How Remington Stole Christmas

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  • How Remington Stole Christmas

    erzählt von einer Mrs.Doubtfire-ähnlichen Erzählerin

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    Rustin


    Ach meine Lieben, setzt euch, setzt euch - aber vorsichtig, ja? Die Kissen hier sind voller Tannennadeln. Wintercrest ist eben Wintercrest. Es glänzt hier alles so sehr, dass selbst die Engel im Himmel eine Sonnenbrille bräuchten. Ein Dorf wie ein Zuckerschock, das ganz offenbar in der Zeit stehen geblieben ist. Doch heute erzähle ich euch keine gewöhnliche Weihnachtsgeschichte. Nein, Liebchen. Heute erzähle ich euch von Remington. Ach, Remington… Armer Junge. Wenn man ihn heute sieht, dann glaubt man kaum, dass er einmal ein weiches Herz hatte. Ein Herz so groß wie ein Truthahn am Heiligen Abend, sage ich euch. Nur… Wintercrest hat ihm den Ofen etwas zu heiß gedreht. Remington war früher ein hübscher Junge. Oh ja, das dürft ihr mir glauben. Nicht hübsch im klassischen Sinne - oh nein! Er war hübsch auf diese Art, bei der man sagt: „Der Junge spielt in einer eigenen Liga, verstehst Du?“ So ein Gesicht, das man nicht vergisst. So ein Gesicht, über das alte Frauen beim Bäcker flüstern: „Ja, das ist er. Der Remy-Junge.“

    Und dann geschah er, der Vorfall. Der kleine Gisbert, Sohn des Bürgermeisters, tot am Waldrand gefunden - und niemand wusste, wie, oder warum, oder von wem. Traurig, schrecklich, herzzerreißend. Aber Wintercrest braucht schneller einen Schuldigen, als man „Lebkuchen“ sagen kann. Und Remington? Nun… er war ein eigenwilliger Junge, ein bisschen zu still, ein bisschen zu anders. Ein bisschen zu… Remington eben. Sie zeigten auf ihn, als wäre er der Teufel in einer Nikolausmütze. Ich erinnere mich noch genau - oh, mein Herz zieht sich zusammen wie eine schlecht gestrickte Socke - wie seine Mutter damals mit rotgeweinten Augen am Rand des Dorfplatzes stand. Wie sie mehr flüsterte als sprach: „Er hat es nicht getan… er hätte es nie getan…“ Aber Wintercrest? Wintercrest hört nicht zu. Wintercrest will Ordnung. Und wenn Ordnung ein Opfer braucht, dann finden sie eines. Immer. Seine Familie packte zusammen, sie flohen, husch husch, wie Schatten im Schneesturm. Nur Remington blieb. Der Junge, über den jeder sprach, aber keiner mit ihm. Der Junge, der nie wegging - vermutlich, weil er nicht wusste, wohin. Und, oh Liebchen… Menschen, die zu lange allein gelassen werden, werden seltsam. Eingeschneit im Herzen. Oder wie Remington zu einer Art menschlichem Sturm, der alles durcheinanderwirbelt. Remington war so furchtbar allein, dass selbst die Krähen sich für ihn schämten. Er begann, seltsam zu werden. Aber nicht die harmlose Art „Ich sammle Porzellanfiguren“-seltsam. Nein nein. Sondern die Art, bei der man morgens wach wird und plötzlich ein lebensgroßes Holzrentier mit rotglühenden Augen im Vorgarten steht, einem direkt in die Seele starrt und „HO… HO… HO…“ röchelt, weil Remington ihm einen Bewegungsmelder eingebaut hat. Oh, er ist so kreativ! Wenn auch auf eine Art, bei der man manchmal befürchtet, dass er die Kreativität auf Körperwärme testet, falls Wintercrest ihn weiter nervt. Er hackt die Lichterketten. Er manipuliert Musikboxen. Er sabotiert den großen Weihnachtsbaum. Er lässt die Glocken läuten, wenn sie ganz bestimmt nicht läuten sollten. Das ganze Dorf ist in dauerhafter Angst .. und ein bisschen Erregung. Denn Remington hat diese Art von Präsenz, wisst ihr? Eine Mischung aus „Lauf davon“ und „Lauf zu mir“. Und oh, manche laufen. Vor allem der Sheriff, behauptet jedenfalls Remington. Denn mittlerweile macht er nicht nur Lichterketten, Autos und Weihnachtskugeln kaputt, sondern auch die Geduld des Sheriffs. Oh, besonders die. Großer Gott, wenn ihr den sehen würdet. Dieser große, raubeinige Mann in den Vierzigern, der aussieht, als könnte er Remington mit einer Augenbraue disziplinieren. Ein Mann mit einer Stimme wie Whiskey und Blicken wie Handschellen. Wintercrest behauptet: Der Sheriff jagt Remington. Aber ich behaupte: Der Sheriff sucht eine Ausrede, um diesen Mann zu sehen. Und Remington? Nun, wenn der Sheriff vor ihm steht, die Hände an der Hüfte - ach Liebchen, ich habe noch nie jemanden so wütend, nervös und… lebendig gesehen wie Remington in diesem Moment.Der Sheriff hat gesagt, er lässt sich nicht von Remington toppen. Oh, wie niedlich. Wie wunderbar männlich trotzig. Da möchte man ihm über die Wange streicheln und sagen: „Versuch mal ganz tief einzuatmen, Schätzchen.“

    Es ist eine Katze-und-Maus-Geschichte, meine Lieben, aber die Maus hat Messer und die Katze hat Erfahrung. Hehehe. Man sagt, Remington sei sadistisch. Ach, vielleicht ein bisschen! Aber auf die charmante Art, wie jemand, der weiß, dass er nichts zu verlieren hat. So ein Sadismus, der nicht aus Bosheit kommt, sondern aus… Nun ja. Aus einem Herzen, das so oft gebrochen wurde, dass es die Welt lieber bricht, bevor sie es wieder tut. Er lebt jetzt am Berg, fast völlig verborgen, beobachtet Wintercrest mit der Liebe eines Mannes, der eine Stadt verflucht hat und der sie trotzdem nicht loslässt. Er sabotiert alles mit Kunst und Hingabe und einer Häme, die so schön ist, dass man sie einrahmen könnte. Und jedes Mal, wenn der Sheriff ihn stellt - (jaja, das tut er oft; und nein, er gewinnt nie - ach, Männer…) jedes Mal sieht man diesen Moment in Remingtons Augen diesen Funken. Ach, meine Lieben. Dies ist keine gewöhnliche Weihnachtsgeschichte. Dies ist Wintercrest. Und das ist eine Grinch Geschichte. Eine Geschichte, die man am besten bei Kerzenlicht liest. Oder im Dunkeln. Ganz im Dunkeln. Wie er es mag.

    (gez.: Remington)

    Remington Remy


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    Name: Remington Remy

    Alter: 31 (wirkt jünger - aber nicht weicher)

    Geburtsort: Wintercrest

    Größe: 1,88m

    Aussehen: dunkle, wirre Haare; ausdrucksstarke Augen; „zu viele Emotionen für ein einzelnes Gesicht“

    Aura: Mischung aus „nicht anfassen“ und „versuch’s ruhig, ich sterbe nicht“

    Remington Remy ist ein Mann, der sich so tief in den Schatten Wintercrests eingewoben hat, dass selbst der Schnee um ihn herum leiser fällt. Dreißig, vielleicht einunddreißig Jahre alt, mit einer schlanken, drahtigen Statur, die mehr Ausdauer als Kraft verspricht (kein Wunder, es sieht ihn ja auch niemand nackt!) - einer, der nie stehen bleibt, ohne die Welt um sich herum zu beobachten. In seinem Gesicht liegt eine ständige Unruhe, die weder ganz Wut noch ganz Schmerz ist, viel mehr ein eigentümliches Zwischenstadium: etwas Wildes, etwas Verwundetes. Seine Augen, dunkel und glitzernd wie schwarze Weihnachtskugeln, zeigen in jedem Moment zu viel und Remington hasst das. Er hasst es, dass er nicht lügen kann, ohne dass seine Mimik ihn verrät. Remington kleidet sich fast ausschließlich in dunklen Mänteln, alten Stiefeln und fingerlosen Handschuhen, als müsse er jederzeit bereit sein, entweder einen Stromkasten zu sabotieren oder im Wald verschwinden. Es sei denn er ist alleine in seinem Unterschlupf, da läuft er durchaus gerne in palmenbemusterter Shorts und Flip Flops herum. Seine Bewegungen wirken manchmal elegant, dann wieder grotesk überzeichnet, wie ein Mann, der zu viel Energie im Gesicht und zu wenig in der restlichen Körpersprache hat. Ein Mensch, der ins Dorf kommt und aussieht, als hätte er gerade fünf Weihnachtsbäume angezündet und wäre auf dem Weg, daen sechsten zu erwürgen.


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    Aus dem verlassenen Wetterobservatorium hat er sich einen Unterschlupf gemacht - eine Mischung aus Werkstatt, Zufluchtsort und stummem Mahnmal seiner Vergangenheit. Wintercrest war sein Geburtsort, aber gleichzeitig auch sein Gefängnis. Und der Tatort seines Lebens - wenn man es so nennen will. Er war fünfzehn, als der Sohn des Bürgermeisters tot am Waldrand gefunden wurde. Niemand wusste, was wirklich geschehen war. Niemand wollte es wissen. Wintercrest war ein Dorf, in dem Harmonie wichtiger war als Wahrheit. Und Remington… Remington war anders, ein perfekter Sündenbock.

    Seine Familie hielt den Druck nicht aus. Sie flohen mitten in der Nacht, so erzählte man es sich, ließen ihrer alte Hütte im Wind zurück und mit ihr einen Jungen, der plötzlich allein war. Er blieb. Und das Dorf ließ ihn bleiben, wie man etwas lässt, das einem unangenehm ist. Mit distanzierter Toleranz, als wäre er ein lebendiger Schandfleck im Schneeglanz.

    Über die Jahre wurde Remington immer seltsamer. Ein Saboteur der Heuchelei. Ein Künstler der Zerstörung. Er erschreckt gerne Menschen, weil Reaktionen ihm zumindest das Gefühl geben, lebendig zu sein. Er ist ein Sadist, aber ein melancholischer. Trotz allem hat er ein gutes Herz. Also so tief unter Eis eingeschlossen, dass es nur in seltensten Momenten hervorschimmert. Wenn ein Kind frierend nach Hause läuft, legt er ihm unauffällig Handschuhe an den Platz, an dem es sie finden musste. Wenn ein verletztes Tier im Schnee liegt, nimmt er es mit und pflegt es. Doch sobald jemand ihn dabei hätte sehen können, verwandelt sich sein Gesicht wieder in die boshafte Grimasse eines Mannes, der angeblich nichts fühlte.


    Zacharias Crafford


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    I spent a lifetime watching all the evil shit people did to each other. Nothing got to me anymore.

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    Name: Zacharias Crafford ⌖ kurz: Zach, Cop, Chief, Sheriff, Bulle, Mistkerl, Arschloch, Bastard, etc.

    Alter: 45 Jahre 'jung' ⌖ ich bin zu alt für diesen Scheiß

    Geburtsort: Ein Kuhkaff in Kansas ⌖ das Viehtreiben liegt mir im Blut

    Größe: 187 cm - mit Hut einen Tacken größer ⌖ es kann nun mal nicht alles groß sein, Schätzchen

    Aussehen: Ergrautes Haar - mal mit, mal ohne Undercut ⌖ Sturmgraues Augenpaar ⌖ Wettergegerbter Teint ⌖ Abgewetzte Lederware

    Charakter: Chauvinistisch, patriotistisch, proletarisch, korrupt, anstandslos ⌖ ich hab' den Charme einer Schmeißfliege und den Intellekt eines Holzfällers

    Sonstiges: Besucht eine Selbsthilfegruppe der anonymen Alkoholiker mit mäßigem Erfolg ⌖ schießt schneller als sein Schatten ⌖ riecht nach Motoröl, Tabak und Old Spiece ⌖ ist sehr altmodisch in seiner Arbeitsweise ⌖ besitzt noch zwei uralte Revolver im Western-Stil ⌖ fährt einen antiken Ford Mustang ⌖ sein Kindheitsheld ist Lucky Luke ⌖ schraubt gern an Autos rum ⌖ geht regelmäßig zum Rodeo

    Bad Timing – my speciality.

    Wenn man nichts mehr zu verlieren hat, ist einem alles andere scheißegal. Gesundheit, scheißegal. Vernunft, scheißegal. Moral, scheißegal. Ich lebe nur noch in den Tag hinein, hetze von Auftrag zu Auftrag, schütte Fusel literweise in mich rein, qualme Zigarren… Sogar mein Doc macht sich Sorgen um mich – wenn ich so weitermache, ende ich wie alle anderen Versager als Schnapsleiche im Graben. Was soll's, mir geht's blendend, abgesehen von den elendigen Kopf- und Rückenschmerzen. Dagegen hilft nur eins; noch mehr Scotch. Während ich bis zur Besinnungslosigkeit saufe und den süßen Schlaf der Ahnungslosen herbeisehne, tobt in mir das Chaos. Ich habe das Gefühl, alles entgleitet mir. Ich bin nicht mehr Herr meiner selbst, nur noch ein fremdgesteuertes Wrack, das langsam aber sicher Kurs auf ein Riff nimmt, um endlich zu zerschellen. Was auch immer mich so lange am Leben gehalten hat, es genügt nicht, um mich bei Laune zu halten. Ich vermute, das macht mich zum Besten meines Fachs. Wenn du keine Angst um dein eigenes Leben hast, dann stürzt du dich umso furchtloser in den Kampf. Das macht leichtsinnig, aber auch waghalsig. Es ist der Adrenalinkick, der mich antreibt. Der mich glauben lässt, unbesiegbar zu sein. Der aus mir den wackeren Gesetzeshüter macht, den alle in mir sehen, egal wie zugedröhnt ich bin.

    I got gallons of blood. Can't remember where it's from. Just clippings on the wall. I guess it's stuff that I have done.

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    Du willst wissen, wie mein Tagwerk aussieht? Willst mich für die Zeitung interviewen? Ha! Na, dann hör mal ganz genau zu - ich sag´s nur einmal: Früh morgens frühstücke ich erst mal flüssig' Brot, poliere das Eisen, tanke die Karre auf, gönn´ mir noch ´nen Shot, dreh´ ne Runde um den Block – seh nach dem Rechten, schnippe gegen die Hutkrempe, sage, dass der Job erledigt ist, kippe ´nen Shot, verfolge ´ne heiße Spur, mache auf dicke Hose und schieße in die Luft, schnappe den Täter, mache ihn dingfest, belohne mich mit ´nem Shot, gehe danach ins Bordell und markiere dort den Dicken, fange mir Sackflöhe ein, fluche darüber und suche qualitativ hochwertige Gesellschaft anderswo - Gesellschaft gefunden, wir teilen uns ne Flasche Jack Daniels, reden, philosophieren, lachen, schlafen nebeneinander ein, mitten in der Nacht hau ich ab und fange wieder von vorne an. Ein Teufelskreis, der mich glücklich macht, oder auch nicht. Warum ich dem Wahnsinn kein Ende bereite? Dafür bin ich zu stolz. Der Sensenmann soll mich holen kommen, wenn er es für richtig hält. Doch der Sensenmann lässt mich weiter warten. Statt mir diesen einen verdammten Gefallen zu tun, schickt er mich in dieses Kaff, das der Albtraum eines jeden Pessimisten ist. Disziplinarmaßnahme nennt man das heutzutage. Ich scheiß auf Disziplinarmaßnahmen! Die können mir alle mal den Buckel runter rutschen!


