sich Cass an ihn lehnte, die brennende Stirn an seiner Schulter. Das T-Shirt klemmte irgendwo zwischen Seil, Jax und Cass auf halbem Weg fest, als wäre es einfach vergessen worden. Das zweite Seile glitt rau über seinen unten Rücken, reizte die erhitzte Haut bis er glaubte, das es ihm die Haut geradewegs vom Rücken schälte. Scheiß drauf. Jax lockerte den Griff in Cass' Haare und ließ die Hand in seinen Nacken sinken, erfühlte die Wölbung der einzelnen Wirbel unter seinen Fingerspitzen ehe er beinahe sanfte Kreise mit dem Daumen über die verschwitzte Haut zog während Cass an seiner Schulter zu Atem kam. Jax sah auf das zerwühlte Vogelnest aus Locken herunter, ein eigenwilliges Kunstwerk, auf das er stolzer war als er vielleicht sollte, ehe der Streuner den Kopf hob und sich plötzlich sämtliche Luft aus dem Raum verflüchtigte. Er hätte sich vollkommen damit zufrieden gegeben, wenn Cass jetzt von ihm abgelassen hätte. Ein paar Gehirnzellen hätte er dann gnädigerweise behalten können.
    Da sank der Dieb auf die Knie und Jax fiel sämtliche Fassung aus dem Gesicht.
    Die Muskeln in seinen Oberschenkel zuckten unter den Fingerspitzen, die sich unmissverständlich in seine Haut gruben und sich höher und immer höher schoben. Siedendheiße Küsse verbrannten seine Haut, viel zu tief und viel zu knapp über dem Bund seiner Jeans. Jax arbeitete zu lange in Millers Clubs, um so zu tun, als wüsste er nicht, was Cass vorhatte. Sein Herzschlag explodierte und hastig, vielleicht eine Spur zu grob, packte er eines von Cassians Handgelenken. Jax hätte schwören können, dass der Zeiger der Uhr an der gegenüberliegenden Wand für einen Sekundenbruchteil stehenblieb. Was die Lippen an seiner Hüfte nicht davon abhielt, über die zuckenden Muskeln und ausgeprägten Sehnenstränge zu wandern, als wäre nichts gewesen. Als kämpfte Jax über ihm nicht um das letzte Fünkchen seines Verstandes und seiner verdammten Selbstbeherrschung.
    Für einen quälenden und auch gefährlichen Moment hingen sie in der Schwebe. Der innere Kampf zeichnete sich auf Jax' Gesicht ab. Gegen das Verlangen, gegen die Gewohnheit, gegen die Norm, gegen die bösen Stimmen in seinem Kopf. Gegen einfach alles.
    „.. Du schmeckst wahrscheinlich nach Dreck, Schweiß und Angst vor der eigenen Lust.“
    "Heilige Scheiße, Cass", presste Jax hervor, dem die Hitze erst die Wirbelsäule und den Nacken hinauf bis in die Wangen schoss und im Anschluss mit rasanter Geschwindigkeit direkt zurück unter den mittlerweile viel zu engen Stoff seiner Jeans. Sein Gesicht glühte unangenehm. Ein Fakt, den er in der Zukunft vehement abstreiten würde, selbst, wenn ihm jemand den Lauf einer Waffe gegen die Stirn drückte. Dann gab er das Handgelenk frei und sackte schwer, sich ergebend in die Seile. Seine Beine zitterten wie bei einem neugeborenen Rehkitz. Jax schob es gedanklich auf sein Knie. Natürlich. Das Knie. Nicht auf Cass, der ihm ganz unzeremoniell Jeans und Boxershorts mit einem Ruck bis in die Kniekehlen runterzog.
    Jax wagte einen Blick aus halbgeöffneten Augen nach unten - Reiß dich zusammen, du bist kein verfickter Anfänger, Jaxon! - und bereute es sofort.
    Cass sah ihn als, als hätte er gerade das beste Weihnachtsgeschenk seit Jahren bekommen. Er zuckte, weil ein unerwartet, kühler Luftzug über seine bereits steinhartes Glied streifte. Der Anblick von Cass entlockte ihm ein weiteres, entwürdigendes Keuchen, das nahtlos in ein gepressten Stöhnen überging, obwohl Cass ihn noch nicht einmal berührt hatte.
    "Vielleicht solltest Du ein Foto machen. Das hält länger...", knurrte er halb gereizt und Rande des Wahnsinns, dabei weniger bissig und provozierend als er es sich gewünscht hätte.

    „Überlebenskünstler klingt irgendwie poetischer als abgerutschter Junkie mit zu viel Fresse“, nuschelte Cass leise irgendwo auf Höhe seines Schlüsselbeines. Heißer Atem sickerte durch das fadenscheinige T-Shirt und streichelte über seine Haut. Wieder rumpelte es dunkel in den Tiefen der breiten Brust. Das kaum merkliche Zucken entging Jax nicht, weshalb er augenblicklich und fast schuldbewusst den Arm um den Nacken des Diebes wieder lockerte. „Sorry.“
    Jax stand einfach da in dieser unbeholfenen Umarmung, mit der weder Cassian noch er selbst wirklich etwas anfangen konnte. Es war nichts Halbes und nichts Ganzes. Zu steif, zu ungelenk und mit mehr Zurückhaltung als der Moment verdiente. Jax war sich der Hände auf seinem Rücken bewusst, obwohl er ihr Gewicht kaum spürte. Sie schwebten umständlich über seinen Schulterblättern, als hätte Cassian der Mut auf halbem Weg verlassen.
    „Musst Du immer alles so sagen, dass ich’s nicht mal scheiße finden kann?“
    „Und das ist mein Problem, weil…?“, hakte Jax nach und statt des erwarteten, protestierenden Knuffs zwischen die Rippen, legte sich eine Hand mit der gesamten Spannweite, die Cass‘ geschickte Finger hergaben, über seine Seite. Die Wärme brannte ohne Umwege durch das T-Shirt. Eine Gänsehaut kroch über seinen Körper, von den Rippen bis zu den nackten Armen.
    „Ich will nichts Einfaches. Ich will nur, dass Du…“
    „Hm? Was? Cassian Rozier weiß nicht, was er sagen soll. Dass ich den Tag noch erleben darf. Das schreit nach einem roten Kreuz im Kalen…Uff!
    Mit einem ungehaltenen Halt die Fresse und brennenden Lippen würgte er Jax ab. Das grenzenlose Universum schrumpfte auf die klitzekleine Welt eines renovierungsbedürftigen Boxstudios zusammen bis nur noch die kleine Blase um Cass und Jax existierte. Eine Hand packte ihn harsch im Nacken, die andere krallte sich in sein T-Shirt und zerrte so fest daran bis der Kragen ausleierte und die Nähte knarzten. Im Eifer des Gefechts hatte Cass sein Ziel beinahe verfehlt. Zuerst traf es Jax‘ Mundwinkel mit zu viel Wucht. Es brauchte zwei Anläufe bis ihre Münder endlich im richtigen Winkel aufeinanderprallten. Die Köpfe leicht zur Seite geneigt und mit Händen, die sich in den jeweils anderen bohrten. Jax‘ Hand verlor sich am Hinterkopf des Streuners, grub sich in dichte und widerspenstigen Locken, die sich um seine Finger kringelten.
    Cassian presste sich an ihn und zwang Jax notgedrungen das Gewicht zu verlagern. Sie hatten es seinen guten Reflexen zu verdanken, dass sie nicht zu Boden krachten. Jax griff nach dem obersten Seil des Boxrings und wickelte einmal, zweimal um seinen Unterarm um sich zu stabilisieren. Das raue Material schürfte über seine tätowierte Haut, aber er spürte es kaum. Jax ließ sich von Cass in die Seile zurückdrängen.
    Shit. Cass…“, knurrte er in der kurzen Sekunde, in der Cass ihn atmen ließ.
    Der Griff in den zerwühlten Locken wurde zunehmend fester. Fingernägel glitten über die Kopfhaut als der Zug irgendwo zwischen schmerzhaft und elektrisierend schwankte. Die Lippen unter seinen öffneten sich, ob aus Protest, Zustimmung oder keuchend vor Schmerz, ging dabei unter. Es war Jax egal, weil heißer Atem über seine Lippen streichelte und er Cass auf seiner Zunge schmecken konnte. Keine Sekunde später schob er seine Zunge zwischen Cass geöffnete Lippen. Die Eindrücke reichten beinahe aus um einen Kurzschluss in seinem Hirn zu verursachen. Was er schmeckte, fühlte und hörte steckte alle Nervenzellen in Brand. Das eindeutige Geräusch feuchter, inniger Küsse hallte obszön von den kargen Wänden wieder und vermischte sich mit schweren Atemzüge.