    Einmal editiert, zuletzt von Quasilotte (19. November 2025 um 19:22)

  • Der Weihnachtsbaum vor dem Sheriff Department war eine Abscheulichkeit. Ein Monstrum aus Lichterketten, Glitzer und der verzweifelten Sehnsucht eines Dorfes, sich unschuldig zu fühlen. Er ragte wie ein grotesker Leuchtturm in Richtung Nachthimmel, hell genug, um selbst Blinde daran zu erinnern, dass Wintercrest niemals ein gesundes Maß kannte. Remington stand im Schatten des Baumes, die einzige Stelle ringsum, die nicht von irgendeiner blinkenden Lichterkette beleuchtet wurde und beobachtete ihn. Den Sheriff mit dem ollen Hut, als wäre er Teil eines schlechten Westerns, der an einer noch schlechteren Stelle abgebrochen worden war. Der Mann wirkte insgesamt schwermütig, müde, eine Spur zu groß für diesen kitschigen Hintergrund. Der Hut allerdings… Remingtons Mund verzog sich und er rümpfte angewiedert die Nase. Er empfand eine sofortige, tiefe, körperlich unangenehme Abneigung gegen dieses Ding. Es war eine Mischung aus Cowboy-Arroganz und amerikanischem Machismo, und Remington hätte ihn am liebsten vom Kopf gestoßen, nur um zu sehen, wie viel Ärger es ihm einbrachte. „Wer trägt so etwas freiwillig?“ Er wusste selbst nicht, wem er die Frage stellte. Dem Baum? Dem Hut? Sich selbst? Das Schlimmste an dem Kerl war aber nicht mal der Hut. Es war das Auto. Dieser älteste-Ford-Mustang-der-Welt-Kadaver, der sich mit so viel testosteronschwangerer Selbstachtung auf den Dorfparkplatz stellte, dass Remington sich sofort angegriffen fühlte.

    Remington spürte, wie ihm ungewollt ein kleiner Stromstoß durch den Brustkorb ging. Das Gefühl, dass ein Mensch gefährlich sein konnte, nicht weil er das Gesetz ausstrahlte, sondern weil er Ruhe ausstrahlte. Die Art von Mensch, die in Dich hineinsieht und nicht mal was finden muss, damit Du Dich entblößt fühlst. Er hasste solche Menschen. Kaum hatte der Sherrif sich in Bewegung gesetzt, um das fast genauso hässliche Auto alleine zu lassen, glitt Remy leise wie eine Maus aus dem Schatten und ließ die Fingerspitzen flüchtig über die Karosserie des Mustangs gleiten. Der Wagen war eine offene Einladung und Remington war kein Mann, der Einladungen ausschlug. „Ein Mann, der das fährt, bettelt geradezu darum, dass man ihm eine Lektion erteilt.“ Remington wollte keine neuen Menschen. Erst recht keinen neuen Sheriff. Und am allerwenigsten wollte er einen Sheriff, der so unbeeindruckt aussah, als wüsste er, was er tat. Hämisch grinsend beugte er sich über die Motorhaube, hörte das leise Knacken des abkühlenden Metalls, und musste sich ein kurzes Lächeln verkneifen. „Na komm, Großer“, flüsterte Remington, „zeigen wir Deinem Besitzer, wo seine Grenze ist.“ Er zog das Werkzeug aus seinem Mantel, öffnete die Türe so vorsichtig, dass selbst der Mustang überrascht gewesen wäre - hätte er eine Seele gehabt - und beugte sich hinein. Das Radio war ein Witz, ein lächerlich leichtes Ziel. Er brauchte nicht mal sein gutes Werkzeug; eine einzelne Klinge reichte, ein leiser Druck hier, ein Umleiten des Stroms dort, und schon hatte die Elektronik eine neue Hauptfunktion. Wenn der Sheriff den Wagen startete, würde er mit einer Lautstärke begrüßt werden, die Tote aufweckte. Und es würde nicht irgendein Bitte melde dich an, um diesen Link zu sehen. sein. Remington hatte lange überlegt. Lang genug, um sich selbst dafür zu verachten. Mit unerhört kindischer Freude hatte er sich das perfekteste, so ganz und gar nicht weihnachtliche Lied für den neuen Sherrif ausgesucht. „Perfekt!“, lautete sein Urteil und schob die Elektronik zurück in ihren Rahmen. Doch er wäre nicht Remington, wenn er es dabei beließe. Das Auto hatte noch eine weitere Sünde; zu viel Persönlichkeit. Also schenkte er ihm… eine Ergänzung. Aus der Manteltasche holte er die rote Kugel hervor, eigentlich eine Clownsnase, aber mit viel Fantasie konnte man sie auf als Rentiernase erkennen. Mit Montagekleber drückte er sie mitten auf die Windschutzscheibe. Anschließend zog er dümmlich kichernd aus der Innentasche seines Mantels einen dünnen Pinsel und die kleine Dose schwarzer Farbe. Mit ruhiger Hand und feiner Schrift schrieb er auf die Motorhaube:

    NOT YOUR TERRITORY. - R

    Als er fertig war, trat er zwei Schritte zurück, betrachtete sein Werk und spürte, wie es in ihm zuerst stach, dann warm wurde, dann sofort wieder frieren musste, weil er solche Gefühle nicht brauchte. Stattdessen klatschte er begeistert in die Hände und kicherte erneut, bevor er wieder im Schatten des monströsen Weihnachtsbaumes verschwand. Wintercrest würde bald merken, dass der Grinch nicht das einzige Problem war. Remington Remy war wach. Und er war überhaupt nicht begeistert, dass jemand ihm den Platz in seinem eigenen Unglück streitig machen wollte.

    2 Mal editiert, zuletzt von Quasilotte (19. November 2025 um 23:32)

  • Der Motor grölte, heulte auf wie ein gequältes Tier, als der Fahrer das Gaspedal durchdrückte unbeachtet dessen, was das Tempolimit ihm aufzudiktieren versuchte. Der motorisierte Mustang in der Farbe 'Midnightblack' - eine Sonderedition - flitzte lautlos um die Kurven wie ein lichtscheuer Schatten, der vor Kraft strotzte und mehr Testosteron versprühte als die meisten Männer dieser Tage. Allesamt Weicheier, was heutzutage in den Städten lebte. Die Bequemlichkeit hatte die Männerwelt weichgespült und zu hübsch dressierten Pudeln gemacht, die den Weibern aufs Wort gehorchten. Widerlich. Unser Sheriff in dieser Geschichte hielt sich selbst für einen der letzten Überlebenden des einzig wahren Männergeschlechts. Für eine Rarität, selten wie ein Dinosaurierknochen und mindestens genauso alt… Ein Urgestein, das noch die Werte besserer Zeiten kannte und lebte. Weil es überaus männlich war, zu rauchen wie ein Schornstein, steckte in seinem Mund eine Zigarette der Marke Marlboro, die seine herbe Männlichkeit qualmend unterstrich. Ebenso unverzichtbar war der fahrbare Untersatz, der nicht irgendein Untersatz sein durfte, sondern von sportlicher Eleganz sein musste. Mit genau so vielen Ecken und Kanten, wie der Fahrer sie besaß. Ein kerniger Charakter war schließlich genau das, worauf es ankam. Gewöhnlich kann jeder. Das traf vor allem auf Großstädte wie Pittsburgh zu. Dort setzte man auf Masse statt Klasse. Wie könnte es auch anders sein? Er passte nicht zu diesen noblen Denkfabriken, die einen rückgratlosen Einheitsbrei aus ihren Mitarbeitern machten. Dafür war er viel zu sehr Rebell und Macho als dass er sich irgendwelchen Bossen in ihren geleckten Anzügen unterordnen würde. Er machte lieber sein eigenes Ding. Bog sich Gesetze zurecht wie er sie brauchte und ließ Fünfe auch mal gerade sein. Am Ende zählte eh nur das Ergebnis, nicht der Weg dorthin, nicht? Der Zweck heiligt die Mittel, das besagte selbst die Bibel - oder war es ein anderes schlaues Buch? Egal, was zählte, war die Kernaussage. Warum also hatte man ihn suspendiert und in letzter Konsequenz sogar zwangsversetzt? Er konsumiere zu viel Alkohol, hieß es. Erscheine zu spät zum Dienst. Ließe sich von Kleinkriminellen kaufen. Pah! Die hatten doch alle keine Ahnung! Wussten nicht, wie es auf der Straße wirklich zuging! Wie man ums Überleben kämpfen musste, selbst als Cop. Diese dämlichen Sesselpupser hatten leicht reden in ihren schicken Büros, wo sie mehr Eau de Toilette inhalierten als Frischluft. Und von so einem musste er sich belehren lassen! Er, der mehr Lebens- und Berufserfahrung hatte als alle Police Officers zusammen, die noch ganz grün hinter den Ohren waren. Wie sollte man so einem erklären, dass die bösen Buben nicht nach deren Regeln spielten? Um einen dicken Fisch zu fangen musste man ihn mit anderen Fischen füttern. Soll heißen; verbünde dich mit dem Feind deines Feindes und mach ihn stark. Früher oder später werden sie sich gegenseitig an die Gurgel gehen und dann heißt es nur noch; der Stärkere gewinnt. Aber nein, seine Vorgesetzten waren ja der Meinung, dass sich ein Cop mit keinem Gesetzesbrecher zu verbünden hatte und sich erst recht nicht von Gesetzesbrechern schmieren lassen durfte. Ganz zu schweigen von Zachs Verhörmethoden… die wären wohl auch nicht ganz koscher. Zwangsversetzung. Schöne Scheiße. Disziplinarmaßnahme. Das konnten sie sich schön an ihre kleinen Pimmel binden. Wenn die glaubten, dass ihn das bisschen Strafe bricht, dann haben sie sich gehörig geschnitten! Als ob ein Tapetenwechsel irgendetwas ändert. Scheiße, je länger er der Straße folgte, desto mehr hatte er den Eindruck, sich verfahren zu haben. Das konnte doch nicht deren ernst sein! Was sollte er in diesem Winterwunderland? Die Schneeflocken zählen? An Zuckerstangen nuckeln? Sich den Arsch abfrieren? Ha! Wäre doch gelacht, wenn er von dort nicht wieder lebend rauskam. Er war immerhin der geborene Überlebenskünstler! Hatte schon in den Schnee gepisst, als seine Bosse noch in den Windeln lagen. Denen wird ers zeigen! Fast hätte er die Kippe in seinem Mund zerkaut, so fest biss er die Zähne zusammen vor Wut. Er konnte es nicht fassen, dass man ihn hier her, nach Wintercrest, geschickt hatte, um einem Scherzkeks das Handwerk zu legen. Wie demütigend, wenn man bedachte, dass er normalerweise Schwerverbrecher hinter Gitter brachte. Mysteriöse Stromausfälle, zerstörte Weihnachtsdeko, beschmierte Schaufenster… Das konnte doch nicht deren Ernst sein?! Das waren Kinkerlitzchen verglichen mit dem, womit er sich normalerweise befasste. Mit dem Kerl würde er kurzen Prozess machen. Solche Witzbolde fraß er zum Frühstück. Zuerst aber musste er seinen Wagen - sein Baby! - vor seiner neuen Dienststelle parken, den obligatorischen Filzhut aufsetzen und in die Kälte hinaus treten. Brrr, ganz schön kalt. Zum Glück war er keine Frostbeule. Nachdem er die Wagentür hinter sich lautstark zugeknallt hatte, zog er an seiner Zigarette, die in einem zornigen Rot aufglühte, und trat dann in seinen Lederboots auf das windschiefe Gebäude zu, das ähnlich kitschig geschmückt war wie die umstehenden Häuser. Überall blinkende Lichterketten, schillernde Sternschnuppen und ausgestopfte Rentiere so weit das Auge reichte. Der Würgereiz in seinem Hals meldete sich abermals zu Wort und Zacharias wusste schon jetzt, dass er ihn nur mit Schnaps würde ertränken können. So zog er den verbeulten Flachmann aus seiner Brusttasche und nahm einen kräftigen Schluck, ehe er die Polizeibehörde betrat und sich seinen neuen Kollegen vorstellte. Besagte Kollegen stellten sich kurze Zeit später als eine betagte Telefonistin und ein pubertärer Deputy heraus. Das war ja ganz große Klasse. Die geballte Inkompetenz auf vier Beinen. Er würde den ganzen Laden umkrempeln müssen, damit er dort halbwegs vernünftig arbeiten konnte. Ohne zu fragen bediente er sich an den Donuts auf einem der Schreibtische und verabschiedete sich vorzeitig mit der Begründung, sein neues Heim erst noch beziehen zu müssen, bevor er mit der Arbeit anfangen könne. Nach einer mehrstündigen Autofahrt durch die Walachei war das auch sein gutes Recht, fand er.

    Wieder zurück auf dem Parkplatz bekam er einen halben Herzinfarkt. Sein Auto war demoliert. Sein Auto!!! Schon von Weitem hatte er die Schmiererei auf der Motorhaube entdeckt und die rote Clownsnase auf der Windschutzscheibe. Welcher lebensmüde Idiot machte denn so etwas? Ziemlich kreativ, zugeben, aber wie bekloppt musste man sein, um auf so einen Scheiß zu kommen? Verstanden die Kollegen - oder die Einwohner - das als netten Willkommensgruß? Er fand daran gar nichts nett. Wutschnaubend stapfte er auf den Mustang zu und besah sich die Katastrophe in all ihren hässlichen Details. NOT YOUR TERRITORY. - R, las er auf dem einst unbefleckten Lack und ihm stieg die Zornesröte ins Gesicht. Da wollte ihm wohl jemand eine Kampfansage machen, was? Sollte ihm recht sein. Er wäre der Letzte, der den Schwanz einzog, bloß weil ihn jemand oder etwas aus der Stadt jagen wollte. Verfluchte Kindsköpfe, mussten ihn ausgerechnet dort treffen, wo es am meisten wehtat. Sein wunderschöner Mustang! Degradiert zu einer Lachnummer. "Nicht traurig sein. Daddy macht dich wieder heile, versprochen", versprach er seinem Wagen zärtlich säuselnd, während er ihm die Motorhaube tätschelte. Als hätte dies nun oberste Priorität bei ihm, stieg er ein in das verhunzte Auto, um die nächstbeste Kfz-Werkstatt aufzusuchen. Er hatte kaum den Zündschlüssel herumgedreht, da plärrte auch schon das Radio ohrenbetäubend laut los - 'I need dick always, from the sunset to the dawn…' Das war zu viel! Geistesgegenwärtig stellte er den Motor wieder ab und damit auch die scheußliche Musik, die eine Beleidigung für sein altes Country-Herz war. Das alles trug eindeutig die Handschrift des Scherzkeks, vor dem der Bürgermeister ihn am Telefon gewarnt hatte. Am Rande eines Nervenzusammenbruchs stehend raufte er sich die Haare und fluchte unschön vor sich hin. So war sein Auto absolut nicht zu gebrauchen. Blitzschnell zückte er sein Handy und bestellte einen Abschleppdienst, der sein Baby abholen sollte. In der Zwischenzeit würde er sich wohl oder übel mit einem Streifenwagen begnügen müssen. Auch wenn es ihn sehr schmerzte, seinen geliebten Mustang an eine fremde Person abgeben zu müssen, blieb ihm im Augenblick keine andere Wahl. Die Wartezeit nutzte er für eine genauere Inspektion der Umgebung. Er war schließlich nicht dumm, trug nicht grundlos das Abzeichen des Sheriffs auf seiner Brust. Verräterisch wie der Schnee war fand er recht schnell die Fußspuren, die vom üppig geschmückten Weihnachtsbaum zu seinem Wagen und wieder zurückführten. Mit gezücktem Colt schritt er in geduckter Haltung auf den grünen Koloss zu, dessen Schatten haushoch und finster wie die Nacht war. Ein perfektes Versteck für jeden Strolch. Mucksmäuschenstill wie ein Geheimagent auf geheimer Mission umrundete er den Baum mit der Pistole im Anschlag. Sollte er auf der anderen Seite tatsächlich jemanden vorfinden, würde er die Waffe auf ihn richten und ihn zur Rede stellen. "Keine Bewegung, Jungchen! Du verrätst mir jetzt brav, warum du dich hier versteckst. Hast wohl was ausgefressen, hm?", wären wohl die äußerst autoritären Worte, die er an einen etwaigen Strolch, der im Schatten des Baumes hockte, richten würde.