    Jax hielt die Luft an, als Cassian zum Ausgang der Halle sah. Da war er. Der Fluchtweg. In irgendeinem Paralleluniverum stand eine andere Version von Cass in diesem Moment auf und verschwand kommentarlos aus seinem Leben. Vermutlich wäre genau das die beste Variante für alle Beteiligten gewesen. Jax konnte nicht abstreiten, dass sein Leben bis vor einigen Tagen unkomplizierter gewesen war bis Cass beschlossen hatte, ausgerechnet sein Türschloss zu knacken und damit eine Welle an turbulenten Ereignissen losgetreten hatte. Jax entließ den angehaltenen Atem erst, als er sicher war, dass seine Version von Cassian keine Anstalten machte in die von Neonlichtern überflutete Nacht zu verschwinden.
    Dabei hatte er doch genau das gewollt. Oder nicht?
    Stattdessen machte Cass den Mund auf und die Worte purzelten ungebremst über seine Lippen. Die Worte waren nicht weniger direkt als sonst, aber ungewöhnlich ernst und klar. Keine Ecken und Kanten, nur blanke und ungefilterte Ehrlichkeit, von der Jax beinahe übel wurde. Diesem Gespräch war er aus dem Weg gegangen. Einmal ausgesprochen, ließ sich die Wahrheit nicht mehr zurücknehmen. Die Worte hingen in der stickigen Luft zwischen ihnen. Unübersehbar, so hell, dass sie in den Augen stachen und mit einem rhythmischen und alarmierenden Flacken wie die Leuchtreklame über Aris Boxstudio. Was Cass sagte, ging ohne Umwege unter die Haut. Sie bewiesen, was Jax bereits wusste. Hinter den Kartentricks, dem zynischen Grinsen und der grellen Persönlichkeit steckte mehr. Viel mehr. Mehr, als Cassian die Welt sehen lassen wollte.
    Als der Dieb neben ihm sich erhob, nahm auch Jax das erste Mal seit endlosen Minuten den Blick von der abgeblätterten Farbe der Wand. Der brüchige Tonfall hatte den Blonden aus seiner Starre geholt. Er wusste, was Cass da machte. Er vergrößerte den Sicherheitsabstand, weil das, was er als nächsten sagen würde, ihn Kraft kostete. Weil er Jax damit eine Angriffsfläche bot, die viel zu ungeschützt über seinen angespannten Schultern schwebte.
    „Ich glaub, ich will, dass mich jemand aufhält. Und verdammt, ich dachte vielleicht, Du…“
    Jax ballte die Hände auf den Oberschenkeln zu verkrampften Fäusten. Ein Teil von ihm wollte Cass anflehen, nicht weiterzusprechen. Mit dem offenen Satz hätte er weiterhin in seiner vorsichtig, konstruierten Illusion leben können, dass Cassian sich einen makabren Scherz mit ihm erlaubte, weil er ganz genau wusste, dass Jax bei dem leisesten Gedanken daran, sich zu Cass hingezogen fühlen zu können, schon kalte Füße bekam - aber Cass hörte nicht auf.
    „Ich bin hier, weil ich nicht weiß, wohin sonst.“
    Ein sanfter Blick bohrte sich in seine Schläfe, aber Jax weigerte sich, Cass ins Gesicht zu sehen.
    „Weil ich dachte, vielleicht… nur vielleicht… kann ich diesmal was richtig machen. Vielleicht sogar so richtig, dass es jemandem was bringt. Dir.“
    Jax kniff die Augen fest zusammen.
    „Ich will nicht, dass Du mich verstehst. Aber ich will nicht, dass Du mich hasst, nur, weil ich geblieben bin.“
    Jetzt schüttelte er den Kopf und ließ die letzten Worte in der leeren Halle verklingen. Ein statisches Rauschen erfüllte seine Ohren. Wie in Zeitlupe löste Jax seine verkrampften Finger und streckte ohne hinzusehen, auffordernd eine Hand zur Cass aus. Als nichts passierte, seufzte Jax gedehnt.
    „Hilf mir mal hoch“, brummte er.
    Cass‘ Hand lag warm in seiner. Viel kleiner, als er sie in Erinnerung hatte. Es fühlte sich natürlich an, wie nach Hause kommen. Ächzend ließ er sich von Cassian auf die Beine ziehen und hielt sich dabei sicherheitshalber mit seiner freien Hand an den schwingenden Seilen fest. Als er sicher stand, glitt die warme Hand aus seinen Fingern. Unschlüssig flackerte sein Blick zwischen glänzenden, leuchtenden Augen hin und her, die keine Spur von Tränen zeigten. Dabei hatte sich die kleine Ansprache angehört, als hätte Cass sich eigenhändig das Herz aus der Brust gerissen. Seine Hand schwebte wenige Millimeter über Cass‘ nackter Schulter. Wann hatte er sie angehoben? In dem Moment, in dem Jax aufgab, sackten seine breiten Schultern nach unten und seine Hand auf eine glühende, verschwitzte Schulter.
    „Komm her…“, murmelte er mit gesenkter Stimme, zog Cass an seine Brust und schlang den Arm um seinen Nacken. „Kein Wort, okay?“
    Er hielt Cass mit einem Arm um die Schultern an sich gedrückt, die andere hing nutzlos an seiner Seite herab. Jax war egal, dass ihm der aufdringliche Geruch von Schweiß in die Nase stieg oder sich verschwitzte Locken gegen sein Kinn und seinen Hals drückten. Eine Weile stand er einfach da, ein wenig zu steif und Cassian halb ihm Arm direkt an seiner Brust.
    „Bist du nicht“, sagte er mit rauer Stimme an den lockigen Scheitel. „Wie diese Stadt, meine ich. Du bist besser als das. Du bist ein Überlebenskünstler, Cass. Niemand kann dich dafür verurteilen, dass du versucht hast, zu überleben. Wir tun alle, was wir tun müssen. Trotzdem, du hast eine Wahl. Versuch gar nicht erst, mit mir darüber zu diskutieren. Ich bleib‘ dabei.“
    Ein lächerlich kleines, flüchtiges Lächeln verbarg sich in dunklen Locken.
    „Du verdienst etwas Besseres als Phoenix, Cass. Als dieses Drecksloch, oder Bobbie…oder mich. Was ich da gesagt habe, war nicht gelogen. Ich gebe keine Versprechen, die ich nicht halten kann. Ich kann Dir nicht versprechen, dass es einfach wird oder jemals mehr sein wird als das hier, weil ich nicht den blassesten Schimmer habe, was ich hier eigentlich mache…“ Um seine Worte zu unterstreichen, drückte er Cass ganz kurz fester an sich. Ein tiefes Brummen vibrierte in seiner Brust, ein halbamüsiertes Grollen, dass die Anspannung in seiner Wirbelsäule löste. „Und ich kann Dir nicht versprechen, dass ich nicht hin und wieder versuchen werde, den Bodyguard zu spielen. Von mir aus kannst du deshalb liebend gerne sauer werden und schmollen, nur bitte, lass es nicht wieder an meinem Knie aus, abgemacht?“

    Eines Tages würde ihr Trommelfell platzen. Da war sich Iris ziemlich sicher. Die Hexe benötigte einige schmerzhafte Sekunden um zu begreifen, dass der Lärm, den Hetty gerade veranstaltete, ein Lachen war. Irgendetwas, dass sie gesagt hatte, musste die Gargoyle-Dame unheimlich amüsieren. Die Antwort bekam sie wenige Augenblicke später zusammen mit ein wenig Staub und kleinen Steinchen, die von der Decke rieselten. Es war herzerwärmend wie Bis zu ihrer Verteidigung sprang, trotzdem schoss Iris die Hitze in die Wangen. Entweder heilt Hetty ihre Bemühungen für Darius unglaublich dumm oder hoffnungslos naiv. Es war nicht so, als hätte Iris nicht selbst schon darüber nachgedacht, ob sie bereits den Verstand verloren hatte. Nach den vergangenen Tagen konnte ihr das im Ernstfall nun wirklich niemand übel nehmen.
    „Einer einfachen Bitte? Das wäre sogar mir neu. Dann stimmt da etwas ganz und gar nicht", fügte Hetty hinzu. Auch das war der Hexe nicht neu. Es war schon ein gehöriger Schock gewesen, dass sie Darius verletzen konnte. Sie! Eine talentlose Hexe, die kaum ihre widerspenstige Magie unter Kontrolle behalten konnte, verletzte einen Leviathan schwer! Trotzdem spitzte sie die Ohren. Das unangebrachte Gefühl, doch etwas Besonderes zu sein, verdrängte die Hexe lieber ganz schnell. Falscher Ort. Falscher Zeitpunkt. Überhaupt war einfach alles falsch daran. „Er war auch mal schneller.“
    Huh? Wer?
    Iris' Kopf wirbelte herum, als die Tür aufflog und ein Mann in den seltsamen Raum trat. Er erinnerte die Hexe an das Ebenbild eines Bibliothekars. Er bei näherer Betrachtung fiel ihr die dünne, nein, hagere Statur auf. Unter der weiten Kleidung ging der Umstand beinahe verloren, wenn der Pullover nicht in eindeutiger Weise an seinen knochigen Schultern gehangen hätte. Er sah...Iris wusste instinktiv, dass es sich dabei um Newts Vertrauten handelte. Wenn sie Pech hatte, saß sie nun gewaltig in der Scheiße. Würde er Newt herrufen?
    „Was zum Teufel hat Darius‘ Vertraute hier verloren? Du bist Izzy, richtig?“
    "Äh...ja. Ich...", stotterte Iris und richtete sich auf.
    „Wo ist Darius?“, unterbrach er die Hexe.
    Für einen kleinen Moment wurde ihre Anwesenheit komplett ignoriert, während alle drei Parteien über ihren Kopf hinweg sprachen, als wäre sie gar nicht da. Iris nutzt die Gelegenheit und wich ein wenig zurück. Sie sah mit offenem Mund zu, wie Bis sich ganz selbstverständlich auf seiner Schulter niederließ und sich Streicheleinheiten abholte. Zähneknirschend stellte sie fest, dass wohl einfach jeder im Jenseits besser mit dem Lied der Kraftlinien zurecht kam als sie.
    „Das ist… neu."
    Okay, so langsam wurde die Verwunderung unheimlich. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, herzukommen.
    „Okay, schön, warum platzt du hier rein, ohne dich anzumelden?"
    Iris zuckte leicht zusammen.
    "Ich..."
    Mince.
    Kein Wort verließ ihre Lippen, als hätte Iris ihre Zunge verschluckt. Sie war dankbar für die paar Sekunden, die Hetty sich einmischte, damit sie sich sammeln und kurz nachdenken konnte. Mince. Newts Vertrauter. Der, der am längsten durchhielt. Wieder glitt ihr Blick über seine Gestalt, vom Scheitel bis zur Sohle. Jetzt wusste sie, welches Wort ihr vorher gefehlt hatte. Ausgezehrt. Mince sah ausgezehrt aus. Nein, ausgebrannt. Ihr Magen drehte sich herum, als sie daran dachte, wie Darius über die Vertrauten von Newt gesprochen hatten. Sie überlebten nicht lang.
    Endlich wagte es Iris, dem eindringlichen Blick hinter eckigen Brillengläser zu bewegen. Dabei knetete sie nervös die Finger vor ihrem Bauch.
    "Ich...Ich bin hier um Hilfe zu suchen. Ähm,...um Hilfe zu bitten" stammelte Iris nun deutlich unsicherer. Mince schien trotz seiner hageren Erscheinung respekteinflößender auf die Hexe zu wirken als die Gargoyle-Dame Hetty. Wenn er Newts Macht so lange standhielt, musste er sehr stark sein. Widerstrebend wiederholte sie ihr Anliegen, obwohl sie dabei kein gutes Gefühl hatte. "Darius ist nicht hier, weil er sich von einer Begegnung mit Malphas erholt. Ich will eine Schuld bei Darius begleichen, weil es ohne mich niemals zu dieser Begegnung gekommen wäre. Leider weigert sich Darius, sich an Ceri oder mir zu bedienen um seine Heilung zu beschleunigen. Ceri sagte, nur ein anderer Leviathan oder ein mächtigeres Wesen kann da etwas ausrichten. Leider sind meine Optionen begrenzt. Darius wird mich in ein Häufchen Asche verwandeln, wenn er herausbekommt, dass ich hier war, aber...er hört nicht auf zu bluten. "
    Iris biss sich auf die Unterlippe und sah Mince zögerlich an.
    "Ich bin besorgt. Und ja, ich weiß wie das klingt. Du wärst nicht der Erste, der mich heute für verrückt erklärt."