    a gentleman is simply a patient wolf

  • Remington liebte Momente wie diesen. Diese winzigen Augenblicke, in denen das Leben ihm ein Geschenk machte, das so perfekt war, dass es schon fast weh tat. Er stand längst wieder im Schatten des Weihnachtsmonstrums, die Kapuze tief im Gesicht, die Hände lässig in den Manteltaschen vergraben, und beobachtete den Sheriff, wie dieser aus dem Department trat. Der Mustang stand da, übersät mit einer roten Rudolph-Nase, seinem kleinen Gruß und einem Radio, das nur darauf wartete, den Mann in die Knie zu zwingen. Und es geschah. Oh, es geschah herrlich. In aller Genugtuung beobachtete er den - wohl selbsternannten - Sherrif, der sich offenbar mit der Realität konfrontiert sah, dass er nicht der einzige Macker im Dorf ist. Remington sah, wie die Schultern des Sheriffs erstarrten, wie seine Hände sich langsam zu Fäusten ballten, und wie eine wunderschöne, reife, vollkommen unerwartete Zornesröte von seinem Hals bis über die Wangen hochstieg. Remington saugte den Anblick auf wie Alkoholduft an einem kalten Morgen. Die Art von Wut, die der Kerl im Gesicht trug war so ästhetisch, dass Remington einen Moment lang Angst bekam, dass es ihm gefallen könnte. Er blinzelte schnell. Das Gefühl musste weg. Weg, weg, weg. „Ach herrlich…“, kicherte er zufrieden und musste sich den Mund mit den Fingern bedecken, um nicht laut loszulachen. Der Sheriff wusste sicher nicht einmal, wo er anfangen sollte. Da stand er, offensichtlich ein Mann voller Prinzipien, vor einem Auto, das aussah wie die Bastelarbeit eines psychopathischen Kindes. Als er irgendwann schließlich sein Handy zog, vermutlich um einen Abschleppdienst zu rufen, stieß Remington ein kleines, zufriedenes Geräusch aus. Der Sheriff war sichtbar empört. Und Remington liebte jede Sekunde davon. Dann geschah, was er natürlich erwartet hatte. Die Spur. Remington hatte sie unabsichtlich hinterlassen oder vielleicht absichtlich. Wer wusste das bei ihm schon. Er, der längst hinter der dicken Stammverkleidung hockte, die Beine angezogen, den Rücken an die raue Rinde gelehnt, schloss kurz die Augen. Das war sein Moment. Pinsel und Farbe hatte der gewiefte Grinch längst in einem kleinen Schneehügel hinter sich vergraben, so tief, dass niemand außer ihm wusste, wo. Und den Baum… Nun ja. Der Baum hatte ein kleines Makel. Ein kaum bemerkbarer Sägeschnitt. Gerade tief genug, dass er schwankte, wenn man sich zu weit dagegen lehnte, aber nicht genug, dass Remington Gefahr lief, von ihm begraben zu werden. Mit jedem Schritt des Sherrifs schob er die Zunge fester gegen seine Zähne, ein stilles, nervöses Lächeln, das er sofort in seinem Mantelkragen erstickte. Der Kerl war ihm auf der Spur! Offenbar war er besser, als er dachte. Sogar den Atem des Mannes hörte er, rauer als Remington es erwartet hatte. Und dann folgte das leise Klicken der Pistole, und er wusste, wie der Sheriff aussah, ohne ihn zu sehen. In freudiger Erwartung eines „Hände hoch, oder ich schieße!“, erklangen ein paar andere Worte, aber genau so ruppig, wie Remington seine Stimme erwartet hat. Tatsächlich musste er sich auf die Innenseite der Wange beißen, um nicht vor Vergnügen zu schnauben. Jungchen. Er nannte ihn Jungchen. Oh, der Sheriff hatte keine Ahnung, was für ein Fehler das war. Noch versteckte sich der Grinch regungslos, die Augen schmal, wie ein Tier, das genau wusste, dass der Jäger auf der falschen Seite stand. Überzeugt, sicher, und frech genug, um den Sherrif bis auf zehn Zentimeter an sich herankommen zu lassen. Dieser umrundete den monströsen Baum seinerseits wie ein Mann, der jeden Moment damit rechnete, dass ihm jemand einen Amboss auf den Kopf fallen ließ. Das Knirschen von Schnee unter schweren Schuhen durchbrach die Stille und dann geschah es. Er sprang. Wie ein völlig geistig unzurechnungsfähiges Eichhörnchen explodierte er hinter dem Stamm hervor, der gerade unter einem langen, gequälten Knacken zur Seite kippte. „WHOA.. NICHTSCHIEßENNICHSCHIEßEN!!“, schrie Remington in einer Lautstärke, die selbst tote Tannennadeln zum Aufhorchen brachte. Er warf beide Hände viel zu schnell hoch, sodass er aussah wie ein schlecht programmierter Inflatable-Tube-Man vor einem Gebrauchtwagenhändler. Der Weihnachtsbaum donnerte indes hinter ihm in den Schnee. Ein tonnenschweres, glitzerndes Urteil. Remington starrte den Sheriff an. Kurz dachte er, dass dies vermutlich der Moment war, in dem er hätte weglaufen sollen. Dann erinnerte er sich daran, dass er Remington verdammt Remy war. Also wechselte er sofort in den unschuldigsten Gesichtsausdruck, den sein viel zu ehrliches Gesicht hergab. Der Schmollmund leicht geöffnet, die Augen groß, den Kopf ein wenig schief, als hätte er gerade ein sehr verwirrendes Naturphänomen beobachtet. „Oh mein Gott“, keuchte er, „Ihr… Ihr Armer.“ Er ließ die Hände langsam sinken. „Ihr Wagen… was ist denn da passiert?“ Dramatisch starrte er über Sherrifs Schulter hinweg zum Mustang. „Das ist ja… das ist ja furchtbar. Wer macht denn sowas?“ Dann setzte er zu einer noch schlechteren Schauspielperformance an. „Ich hab… ich hab das Geräusch gehört! Hab mich voll erschrocken! Ich dachte…“ Er schluckte übertrieben. „Ich dachte, vielleicht ist ein Rentier abgestürzt oder so! Und da bin ich… bin ich raus, also, ich war ja einfach nur hier, weil, naja, ich…“ Unschuldig, ganz unschuldig schnaufte er und beugte sich verschwörerisch ein Stück näher, senkte die Stimme, legte eine Hand gegen die Brust des neuen Gesetzeshüters, als wolle er ein Gebet sprechen. „Ich sag’s Ihnen, Chief… der Bürgermeister… der Typ ist eine echte Plage. Der hat bestimmt Ihren Wagen…“ Er machte eine vage Kreisbewegung. „..verunstaltet. Sie wissen ja, wie der ist.“ Wie ein Mann, der einen heiligen Eid ablegte, nickte er.

  • Zacharias war nun mal kein klischeehafter Bulle. Er kam nicht mit Sprüchen an wie 'Hände hoch, oder ich schieße'. Vielmehr schoss er ohne Vorwarnung. Drum konnte das 'Jungchen' lange auf derlei Warnungen warten. Trotz aller Vorsicht und Alarmbereitschaft erschrak er dann doch ein wenig, als er aus dem Nichts von einem 'völlig geistig unzurechnungsfähigen Eichhörnchen' angesprungen wurde. Dies war dann wohl der zweite Beinahe-Herzinfarkt an diesem Tag. Er war jedoch abgehärtet genug, um nicht gleich vor Schreck aus den Latschen zu kippen. Reflexartig riss er die Waffe herum und richtete sie auf den vermeintlichen Angreifer, der nicht verstanden zu haben schien, in welch einer ernsten Lage er sich befand. Einen schießwütigen Pistolero zu reizen war so ziemlich das Verrückteste, was man tun konnte. Zachs Finger neigte dazu, schnell mal 'abzurutschen' und 'grundlos' drauf los zu ballern. Der abstürzende Baum jedoch vermochte ihm soetwas wie ein Zucken abzuringen, gleich nachdem das 'Eichhörnchen' hervorgesprungen kam und somit das weihnachtliche Ungetüm zu Fall brachte. Damit machte sich der Bursche nur noch verdächtiger als ohnehin. Selbst wenn er den Wagen nicht besudelt haben sollte, konnte man ihm zumindest diese Sachbeschädigung vorwerfen. Auf frischer Tat ertappt, nannte Zacharias das. Da half alles Leugnen nicht. Nicht einmal die Unschuldsmiene konnte ihn vom Gegenteil überzeugen. Er hatte wahrlich schon bessere Schauspieler gesehen. Immerhin machte er diesen (Scheiß-)Job schon fast 30 Jahre. So schnell machte ihm keiner etwas vor. Je mehr sich der Bengel um Kopf und Kragen quasselte, desto verdächtiger machte er sich. Jep, das war eindeutig der Kerl, von dem der Bürgermeister berichtet hatte. Jener Kerl, der allen das Weihnachtsfest vermieste mit seinen kindischen Streichen. Besser hätte die Beschreibung auf den plappernden Wicht nicht passen können. Zacharias hörte sich das Geplärre mit fast schon stoischer Geduld an. Als würde er ihm jedes Wort glauben. Tatsächlich glaubte er ihm nichts davon. Genau so würde ein Schuldiger daherreden, um von sich abzulenken. "Netter Versuch, Bürschchen", knurrte er mit gebleckten Zähnen. Sein Geduldsfaden riss beinahe angesichts dieser Respektlosigkeit mit welcher der Bursche fremdes Eigentum behandelte. Zacharias‘ Pokerface blieb eisern, ließ sich nicht von irgendwelchen Lügengeschichten weichklopfen. Schon gar nicht von der Hand, die sich ungefragt auf seine Brust legte als wäre er leicht um den Finger zu wickeln. War er aber nicht. Ganz im Gegenteil. Blitzschnell schoss seine Hand hervor, umfasste das fremde Handgelenk und legte dem Burschen Handschellen an mit der Begründung: "Ganz schlechte Idee, Junge - einen Police Officer anzurühren kann und wird als tätlicher Angriff gedeutet." Seine Reibeisenstimme war mindestens so hart wie sein Gesichtsausdruck. Sie klang, als würde er jeden Morgen mit scharfem Whisky und rostigen Nägeln gurgeln. Er hatte ihm die Handschellen so schnell angelegt, dass keine Zeit für eine Gegenwehr war. Im Handschellen-Anlegen war er Profi. Ein ungeschlagener Meister. Und als solcher zerrte er ihn über den Parkplatz hinweg zur Polizeistation, wo er ihn in aller Ruhe verhören würde. Wie man mit solchen Rowdys umgehen musste, wusste er ganz genau. Hier half nur hart durchgreifen. Was die Eltern bei der Erziehung versäumt hatten, mussten nun Deppen wie er wieder geradebiegen. Schönen Dank auch. Auf dem Weg zur Zelle leierte er die Standard-Sätze monoton, fast gelangweilt runter: "Sie werden festgenommen wegen Beschädigung von Staatseigentum und Privateigentum. Leugnen ist zwecklos, Sie wurden auf frischer Tat ertappt." Waren das etwa Farbreste auf der Jacke des Burschen oder nur Einbildung? Doch nicht etwa dieselbe Farbe wie die Schrift auf der Motorhaube? Dem würde er später genauer auf den Grund gehen!

    In der Dienststelle wurden sie verfolgt von den neugierigen Blicken der beiden Angestellten. Sie alle, einschließlich Zacharias, wussten, dass niemand auf bloßen Verdacht hin weggesperrt werden durfte. Doch das war Zacharias egal. Er spielte nach seinen eigenen Regeln und die haben bisher immer gut funktioniert. Keiner hatte eine so hohe Aufklärungsquote wie er. Das war vermutlich auch der Grund, warum ihm die Oberbosse noch nicht seine Marke und seine Waffe weggenommen hatten. Ein paar Stunden Arrest würden dem Jungen jedenfalls gut tun. Es gab keine bessere Methode jemandem Disziplin und Demut einzubläuen als eine Zelle, mit Ausnahme eines Bootcamps. Das wäre die nächste Station für den Bengel, sollte er nicht alsbald einsichtig werden. Die Telefonistin, Desiree Nick, sah aus wie ein schlecht gealterter Pornostar - den obszön großen Brüsten und den faltigen Schlauchbootlippen nach zu urteilen. Sie war wie ein Autounfall, man konnte weder hin- noch wegsehen. Als sie sich zu Wort melden wollte, musste Zacharias gegen seinen Willen hinsehen, damit er sie mit einem Knurren wegbügeln konnte. Er hatte jetzt keinen Nerv für lästige Kollegen, die seine Methoden in Frage stellten. Oder seine Autorität untergraben wollten. Der Deputy hingegen war noch jung und formbar. Er könnte sich durchaus als nützlich erweisen, weshalb Zacharias ihn bellend anwies: "Geh raus auf den Parkplatz und sieh nach, ob du irgendwelche Beweise findest. Farbe, Pinsel, Werkzeug - irgendetwas, womit man ein Fahrzeug beschädigen oder manipulieren könnte. Sieh dir bei der Gelegenheit auch den umgestürzten Weihnachtsbaum an. Sieht mir nach Fremdeinwirkung aus. Na los, mach schon, oder soll ich dir Beine machen?" Der Deputy bekam ein ganz fahles Gesicht. Offenbar war er solch einen Befehlston nicht gewöhnt, sondern nur die pudrig-zuckrige Redensart der hiesigen Dorfbewohner. Alles Weicheier. Zum Kotzen war das. Indes bugsierte er den in Handschellen gelegten Spinner in die Arrestzelle, wo er ihn mit dem Gesicht voran gegen die Wand stieß, damit er ihn einer Leibesvisitation unterziehen konnte. "Hände an die Wand. Beine auseinander", brummte er schlecht gelaunt, während er hinter ihm in die Hocke ging, um zunächst die Knöchel nach Waffen abzutasten. Einen nach dem anderen.

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  • Er hätte es ahnen müssen. Natürlich hätte er es ahnen müssen. Der Mann sah nicht aus wie jemand, den man einfach so anfasst, und trotzdem hatte Remington in seiner Remingtonhaften Fehlkalkulation geglaubt, eine Hand auf die Brust dieses wandelnden Western-Katastrophentyps zu legen wäre eine brillante Idee. War es nicht. Nicht mal annähernd. Zacharias’ Hand schoss so schnell vor, dass Remington nur noch ein keuchendes „Oh“ herausbrachte, bevor der metallische Klick der Handschellen wie ein Todesurteil in seinen Ohren widerhallte. Handschellen. Remington erstarrte. Für eine Sekunde stellte sein Gehirn den Dienst komplett ein. Alles Licht, alle Luft, alle Gedanken wurden aus ihm herausgezogen wie aus einem erstickenden Tier. Dann schlug das Adrenalin heiß und ekelhaft ein. „Nein, nein, nein, nein!“, presste er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor, doch der Sheriff war schon dabei, ihn am Handgelenk davonzuzerren, als hätte er ein besonders bockiges Schaf gekauft, das er jetzt ungefragt nach Hause schleppte. „Lass..“ Seine Stimme überschlug sich, und er hasste sie dafür. „Scheiß–Moment.. Hast Du sie noch alle?!“ Aber der Sherrif zog ihn weiter über den Parkplatz, durch den Schnee. Jede Bewegung gegen die Handschellen ließ ein kaltes, zähneknirschendes Grauen durch seinen Rücken jagen. Er hasste es, gefesselt zu sein. Nicht nur ein bisschen. Nicht nur ungern. Er hasste es, so tief, so alt, so instinktiv, dass es ihm den Atem abschnürte. Sein Herz hämmerte. Sein Körper geriet in einen Zustand, der zwischen Würgen, Explosion und Kampf lag. „Anrühren ist tätlicher Angriff“, faselte der Sheriff. „Ja? Und was ist das?!“ fauchte Remington zurück. „Kidnapping? Polizeistaat? Texas-Fantasie? Lass. Mich. Los!“ Natürlich ließ er ihn nicht los. Die beiden Angestellten starrten sie an, als hätte Zacharias gerade einen entlaufenen Zirkusclown eingefangen. Remington zeigte ihnen seine Zähne. Alle. Wie ein in die Ecke gedrängter Kater. Der Sheriff schleifte ihn durch die Tür während sein Körper von dem Gefühl der Metallfesseln an seiner Haut zitterte. „Leugnen ist zwecklos“, bellte Zach monoton. „Ich leugne nicht!“ versuchte Remy anzusetzen, „ich erzähle lediglich! Und zwar Geschichten! Das ist eine Kunstform!“ Zach reagierte nicht. Natürlich reagierte er nicht. Der Deputy bekam Befehle, so hart und schnell, dass Remington beinahe Mitleid mit ihm bekam. Fast. Dann wurde Remington in die Arrestzelle gestoßen. Er prallte mit den Schultern gegen die Wand. Ein schmerzhafter Einschlag, der ihm die Luft entriss, und sobald Zach ihm die Beine auseinander schob, zündete sich eine Panik an, die er kaum unter Verschluss halten konnte. Hände an die Wand. Remingtons Atem stockte aus einem verzweifelten, alten Reflex, der ihm sagte, dass er niemals, niemals, niemals in dieser Haltung sein durfte - gefesselt, bewegungsunfähig, ausgeliefert. Er versuchte, das Zittern zu unterdrücken, doch seine Schultern teilten das Zittern mit der ganzen Wand. „Fass mich nicht an“, presste er hervor, leise, aber schneidend. „Ich mein’s ernst. Hör auf.“ Seine Stimme bekam diesen schmalen, vibrierenden Unterton, diesen winzigen, verräterischen Schatten, der zeigte, wie tief der Abgrund unter seinen Rippen reichte. Zach ging unbeeindruckt in die Hocke und tastete seine Knöchel ab. „Ich hab keine Waffen..“, Remington blockte ab, „außer meiner Schönheit, aber die darf man mir nicht abnehmen!“ Eine grobe Hand an seinem Stiefel. Dann der andere. Sein Atem wurde flacher. „Du kannst mich nicht hier einsperren! Ich bin.. ich bin..“ Er rang nach einem Argument. Er fand keins. Also sagte er: „.. zu hübsch für einen Knast!“ Ein verzweifelter Humorstoß und Abwehrmechanismus. Ein Funken Frechheit aus purer Panik. Die Wahrheit war, dass er kurz davor war, die Beherrschung zu verlieren. Jede Faser seines Körpers schrie. „Mach die Dinger ab“, brachte er hervor, diesmal leiser. „Mach sie ab. Sofort.“ Er drückte die Stirn gegen die kalte Wand und schloss die Augen. „Ich meinte das mit dem Bürgermeister übrigens ernst…“ murmelte er, nur um nicht zu ersticken. „Der Typ ist psychisch instabil. Sowas macht der. Ich nicht.“ Aber sein Atem verriet, dass gerade etwas in ihm arbeitete vor hässlicher, kalter Angst. Und er würde eher sterben, als das zugeben.