    Jax fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Die ganze Situation war einen Vollkatastrophe. Bis Cass das Wort ergriff, war Jaxon sehr darum bemüht gewesen, seine Anwesenheit beharrlich zu ignorieren. Das Letzte, das sie gerade gebrauchen konnten, war eine ausgewachsene Existenzkrise. Leider, leider, hatte Ariana wie üblich zielsicher ins Schwarze getroffen. Das hieß nicht, dass Jax darüber sonderlich glücklich war. Er war vollkommen damit zufrieden gewesen, mit zusammengebissenen Zähnen den Elefanten im Raum so lange zu ignorieren, bis er von allein verschwand. Hinter ihm raschelte es leise, ein Kleidungsstück segelte zu Boden und Jax fixierte stur den Boden zu seinen Füßen.
    „Auf uns. Die größte Entspannungsübung der Welt. Oder wahlweise das dümmste Vorspiel der Menschheitsgeschichte.“
    Er schnaubte und es klang etwas gequälter als er beabsichtigt hatte.
    „Du bist ihr wichtig, merkt man.“
    Mit seinem Hocker verwachsen rührte sich Jax kein Stück. Wenn er lange genug schwieg, verlor Cass vielleicht irgendwann die Geduld und ging zurück ins Loft. Das erkaufte ihm ein paar Minuten. Er wollte nicht näher darüber nachdenken, dass er gleich davon ausging, dass der Streuner sich in seine Wohnung zurückzog und nicht die Beine in die Hand nahm um das Weite zu suchen. Cass war in kurzer Zeit zu einer Konstante in diesen vier Wänden geworden. Nervtötend, laut und mit einem vorlauten Mundwerk, das augenscheinlich nie stillstand und langsam Jax in den Wahnsinn trieb. Auf der anderen Seite erschien ihm das graue, triste Loft plötzlich heller, bunter und wärmer. Es wurde definitiv mehr geflucht, aber auch mehr gelacht.
    Jetzt gerade aber waren selbst einem Cassian Rozier die Worte ausgegangen.
    Mit einem unterdrückten Ächzen zog sich Jax an den Seilen hoch und humpelte zum Rand des Rings. Bedächtig hob er das oberste Seil an und schlüpfte langsam hindurch. Er war noch vorsichtig, wenn er sein schlechtes Knie belastete, aber der Schmerz war auszuhalten und bewegte sich in einem Grad, an den er sich längst gewöhnt hatte. Vorsichtig ließ er sich neben Cass auf dem Boden nieder. Nah genug, dass er die Wärme der glühenden Haut spüren konnte. Weit genug weg, damit ein kleiner Streifen der Leere zwischen ihnen frei blieb. Wenige Zentimeter, die Jax unüberwindbar erschienen. Vielen Dank, Ariana.
    "Hmhm...", brummte Jax. Ein angespannter Ausdruck hatte sich in sein Gesicht eingegraben. "Sie hat mich an meinen schlechtesten Tagen erlebt. Den sehr schlechten Tagen, Cass, und das waren sehr viele. Ich war so verdammt wütend, die ganze Zeit über, und ich wollte Blut sehen. Zu der Zeit habe ich alles gehasst. Meine Familie, mein Leben und diese Scheißstadt. Ariana hat Angst, dass ich irgendwann dahin zurückgehe. In einer Sache hat sie immer Recht behalten: Ich hätte gehen sollen, als ich noch konnte."
    Er sah Cass nicht an. Stattdessen brannte sein Blick ein Loch in die gegenüberliegende Wand.
    "Ich beneide Dich, Cass", gestand er. "Du kannst gehen, wann immer Du willst. Du könntest das alles hinter dir lassen. Montgomery, Bobbie, Lance...den ganzen Bodensatz den Phoenix zu bieten hat. Und Du solltest. Niemand würde dich aufhalten und ich verstehe einfach nicht, warum Du dir diese Chance durch die Finger gleiten lässt. Für was? Für den Adrenalinkick und die Liebe zum Risiko, um im Gegenzug für Schweine wie Bobbie arbeiten? Ich weiß, womit dieser Penner sein Geld verdient. Ich habe gesehen, als er dich angegafft hat wie sein bestes Pferd im Stall. Ich versteh's nicht und das macht mich so unfassbar wütend. Also...Warum bist du immer noch hier, Cass?"

    Völlig außer Puste stemmte Ariana die Hände auf die Knie. Ihr war vollkommen bewusst, was Jax mit dem gnadenlos Drill bezwecken wollte. Cassian an seine körperlichen und mentalen Grenzen zu bringen, sollte den schmächtigen Dieb auf den Ernstfall vorbereiten. In der Realität gab ein echter Angreifer eben auch nicht Kleinbei sobald seiner Beute die Luft ausging. Den Jungen mit Samthandschuhen anzufassen, brachte nichts. Da gab es lediglich ein riesiges Problem: Cass war gar nicht in der Verfassung dazu, den ständigen Stress und die Anstrengung auszuhalten. Ari war nicht blind. Cassian fehlte die Kondition, das Grundtraining und von den Entzugserscheinungen wollte sie gar nicht erst anfangen. Die Blässe, der kalte Schweiß und das kontinuierliche Zittern waren Anzeichen genug. Jax verlangte Cass unmögliche Höchstleistungen ab, die sein gebeutelter Organismus überhaupt nicht stemmen konnte. Es war nur einen Frage der Zeit bis Cassian zuschnappte.
    „Weißt Du was, Jax? Wenn ich nochmal hören muss, wie klein ich bin, dann tret' ich Dir das andere Knie auch noch kaputt, damit wir beide auf Augenhöhe kämpfen können.“, hörte sie Cass sagen. Und los ging's.
    Beeindruckt sah Ari zu, wie Jaxon die volle Breitseite abbekam. Dabei behielt sie den Blonden die ganze im Auge. Die Drohung entlockte Jax nicht einmal ein müdes Lächeln. Sie biss sich auf die Zunge. Die ganze Aktion war typisch Jax. Jemanden beschützen zu wollen und ihn gleichzeitig auf Abstand zu halten, ging in den meisten Fällen nach hinten los. Ariana wischte sich mit dem Unterarm über die Stirn und hütete sich davor, sich zwischen die aufgeheizten Fronten zu schieben. Wieder glitt ihr Blick zwischen Jax und Cass hin und her. Plötzlich zuckten ihre Augenbrauen in die Höhe, weil Jax sichtbar mit den Zähnen knirschte und Cassian einen Blick zuwarf, der mehr preisgab als seine ständig grimmige Miene. Ein Blick, der Bände sprach und die gleiche Frustration trug wie Cass' aufgewühlte und zornige Schimpftirade.
    "Wenn Du genauso viel Energie in deine Verteidigung stecken würdest, wie in dein Gemotze, Cass, hättest du Ari längst auf die Matte geschickt."
    Am liebsten hätte sich Ari mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen.
    Stellvertretend für Jaxon warf die Latina dem verschwitzten und keuchenden Cass einen entschuldigen Blick zu.
    "Ignorier ihn", flüsterte sie, weil Jax nicht alles hören musste. "Jax meint es nicht so. Er gibt sich gerade nur sehr viel Mühe wie das letzte Arschloch zu klingen." Danach ging es auch schon in die nächste Runde und Ari fühlte sich ehrlich schlecht dabei, als sie Cass aus dem Gleichgewicht brachte und er mit dem Rücken schwer im Boxring aufschlug. Besorgt beugte sich Ariana über den am Boden liegenden Dieb, der sich verdächtig lange nicht rührte und teilnahmslos an die Decke starrte. Da sprach Cass bereits aus, was sie längst dachte.
    "Genug."
    Die ausgestreckte Hand wurde eiskalte ignoriert und sie sah Cass hinterher, ehe sie Jax einen vorwurfsvollen Blick zu warf.
    "Was?", blaffte Jax.
    „Ich bin kein Kämpfer“, begann Cass wieder und zog damit alle Blicke wieder auf sich.
    Ariana war so höflich zu warten, bis der geprügelte und erschöpfte Lockenkopf seinen Satz beendet hatte, bis ihr der Kragen platzte.
    "Okay, das reicht. Ich bin raus", verkündete sie.
    "Was soll das heißen, Ari?"
    Mit erhobenem Kinn stolzierte die Latina an Jax vorbei, warf sich das verschwitzte T-Shirt über die Schulter und glitt selbst nach zwei Stunden hartem Training elegant durch die Seile aus dem Boxring. Mit verschränkten Armen stand sie dort, auf halbem Weg zwischen Jax und Cass, und schnaubte missbilligend.
    "Genau das. Ich. Bin. Raus. Dem Training habe ich zugestimmt, weil ich einem Freund helfen wollte, Jax, nicht um einen Platz in der ersten Reihe für euer persönliches Drama zu bekommen. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was da zwischen Euch passiert ist, aber bevor ihr euer kleines..." Ari vollführte eine allumfassende Geste mit wedelnden Händen, in der sie abwechselt auf Jax und dann auf Cass deutete. "...Beziehungs-Problemchen nicht in den Griff bekommt, bin ich raus aus der Nummer."
    "Ich habe keine Ahnung wovon du..."
    "Oh, bitte, Jax. Halt einfach den Rand, okay? Du bist der größte Heuchler unter Sonne! Mierda! So, ich hab's gesagt. Ich weiß nicht, was ihr jetzt macht, aber ich geh duschen. Redet oder schlagt euch gegenseitig die Köpfe ein, ist mir egal, aber vögelt endlich. Das hält doch kein normaler Mensch aus mit Euch."
    Damit wirbelte Ariana auf dem Absatz herum. Als Jax versuchte, sie zurückzurufen, zeigte Ari ihm über die Schulter stumpf den Mittelfinger.