  • Zacharias hatte mit Gegenwehr gerechnet, tat er immer, aber nicht mit so einer! Der Bursche zeterte wie ein altes Waschweib und zitterte wie gefrorenes Espenlaub. Als hegte er eine sehr innige Abscheu gegen Handschellen. Da hatte wohl jemand schlechte Erfahrungen mit Fesselspielchen gemacht, huh? War da beim Vorspiel etwas schief gelaufen? Hatte man ihn ans Bettgestell gekettet und dort mehrere Tage lang vergessen? Irgendwie amüsierte ihn diese Vorstellung. Geschah dem Bengel aber auch recht, so wie der sich aufführte! Machte unbescholtenen Bürgern das Weihnachtsfest madig. Nicht, dass Zacharias sonderlich viel von Weihnachten hielt. Im Prinzip war es ihm egal, ob es dieses Fest gab oder nicht. Er maß dem nicht viel Bedeutung zu. Doch dieser Remington schien auf Kriegsfuß mit Weihnachten zu sein. Irgendetwas musste vorgefallen sein, weshalb er es so inbrünstig hasste. Ob er wohl an Weihnachten ans Bett gekettet und vergessen worden war? Vielleicht sogar vom Bürgermeister höchstselbst? Wetterte er deswegen so sehr gegen den Bürgermeister? Weil der die Handschellen geschwungen hatte? Wie interessant. Remington mochte so viel fluchen wie er wollte, es kratzte Zacharias nicht. Doch auf eines musste er bestehen, nämlich auf die formelle Anrede: "Für Sie immer noch Sir. Ich bin nicht Ihr Freund!" Wäre ja noch schöner wenn er sich von jedem dahergelaufenen Strolch Duzen ließ. Bei der Gelegenheit wechselte auch er ins 'Sie', weil die Angelegenheit nun sehr unschön wurde, weshalb eine gewisse, persönliche Distanz zwischen ihnen gewahrt werden sollte. Nicht, dass ausgerechnet er - der Sheriff - die Festnahme mit Fesselspielchen im Schlafzimmer verwechselte. Der Bengel sollte ihn für voll nehmen und keinen Freund in ihm sehen, der nachsichtig mit ihm und seinen dummen Scherzen umging. Hier musste hart durchgegriffen werden, damit der Junge aus seinen Fehlern lernte und er, der Sheriff, schnell wieder zurück in sein eigentliches Revier konnte. Je schneller er Wintercrest verlassen durfte, desto besser. Dies setzte jedoch einen geläuterten Remington voraus. Zur Not prügelte er ihm die Flausen aus dem Kopf. Für wahr, er war zu allem bereit, Hauptsache, er konnte wieder zurück nach Pittsburgh, das er mehr als Wintercrest verabscheute, aber auch irgendwie vermisste.

    Zwei geschlagene Monate war er nun schon hier. Zwei dienstfreie Monate, damit er sich einleben konnte. Heute war sein erster, offizieller Arbeitstag, den er überwiegend mit Rumfahren (Trödeln) verbracht hatte. Sein neues Domizil hatte er immer noch nicht bezogen, weil er darauf spekuliert hatte, nach spätestens zwei Monaten wieder abgezogen zu werden, weil seinen Vorgesetzten aufgefallen war, dass die Aufklärungsquote in Pittsburgh unter seiner Abwesenheit litt. Doch Pustekuchen. Niemand hatte ihn bislang zurück gepfiffen. Er steckte nach wie vor hier fest, musste nun endlich das Hotel an der Ortsgrenze räumen und seine neue Bleibe beziehen. Würde er später vielleicht auch machen. Je nach dem wie das anstehende Verhör verlief. Die letzten zwei Monate hatte er jedoch nicht gänzlich tatenlos verbracht. Er hatte überwiegend beobachtet. Die Dörfler studiert, vor allem Remington. Hatte versucht, aus seiner Verhaltensweise schlau zu werden und ein Muster zu erkennen. Dabei waren sie sich nicht oft übern Weg gelaufen. Für gewöhnlich war Remington am Tatort nicht mehr anzutreffen, wenn Zacharias dazu stieß. Umso erfreuter war er, dass er ihn nun in flagranti erwischt hatte. Im ersten Moment hatte er ihn unter der Kapuze kaum ausmachen können, aber spätestens nach dem ohrenbetäubenden Sturz des Weihnachtsbaums (der zum Glück nicht auf seinen Wagen gefallen war), hatte er Remingtons Handschrift erkannt. Jener bockte nun so sehr, dass der Sheriff beinahe den Eindruck hatte, einen epileptischen Fisch an der Angel zu haben. So ein störrisches Blag war ihm auch noch nicht untergekommen. Aber er wäre nicht Zacharias Crafford, hätte er auch nur einen Hauch von Mitleid mit diesem kleinen, nervigen Möchtegern-Terroristen. "Das ist eine gerechte Strafe", ließ er sich zähneknirschend dazu herab, den motzenden Remington darüber aufzuklären, was sie hier taten. Sie spielten gewiss nicht Räuber und Gendarm. Das war bitterer Ernst. Das war die Realität! Wer sich sträflich benahm, brauchte sich nicht wundern, wenn er bestraft wurde. "Ihre Kunst ist beschissen. Die will niemand sehen, begreifen Sie das endlich", blaffte er zurück, als sie in der Zelle angekommen waren und Remington quasi zugab, hinter all dem 'künstlerischen Chaos' zu stecken. Er musste es nur noch wortwörtlich sagen. Aber dazu kämen sie noch. Erst mal musste er den Wicht auf Waffen untersuchen, ehe er ihm die Handschellen abnehmen konnte. Natürlich kämpfte Remington auch dagegen mit großem Geschrei an. Zacharias verdrehte die Augen ob der Theatralik, mit welcher der Flegel plärrte. Der stellte sich aber auch an. Als würde man ihm bei lebendigem Leib die Haut abziehen. "Sir", erinnerte er ihn an die korrekte Anrede ohne die der Bursche kein Gehör beim Sheriff finden würde. Langsam - vielleicht etwas zu schadenfroh - wanderten seine tastenden Hände die Beine empor, klopften die Hosenbeine ab nach einem versteckten Messer oder dergleichen. Würde ihn nicht wundern, wenn Remington eines schönen Tages mit gezücktem Messer auf den Weihnachtsmarkt stürmte. Einmal schnaubte er sogar amüsiert, als der Krawall-Macher ernsthaft behauptete, dass seine Schönheit seine einzige Waffe sei. "Seien Sie froh, dass ich Sie in eine Einzelzelle stecke und nicht ins städtische Gefängnis. Die Insassen dort würden sich bestimmt über einen solch hübschen Besuch freuen." Mit anderen Worten; schlimmer geht immer. Und ja, er kann. Remington sollte bloß nicht glauben, der Sheriff schrecke vor einer 'Erziehungsmaßnahme' wie dieser zurück. Oder ihm noch einmal sagen, was er tun konnte und was nicht. So erreichte er bloß das Gegenteil bei ihm. Zacharias zeigte seinen Sträflingen zu gerne, was er so alles mit ihnen anstellen konnte. Mittlerweile hatten seine Hände die Seiten des Burschen abgetastet. Zacharias war ihm so nahe, dass Remington sein Aftershave der Marke 'Old Spice' in seiner Nase wahrnehmen konnte. Sowie den unterschwelligen Geruch nach Tabak, Schießpulver und Gin, der dem Sheriff stets anhaftete. "Je eher Sie kooperieren, desto eher nehme ich die Handschellen ab", erwiderte er gelassen als wäre er kein bisschen beeindruckt von Remingtons Gefauche. Er hielt jedoch für einen kaum merklichen Moment mit der Untersuchung von Remingtons Oberkörper inne, als er die beschleunigte Atmung vernahm sowie die erneute Erwähnung des Bürgermeisters. Die beiden waren aber auch wie Katz und Maus. Ständig schoben sie sich gegenseitig die Schuld zu. "Warum sollte der Bürgermeister so etwas tun? Warum sollte er mich hilfesuchend nach Wintercrest bestellen und meinen Wagen demolieren? Das passt doch nicht zusammen", zeigte er den Logikfehler in Remingtons Argumentation auf. Dabei nutzte er dessen Geschwätzigkeit für ein kleines, harmloses Verhör aus, das den Schwätzer noch redseliger machen sollte. "Umdrehen", lautete sodann die nächste Anweisung, nachdem er die Rückseite gründlich auf Waffen oder andere gefährliche Gegenstände abgesucht hatte.

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  • Wenn er innerlich nicht gerade damit beschäftigt wäre zu verrecken, dann hätte er wohl gelacht. „Bitterer Ernst“ - pah. Natürlich war es Ernst für diesen Gorilla in Lederstiefeln. Für Remington war es jedoch viel simpler: es war der schlimmste beschissene Albtraum seines Lebens. Und trotzdem gelang es dem Sherrif irgendwie, ihn gleichzeitig in Panik zu versetzen und wütend zu machen, als würde beides in ihm um denselben Platz kämpfen. Dass der Sheriff sich dabei auch noch erhobener fühlen musste, während Remy gefesselt wie ein räudiger Straßenhund an der Wand lehnte, machte es noch schlimmer. „Sir“, äffte Remington ihn in Gedanken nach. Er hätte es laut gesagt, hätte er nicht gerade mit seinem eigenen Nervensystem zu kämpfen gehabt, das wie ein eingesperrter Tiger im Käfig tobte. Die tastenden Hände des Sheriffs wanderten seine Beine hoch, und Remington verspürte gleichzeitig das Bedürfnis, ihn wegzukicken und in den Erdboden zu versinken. „Hören Sie auf!“, knurrte er, diesmal lauter, als er wollte. Scheiße. Der Satz mit der Schönheit brachte ihn fast um. Insassen würden sich über einen hübschen Besuch freuen. Sein Kopf schnellte herum, seine Augen aufreißend, als hätte der Cop ihm soeben mitgeteilt, er werde als Opfergabe an eine Horde Kannibalen verfüttert. „Was?!“ Seine Stimme überschlug sich. „Wie bitte? Ich.. Sie.. Also… Sie schicken mich nicht ins Gefängnis! Ich… ich werde nicht zum… zum… Abendprogramm!“ Das Wort ging in seiner Kehle verloren. Er röchelte fast vor Empörung. „Ich bin ein Bürger dieses Dorfes! Ich zahle Steuern! Na gut, nicht regelmäßig, aber ich habe schon mal! Und ich habe Rechte! Und… und - das wäre Menschenrechtsverletzung! Und schwuler Kontext! Und ich bin kein Dessert!“ Der Sheriff reagierte nicht. Natürlich nicht. Er machte weiter, stoisch und mörderisch ruhig. Old Spice, Tabak, Schießpulver und ein Hauch von Gin wehten Remy ins Gesicht, so nah, dass sein Herzschlag ihn beinahe verriet. Er schloss die Augen, wenngleich es nicht half. Er spürte den Mann trotzdem. Sein Atem ging schneller, was dem Bluthund sicher nicht entging. Remy hätte ihn in diesem Moment töten können. Wenn er freie Hände gehabt hätte. Und wenn er nicht gleichzeitig eine so grandiose Angst vor diesen Handschellen gehabt hätte, dass sie ihm innerlich den Brustkorb zusammenpressten. „Ich kooperiere doch!“, fauchte er, und es klang eher nach einem Winseln, das jemand in einen Wutausbruch gewickelt hatte. „Ich stehe hier! An der Wand! Wie ein Wandposter! Ich lasse mich betatschen wie ein verfluchter Weihnachtsmann auf Crack! Wie viel mehr Kooperation wollen Sie denn?!“ Warum der Bürgermeister den Wagen beschädigen sollte.. Remington schnaubte. „Warum?! Weil er mich hasst! Und ich ihn! Das ist ein jahrzehntelanges gegenseitiges Trauma! Wir haben Traditionen, Chief! Feindschaften, die älter sind als Ihr bescheuerter Hut! Vielleicht wollte er Sie sabotieren! Vielleicht will er mich reinreiten! Vielleicht ist er einfach psychisch am Ende! Ich sage Ihnen: der Mann ist…“ Er fuchtelte mit den gefesselten Händen, so gut es ging. „…kreativ bösartig!“ Ein greller, panischer Alarm, der sich ohne Warnung durch sein Nervensystem fraß, brach über ihn herein, als er sich rumdrehen sollte. Langsam kam er dem nach, jeder Millimeter ein Kriegsschauplatz. Er war jetzt dem Sheriff zugewandt, und das machte es nicht besser. Im Gegenteil. „Können wir… können wir vielleicht.. “ Er wedelte mit seinen gefesselten Händen. „..erst über die Handschellen reden? Oder… oder einen Deal? Ich bin sehr gut in Deals! Ich kann… ich kann Dinge tun. Nützliche Dinge. Zerstörerische Dinge. Ich bin ein Talent, Chief!“ Er beugte sich vor, theatralisch, flehend, wunderschön hysterisch. „Bitte machen Sie die Dinger ab. Ich kriege keine Luft. Ich schwöre, ich flippe aus. Ich schmelze. Ich verdampfe! Ich falle in Ohnmacht! Ich bin empfindlicher Natur!“ Er schnappte nach Luft wie ein Fisch im Trockenen. „Und außerdem.. Sie sollten mich nicht anfassen. Das ist gefährlich.“ Remy senkte die Stimme, genüsslich dramatisch: „Ich bin allergisch gegen Autorität.“

    Er wusste, dass er hier raus musste. Aus dieser Situation.Aus diesen verdammten Handschellen, die sich anfühlten wie eiserne Finger einer Vergangenheit, über die er nicht sprach. Vielleicht vermied er es deswegen, den Sherrif länger als notwendig anzusehen. Wann immer es ging, glitt sein Blick auf Wanderschaft, vor allem das Fenster hatte es ihm angetan. Trotz stahl sich in seinen Blick, als er den Sherrif nun wieder anschielte. Und in seinem Blick lag ein eindeutiges „Du hast keine Ahnung, was ich draußen vorbereitet habe“. Remington hatte die letzten zwei Tage genutzt wie ein verdammter Special-Ops-Saboteur. In dunklen Gassen. Auf Dächern. Unter Lichterketten. Während Wintercrest selig ihre Zimtsterne mampfte und sich im Kreis drehte zu kitschiger Weihnachtsmusik. Eine Schneekanone hinter dem Krippenspiel. Eine am großen Tannenbaum, der leider umgekippt war. Eine direkt vor dem Department, so gut getarnt, dass man sie nur sah, wenn man wusste, wonach man suchen musste. Alle gefüllt, mit Pudding in einer absurd klebrigen Konsistenz, die eine Stadt in kollektive Verzweiflung treiben konnte. Oh, er hatte nächtelang durchgekocht. All das ging ihm durch den Kopf, nachdem der Bulle ihm befohlen hatte sich rumzudrehen. „Es wird schneien.“ Und dann passierte es. Ein dumpfer WUMMF irgendwo draußen. Als würde etwas Großes anspringen. Dann noch einer. Und noch einer. Remington lächelte jetzt wie ein Sünder, der genau weiß, dass die Hölle ihm gehört. Boooom. Ein nasser, klebriger, absurder Einschlag. Mitten auf der Straße. Ein zweiter auf dem Marktplatz. Ein dritter .. direkt vor dem Department. Schreie drangen von draußen an sie heran. Ein entsetztes „Was zur Hölle“. Kinder kreischten vor Freude, Erwachsene vor Wut. Von draußen war hörbar, wie der erste Schwall Pudding gegen die Fensterscheiben des Departments klatschte und langsam hinabglitt wie ein schokoladiger Tsunami. Remington sah den alten Sherrif direkt an. Die Panik war verschwunden.

  • Der Sheriff grinste wölfisch, wie jemand, der es zutiefst genoss, wenn er anderen Angst einjagte. Die Panik, mit welcher der Bursche um sein Leben schrie, war Musik in seinen Ohren. Er genoss die Hilflosigkeit seines 'Opfers' zu sehr, weshalb er sich selbst gedanklich zurecht weisen musste, um nicht doch noch eine Grenze zu überschreiten. Um ihn nicht doch noch mit den gefürchteten Triebtätern in ein und dieselbe Zelle zu stecken… Es juckte ihn wahrlich in den Fingern, aber so ein Schicksal hatte nicht einmal ein Freak wie Remington verdient. Nein, um ihn würde er sich höchstpersönlich kümmern. "Das hängt ganz davon ab, wie Sie sich anstellen. Jammern Sie noch mehr rum wie ein Mädchen und ich stecke Sie wie ein Mädchen zu den Pädos", raunte er ihm zu und verriet ihm so, was ihn vor dem 'echten' Gefängnis bewahren konnte. Nämlich gutes Benehmen, wozu auch Kooperation gehörte. Ein raues Lachen kratzte in seiner Kehle ob der wortstarken Heftigkeit mit welcher sich der Bengel wehrte. Rechte, von wegen! Wer die Rechte anderer nicht respektiert, hat keinen Anspruch auf Rechte. So sah das jedenfalls Zacharias. Immer diese Scheinheiligkeit von Tätern. Kein Respekt vor dem Gesetz, aber darauf plädieren, wenn man Rechtsbeistand brauchte. Wie er diese Heuchler hasste! "Oho, Menschenrechte! Da spuckt aber jemand ganz große Töne! Scheren Sie sich um irgendwelche Rechte, wenn Sie fremdes Eigentum beschädigen? Nein? Warum sollte ich mich dann um Ihre Rechte scheren, hm?" Eine durchaus ernst gemeinte Frage, die er dem Möchtegern-Grinch in den Nacken grollte, während er ungeachtet der aufkeimenden Panik des Anderen mit der Leibesvisitation fortfuhr. Beinahe wäre ihm ein spöttisches Lachen entfleucht bei Remingtons Einwand - das soll Kooperation sein? Dieses Gefauche und Gezappel? "Ich will, dass Sie gestehen und Besserung geloben", ließ er ihn feixend wissen, was er unter Kooperation verstand. "Ahja", schnaubte er beiläufig, als er eine halbgare Erklärung bezüglich der Motive des Bürgermeisters erhielt. "Diese… Feindschaft. Wie ist die entstanden?" Eine berechtigte Frage, mochte man meinen. Ganz der routinierte Inspektor blieb er ruhig und sachlich, obgleich es ihm einen Heidenspaß bereitete, den Bengel wörtlich wie körperlich in die Mangel zu nehmen. Damit ihn die fuchtelnden Hände nicht am Kopf trafen, ergriff er die Kette zwischen den Schellen und drückte sie gegen die Wand, sodass Remington gezwungen war, der Bewegung mit seinen Händen zu folgen. "Still halten!", blaffte er ihn dabei an. Mit dem Sheriff war wahrlich nicht gut Kirschen essen. Dass er eine sehr kurze Zündschnur hatte, verriet das gelegentliche Knurren während der Untersuchung. "Kreativ bösartig - dann wären Sie ja schon zuzweit. Besser könnte ich Ihre Taten nicht beschreiben", erkannte er eine signifikante Gemeinsamkeit zwischen dem Grinch und dem Bürgermeister. Entweder hatte der eine vom anderen gelernt oder Remington schob seine Missetaten dem Bürgermeister unter, um selbst besser dazustehen. Weil das Plappermaul im weiteren Verlauf nicht zu plappern aufhören wollte - wenn es wenigstens nützliche Informationen wären - fasste er ihn noch grober an. Packte beim Abtasten fester zu, zerrte ihn mal hier- mal dorthin. Dabei fiel ihm zwangsläufig auf wie hager das Kerlchen unter seiner übergroßen Kleidung war. Als bekäme er nicht genug zu essen. Aber auch das sollte nicht seine Sorge sein, ebenso wenig die vermeintliche Allergie gegen Autorität. Auf so etwas nahm er doch keine Rücksicht! Als ob ihn die Wehwehchen von irgendwelchen Verbrechern kümmerten! Sie alle waren Abschaum in seinen Augen, obwohl er zugeben musste, dass Remington nicht dem typischen Täterprofil entsprach. Er war viel zu nervös, zu ängstlich gar. Und seine Verbrechen glichen mehr Streichen als tatsächlichen Gewalttaten. Sie waren so kindlich in ihrer Natur wie Remington selbst. Fügten niemandem Schaden zu, beschädigten lediglich Dinge auf amüsante Weise. Womöglich hätte Zacharias sogar gelacht, hätte es nicht seinen eigenen Wagen getroffen. Sein Baby… Entgegen der Warnung fasste er ihn demonstrativ an, indem er ihm seinen Unterarm gegen die Brust presste und ihn so zurück an die Wand drängte, als Remington den Fehler machte, sich zu weit nach vorn zu beugen. "Ich sagte, still halten!", herrschte er ihn an. Was zum Kuckuck war daran so schwer zu verstehen? "Je mehr Sie rumzappeln, desto länger dauert es", fügte er noch zähneknirschend hinzu. Ein Glück dass er so ein dickes Fell hatte, ansonsten wäre er weich geworden, so schön wie der personifizierte Grinch bitten konnte. Das Gebettel prallte jedoch an ihm ab wie Fliegen an einer Windschutzscheibe. Er hatte schon so viele Menschen bitten und betteln gehört, dass er auf einem Ohr taub dafür war. Taub war er allerdings nicht für den ohrenbetäubenden Lärm da draußen. Es klang als würde der Himmel wie ein riesiges Raumschiff auf die Erde stürzen, direkt vor das Police Department. Schokopudding klatschte wie Erbrochenes an die Fensterscheiben, als hätte sich ein Elefant übergeben, die Sekretärin schrie wie am Spieß, der Alarm schrillte und die Bewohner rannten wie kopflose Ameisen auf die Straße. Ein rascher Blick auf das vermeintliche Unschuldslamm machte deutlich, dass Remington dahinter steckte, der seligen Miene nach zu schließen. Plötzlich war die Furcht wie weggewischt. Er stand einfach nur da wie ein Satansbraten, der sich am Leid seiner Mitmenschen ergötzte. Mit zusammengezogenen Augenbrauen stierte Zacharias ihn an, hielt ihm gar bedrohlich den Zeigefinger unter die Nase. "Wies scheint werden Sie noch länger in Handschellen hier bleiben müssen. Bilden Sie sich ja nicht ein, dass ich mich von Ihren albernen Spielchen einschüchtern lasse!" Ooooh, das tat ihm jetzt aber gar nicht leid, dass Remington bleiben musste, wo er war, wo er doch so eine Panik vor Handschellen hatte. Aus dem erbetenen Deal würde wohl nichts werden. Das hatte Remington gründlich verbockt.

    Ihr kurzes Intermezzo wurde jäh unterbrochen von einem hektisch keuchenden Deputy, der in das Department reingeplatzt kam und aussah, wie das Monster aus dem Sumpf. Bei seinem Anblick entkam Desiree ein spitzer Schrei. Sie machte ohnehin den Eindruck, als wäre sie kurz davor in Ohnmacht zu fallen. Aber auch das war Zach egal. Er hatte gerade keinen Nerv für 'Jungfrauen' in Not. Er musste raus auf die Straße und nachsehen, was der Grinch nun wieder verbrochen hatte. "K-ka-n-n-n-none!", stotterte der Deputy mit zittrigem Fingerzeig gen Straße. Ohne Remington eines Blickes zu würdigen, schoss der Sheriff aus der Zelle, schloss sie hinter sich ab und stürmte aus dem Gebäude. Pudding tropfte ohne Unterlass von Matthew, dem Deputy, als der wie bestellt und nicht abgeholt auf der Türschwelle stehen blieb und bedröppelt vor sich hinstarrte, gänzlich ratlos, was mit ihm geschehen war oder womit er das verdient hatte. Unbescholtene Bürger so zu malträtieren war wirklich eine Schande! Sollten Remington und der Bürgermeister ihren Kleinkrieg doch allein zwischen sich ausfechten und nicht auf dem Rücken Unschuldiger.

    Zacharias ließ sich mehrere Stunden lang in der Polizeistelle nicht mehr blicken. Er hatte alle Hände voll zu tun das Chaos auf den Straßen zu stoppen und die Bewohner zu beruhigen. Einige waren nervlich so am Ende, dass er sie zur Seelsorge schicken musste. Selbst sein Wagen sah aus als hätte ein Bergriese seinen Morgenschiss darauf verrichtet. Der Mustang war völlig hinüber, plärrte zu allem Überfluss das schwule Cowboy-Lied. Zacharias war fuchsteufelswild. So sauer war er ewig nicht mehr. Man konnte ihm wirklich viel zumuten, aber das war selbst für ihn zu viel. Er hatte schon jetzt die Schnauze voll von seinem neuen Job. Hinge nicht seine gesamte Karriere von diesem Auftrag ab, wäre er spätestens jetzt abgehauen und hätte Wintercrest den Mittelfinger gezeigt. Aber nein, so schnell gab er nicht auf. Den Gefallen tat er Remington nicht. Eher zerquetschte er ihn wie eine Kakerlake unter seinem Stiefel, als dass er ihn ungeschoren davonkommen ließ.

    Weil selbst der Abschleppdienst, den er für seinen Wagen herbestellt hatte, in den Pudding-Massen stecken geblieben war, zitierte er den Winterdienst herbei, damit die Straßen und Wege alsbald geräumt wurden. Zusammen mit der Feuerwehr und einigen Freiwilligen schaufelte er den Pudding an schwer zugänglichen Stellen beiseite, ehe der Feuerwehrschlauch zum Einsatz käme, um das Schnee-Pudding-Gemisch in die Kanalisation zu spülen. Als das Gröbste beseitigt worden war, überließ er die Feinheiten dem Fachpersonal und kehrte wutschnaubend zu seiner Dienststelle zurück, nicht minder triefend vor Schokopudding. Alle Augen lagen auf ihm, als er durch den weitläufigen Hauptraum stapfte und Pudding-Spuren auf dem Laminat-Boden verteilte. Anklagend erhob Desiree eine zu dünn gezupfte Braue, woraufhin sie sich ein "Wischen Sie das weg!" vom Sheriff einfing. Sie war so entsetzt über seine rüpelhafte Art, dass sie wie in Schockstarre die niederen Arbeiten einer Putzfrau verrichtete, obwohl es unter ihrem Niveau war. Doch mit dem schlecht gelaunten Sheriff wollte sie sich lieber nicht anlegen. Derweil bekam Matthew den Rest des Tages frei, damit er sich zuhause waschen und ausruhen konnte. Zacharias hätte es ihm am liebsten gleichgetan, er hatte jedoch noch ein Hühnchen mit jemanden zu rupfen, weshalb er das Department nicht eher verlassen würde, bis er ein Geständnis oder zumindest eine Entschuldigung aus dem Scheißer herausgequetscht hatte. Innerlich schmorend stapfte er wortlos an den Gitterstäben vorbei und hockte sich an den Schreibtisch vor der Zelle, um dort seinen vorläufigen Bericht zu schreiben. Indessen beachtete er Remington kein einziges Mal. Wären sie in einem Comic, könnte man zornige Gewitterwolken, die mit Blitzen gespickt waren, über seinem Kopf aufsteigen sehen. Das eigentlich Beunruhigende an der Situation war, dass Zacharias kein Wort mit irgendjemanden sprach. Er war so sauer, dass er nicht einmal die richtigen Wörter dafür fand. Er hatte nicht einmal mehr die Kraft für einen Tobsuchtsanfall nach den anstrengenden Aufräum-Arbeiten vor der Tür. Passiv-aggressiv haute er in die Tasten der Tastatur, deren schäbiges Klappern das einzige Geräusch in der Polizeistation war. Um ihn herum schrubbte Desiree den Fußboden mit dem Wischmopp, der eine auffallende Ähnlichkeit mit ihrer Frisur hatte. Ihr blassblauer Blick huschte immer wieder zu ihm hinüber als wollte sie ihn dafür verurteilen, dass er so triefend vor Dreck ins Büro gekommen war ohne sich vorher die Stiefel abzuputzen! Diese kleingeistige Vorstadt-Idylle würde ihn noch umbringen! Als wäre Sauberkeit wichtiger als seine rechtschaffene Arbeit! Obwohl er längst fertig mit seinem Bericht war, ließ er Remington noch in der Zelle schmoren. Er ging nicht zu ihm hinüber. Stellte ihn nicht zur Rede. Fragte ihn nicht aus. Stattdessen strafte er ihn mit eiskalter Ignoranz. Machte ihn mürbe mit der Ungewissheit, wie es mit ihm weitergehen sollte. Ob er die Nacht in der Arrestzelle bleiben oder ins Gefängnis zu den Pädos verlegt werden würde, wo er den ausgehungerten 'Wölfen' als Abendprogramm oder wahlweise als Dessert dienen würde. Der Zahnstocher in Zacharias Mundwinkel wippte unstet, während er vorgab, die Zeitung zu lesen. Tatsächlich beäugte er den Gefangenen unauffällig, versuchte schlau aus ihm zu werden, damit er ihn schneller durchschauen konnte. Je besser er die Denkweise seiner Zielpersonen verstand, desto leichter waren sie zu überlisten. Er musste ihre Schwachstellen finden und sie gegen sie verwenden. Das war erfahrungsgemäß eine der effizientesten Methoden an ein Geständnis zu kommen. Leider besaß er nicht immer die nötige Zeit für ausgiebige Psycho-Spielchen. Meistens musste es schnell gehen. Nicht aber heute. Heute hatte er alle Zeit der Welt und er würde es genießen, Remington dabei zuzusehen, wie er langsam aber sicher in der kleinen Zelle durchdrehte wie ein klaustrophobischer Wellensittich.