    Die Stimmung kippte und fiel in ein bodenloses, schwarzes Loch. Die lockere Atmosphäre geprägt von duftendem Kaffee und einer leichten, aber kaum zu ignorierenden Note sexueller Anspannung, zerplatzte wie eine Seifenblase. Es war nicht das erste Mal, dass Jax sich wünschte, einfach seine verdammte Klappe gehalten zu haben. Insgeheim hatte er ganz genau gewusst, dass er einen wunden Punkt ins Visier genommen hatten. Cass hasste es, wenn er bevormundet wurde. Vielleicht hatte Jax gehofft, ihn damit etwas wachrütteln zu können, aber der Plan ging gehörig nach hinten los.
    „Und weißt Du, was mich gerade wirklich ankotzt? Nicht, dass Du Angst hast.", fuhr Cass mit einer Stimme vor, die schärfer war als seine heißgeliebten Messer. Jax öffnete den Mund um zu protestieren.
    "Ich habe keine..."
    „Nicht mal, dass Du recht haben könntest. Sondern dass Du sofort beschließt, ich wäre nicht in der Lage dazu meinen Scheiß selbst zu regeln. Dass Du das regelst. Mit Lance. Mit Bobbie.“
    Ja, weil Cass besonders talentiert darin war, seinen Scheiß selbst zu regeln. Jax' Augen schmälerten sich. Der hässliche Konter lag ihm bereits brennend direkt auf der Zungenspitze. Ohne seine Hilfe hätte Cass nicht einmal seinen kleinen Zeh aus der Lagerhalle gesetzt, in die Bobbie ihn gelockt hatte. Ohne Jax, hätte Bobbie ihn zurück geholt und ihm eindeutig klar gemacht, wo sein verdammter Platz war. Vorzugsweise auf den Knien in eine versifften Seitenstraße, zusammen mit seinen anderen abgehalfterten und drogenabhängigen Pferdchen. Vorher hätten Bobbies Männer ihm jedes Widerwort aus dem Leib geprügelt. Egal, wie viel Kraft Cass seine Wut verlieh. Alleine, hätte er keine Chance gehabt.
    „Ich brauch keinen scheiß Bodyguard. Ich brauch auch keinen Retter. Ich brauch nur, dass Du mir nicht das Gefühl gibst, ich wäre zu dumm, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen.“
    Jax sah Cass lange an.
    "Ich halte Dich nicht für dumm, Cass", antwortete der Blonde ungewöhnlich ruhig. Tatsächlich hatte Jax nicht vor, noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Das letzte Mal hatte ihm die Provokation einen schmerzhaften Tritt eingebracht. "Eigentlich ist es das exakte Gegenteil. Du bist klug. Klüger, als gut für Dich ist. Aber du bist impulsiv und verlierst viel zu schnell die Kontrolle, sobald jemand wie ich die richtigen Knöpfe drückt."
    Vielsagend hob Jax eine Augenbraue, weil genau das gerade passiert war.
    Er sah den Protest kommen, bevor Cass überhaupt den Mund aufmachen konnte.
    "Und ja, ich weiß, wie heuchlerisch sich das aus meinem Mund anhört, Cass. Nicht nötig, mich daran zu erinnern."
    Dann seufzte er. Tief und lang.
    "Schön, wenn dieses Plan wirklich durchziehen willst, musst du lernen wie du dich vernünftig verteidigen kannst."

    "Nochmal.", knurrte Jax.
    Schweißgeruch schwängerte die stickige Luft des leeren Boxstudios. Lediglich zwei Gestalten umkreisten sich lauernd. Jax saß auf einem kleinen Holzhocker in der Ecke des Boxrings und beobachtete mit Argusaugen, wie Ariana zurück in Position ging. Die Latina fixierte Cass mit einem konzentrierten Ausdruck in den Augen. Bereits vor einer Stunde hatte sie ihr T-Shirt aus dem Ring geworfen, nachdem sie sich damit den Schweiß aus dem Gesicht gewischt hatte. Genützt hatte es wenig. Neue Schweißflecken bildeten sich bereits auf dem Stoff ihres Sport-BHs. Jax' Blick glitt zu Cassian, der den ständigen Angriffen der Boxerin tapfer standhielt. Seit knapp zwei Stunden gingen sie bereits alle möglichen Verteidigungsgriffe durch. Er musterte Cass, dessen schlanke Muskeln bedrohlich unter der Anstrengung zitterten. Die dunklen Locken in seinem Nacken und an seiner Schläfe waren feucht von Schweiß und kringelten sich noch mehr als sonst. Für einen Moment verfolgte er einen glitzernden Schweißtropfen, der über die Nackenwirbel perlte und im Kragen des T-Shirts versickerte.
    Mit einem kurzen Nicken zu Cass griff Ariana wieder an. Sie versuchte ihn zu packen und einen Arm um seinen Hals zu schlingen, damit sie ihn in einen halsbrecherischen Schwitzkasten nehmen konnte. Er sah ungerührt zu wie Cassian strauchelte. Bisher hatte er es nicht geschafft, Ari rechtzeitig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dabei musste er nur seinen Fuß hinter ihren Knöchel schieben und ziehen. Ari machte keine halben Sachen, aber mittlerweile hatte sich ein mittleidiger Ausdruck auf ihr Gesicht geschlichen.
    "Konzentrier Dich, Cass. Du hast nicht viel Zeit, bevor Dir die Luft ausgeht", grollte er ungeduldig und sah wie sich die Muskeln in Aris Unterarm anspannten bis die Sehnen und Adern hervortraten. "Das Treffen ist in zwei Tagen. Geb Dir wenigstens ein bisschen Mühe."
    Das Gerangel hielt noch knapp eine Minute an, dann ließ Ariana ruckartig los und trat zurück. Jax fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Ari hatte Cass bereits so oft auf die Matte geschickt, dass dem Dieb von den anderen Übungen jeder Knochen im Leib schmerzen musste, aber Jax in seiner Ecke war unnachgiebig.
    Seit zwei Tagen trainierten sie abends im Boxstudio mit Ari. Weil Jax sich beharrlich weigerte den Gehstock zu benutzen, war der Hocker in der Ecke zu seinem neuen Stammplatz geworden. Zumindest schaffte er es mittlerweile den Weg allein zu gehen ohne sich auf Cass stützen zu müssen. Apropos Stammplatz...dass Cassian seit dieser Nacht auch einen neuen Stammplatz hatte, und zwar in seinem Bett, hatte Jax nicht weiter kommentiert. Es war einfach passiert. Sie hatten sich nicht noch einmal geküsst. Cass behielt seine Finger bei sich und Jax schien darüber zu schweigen als geeignete Lösung zu betrachten. Die Sehnsucht und die befremdliche Sanftheit des Moments, die Bitte zu Bleiben, schien nur noch einen blasse Erinnerung zu sein.
    Was sich nicht länger ignorieren ließ, war die aufgeladene Stimmung, die sich aufbaute wie ein drohendes Gewitter.
    "Du bist klein, Cass, aber flink. Nutz das. Wir können davon ausgehen, dass die meisten Angreifer größer und kräftiger sind als Du und kein verkrüppeltes Knie haben. Also hör auf herum zu strampeln wie ein Fisch auf dem Trockenen und sei gottverdammt nochmal schneller."
    Kopfschüttelnd griff Ariana nach einer Wasserflasche und warf Cassian eine Zweite zu.
    "Jax, komm schon."
    "Nochmal."

    Jax stieß einen langgezogenen Seufzer aus, als Cass mit abartig guter Laune, die eindeutig zu viel des Guten für ihn war, in Richtung der Küche verschwand. Dennoch schlich ein flüchtiges Schmunzeln über seine Lippen, sobald Cassian außer Sichtweite war. Kopfschüttelnd setzte Jax sich auf, fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht, durch die Haare und warf einen Blick über die Schulter auf die Stelle im Bett zurück, an der Cass noch vor ein paar Sekunden gelegen hatte. Die Konturen zeichneten sich noch immer auf der durchgelegenen Matratze ab. Wenn er die Hand ausstreckte, würde er sicherlich noch einen Hauch von Restwärme unter den Fingerspitzen fühlen. Jax‘ Blick schmälerte sich und er behielt seine Hände bei sich. Etwas hatte sich verändern, letzte Nacht. Nicht langsam, nicht vorsichtig, sondern wie ein unkontrollierte Explosion. Boom.