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    Einmal editiert, zuletzt von Rustin (26. November 2025 um 15:40)

  • Die Panik fiel von ihm ab wie eine alte Haut, abgestreift in dem Moment, in dem der schokoladige Tsunami draußen losbrach und Wintercrest in apokalyptisches Chaos tauchte. Remington stand in seiner Zelle, die Handschellen brennend eng an seinen Gelenken, sein Atem immer noch zu schnell, sein Herz ein verwirrendes, wildes Durcheinander und trotzdem fühlte er sich plötzlich so lebendig, wie er es seit… Monaten nicht gewesen war. Er trauerte. Gott, er trauerte regelrecht. Jeder Pudding-Schrei, jeder empörte Bürger, jedes „Mein Mantel!“, das durch die Fensterscheiben drang, war wie ein sirenenhaftes Locken eines Spektakel, das er selbst inszeniert hatte - aber nicht sehen konnte. Er hörte es nur. Und doch reichte das. Die Schreie waren wie Öl auf glühenden Kohlen in seiner Brust. Ein dunkles, pures Vergnügen, das sich tief in seinen Bauch senkte, so verboten, so… körperlich. Vor allem, als er die Stimme eines völlig überforderten Deputy wahrnahm, der stolpernd durch den Flur jagte. Ein Platsch, als der junge Mann mitten im Türrahmen halb ausrutschte, weil pure Verzweiflung seinen Körper lahmlegte. Pudding tropfte von seiner Uniform und seinen Haaren. Und Remington, oh, Remington wäre fast gekommen vor Lachen. Ein scharfes Ziehen zog sich durch seinen Unterbauch. Seine Knie wurden weich. Diese Hände an seinem Rücken, diese Handschellen, dieser ganze Sturm.. scheiße. Er war erregt, zugleich wütend und panisch. Eine hochexplosive Mischung, die auf seiner Zunge kribbelte. „Oh…“, hauchte er leise und ehrfürchtig. „Es funktioniert…“

    Der neue Sherrif indes sah alles andere als begeistert aus. Der Blick, den Remi sah, sprach von purer, aufkochender Wut. Wut, die ihm galt. Wut, die Remington beinahe noch viel erregender fand. Und da war es auch schon wieder, dieses Zucken tief in ihm, dieses primitive Funkenfeuer. Der Deputy stammelte weiter, irgendwelche Informationen, die so nichtssagend waren wie ein Kartenhaus im Sturm. „.. vom Dach… überall Pudding… das ganze… das ganze verdammte..“ Der Sherrif verließ die Zelle, der Deputy taumelte hinterher. Ein weiterer Tropfen Pudding fiel von dessen Ohrläppchen. Und Remington blieb zurück. Allein. Und trotzdem vibrierte ein heißes, dunkles, triumphierendes Etwas in ihm, das ihm beinahe die Luft raubte. Er hatte es geschafft. Dieser gottverdammte Puddingsturm war sein Meisterwerk. „Hah…“, entwich ihm ein scharfes Lachen. Ein fast unkontrollierbarer Impuls riss an seiner Brust. Erneut presste er die Stirn gegen die kalte Wand. Er hätte das so gerne gesehen. Den Bürgermeister, die Rentner, die Touristen, die kleinen Kinder, die ganzen überkorrekten Vorstadt-Familien .. und den Sheriff. Vor allem den Sheriff. Dessen Gesicht wäre alles wert gewesen. Remington biss sich hart auf die Unterlippe. „Verdammt“, flüsterte er heiser. „Verdammt, verdammt, verdammt…“ Sein Körper reagierte immer noch. Das Metall brannte um seine Handgelenke, er musste hier raus. Denn wenn der Polizist zurückkam, mit Pudding im Haar, mit Zorn im Blick, mit dieser breiten Brust voller verletzter Autorität, Remington würde sterben. Nicht, weil der Sheriff ihn vielleicht erschoss. Eher weil er es… mochte. „Ganz schlechte Idee, Remington“, tadelte er sich selbst, während die Schreie draußen immer lauter wurden. „Ganz schlechte… oh Gott, das klingt nach Kanone Nummer vier…“ Ein weiteres Booom. Er schloss die Augen. Er trauerte, weil er es nicht sehen konnte. Aber die Geräusche reichten.

    Die Zeit verging. Oder… nein. Sie verging nicht, sondern dehnte sich. Der zu unrecht eingebuchtete Mann saß in seiner Zelle, die Hände noch immer gefesselt, und war sich ziemlich sicher, dass mindestens vier Jahrzehnte vergangen waren. Vielleicht fünf. Er war innerlich schon zweimal gestorben und dreimal wieder auferstanden, und jedes einzelne Mal war er wütender geworden. Und das Schlimmste? Es war still. Der Puddingsturm hatte sich draußen augenscheinlich gelegt, oder die Menschen hatten einfach aufgegeben. Remy konnte nur mutmaßen. Niemand kam. Niemand schrie. Niemand regte sich. Bis schließlich, endlich, die Tür quietschte. Desiree Nick. Der menschgewordene Albtraum aus 90er-Pornostar, Schlauchbootlippen und einer Oberweite, die zu schwer für die Schwerkraft selbst war. Sie watschelte am Zellentrakt vorbei, die Absätze klackten wie ein metronomischer Countdown. Ihre Silikonberge schwangen wie zwei schlecht gesicherte Weihnachtskugeln. Remington sprang auf. Naja - sprang auf wie jemand mit Handschellen, was eher wie ein stolpernder Flamingo aussah. „Deeesy!“, flötete er mit der Stimme eines Mannes, der seit drei Tagen kein Wasser gesehen hatte. „Oh mein Gott, Du glorreiches Wesen! Bitte komm her, ich.. ich muss.. ich brauche..“ Sie erstarrte wie ein Wildkaninchen, das ein Auto kommen sieht. Ein sehr großes, sehr lautes Auto. Remy lächelte breit und süß sein schönstes „ich breche gleich zusammen oder breche irgendwas“-Lächeln. „Desiree… mein süßer Engel…“ Er senkte den Kopf, als ginge er gleich in Trance über. „Ich hatte einen ganz fürchterlichen Tag. Dieser Sheriff… er ist… er ist ein Monster. Und ich… meine Gelenke… die Handschellen… Diiiie tun sooo weh.“ Desiree schielte misstrauisch zwischen ihm und den metallenen Handschellen hin und her. „Mmph.“, brachte sie über ihre Schlauchbootlippen. Das war kein Wort. Das war Angst in Lautform. „Desiree.“, flüsterte er verführerisch. Wie ein Fluch oder ein Gebet. „Schatz. Beste Freundin. Licht meines Lebens. Du hast doch den Schlüssel, oder? Ganz nah bei Dir? In Deiner Schublade? In Deiner Tasche? Unter Deinem… äh… Unterbau?“ Sie stolperte rückwärts. „Nein!“, quietschte sie, was bei ihrer Stimme so klang, als würde jemand eine Luftmatratze quetschen und hielt sich dabei ihre enorm großen Brüste. „Bitte“, jammerte Remington, „ich tue doch nichts! Ich bin ganz harmlos! Ich kann kaum laufen! Und..“

    „Nein! Sie bleiben da, wo Sie sind, Mr!“ Sie zeigte mit einem zittrigen Finger auf ihn. Ihr French-Nail vibrierte. Remington runzelte beleidigt die Stirn. „..wirklich? Du hast Angst vor mir? Vor mir? Ich bin…“ Er drehte sich theatralisch um, damit sie die Handschellen sah. „..entwaffnet! Ich bin ein… ein Kätzchen! Ich bin verletzlich! Ich bin..“ Sie rannte davon. Ihre Absätze klackerten wie Maschinengewehrfeuer. „Du Feigling!“, rief Remy ihr nach. „Du Feigling mit Riesenbrüsten!“ Remy seufzte. Mit dramatischem, herzzerreißendem Stöhnen ließ er sich auf die Bank fallen. Er war kurz davor, in die Wand zu beißen, als endlich die schwere Tür erneut aufging. Ein Schatten. Pudding tropfte von seinen Stiefeln. Eine klebrige Spur führte von draußen herein. Das Gesicht wütend. Völlig im Anschlag. Der Sheriff von Wintercrest marschierte herein, die Kiefermuskeln so angespannt, dass man dazwischen Mehl mahlen könnte. Remy hob das Kinn und ignorierte ihn. Einfach so. Völlig unverblümt. Er drehte sich seitlich, setzte sich elegant, legte soweit möglich die Beine übereinander und tat so, als würde er Zeitung lesen. Eben wie der Sherrif. Keine Zeitung da? Egal. Er hielt eine imaginäre vor sich, blätterte sogar um mit der Grandezza einer Diva, die gerade beschlossen hatte, dass der Rest der Welt Luft war.

    „Ich bin unschuldig.“, entfuhr es ihm dann doch irgendwann. Er zeigte mit dem imaginären Zeitungsrand Richtung Tür. „Ich war unter Ihrer Obhut, Chief. Während draußen Wintercrest in… äh… Dessert verwandelt wurde. Also wenn jemand schuld ist, dann Sie.“ Er blätterte wieder um. „Und ich muss nach Hause“, fügte er hinzu, in einem Ton zwischen beleidigtem Teenager und hysterischem Opernstar. „Mein Kater ist krank. Er braucht Medikamente. Er stirbt vielleicht.“ Er hob endlich den Blick. „Und Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich Ihretwegen meinen kranken Kater sterben lasse, nur weil irgendjemand Pudding auf das Dorf regnen lässt.“ Er verschränkte so gut es ging die Arme.

  • Der Sheriff wäre stolz auf den 'Feigling mit Riesenbrüsten'. Stolz, weil jener Feigling richtig gehandelt hatte. Miss Pornostar war nicht schwach geworden. Hatte kein Mitleid mit dem gefesselten Mann gezeigt, der mit seinem Wuschelhaar und seinem Dackelblick so 'süß' dreinblicken konnte, dass jede andere Frau einen spontanen Milcheinschuss in ihren Brüsten bekommen hätte. Nicht aber Desiree. Sie war ein knallhartes Luder. Eine echte Femme fatale. Eine männerfressende Furie. Das hatten 30 Jahre Porno-Industrie aus ihr gemacht. Jeder Schwanz, der auch nur in ihre Nähe kam, wurde pulverisiert. Kein Wunder also, dass Remington mit seinem Flehen und Betteln nicht weit bei ihr kam. Es schien ganz so, als beiße er auf Granit sowohl beim Sheriff als auch bei ihr. Wie es wohl um Matthews Standhaftigkeit bestellt war? Konnte der auch so willensstark sein? Welch ein Pech, dass der Deputy bereits Feierabend hatte. Zacharias wusste eben genau, was er tat. Das schwächste Glied der Truppe musste stets aus der Gefahrenzone gebracht werden, damit es nicht noch mehr Kollateralschäden gab. Er traute dem Bengel nicht, weswegen er ihn Heim geschickt hatte. Nicht, dass er noch in Versuchung kam und die Zellentür aufsperrte, damit der 'arme Wellensittich' in die Freiheit flattern konnte. Seine Menschenkenntnis war nach all den Jahren im Dienst besser als die eines professionellen Profilers, sodass ein Blick auf Matthew genügt hatte, um ihn als Muttersöhnchen einzustufen. Er wusste, wen er mit Remington allein lassen konnte und wen nicht. Als ehemalige Pornodarstellerin musste Desiree einen solch immensen Hass auf Männer haben, dass sie jeden Schwanzträger im Knast verrotten lassen würde ohne mit der Wimper zu zucken. Zacharias hatte jedenfalls eine Heidenangst vor ihr. Er würde keine zehn Sekunden mit ihr allein in einem Raum sein wollen. Schlimm genug, dass sie nun um ihn herum scharwenzelte mit dem Wischmopp in der Hand, der ihr durchaus als Mordwaffe dienen könnte… Vielleicht sollte er IHR die Handschellen anlegen? Nein, am Ende stand sie noch darauf und deutete das als Liebesbeweis. Urghs. In seinem langen Leben hatte Zacharias wahrlich schon alles gefickt, was man als Mensch legal ficken konnte - Femboys, Transen, Drag Queens, Drama Queens, Zwitter, Doms, Dominas, Subs, Toyboys, Huren, Stricher, Lesben, Homos, Twinks, Dilfs, Milfs, Tomboys, und weiß der Teufel, was noch - aber SO verzweifelt war nicht einmal er. Desiree hatte Haare auf den Zähnen und das nicht zu knapp.

    Doch zurück zum eigentlichen Thema; dem Spatz im Käfig und der Frage, was er tun musste, damit das Vögelchen endlich zu singen anfing. Um das herauszufinden, beobachtete er ihn aus sicherer Entfernung und musste dabei feststellen, dass der Witzbold ihn nachmachte. Na, der hatte vielleicht Nerven! Wollen doch mal sehen, wer hier den längeren Atem hatte. Wie lange es wohl dauerte, bis er das Spielchen satt hatte und wieder lautstark zu motzen begann. Zacharias traute der Idylle in der Zelle jedenfalls nicht. Er wusste genau, dass das die Ruhe vor dem Sturm war. Ein Psychopath mit Zappelphilipp-Syndrom konnte nicht lange still sitzen bleiben und tatsächlich, schon kurze Zeit später setzte das allseits-bekannte Schimpfen eines Rohrspatzes ein. Dieses Mal allerdings um einiges gesitteter als zuvor als würde Remington allen Anwesenden beweisen wollen, dass er auch zivilisiert sein konnte. Zacharias indes gab vor, ihn nicht zu hören. Ihn interessierten die Ausreden und Ausflüchte nicht. Was er hören wollte, war ein Geständnis. Dafür, dass Remington an der Sauerei angeblich nicht beteiligt war, war er bestens informiert über das, was draußen geschehen war. Ein Dorf, das in Dessert verwandelt wurde. Das klang fast wie eine poetische Glorifizierung seiner schändlichen Tat. Geräuschvoll stellte Zacharias seine Kaffeetasse ab, faltete die Zeitung zusammen und erhob sich langsam. Ganz langsam, als hätte er es überhaupt nicht eilig. Mindestens genau so langsam ging er auf den Mann hinter Gittern zu. Dabei krempelte er die Ärmel hoch, entblößte seine kräftigen Unterarme, fast so, als würde er sich in eine Schlägerei stürzen wollen. Als würde er ihm den Hintern versohlen wollen. Ein Knacken mit dem Nacken folgte, ehe er vor der augenscheinlichen Diva stehen blieb und ihr in wölfischer Manier die Zähne zeigte. Falls Remington damit rechnete, dass er ihn aus der Zelle ließ, damit er seinen 'kranken' Kater versorgen konnte, musste er ihn 'leider' enttäuschen. "Wissen Sie was? Ich scheiße auf Ihren Kater. Soll er doch verrecken!", spie er ihm zwischen den Gitterstäben entgegen, woraufhin er auf dem Absatz Kehrt machte und die Tür des Nebenraums anstrebte. Weil der Pudding auf seiner Haut und seinen Klamotten allmählich krustig wurde, beschloss er die Dusche aufzusuchen und sich frisch zu machen. Kurz vor der Tür machte er noch einmal Halt und sah über die Schulter zum Grinch: "Wenn ich zurück komme, will ich ein Geständnis hören." Daraufhin schaltete er das Licht aus, ließ die elektrischen Jalousien herunter, sodass es stockfinster in der Schuhkarton-großen Zelle wurde. Da sich Remington an die Handschellen im beengten Raum gewöhnt zu haben schien, war es an der Zeit für die nächste Eskalationsstufe - abgrundtiefe Dunkelheit. Psychoterror hatte einen Namen und der lautete ab heute; Zacharias Crafford.

    Nach einer ganzen Weile kam er wieder. Frisch geduscht und wohlriechend, noch mit nassen Haaren, die ihm in grau melierten Strähnen in die Stirn fielen. Seine völlig verdreckte Uniform hatte er eingetauscht gegen ein kariertes Flanell-Hemd und zerschlissene Blue-Jeans. Seine Freizeit-Kleidung wie es schien. Erneut sah er kein einziges Mal zu Remington hinüber. Viel lieber setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch und nahm das Telefon in die Hand, um ein Telefonat mit dem örtlichen Gefängnis vorzutäuschen. "Guten Abend, Ma'am. Ist da das Federal Detention Center? Ja? Sehr gut. Hier spricht Zacharias Crafford, der Sheriff von Wintercrest. Ich hätte da einen Wiederholungstäter, der wegen Vandalismus festgenommen wurde. Er muss bis zu seinem Prozess in U-Haft. Hätten Sie noch Platz für ihn? Am besten in einer Gemeinschafts-Zelle. Wir sind da nicht zimperlich. Ja? Ausgezeichnet! Ich bringe ihn gleich morgen früh vorbei. Auf Wiederhören!", sprach er so laut und deutlich, dass Remington jedes Wort verstehen konnte. Wenn ihm sein 'jungfräulicher Arsch' lieb und teuer war, sollte er spätestens jetzt gestehen. Andernfalls würde am nächsten Tag nicht mehr viel von ihm übrig bleiben. Das war die Rache für seinen zerstörten Mustang! Mit diebischer Schadenfreude strich sich Zacharias übers unrasierte Kinn, das stachelig wie ein Kaktus war, und funkelte den eingesperrten Spinner aus sturmgrauen Augen an. Die einzige Beleuchtung im Raum war nunmehr die kleine Schreibtischlampe an seinem Arbeitsplatz, deren Lichtkegel minimal bis zur Zelle reichte.