    Als Cassian mit den dampfenden Tassen voll mit heißem, frischaufgebrühtem Kaffee zurückkam, lehnte Jax bereits am Kopfteil des Bettes und hatte das schmerzende Knie auf einem Knäul aus Bettdecke und Kopfkissen hochgelagert. Die tiefen Linien in seiner Stirn verrieten schon von Weitem, dass er nicht sonderlich glücklich damit war, ans Bett gefesselt zu sein. Er nahm die Tasse entgegen und schnaubte halb amüsiert, halb beleidigt. World’s Okayest Human. Die absurde Normalität des Moments machte etwas mit Jax. Was genau das war, konnte er nicht benennen und trotzdem blieb das Gefühl, es nicht zu verdienen. Diese Ruhe. Diese Minuten des Friedens. Dieses Etwas. Warm, willkommen und so verstörend normal, dass dieser Morgen sich in sein Gedächtnis brannte. Er konnte nicht verhindern, dass er Cass über den Rand seiner Kaffeetasse musterte. Wie das Licht, das den Raum durch die Fenster flutete, sich in seinen Augen und den dunklen Locken verfing. Wie er die Lippen spitzte und sachte auf die dampfende Flüssigkeit in seiner Tasse pustete, um sich nicht die Zunge zu verbrennen. Wie er lässig mit überschlagenen Beinen auf der Bettkante saß, als würde er genau dort hingehören. Dass Cass nicht so entspannt war, wie er sich gab, ließ sich nur an Kleinigkeiten merken. Die Art, wie er die Tasse umklammerte, damit seine Hände etwas Beschäftigung hatten bevor er zu seinem Handy griff und wie er seine Schultern ein kleinwenig zu hochzog. Der Unterschied war kaum zusehen, aber Jax sah es. Er wandte den Blick ab und nahm schnell einen großzügigen Schluck, wobei er sich die Zunge am heißen Kaffee verbrannte und wovon er sich nichts anmerken ließ.

    Rückblickend würde Jax es niemals zugeben, selbst nicht dann, sollte sein Leben davon abhängen. Aber in dem Augenblick, in dem Cass sich verschluckte und aufsprang, stieß Jaxon einen wüsten Fluch in einer für ihn untypischen und viel zu hohen Tonlage aus, weil er nur mit Mühe und Not verhinderte, dass er sich den heißen Kaffee über den Schritt kippte. Das Malheur hätte er Doc nicht erklären wollen. Wirklich nicht. Lieber würde er sich die Zunge abbeißen. „Fuck, Cass! Verdammte Scheiße! Reicht Dir mein Knie nicht, willst du mir auch noch den Schw…“
    „Oh mein Gott. Oh mein Gott, dieser Typ-Montgomery, der...“
    Jax schluckte der Rest seines Satzes herunter und starrte Cassian an. Ehrlich gesagt, hatte er nicht damit gerechnet, dass auf die Nachricht überhaupt einer reagieren würde. Ganz zu schweigen Montgomery höchstpersönlich. Misstrauisch rümpfte er die Nase. Es roch nach verbranntem Kaffee und einer Falle.
    „Das ist ein Treffen, das ist ein verficktes Treffen! Eastlake Park, Alter! Mittwochabend! Ich hab…Ich hab einen Termin mit dem Vater des verdammten toten Mädchens! Ich bin ein verdammtes Mastermind!“, plapperte Cassian weiter und schwenkte dabei seine Kaffeetasse so enthusiastisch durch die Luft, dass Jax doch langsam befürchtete an diesem Morgen noch eine ungewollte Kaffeedusche zu bekommen.
    „Cass.“, versuchte er den Dieb zu bremsen.
    „Die haben wirklich geantwortet! Die haben’s geschluckt! Peter Spatz, Baby! Der Mann mit dem Plan!“
    „Cass.“
    „Ich werde ‘nen Mord an den mächtigsten Kerl der Stadt hängen und niemand hält mich auf!“
    „Cass! Verdammt nochmal, komm runter!“, bellte Jax plötzlich etwas harscher als er eigentlich wollte und fuhr sich über das Gesicht. Sicherheitshalber stellte er seine Tasse auf dem Nachttisch ab.
    Mit versteinerter, ernster Miene fixierte er Cassian und wartete auf den Augenblick, in dem er die ungeteilte Aufmerksamkeit des Streuners bekam.
    „Sei nicht naiv, Cass. Denkst du wirklich, dass sich ein Kerl wie Montgomery persönlich mit dir in einem verlassenen Park trifft. Nachts? Dein Ernst? Das stinkt nach einer Falle. Du bist dabei mächtigen Männern auf die Füße zu treten. Hast du mal darüber nachgedacht, dass in dem Park nichts Anderes passiert, als dass dir jemand einen schwarzen Sack über den Kopf zieht und du in irgendeinem dunklen Loch verschwindest?!“
    War es möglich, dass Lance Miller längst Wind davon bekommen hatte, dass sich in Jax' Loft etwas zusammenbraute? Ging sein Misstrauen soweit, dass er auch seinen treusten Bluthund überwachen ließ? Jax hatte nichts bemerkt. Nichts. Und Lance war nicht für sein augefeiltes, technisches Know-How bekannt. Eine gefakte Mitteilung in einen bestehenden Account einzuschleusen, trug nicht seine Handschrift. Andererseits, konnte er wirklich behaupten Miller so gut zu kennen? Wenn es nun doch Lance und nicht Montgomery war, der Cass' kleinen Trick als Auffoderung betrachtete, das Problem zeitnah aus der Welt zu schaffen?
    „ Meine Güte, Cass! Denk nach! Lass die Finger von dem Scheiß! Das hab' ich dir schonmal gesagt! Ist eine Nummer zu groß für Dich. Ich regel das mit Lance und Bobby.“

    Iris machte einen Schritt zur Seite. Das Gefühl, das sie überkam, als sie aus der Kraftlinie trat, war gewöhnungsbedürftig. Es war kein Vergleich zu den ruppigen Landungen, die ihr den Magen umdrehten und die sie ständig durch Darius erfuhr. Kurz dachte Iris an den ersten, unsicheren Schritt auf Festland nach einer zu langen Fahrt in einem schwankenden Boot. Ja, das traf es wohl am besten. Die Wärme in ihrem Bauch hielt noch eine Weile an.
    Dem Erstaunen folgte augenblicklich das ohrenbetäubende Kreischen der Kraftlinien. Bis schaffte es gerade rechtzeitig ihrer Hand auszuweichen, die sie aus Reflex gegen ihre Ohren presste. Ein unterschwelliges, hohes Fiepen hielt noch ein paar Minuten länger an, da war Bis längst von ihrer Schulter gesprungen. Mit den Fingerspitzen rieb sich Iris über die Ohrmuscheln.
    Erst da nahm sie ihre Umgebung genauer in Augenschein. Lehmwände, warmes Licht und Holz breitete sich vor ihr aus. Zuerst traute sich die Hexe nicht, einen weiteren Schritt zu machen. Newt war tatsächlich nicht zu sehen, aber das musste bei Dämonen nichts heißen, die aus Lust und Laune in einer roten Nebelwolke auftauchen konnten. Zögerlich folgte sie Bis schließlich doch durch das Zimmer. Flüchtig glitt ihr Blick über die Bücher in den Regalen. Zumindest das hatten Darius und Newt gemeinsam: Staubige, alte Bücher.
    Das Geräusch von winzigen, rieselnden Steinen lenkte Iris von den überladenen Bücherregalen ab. Die Felswand bewegte sich! Nein, nicht die Wand selbst, sondern das Wesen, das sich in der Felsenstruktur versteckte. Vor Iris‘ Augen schälte sich ein Gargoyle aus dem Gestein. Das musste Hetty sein. Bis war zwar der erste, lebendige Gargoyle, dem die Hexe begegnet war, trotzdem konnte sie erkennen, das Hetty älter war als ihr kleiner Freund. Viel älter. Die Größe, ungefähr die eines mittelgroßen Hundes, war dabei nicht einmal der springende Punkt. Hetty sah aus wie die verwitterten und leblosen Statuen auf alten gotischen Kirchen, auf denen Zeit und Wetter ihre Spuren hinterlassen hatten. Iris blieb sofort stehen, als die gelben Augen sie musterten. Sie hätte über den verspielten Bis wohl mit einem warmen Lächeln geschmunzelt, wären da nicht die sehr langen, sehr beeindruckenden Krallen gewesen. Bis schien sich nicht daran zu stören, aber Iris widerstand nur mit Mühe dem Drang, sich an die Kehle zu fassen. Der Blick in den gelben Augen war vieles, aber nicht einladend. Sie war hier nicht willkommen. Spätestens als Hetty zu sprechen begann, war es mehr als deutlich.
    Sie stinkt nach Darius.
    Und nach Malphas stinkst du auch.
    Iris bemühte sich um ein Lächeln und deutete mit dem Kinn zu Bis, der nach seinem Abwurf über den Boden schlitterte.
    „Sei ihm nicht böse. Er möchte nur einer Freundin helfen. Es freut mich deine Bekanntschaft zu machen, Hetty. Mein Name ist Izzy. Darius‘ Vertraute. Die Neue“, stellte Iris sich höflich vor und ignorierte dabei die Erwähnung von Malphas komplett. Über diesen Leviathan wollte sie nun wirklich nicht sprechen.
    Langsam und vorsichtig ging Iris in die Hocke, legte dabei die Unterarme auf den Knien ab und befand sich nun beinahe auf Augenhöhe mit Hetty.
    „Bis meinte, Du könntest mir bei einem Problem helfen“, fuhr Iris fort und zögerte.
    Hetty zu offenbaren, dass Darius verletzt in seinem Anwesen eingepfercht war, war keine Information, die sie gerne in Newts Nähe wusste. Es gab keine Garantie, dass Newt nicht davon erfuhr. Um den heißen Brei herumreden, konnte sich Iris auch nicht leisten. Je länger sie hier blieb, desto größer war das Risiko, Newt in die Arme zu laufen. Und um Hilfe für einen Freund zu bitten, half auch nicht. Darius war ein Leviathan, kein gewöhnlicher Dämon oder ein Mensch.
    Sie seufzte schwer.
    „Darius ist verletzt“, überwand sich Iris. Sie fühlte sich plötzlich unwohl. Nervös leckte sich die Hexe über die Lippen. Eigentlich hatte sie nicht vorgehabt, seinen Namen in den Mund zu nehmen. „Malphas und Darius hatten eine…Auseinandersetzung. Darius hat mich nicht geschickt. Er weiß nicht, dass ich hier bin. Noch nicht. Wenn er es merkt, wird er außer sich sein, aber es ist meine Schuld, dass er verletzt ist. Ich möchte das wieder gut machen.“