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  • Die Stille umklammerte ihn schließlich doch. Er hatte den Sheriff ignoriert, die Zeitung nachgespielt, den beleidigten Opernstar gegeben, den Kater ins Spiel gebracht, aber jetzt, wo nichts als das Surren der Heizung und sein eigener Herzschlag übrig waren, kroch ein anderer Gedanke in ihm hoch. Einer, den er nie laut aussprechen würde. Das mit dem Katzentier war nicht mal gelogen. Nicht mal annähernd. Er sah das Tier vor sich, diesen struppigen, vernarbten kleinen Scheißer, den er vor zweieinhalb Jahren im Straßengraben gefunden hatte, halb tot, mit einem gebrochenen Bein und einem Blick, der ihn bis heute verfolgte. Eigentlich hätte er das Tier einfach liegen lassen sollen. Jedenfalls redete er sich das immer wieder ein, weil das einfacher gewesen wäre und vor allem weniger gefährlich für sein Herz. Aber Remington war nicht gut darin, klug zu sein, wenn es um Dinge ging, die kleiner und schwächer waren als er. Er war nur darin gut, es zu verstecken. Mit allem was er hatte erinnerte er sich daran, wie der Kater gezittert hatte. Wie er ihn in sein verschwitztes Shirt gewickelt und nach Hause getragen hatte, fluchend und schimpfend, als würde er dem Universum beweisen wollen, dass ihm das hier eigentlich völlig egal war. War es nicht. Kein Stück. Er sprach nie darüber. Versteckte die Medikamentenpackungen. Versteckte die Decke, die er abends vor den Ofen legte, damit der Kater nicht fror. Versteckte die kleinen Holzschälchen, in denen er verletzte Vögel oder Mäuse gesundpflegte, bevor er sie nachts wieder in die Freiheit entließ. Nur er wusste davon, immerhin war er der Mann, der im Dorf als Monster galt. Niemand sah ihn, wenn er einen zitternden Junghasen in der Küche mit einer Pipette fütterte. Niemand hörte ihn, wenn er mit dem Kater sprach. Niemand wusste, dass er manchmal mitten in der Nacht aufstand, um zu prüfen, ob das Tier noch atmete. Und niemand wusste, dass sein Herz sich bei Tieren anders verhielt. Dass er dort verletzbarer war als überall sonst.
    Remington stützte den Hinterkopf gegen die Wand und schloss fest die Augen. Er hasste es, daran zu denken. Weil es ihn… verletzlich machte. Aber der Kater war krank. Ein Infekt, der nicht richtig abklingen wollte. Er brauchte Medikamente und Wärme und Gesellschaft. Doch Remington war hier eingesperrt mit dem stechenden Schmerz in der Brust. Sorge. Sein Atem wurde flacher, aus dem Gefühl, dass er vielleicht… wirklich nicht rechtzeitig zurückkam. „Verdammter Mist…“, flüsterte er heiser ins Leere und presste die Stirn erneut gegen die Wand, diesmal allerdings weniger aus Trotz als aus Kapitulation.

    Gerade, als er es geschafft hatte so zu tun als hätte er sich mit der Situation abgefunden, bewegte der Arschloch-Sherrif sich. Aus dem Augenwinkel heraus sah er, wie der Großkotz sich vor der Türe aufbaute. Remington hob eine Augenbraue und drehte seinen Kopf zu ihm. Ganz langsam senkte sich sein Blick auf die entblößten Unterarme, woraufhin sich auch die zweite Braue hob. „Was, wollen Sie mir jetzt eine reinhauen, hä?“, fragte er, doch da beleidigte der Katzenhasser auch schon das Tier und beschwor dessen Tod herauf. Der Teil von ihm, der noch vor wenigen Minuten mit seinem Herzschlag gekämpft hatte, wurde plötzlich eiskalt. Der Kleinstadtbulle wandte sich mit seiner verschissenen Drohung, die er sich sonst wo hinstecken konnte - offensichtlich hatte er ja ausreichend Erfahrung damit einen wegzustecken - ab und ließ ihn zurück. Die Jalousien surrten herunter. Dann folgte eine Dunkelheit, die ihm die Kehle zuschnürte. Er hasste sie. Scheiß-Bulle. Scheiß Pudding. Scheiß Handschellen. Stunden vergingen - oder Minuten. Er hörte den Sheriff duschen. Irgendwann ging ihm - oder dem Schreibtisch - ein Licht auf, gerade hell genug, dass Remington den schemenhaften Umriss des Mannes sehen konnte. Auch erkannte er, dass der Mann seine Kleidung getauscht hat. Remington hob den Kopf, als die Stimme erklang. Sein Herz schlug schneller. Der Sheriff sprach laut und betont, beinahe theatralisch. Er wollte, dass Remi jedes verdammte Wort hörte. Dessen Zähne schoben sich langsam aufeinander. Er lächelte ein kleines, kaltes Lächeln, als der Sheriff auflegte. Eine Zeit lang blieb er einfach nur sitzen, im Dunkel wie in einem Aquarium ohne Wasser. Die Jalousien waren weiter vollständig herabgesenkt, das Neonlicht ausgeschaltet, nur der schwache, schräg in die Zelle fallende Schimmer aus der Schreibtischlampe des Sheriffs erreichte ihn, und selbst dieses kümmerliche Licht schien eine Distanz zu ihm zu halten, als hätte es beschlossen, sich nicht mit einem Mann einzulassen, dem die Hände noch immer gefesselt waren. Mittlerweile saß er verkrampft da, gleichzeitig unfähig, eine angenehmere Position zu finden, weil ihm die Handschellen die Schultern Richtung Wirbelsäule zogen. Er dachte an seinen Kater, an die unruhige Atmung des Tieres, an die Art, wie es sich immer enger zusammenrollte, wenn es fröstelte, und an die Schale mit den Tabletten, die er morgens nach dem Aufwachen in der Küche bereitstellte. Er dachte daran, dass er jetzt nicht dort war, dass niemand da war, dass das Tier alleine war. Doch jede Schwäche, die er zeigte, würde der Sherrif wie ein Werkzeug benutzen.

    „Nur damit wir das beide einmal verstehen, Chief…“, fing er nach ein paar Minuten an, wartete und lauschte in sich hinein, spürte, dass die Worte, die folgen würden, die nicht mehr spielerisch waren. „Sie können mich hier nicht einfach so einsperren. Nicht ohne Haftbefehl. Nicht ohne Beweise.“ Soweit die Fesseln es zuließen richtete er sich auf, sein Rücken angespannt, aber die Stimme war absolut ruhig. „Sie können die Jalousien schließen, Sie können das Licht ausmachen, Sie können mit einer fiktiven Haftanstalt telefonieren, um mich einzuschüchtern, aber wissen Sie was?“ Er lächelte genüsslich. „Ich kenne meine Rechte. Und ich garantiere Ihnen, Sheriff…“ Ein sarkastisches Honigtröpfchen senkte sich auf seine Stimme. „.. ich bin zwar ein beschissenes Mitglied dieser Gesellschaft, aber ich bin nicht dumm. Und ich weiß, dass Sie mich keine fünf Minuten im County-Knast halten können, ohne dass Ihr hübscher Sheriff-Posten zu Staub zerfällt.“ Ein leises Knacken ging auch durch seinen Nacken, als er den Kopf schief legte, schon wieder dieses Remington-typische Schauspiel, das aber diesmal unterfüttert war von einer eiskalten, wütenden Klarheit. „Sie spielen hier gerade mit der Freiheit eines Mannes. Und das ist ein Verbrechen.“ Er schlug die Handgelenke gegen die Handschellen, damit das Geräusch durch die Zelle hallte. „Das hier, Chief… ist illegal.“

  • Auch er hatte ein Herz für Tiere. Für Streuner und Strolche. Nur leider schoss er sie in der Regel ab. Als Hobby-Jäger war das sein Handwerk. Wenn er nicht gerade Schwerverbrecher jagte, dann eben Wildtiere. Er besaß sogar eine Jagdhütte, oben in den Bergen, in die er sich gern zurückzog, wann immer es in seinem Leben zu heiß herging. Irgendwie musste man ja dem Trubel entkommen, vor allem an Weihnachten. Bei selbstgeschossenem und selbstzubereitetem Hirschbraten überm prasselnden Kaminfeuer ließ es sich aushalten und zwar bestens. Darauf freute er sich jetzt schon. Der einzige, der ihm dabei Gesellschaft leisten durfte, war bislang sein Hund 'Struppi' - eine straßenköterblonde Promenadenmischung, die er aus dem Tierheim hatte. Irgendetwas Schäferhund-artiges musste mitbei sein, weil er für sein Leben gern Schafe hütete und Wölfe vermöbelte. Deswegen war es Zacharias in Wahrheit nicht egal, ob der Kater verreckte oder nicht. Er glaubte dem Kerl die Story bloß nicht - warum sollte er auch? Falls es aber doch wahr sein sollte, hatte er ein Druckmittel mehr, das er gegen den Burschen verwenden konnte. Eine Schwachstelle mehr würde ihn näher an sein Ziel bringen. Was ihn allerdings in diesem Zusammenhang zur Weißglut brachte, war die unverschämte Selbstverständlichkeit, mit welcher der Witzbold von irgendwelchen Rechten sprach, als wäre er ernsthaft der Meinung, dass er Anspruch auf diese Rechte hätte, obwohl er selbst ebenjene Rechte nicht achtete. Warum also sollte Zacharias es tun? Und wie kam er überhaupt darauf, dass er das Telefonat nur gefaked hatte? Konnte der Junge jetzt auch noch Gedanken lesen? Das wurde ja immer kurioser! So oder so sollte sich der Bursche besser mal nicht auf Zachs Moralempfinden verlassen. Und das nicht nur im beruflichen Kontext, sondern auch im privaten - wer seinem Baby weh tat, der bekam es mit Big Daddy zu tun. Der schien als nächstes eindrücklich beweisen zu wollen, wie big er war, indem er sich von seinem Bürostuhl erhob, sich zu seiner vollen Größe aufrichtete und den Tisch halb umrundete, um sich mit einer Arschbacke auf die Kante zu setzen und von dort aus zum 'Tiger' im Käfig zu spähen. Der hatte nämlich wieder zu 'brüllen' angefangen. Erklärte ihm nun die Welt durch seine rosarote Brille. Zachs Mundwinkel zuckte bloß amüsiert ob des Strategiewechsels des Bürschchens. Falls Remington dachte, er könnte den abgebrühten Cop mit irgendwelchen Phrasen aus dem Gesetzbuch einschüchtern, dann hatte er sich mächtig getäuscht. Dennoch war Zach gespannt auf die Argumentationskette des Jüngeren, weshalb er sich auf diese sinnlose Diskussion einließ. "Achja? Und wem wollen Sie das verklickern? Niemand hört Ihnen zu. Niemand interessiert sich für Ihre Sicht der Dinge. Was noch viel wichtiger ist; ich habe die Genehmigung des Bürgermeisters, alles Notwendige zu unternehmen, um Ihnen das Handwerk zu legen. Ich darf und werde mit Ihnen verfahren wie ich es für Richtig halte." So viel dazu. Es war aber auch an der Zeit, dem Bengel die Leviten zu lesen. Konnte doch nicht sein, dass der sich hier wie Sau benahm und sich dann neunmalklug beschwerte, wenn er die Konsequenzen für sein Handeln zu spüren bekam. Dass er den Richtigen eingesperrt hatte, daran bestand für Zacharias kein Zweifel. Es war mehr als verdächtig, dass Remington stets dort anzutreffen war, wo etwas Rechtswidriges in diesem ekelhaft pittoresken Dorf geschah - oder zumindest in der Nähe davon gesehen wurde. Und immer trugen die 'Streiche' dieselbe Handschrift. Dasselbe Muster. Es schien, als trüge jede dieser Missetaten seinen Namen. Das einzige, was dem Sheriff jetzt noch fehlte, damit er noch härter gegen Remington vorgehen konnte, war ein Geständnis. Da jener die juristische Schublade bereits geöffnet hatte, wühlte nun auch Zacharias darin herum und bastelte sich eine argumentative Grundlage zurecht, die dem Arrestanten aufzeigen sollte, welche Verfehlungen er sich geleistet hatte. Dabei deutete er mit dem Daumen hinter sich aufs verschlossene Fenster. "Das da draußen war ein Großeinsatz. Raten Sie mal, wer das bezahlt. Richtig, der Steuerzahler zu dem Sie laut eigener Aussage nur sehr sporadisch gehören. Was verschwendete Steuergelder angeht, sind die Leute mittlerweile sehr empfindlich. Meinen Sie, dass hier irgendjemand der Meinung ist, ich solle Sie mit Samthandschuhen anfassen? Dieses Privileg haben Sie sich verspielt mit ihren kostspieligen Scherzen." Sein markanter Kiefer mahlte, während er dem Grinch die Moralkeule um die Ohren haute. Apropos illegal: "Wissen Sie, was illegal ist? Einer Stadt den Strom abzustellen. Sachbeschädigung. Mein Fahrzeug zu demolieren. Weihnachtsbäume zu stürzen. Die Straßen und Wege mit Pudding zu blockieren. Darüber machen Sie sich aber keine Gedanken, hm? Erzählen Sie mir also nichts von Illegalität, Sie selbstgerechter Mistkerl." Der Sheriff hatte die starken Arme vor seiner Brust verschränkt wie jemand, der von seiner Sichtweise nicht abrücken wollte. "Und jetzt gestehen Sie. Dann lasse ich Sie laufen. Fürs Erste. Vielleicht hilft Ihnen der kurze Arrest ja dabei, sich das nächste Mal an die Konsequenzen für Ihr illegales Tun zu erinnern, wenn Sie wieder meinen, eine Kleinstadt terrorisieren zu müssen. Haben Sie schon mal an eine Psycho-Therapie gedacht? Sie scheinen mir jemand zu sein, der mental im Kindesalter stecken geblieben ist. Der einen krankhaften Sinn für Humor besitzt. Der über die Jahre eine leichte bis mittelschwere Persönlichkeitsstörung entwickelt hat. Jemand, der nicht mit seiner Wut umgehen kann. Der traumatisiert ist. Der lieber allein und zurückgezogen lebt statt sich seinen Ängsten zu stellen. Sie brauchen dringend professionelle Hilfe. Wenn Sie diese nicht alsbald in Anspruch nehmen, landen Sie als nächstes wirklich im Knast bei den harten Jungs. Das verspreche ich Ihnen!" Nach allem, was Zacharias von Remington gesehen und gehört hatte, war er sich ziemlich sicher, dass der Kerl im Kindesalter schlimme Dinge erlebt hatte. Dinge, die er nicht richtig verarbeiten konnte, weshalb er nun so am Rad drehte. Als hätte ihn der Weihnachtsmann höchstselbst misshandelt. Ihn mit Lichterketten gefesselt und mit Zuckerstangen geknebelt. Ihn in einen Keller gesperrt und mit tonnenweise Pudding gemästet. Sollten all diese scheußlichen Verbrechen an Klein-Remington nicht gesühnt worden sein, würde Zacharias ihm dabei helfen, den Täter zu schnappen und seiner gerechten Strafe zuzuführen. Wenn es nämlich etwas gab, das Zacharias noch mehr hasste als Gesetzesbrecher, dann Gesetzesbrecher, die sich an Kindern vergingen.