    „Was für eine Schande für dich und dein löchriges Gedächtnis."
    Etwas am Tonfalls des Dämons ließ eine von Iris' Augenbrauen in die Höhe zucken. Es klang beinahe ein wenig...schnippisch. Darius hatte noch nie weniger, nun ja, nach Darius geklungen. Der Vergleich hinkte gedanklich, doch Iris konnte keinen Finger darauf legen, was genau sie hinter dem überspielten Ton wirklich hörte. Die Hexe neigte den Kopf ganz leicht zur Seite und musterte Darius in einem kurzen Moment der Stille. Sein Blick wirkte weicher, beinahe ungeschützt. Der Unterschied war so klein, dass er kaum auffiel. Wäre die Hexe ihm nicht gezwungenermaßen so nah, wäre ihr die Veränderung gar nicht erst aufgefallen.
    „Ich habe dir doch schon mal gesagt, dass wir keinen Handel erzwingen können. Wir können ungünstige Zeitpunkte und Konstellationen ausnutzen, aber stecken wir auch nur einen Funken in dem Grund der Misere, wird das mit einem Handel schwer“, fuhr Darius irgendwann fort und Iris' zweite Augenbraue gesellte sich zu ihrem Zwilling.
    "Denkst du wirklich, dass ich in dem Moment daran gedacht hätte?", erwiderte Iris und versuchte ganz vorsichtig, Darius ihre Hand zu entziehen. Der Dämon schien allerdings keinen Gedanken daran zu verschwenden, seine Vertraute freizugeben. Iris gefiel nicht, dass das Gefühl des Unwillkommenseins allmählich verebbte. Ihr gefiel nicht, dass es ihr gefiel. Es war wie trotzdem einen Schritt zu machen obwohl man ganz genau wusste, dass man in ein Wespennest treten würde.
    „Und nur, weil ich jetzt keinen Preis verlangt habe, heißt es nicht, dass ich nicht darauf zurückkommen werde. Ihr habt ein ungeheuer nützliches Talent: Ihr verspürt Reue und Dankbarkeit, die euch Dinge tun lassen, die ihr sonst vermeiden würdet.“
    Der erste Stich war immer der Schlimmste. Darius verdrehte das Netteste, das er in Iris' Augen je für sie getan hatte, so schmerzvoll und düster die Umstände gewesen waren, in eine weitere Schwäche. Einen Fehler, den er ihr unter die Nase reiben konnte. Es stach wirklich. Sehr sogar. Aber ein Teil von Iris hielt daran fest, dass diese augenscheinlich selbstlose Tat mehr gewesen war, als nur Mittel und Zweck um die Schlinge um ihren Hals enger zu ziehen.
    Ein erstickter Aufschrei verlor sich in der schwummrigen Dunkelheit des Schlafzimmers, als Darius sie wieder zurückzog. Darius' ganzes Gewicht drückte ihren Körper zurück in die Matratze. Der Schwerpunkt lag auf ihrer Hüfte und die Hexe winkelte die Beine an, presste die Fersen in die Laken um Darius abzuwerfen. Nur war der Dämon zu stark, zu schwer für ihren noch heilenden Körper.
    An das, was dann passierte, erinnerte sich Iris in einer schnellen Abfolge von aufblitzenden Bildern und Erinnerungen. Darius, der ihre Hand an seine Brust führte. Blut, das zäh und warm zwischen ihren Finger hervorquoll und über ihren Handrücken und ihren Unterarm rann. Atem, der ihre Lippen streichelte. Augen, so nah, dass sie zwischen ihnen hin und her springen musste. Erst später begriff Iris, was in diesem Moment falsch gewesen war. Sein Atem war viel zu flach und sein brennender Blick durch gesenkte Augenlider nicht mehr als ein schwaches Glimmen gewesen. Anzeichen von Erschöpfung, die sie bei Darius noch nie wahrgenommen hatte.
    Und dann war er auf ihr zusammengebrochen. Kein scharfes Einatmen, kein dramatisches Zucken oder Stöhnen. Der mächtige Leviathan sackte über ihr zusammen wie eine Marionette, deren Fäden alle auf einen Schlag durchtrennt wurden. Es presste Iris die Luft aus den Lungen, als Darius auf ihr zu liegen kam. Das Gewicht presste sie tiefer ins Bett und obwohl Darius sich nicht rührte, sein Atem unheimlich still ihr Ohr streifte, bekam Iris es mit der Angst zu tun. Malphas und Castor blitzte vor ihren Augen auf, während sie unter Darius erstarrte und sich ihr Blick flackernd in die Decke bohrte. Erst nach ein paar harschen Atemzügen, hob Iris die Hände an die Schultern des leblosen Dämons. Der Griff um ihre Hand unlängst erschlafft.
    "Darius?", wisperte sie. Nichts.
    Iris rüttelte behutsam an seinen Schulten, weil sie sich des frischen Blutes all zu sehr bewusst war, dass gerade ihren Pullover durchtränkte.
    Ein wackeliges, schiefes Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
    "Komm schon, Darius. Das ist wirklich nicht lustig...Darius?"
    Der Dämon blieb still und ächzend schob die Hexe ihn von sich herunter bis sie ihn auf den Rücken drehen konnte.
    Sie richtete sich auf. Ein leichtes Zittern hatte ihren Körper erfasst. Iris sah auf Darius' leblosen Körper hinab. Erstarrt fixierte sie seine Brust, die sich kaum merklich hob uns senkte. Was sie mehr verstörte als alles andere, war der entspannte Ausdruck auf seinem Gesicht. Ruhig, ungeschützt und auf eine unheimliche Art friedvoll. Stockend atmete Iris aus und griff mit bebenden Fingern nach der Decke. Sie zog den Stoff bis zu seinen Hüften hoch, bis er genauso dort lag wie sie ihn vorgefunden hatte. Flüchtig berührten ihre Fingerspitzen seinen Unterarm bevor ihr bewusst wurde, was sie tat, und sie ihre Hand schnell wieder zurückzog. So leise wie möglich krabbelte Iris aus dem Bett. Erst im Türrahmen sah sie zurück, einen nichts zu deutenden Ausdruck in ihrem Blick.
    Mit einem leisen Klicken schloss sie die Tür hinter sich.

    "Bis?", murmelte Iris, als sie die letzten Treppenstufe hinabstieg. Leere und Stille herrschte in dem Anwesen. Die Hexe sah sich um. Sie hatte sich nie zuvor ins Bewusstsein gerufen, wie viele Erinnerungen diese Wände bargen. Mehr, als jeder andere Raum, der sich in diesem Haus versteckte. Er war das Zentrum, in dem alles zusammenlief. "Bis?"
    Beim zweiten Versuch klang ihre Stimme schon kräftiger. Iris trat weiter in das Foyer hinein bis sie direkt unter dem kristallenen Kronleuchter, der vor einiger Zeit in Scherben zu ihren Füßen gelegen hatte, stand. Mit zusammengepressten Lippen griff Iris an den Kragen ihres Pullovers. Sie ließ die flache Hand hinabgleiten, von ihrem Schlüsselbein, über die Brust bis zum Saum. Über nasses, klebriges Blut. Für den Bruchteil einer Sekunde fragte sich Iris, ob sie das Blut unter ihren Nägeln jemals wieder loswerden würde. Kaum berührte sie den Saum des Pullovers berührte, flirrte das Kleidungsstück in rotem Nebel bevor es durch ein neues ersetzt wurde. Darius' Blut verdampfte in einem leisen, aber für Iris ohrenbetäubendem Zischen.
    Vielleicht hätte sie vorher noch zu Roxy gehen sollen. Sie fühlte sich schlecht, ihre Freundin im Unklaren zu lassen. Und noch viel miserabler, weil sie Roxy bewusst aus dem Weg ging, damit die andere Hexe ihr das Vorhaben nicht ausreden konnte.
    Als der kleine Gargoyle in seinem Schlupfloch erschien, hob Iris den Blick.
    Grimmige Entschlossenheit prangte darin.
    "Hast du Hetty gefunden?", fragte sie und fügte sanfter hinzu. "Bist Du dir immer noch sicher, dass du mir helfen willst?"

    Missmutig verzog Iris das Gesicht, weil Darius nicht gewillt war, sie vom Haken zu lassen. Sie würde sich nicht wiederholen.
    "Haben deine Ohren etwas abbekommen? Du weißt ganz genau, warum ich hier bin...", grummelte sie.
    Ganz beharrlich glitt ihr Blick durch das abgedunkelte Schlafzimmer. Iris redete sich ein, dass selbst das Muster der Tapete wesentlich interessanter war als das, was der Dämon in ihrem Rücken trieb. Fest entschlossen den Sticheleien keine Beachtung zu schenken, presste sie die Lippen zusammen. Allerdings ließ sich kaum ignorieren, dass Darius ein nicht nachvollziehbare Faszination für ihr Handgelenk entwickelte. Iris zog die Augenbrauen zusammen, weil er sämtliche Gelenke dabei fast schon unangenehm überdehnte...und erschauderte, weil er es ganz aus der Nähe betrachtete und sie seinen warmen Atem auf der empfindlichen, papierdünnen Haut der Innenseite spüren konnte.
    Iris zuckte zusammen, als etwas warmes und zähflüssiges ihr Handgelenk benetzte. Jetzt warf sie doch einen vorsichtigen Blick über ihre Schulter. Die Frage, was zum Teufel er da trieb, lag ihr schon auf der Zunge. Dennoch schaffte es kein Wort über ihre Lippen, weil Darius mit Blut, seinem Blut, gerade ein kleines Kunstwerkt auf ihre Haut malte. Sie hätte nicht beschreiben können, welche Gefühle diese Tat auslöste, selbst wenn ihr Leben davon abgehangen hätte. Die Andeutung eines Fingernagels glitt über ihren beschleunigten Pulsschlag. Iris verfolgte die blutige Fingerspitze mit morbidem Interesse und einem Hauch von Ekel. Fast wäre ihr der verkrampfte Zug um seine Mundwinkel nicht aufgefallen. Das Lächeln hatte seine Mühelosigkeit eingebüßt, obwohl Darius gut darin war, es zu verbergen.
    „Was hast du ihr denn von mir erzählt? Hoffentlich nur das Beste und was für ein wohlwollender Dämon ich bin", wollte Darius wissen, wobei er zu sehr auf sein Werk fixiert war, als wirklich interessiert zu wirken.
    "Ich habe ihr erzählt, was sie wissen muss. Nicht mehr und nicht weniger", antwortete Iris wahrheitsgemäß. "Ich habe nicht damit angegeben, dass ich die beinahe die Hand weggesprengt habe, falls du dir darum Gedanken machen solltest."
    Das Grinsen auf ihren Lippen hielt nur kurz
    "Je weniger sie weiß, umso sicherer bleibt es für sie. Ich will Roxy nicht noch einmal zur Zielscheibe machen."
    Eine Weile blieb es still. Nur das Rascheln blieb, wenn Darius sich bewegte, und das sanfte Streicheln von Haut auf Haut.
    Darius ließ sich ungewöhnlich vorsichtig zurück ins Bett sinken. Die Geschmeidigkeit eines lauernden Jägers, wie Iris feststellte, war ihm abhanden gekommen. Ein Ziepen im Nacken erinnerte sie daran, dass sie sich schon einige Minuten lang den Hals verrenkte um Darius zu beobachten. Als er lag und offensichtlich ihre Hand immer noch nicht freigeben wollte, drehte sich die Hexe langsam wieder mit dem ganzen Oberkörper zu ihm um. Sie sah kurz auf ihre Hand, die regungslos in der größeren Hand des Leviathans lag. Wenn es nicht um Darius gehen würde, hätte sie fast glauben können, dass er sie festhielt, weil er sie brauchte. Der Gedanke versetzte ihr einen Stich. Natürlich war das nicht der Fall.
    „Hattest du jetzt genug Zeit um zu rekapitulieren, dass es doch schlau ist, auf meine Warnungen und Ratschläge zu hören? Ich glaube, mehrere Leute haben dir schon gesagt, dass ich ein ganz wunderbarer Dämon bin.“
    Iris schnaubte.
    "Ich glaube, der genaue Wortlaut war 'Es gibt schlimmere Dämonen'. An die Bezeichnung wunderbar kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern."
    Sie verdrehte die Augen und ergab sich für den Moment ihrem Schicksal.
    Obwohl ihre Finger in seinem Griff zuckten, gab sich Iris nicht die Blöße, sie auch zu schließen. Zurückhaltend sank ihr Blick auf seine Brust. Verlegenheit war nicht das Problem sondern das viele Blut, dass ungehindert aus den Wunden sickerte. Es sah schlimm aus. Schlimmer, als sie nach ihrem ersten, flüchtigen Blick gedacht hatte.
    "Tut es noch sehr weh?", murmelte sie und erwartete ohnehin keine ehrliche Antwort. "Warum hast du das überhaupt gemacht? Du hättest alles von mir verlangen können, aber anstatt mir einen Handel abzuringen, bis du einfach 'puff' verschwunden. Ich kapier' das einfach nicht."

    Rückblickend hätte Iris damit rechnen müssen. Trotzdem entkam der Hexe ein erschrockenes Keuchen, als Darius' Hand blitzschnell ihre ausgestreckte Hand packte und der Ruck sie aus dem Gleichgewicht brachte. Aus Reflex kniff Iris die Augen fest zusammen. Das Bettzeug raschelte und das Bett selbst knarzte protestierend unter der plötzlichen Bewegung. In fester Erwartung gleich Bekanntschaft mit dem harten Fußboden zu machen, hielt Iris den Atem an. Anstatt sich am Boden wiederzufinden, drückte sich die sehr bequeme Matratze eines Bettes in ihren Rücken. Der vertraute Geruch des Dämons umgab sie schlagartig wie eine dichte Wolke. Iris schnappte nach Luft und blinzelte.
    „Was soll das werden? Wenn du auf Ceris Geheiß hier bist, werde ich mit ihr wohl noch ein Hühnchen rupfen müssen.“
    Über ihr ragte der Leviathan auf und funkelte sie mit seinen Ziegenaugen an. Das Blut rauschte in ihren Ohren und das Herz schlug ihr vor Schreck bis zum Hals. Iris zog das Kinn defensiv an die Brust und fand schließlich ihre Stimme wieder.
    "Was? Warum um alles in der Welt sollte Ceri...?", stammelte sie. Immerhin war es die Elfe, die ihr eindringlich klar gemacht hatte, den Dämon in Ruhe zu lassen. Wie Darius auf die Idee kam, war ihr vollkommen schleierhaft. Der erste Schreck ebbte langsam ab und machte Platz für neue Eindrücke. Darius, der von oben auf sie herab sah und ihre Hand mit einem eisernen Griff umklammerte. Er drückte sie nicht mit seinem Gewicht ins Bett, aber sein verwundeter Körper presste sich nah genug an ihre Seite, dass sie die Hitze spüren konnte. Iris versteifte sich.
    Unwillkommene Erinnerungen drängten sich in ihr Bewusstsein und bereiteten ihr sichtlich Mühe, die Beherrschung nicht zu verlieren. Ihre Finger zuckten in Darius' Halt und sie knirschte angespannt mit den Zähnen während sie ihre Magie zurückdrängte. Weit genug um sie für den Moment zu verschließen - wie ein Korken die Falsche. Ihr freier Arm fiel zur Seite und sie streckte die Hand als Vorsichtsmaßnahme zur entgegengesetzten Seite des Bettes aus.
    „Wenn du hier bist, um mich mit deinen mitleidigen Augen anzusehen, dann darfst du gerne auf der Stelle wieder gehen.“
    Da schnappte ihr Blick zurück zu seiner Brust. Frisches Blut tröpfelte aus neu aufgerissenen Wunden auf ihren Pullover herunter. Darius rang nach Luft. Sie konnte es an der stockenden Art und Weise sehen, wie sich sein Brustkorb bewegte. Durch das Rauschen in ihren Ohren war schwer zu sagen, ob sie sich das Rasseln in seinen Lungen einbildete. Vermutlich. Es war immer schwierig ihrer Wahrnehmung zu trauen, wenn Darius im Spiel war. Nach Malphas hatte Iris nicht erwartet, dass es leichter werden würde.
    „Oder willst du dich erkenntlich zeigen? Scheinbar konntest du die Erfahrung mit Malphas nicht ganz vergessen, hm? Ich sagte ja, wir sind talentiert.“
    Das holte Iris aus ihren Gedanken, die zu einem abrupten Halt kamen.
    "Wie kannst du...?", murmelte Iris fassungslos. Es wagen? So grausam sein? Egal, welches Ende der Frage ihr durch den Kopf ging, sie konnte sie allesamt selbst beantworten. Weil Darius herzlos war. Ein Wesen ohne Mitgefühl. Wie hatte sie für einen Augenblick wirklich glauben können, seine Versuche sie zu warnen oder seine Hilfe hätte einen anderen Zweck verfolgt, als sie damit zu quälen. Darius blieb eben...Darius.
    "Ich hab' mir Sorgen gemacht, okay?!", schnappte sie. Wut und Scham prickelte in ihren Augen. "Völlig grundlos, wie ich sehe, weil es dir schon wieder gut genug geht um dich wie ein komplettes Arschloch aufzuführen. Lass mich los, Darius."
    Iris wandte sich unter Darius bis sie genug Raum gewonnen hatte um sich aufzusetzen. Dass Darius sich wie ein Arschloch benahm, änderte nichts an der Tatsache, dass ihr die große Wunde über seiner Brust entgegen starrte wie ein morbides Grinsen aus zerfetzten Fleisch und Muskeln. Schnaubend entwirrte sie ihre Gliedmaßen aus Laken und zerwühlter Bettdecke...wäre das nicht immer noch der feste Griff um ihre Hand.
    "Ich will gehen. Du hast vollkommen Recht, ich hätte mir den Weg sparen sollen."

    "Du musst deine Aura wieder in den Griff kriegen.", hatte Bis gesagt. Damit schlug er in dieselbe Kerbe wie Ceri und zu Iris' Verwunderung, auch Roxy. Begeistert war die blonde Hexe von dem irrwitzigen Plan, dass Iris ihren Hals riskierte um einem Dämon, der eindeutig weder Hilfe benötigte noch wollte, zu helfen, immer noch nicht. Mürrisch, mit zusammengekniffenen Augen und verschränkten Armen hatte Roxy sie gemustert und sich eine Locke aus der Stirn gepustet. "Es ist...hm, wie ein schlingernder Tornado. Von den Schwingungen bekomme ich Kopfschmerzen."
    Also verbrachte Iris eine Weile damit, das Problem bei der Wurzel zu packen. Leichter gesagt als getan. Zumindest hatte Iris es geschafft, ein paar Anziehsachen aus dem Diesseits zu ziehen. Es hatte mehrere Anläufe gebraucht bevor T-Shirts, Hosen und andere Kleidungsstücke in den richtigen Größendimensionen aufgeploppt waren. Die ersten Probeläufe hatten ausgesehen, als hätte Iris sie geradewegs aus einem viel zu heißen Trockner gezogen.
    Roxy und Iris blieben zusammen wie siamesische Zwillinge. Meistens waren die zwei Hexen in Iris' Zimmer zu finden, wo sich möglicher Schaden in Grenzen hielt. Fest hielten sich die beiden Frauen an den Händen und versuchten gemeinsam Iris' aufgewühlte Aura mit etwas Vertrautem zu beruhigen. Roxy' Magie entfaltete sich wie ein Kokon während sie gemeinsame Erinnerungen teilten. Bilder, Gerüche und Berührungen verankerten die zerstobene Aura wieder an ihrem angestammten Platz, glätteten die wellenschlagenden Enden und knüpften neue Verbindungen. Tränen mischten sich mit gedämpftem Lachen, das unter der Tür hervordrang. Hin und wieder waberte eine dezente Rauchschwade über die Dielen gefolgt von einem überraschten Aufschrei und dem platschen von Wasser. Mehr als einmal hatte es Iris geschafft, mit einem unkontrollierten Ausschlag ihrer Magie die ein oder andere Ecke ihrer Möbel zu verkohlen.
    Das Schlimmste blieben die Albträume, die Iris den Schlaf raubten. Es wurde besser mit der Zeit. Langsam, aber stetig. Manchmal trugen sie ihre Füße durch die Eingangshalle, vorbei an der gewundenen Treppe und bis zur ersten Stufe. Nachdem Bis ihr einige Zeit zuvor eröffnet hatte, dass die Verbindung keine Einbahnstraße war, hatte sie ihre Fühler vorsichtig ausgestreckt. Iris konnte Darius' Anwesenheit spüren. Unbeweglich kreiste das, was sie als sein Wesen wahrnahm, um einen Punkt im Anwesen. Darius hatte sein Zimmer kein einziges Mal verlassen. Es gab Momente, in denen Iris sich beinahe davon überzeugen ließ, dass alles in Ordnung war. Geduld und Zeit würde alles in Wohlgefallen auslösen. Aber als Darius selbst nach ein paar Tagen kein erkennbares Lebenszeichen von sich gab, außer weiterhin eine Nichtssagende Energiequelle am Rande ihre Bewusstseins zu sein, gab Iris nach.
    Es war pures Glück, dass sich noch kein anderer Leviathan in das Anwesen verirrt hatte.
    Malphas würde kaum mit dem Triumph hinterm Berg halten, dass er Darius gehörig die Leviten gelesen hatte obwohl ihm seine Beute dadurch entkommen war. Wenn das Jenseits halb so viel Ähnlichkeit mit dem Diesseits hatte, verbreiteten sich auch hier Gerüchte und Klatsch wie ein Lauffeuer. Ohne den Herr des Hauses, war niemand von ihnen sicher und am aller wenigstens Roxy. Iris versuchte sich einzureden, dass sie allein aus diesem Grund zu später Stunde, wie sie vermutete, weil es noch stiller im Anwesen war als üblich, die Treppenstufen hinauf stieg.
    Die Augenringe waren beinahe verblasst, ihre Haut hatte wieder einen lebendigen, rosigen Ton angenommen und sie war nicht aus der Puste, als sie den obersten Treppenabsatz erreichte. Iris strich die Ärmel ihres Hoodies glatt, der ihr mindestens zwei Nummer zu groß war. Ihr Blick brannte Löcher in das dunkle Holz der Schlafzimmertür. Sie hatte hier nichts zu suchen und trotzdem...Was war, wenn Ceri sich dieses Mal irrte?
    Mit einem dumpfen Geräusch legte sie die Stirn gegen das kühle Holz und lauschte.
    "Darius...", wisperte sie, aber klopfte nicht an.
    Nichts.
    Iris schloss die Augen und tastete nach dem Faden, der die Vertraute mit ihrem Dämon verband. In unmittelbarer Nähe war das Gefühl stärker, aber fühlte sich immer noch falsch an. Es flackerte wie eine Kerze. Wenn der Leviathan Herr seiner Sinne war, musste er wissen, dass sie vor seiner Tür stand. Langsam richtete sich Iris wieder auf und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Sie sollte gehen und vernünftig sein. Das Vernünftigste war, auf Ceri zu hören und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Iris kaute auf ihrer Unterlippe herum. Aber wenn sich Ceri irrte? Nur ein einziges Mal?
    Sie atmete einmal tief ein und wieder aus, dann griff sie nach der Türklinke und drückte sie herunter um einen Blick durch den Türspalt zu werfen.
    Darius lag in seinem Bett. Regungslos, als würde er lediglich schlafen. Iris wurde bewusst, dass sie Darius nie schlafen oder auch nur etwas weggenickt erlebt hatte. Schliefen Dämonen im Normalfall überhaupt? Trotz den abgedunkelten Zimmers konnte sie seinen nackten Oberkörper ausmachen. Die decke reichte ihm nur bis zu den Hüften und gab den Blick auf das Schlachtfeld, das seine Brust zierte, frei. Iris warf einen letzten, flüchtigen Blick über die Schulte, dann schlüpfte sie hinein und schloss leise die Tür. Die Hexe schlich ans Bett. Darius hatte seine Brille abgelegt und von Nahem sah er noch deutlicher danach aus, als schliefe er nur. Irgendwo im Raum zischte es leise. Iris zuckte zusammen und blickte sich hektisch um. Rauchschwaden waberte durch die Luft, wo das vergossene Blut auf den Dielen verdampfte. Es war immer noch so, so viel übrig.
    Vorsichtig glitt ihr Blick zurück zu dem ruhenden Dämon. Die Wunden sahen besser aus, aber nicht vollständig verheilt. Feuchtigkeit glänzte an den Rändern, wo Blut durch winzige Lücken im Fleisch sickerte. Selbst mit ihrer menschlichen Nase war der Geruch von so viel Blut lähmend. Besonders eine klaffende Wunde stach aus dem blutigen Bild hervor. Sie thronte mitten auf Darius' Brust. Insgeheim war Iris dankbar für das schlechte Licht. So konnte sie die zerrissenen Muskeln und Blutgefäße nicht sehen. Schimmerte etwa ein Stück des bleichen Brustbeins unter Schlieren aus Blut?
    Iris presste sich die Hand auf den Mund.
    "Bei Hekate, Darius...was hab' ich getan?"
    Atmete er noch? Der Puls unter ihrer Haut beschleunigte sich und zögerlich streckte sie die Hand aus, um sein Handgelenk zu berühren, das unter der Decke hervorlugte.

    "Du bist gefährlich, Blondie." Der Kosename entlockte Jax ein missmutiges Schnauben. Gleichzeitig huschte ein flüchtiges Grinsen, das für einen Sekundenbruchteil ein wenig zu gut gelaunt wirkte, über seine erschöpften Gesichtszüge. Der Konter sprudelte über seine Lippen, bevor sein schlaftrunkenes Hirn überhaupt aufholen konnte.
    "Hätte ich gewusst, dass ich mit Dir flirten muss, damit Du das begreifst, hätte ich vielleicht früher über meinen Schatten springen und Dich küssen sollen. Oder übers Knie legen, was dir wahrscheinlich noch gefallen hätte und das würde nun wirklich den Sinn und Zweck verfehlen..." Jax räusperte sich und dankte dem kosmischen Zufall, dass er Cassian gerade nicht ins Gesicht sehen musste.
    Gott, Cass kitzelte diesen ganzen Mist so spielend leicht aus ihm heraus, als hätte er in seinem Leben nie etwas anderes getan. Er wusste instinktiv, welche Knöpfe er drücken musste. Cass durchschaute ihn mit einer Leichtigkeit, die ihm Sorgen bereiten müsste und trotzdem hatte sich dieser gewisse, kribbelnde Nervenkitzel in ihm eingenistet. Ein Teil von ihm wollte den Kuss wiederholen und seinen hitzigen Tagtraum in die Realität zerren, doch das war nicht möglich. Es durfte nicht sein und dennoch blieb bei all dem Chaos aus Verwirrung und Entschlossenheit eine unterschwellige Wärme zurück, die einfach nicht ausbrennen wollte.
    "…Ich komm schon klar. Immerhin bin ich der Typ, der sich selbst aus dem Diner gekickt und in Deinem Badezimmer heimlich einen runtergeholt hat.“
    Peinliches Schweigen breitete sich über ihnen aus. Ah, er hatte sich also wirklich nicht eingebildet, dass Cassian in der Dunkelheit klammheimlich ins Bad geschlichen war. Jax fuhr sich mit der freien Hand über das Gesicht und unterdrückte ein frustriertes Grollen tief in seiner Kehle. Dabei unterstellte er Cass nicht einmal, dass er ihn gerade in diesem Moment mit Absicht aus der Fassung bringen wollte. Der Dieb, der sich ganz theatralisch neben ihn aufs Bett fallen ließ, besaß einfach keinen Filter. Für das Mundwerk benötigte er einen Waffenschein.
    "Aber wenn das hier wirklich Sorte Zwei ist…“ - Es raschelte leise. Dunkle Locken, die über raues Bettzeug glitten und ein Blick, der sich seitlich in seinen Schädel bohrte. Jax konzentrierte sich auf einen besonders großen Riss in der Decke. - „… dann will ich den verdammten Kaffee. Und nen Schuss aus Deiner Apotheke."
    "Du weißt, wo die Kaffeemaschine ist. Lass Dich nicht aufhalten", brummte er. Der Blick verschwand nicht, obwohl Jax sich sehr darum bemühte, ihm keine Beachtung zu schenken. Die Anziehungskraft war gnadenlos. Die Sehnen in seinem Hals spannten sich an, seine Kiefermuskeln zuckten angespannt. Jax gab nach und drehte den Kopf ebenfalls zur Seite um Cass anzusehen. Warmer Atem streichelte über sein Gesicht. "Und bring mir einen mit. Für den Tritt müsstest Du mir mindestens ein Jahr lang morgens Kaffee ans Bett bringen."
    Ein dezentes Vibrieren erfüllte unerwartet den Raum.
    Sofort verhärteten sich Jax' Gesichtszüge, doch er war noch nicht gewillt, den Moment völlig verstreichen zu lassen.
    "Bitte sag mir, dass das dein Handy war...", raunte er.

    Textnachricht

    Mr. Spatz, wir bedanken uns für ihr Intresse an unserer Kampagne für ein sauberes Stadtzentrum und abfallfreie Grünanlagen. Der Eastlake Park wird gewiss von ihrem Engagement profitieren. Wir sind guter Dinge, dass wir unser Projekt ab kommenden Mittwoch in Angriff nehmen können. Die erforderlichen Maßnahmen werden selbstverständlich nach Schließung der Grünanlagen in den Abendstunden stattfinden, damit die Bürger am Tag weiterhin das Erholungsangebot nutzen können. Sie sind herzlich eingeladen sich selbst einen Eindruck verschaffen. Wir möchten Sie noch darauf hinweisen, dass Hunde auf der gesamten Anlage nicht gestattet sind.

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