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  • Es war lächerlich, mit welch einer Leichtigkeit der Sheriff ihm unter die Haut kroch, ohne es zu merken. Als würde der grobschlächtiger Cowboy einfach so durch Türen marschieren und versehentlich Erinnerungen aufscheuchen, die Remington seit Jahren unter losen Dielenbrettern begraben hielt. Erinnerungen, die er am liebsten mit einer Spitzhacke erschlagen hätte. Oder mit einem Schneepflug. Oder mit einem gottverdammten Pudding-Geschütz. Aber Wintercrest war so eine Stadt, die alles ausgrub. Auch das, was verfaulen sollte. Der Bürgermeister… ja, der war so ein Kapitel für sich. Ein Kapitel, das man nur mit Gummihandschuhen anfassen sollte. Doppelt. Mit Desinfektion. Remingtons Mundwinkel zuckte. Es war fast schon komisch, wie viel in diesem Dorf totgeschwiegen wurde, während gleichzeitig jeder Vorgarten aussah wie ein explodiertes Weihnachten. „Kreativ bösartig.“, hatte er ihn benannt. Das war zu nett. Der Mann war ein Monster in Nordmanntannen-Optik. Und Remy wusste das, weil er es gesehen hatte. Weil er dabei gewesen war. Weil er fünfzehn war und dachte, Freundschaft sei etwas, das die Welt retten könnte. Weil er glaubte, dass zwei Jungs einfach… abhauen konnten. Weglaufen konnten. Etwas anderes werden konnten. Aber Wintercrest war ein Käfig. Und der Bürgermeister war der Wärter. Remington atmete durch die Nase. Das Zittern in seinen Fingern passte nicht zu ihm. Er war ein Mann, der anderen Pudding auf die Köpfe regnen ließ, keiner, der wegen Erinnerungen schwächelte. Aber der olle Sherrif löste etwas aus, weil er wirkte wie ein Mann, der glaubte, Wahrheit könne man einfach so mit den Händen packen. Also dachte Remy jetzt. Und das war eigentlich schlimmer als jede Zelle. Der Sohn des Bürgermeisters - seine Augen waren das Erste, woran er sich erinnerte. Irgendwas zwischen grün und blau. Ein bisschen wie moosiger Waldboden nach Regen. Ein Blick wie eine offene Tür. Sie hatten viel Zeit miteinander verbracht. Vielleicht zu viel, wenn man den Gerüchten glauben wollte. Aber Wintercrest glaubte immer gern das Falsche. Es war ein Dorf voller Leute, die eine Lichterkette sahen und sofort dachten: oh, wie hübsch. Und nie: wer hängt da eigentlich an welcher Stromquelle? Und dann gab es diese Nacht. Die einzige Nacht, in der sie mutig genug gewesen waren. Oder verzweifelt genug. „Wir hauen ab“, hatte der Junge gesagt. Remy hatte ja gesagt. Natürlich hatte er ja gesagt. Weil er fünfzehn war. Weil er dachte, manche Dinge wären größer als Angst. Oh Gott, was für ein Idiot er gewesen war, denn der Bürgermeister hatte es mitbekommen. Vielleicht weil Gott Wintercrest schon damals hasste. Vielleicht, weil Monster einfach immer wissen, wann ihre Beute eine Tür öffnet. Remington schloss kurz die Augen. Es ging so schief, dass man es in keinem Theaterstück spielen würde, ohne dass die Kritiker schrieben: unrealistisch überzogen. Der Junge starb. Und Remington war noch da. Schuldig, weil irgendein Arschloch meinte, Überlebende seien automatisch Täter. Schuldig, weil der Bürgermeister schnell war. Schneller als Remington laufen konnte. Er hatte ihn beschuldigt mit dieser schmierigen, christlichen Empörung, die einem nur richtig gut steht, wenn man selbst Dreck an den Fingern hat. Remington lachte leise, ein bitteres, schiefes Geräusch. Seitdem war er das Monster von Wintercrest. Also ließ Remy Puddingstürme regnen, um nicht zu schreien. Und manchmal, wenn er den Bürgermeister sah, dann fühlte Remington etwas, das so alt und schwarz war wie der See im Januar. Kein Teenager von fünfzehn sollte je gesehen haben, wozu ein Vater fähig ist. Und kein erwachsener Mann sollte für die Taten dieses Bastards weiter büßen müssen. Aber Wintercrest war wie Gulasch. Alles wurde umgerührt, und egal was drin war, am Ende kam es dampfend heiß wieder hoch.

    Remington hörte sich jetzt seinerseits die komplette Moralpredigt an wie jemand, der darauf wartete, dass ein besonders schlechter Zaubertrick endlich vorbei war. Er sagte nichts und er bewegte sich kaum. Aber sein Blick veränderte sich ganz langsam, etwa wie eine Tür, die sich im Wind nur einen Spalt weit öffnet, gerade genug, dass ein Schatten hindurchgleiten kann. Achja? Niemand hört ihm zu? Niemand interessiert sich für seine Sicht der Dinge. Das war der eine Satz, der ihm beinahe gereicht hätte, um lächeln zu müssen. Natürlich hörte niemand ihm zu. Niemand wollte in Remingtons Kopf blicken. Da war es zu laut und zu gut eingerichtet für Albträume. Aber er lachte nicht. Noch nicht. Er hob nur ruhig eine Braue, während der Sheriff sich durch sämtliche Diagnosen kämpfte, die es vermutlich im DSM-5 gab und sogar ein paar, die noch erfunden werden mussten, und dabei klang, als hätte er einen Psychologiekurs besucht, der von einem schlecht gelaunten Rodeoclown geleitet worden war. Persönlichkeitsstörung. Trauma. Wutprobleme. Therapie. „Wow..“, murmelte Remington leise, „wenn Sie so weitermachen, sind Sie bald qualifiziert, meinen scheiß Kater zu therapieren.“ Obszön langsam ließ er seinen Blick über die verschränkten Arme wandern. Ganz der Typ Mann, der glaubte, dass die Welt sich nur dann drehte, wenn er sie anstieß. Remington rollte eine Sekunde lang mit den Augen, so kätzchenhaft, dass man meinen könnte, er wäre hier der gelangweilte Beamte, nicht der Gefangene. Gott, was für ein lächerlicher Mann. Breite Brust, schmaler Verstand. Der einzige Grund, warum er Menschen wie ihn nicht hasste, war… oh doch, er hasste sie. Aber manchmal machten sie ihn auch ein bisschen… wuschig im Kopf. Und das war eine Katastrophe. Doch jetzt, jetzt kam der Moment, auf den er gewartet hatte. Der Sheriff hatte ihn gefilzt. Oh ja. Von oben bis unten. Von den Knöcheln bis unter die Achseln. Nur einen Ort hatte er nicht geprüft. Und genau dort lag Remys größter Schatz. Ein Handschellenschlüssel. Warm und sicher. Zwischen seinen Eiern. Dem einzigen Ort an seinem Körper, den kein Sheriff freiwillig inspizieren würde, außer es gäbe eine sehr andere Art von Anklage. Also wurde es Zeit, kreativ zu werden. Er rückte ein Stück an der Wand entlang. Eine millimeterfeine, unauffällige Bewegung, die aussah wie ungeduldiges Verlagern des Gewichts. Die Handschellen schnitten ihm in die Haut, aber das war egal, denn er drehte den Körper gerade so, dass er mit den gefesselten Händen … langsam … ungelenk … unbeholfen … tiefer rutschte. Ein kontrolliertes Desaster. Ein Tanz für zwei Handgelenke und eine sehr unvorteilhafte Position. „Ich gestehe nicht“, sagte er beiläufig, als würde er Smalltalk betreiben, während er versuchte, seinen eigenen Schritt zu erreichen. „Ich gestehe gar nichts. Ich gestehe nicht einmal, dass Ihre Jeans Ihnen steht.“ Als er endlich nah genug war, um die Fingerspitzen unter den Saum seiner Hose zu bekommen atmete er leise ein. Das sah bestimmt harmlos aus. Also absolut nicht. Er zerrte den Stoff millimeterweise herunter, das Geräusch so subtil wie ein sterbender Schneemann, und dann .. ah, da war er. Sein kleiner Freund. Sein rettender Engel. Und der Schlüssel. Er bekam ihn zwischen zwei Fingerkuppen zu fassen, unterdrückte ein Lachen, weil das hier so erbärmlich war, dass es schon wieder grandios war, und zog ihn an die Handschellen. Er konnte sie nicht komplett öffnen, das wäre zu auffällig. Aber er konnte sie lockern. Click. Ein süßes Geräusch. Ein verräterisch befreiendes Geräusch. Remington schob den Schlüssel wieder in seine Hose, diesmal in die Seite, wo keine Eier oder Scherben seiner Würde lagen, und richtete sich wieder auf, ganz langsam, geschmeidig wie ein Mann, der noch nie etwas Verdächtiges getan hatte.

    „Sie haben so viele Diagnosen für mich ausgesprochen, Sherrif“, murmelte er dann, „aber ‚flexibel‘ haben Sie vergessen.“ Das Lächeln, das er jetzt zeigte, war ein Ich-bin-gefährlich-und-Du-hast-keine-Ahnung-Lächeln. Der Sheriff verlangte ein Geständnis. Remington atmete durch. Und dann tat er das Einzige, das absolut sicherstellte, dass er nicht sagte, was er nicht sagen durfte. Er öffnete den Mund, atmete tief ein, und begann laut, schief und absichtlich nervtötend zu singen: „Last Christmas, I gave you my heaaaart!“ Und dann noch lauter und falscher: „but the very next day, you gave it awaaay!“ Er rollte die Augen, schob die Hände (fast frei!) an die Brust und schmetterte: „Thiiiis yeeaaar, to save me from teaaars..“ er zeigte auf den Sheriff mit einem Fingerpistölchen. „I‘ll give it to someone speciaaaal!“ Laut und penetrant sang er er weiter. Mit vibrierendem Stimmbruch, der einem Elch im Stimmwechsel Konkurrenz machte. Zwischen zwei Zeilen grinste er breit. „Ich gestehe gar nichts, Chief. Aber ich singe Ihnen gerne die nächsten drei Stunden vor. Ihre Wahl.“

  • Er bezweifelte stark, dass der Kater ein psychisches Problem hatte, aber was wusste er schon? Er war kein Tierarzt! Möglich war schließlich alles in dieser kranken Welt, sogar ein Kater mit Persönlichkeitsstörung. Wahrscheinlich hielt der sich sogar für einen Hund… So wie Remington sich augenscheinlich für einen Stripper hielt oder was sollte dieser Eiertanz sonst bedeuten? Im ersten Moment glaubte Zacharias, nicht richtig zu sehen. Da fragte man sich doch glatt, wer hier der lächerliche Kerl war. Er bestimmt nicht! Nicht, solange er neben dem offensichtlich Gestörten wie Gott in Frankreich aussah. Remington weigerte sich nach wie vor zu gestehen, während er sich an der Wand rieb wie ein rolliges Kätzchen. Scheiße, der Kerl hatte doch nicht mehr alle Fische im Eimer! Was sollte das nun wieder? Ein Paarungstanz unter Bekloppten? Überaus bemüht, seine professionelle Haltung zu wahren, behielt er sein Pokerface bei - obschon es im Mundwinkel gefährlich zuckte - und schnauzte den Entfesselungskünstler durch die Gitterstäbe an: "Fein! Dann werden Sie neben meinem Wagen auch noch ihren gestörten Kater auf dem Gewissen haben!" Falls der Knilch dachte, dass der Sheriff so leicht aufgab, dann hatte er falsch gedacht. Seinetwegen konnte der Bursche in der Zelle verrotten. Das würde ihm sogar viel Ermittlungsarbeit ersparen. Wenn der Verdächtige tot war, brauchte man ihm nichts mehr nachweisen. Und die Streiche würden ebenfalls sofort aufhören. Wenn das mal nicht nach der perfekten Lösung klang! Der Sheriff wollte sich gerade herumdrehen und sich an seinen Schreibtisch setzen, als der Eiertanz immer bizarrer wurde. Scheiße, machte der kleine Pisser ihn etwa an?? Was sollte dieses vulgäre sich-in-den-Schritt fassen? Sollte das eine Aufforderung sein? Eine Einladung? Machte er auf den Bengel etwa einen so verzweifelten Eindruck, dass er über ihn herfallen würde, wenn jener ihn dazu aufforderte? Zacharias war so perplex, dass er sich nicht anders zu helfen wusste, als den Burschen offen darauf anzusprechen: "Was soll das werden? Versuchen Sie mich zu verführen?" Ein harsches Lachen begleitete die Frage, als wärs ein Ding der Unmöglichkeit, ihn zu verführen. Erst recht wenn er im Dienst war. Tatsächlich ließ er sich von so mancherlei verführen, egal ob er im Dienst war oder nicht. Wie oft hatte er sich schon zu einem Fehltritt verleiten lassen, bloß weil ein verbotenes Früchtchen zum Anbeißen ausgehen hatte? Das aber, was Remington da von sich gab, war alles andere als zum Anbeißen. Es war zum Lachen. Oder zum Weinen. Er konnte sich nicht so recht entscheiden. Nicht, solange er nicht das Grande Finale gesehen hatte. Versuchte sich der Junge etwa die Hose auszuziehen? Himmel, das hier war wirklich nicht der richtige Ort dafür. Allein die Überwachungskameras trugen dafür Sorge, dass der Sheriff seine Finger bei sich behielt, egal wie viel nackte Haut der Bengel ihm noch zeigen wollte. "Sie sind ein miserabler Tänzer", kam es unbeeindruckt aus seiner Richtung, wenngleich seine Atmung eine Spur zu schnell ging. Ein verräterisches, kleines Mü zu schnell. Es folgte noch nicht einmal eine Aufklärung darüber, dass Remington als Mann keine Chance bei ihm hatte. Keine felsenfeste Behauptung, streng hetero zu sein. Kein Leugnen, kein Abblocken. Bloß ein 'Sie sind ein miserabler Tänzer'. Kein 'Selbst wenn Sie ein guter Tänzer wären, hätten Sie keine Chance bei mir'. Remington war also nicht chancenlos. Er hätte wahrscheinlich sogar eine Menge Chancen, wenn er seine Taten gestehen und Besserung geloben würde. Bis dahin blieb er in Zacharias Augen ein schlechter Tänzer. Einer, der so viel Rhythmus im Blut hatte wie ein Besen beim Frühjahrsputz. Nämlich gar keinen. Bei ihm geriet da gar nichts in Wallung. Höchstens sein Zwerchfell, das nicht mehr aufhören wollte zu lachen. Eines musste man dem Knaben aber lassen, er war ziemlich gelenkig, trotz Handschellen. Apropos Handschellen: Zacharias dachte nicht im Traum daran, dass der Spinner einen Schlüssel in seinem Schlüpfer aufbewahrte. Wieso sollte er das auch denken? Es war gänzlich unwahrscheinlich, dass Remington an solch einen Schlüssel rankam und dann auch noch an einen, der ausgerechnet zu diesen Handschellen passte. So viel Glück konnte kein Mensch haben. Ein Spinner schon zweimal nicht. "Sie sind sich wirklich für nichts zu schade, hm?", merkte er beiläufig an, wobei seine raue, basslastige Stimme auffällig brummte, als der Bursche die ersten Töne seines Gesangs anstimmte und es 'flexibel' nannte - oder bezog sich das etwa auf den Eiertanz? Wie auch immer, auf diese Showeinlage hätte er echt verzichten können. Sie hatte es ihm umso schwerer gemacht, Remington richtig einzuschätzen. Der Junge war doch nicht etwa so verzweifelt, dass er für seine Freiheit alles tun würde? Wirklich alles? Außer gestehen, das stand offenbar nicht zur Debatte. Sich bis auf die Knochen zu blamieren, fiel ihm offenbar leichter als um Gnade zu winseln. Schade aber auch. Dabei hörte Zacharias andere doch so gerne winseln. Immer wenn er dachte, er hätte schon alles gesehen, kam ein Idiot wie Remington daher und bewies ihm das Gegenteil. Was sollte er mit diesem Kerl bloß machen? Das, was dann aus Remingtons Mund kam, konnte bei aller Liebe nicht als Gesang bezeichnet werden. Es war viel mehr Gejammer. Katzengejammer. Und hochgradig peinlich noch dazu. Zacharias hatte lange nicht mehr das Bedürfnis, im Erdboden versinken zu wollen, aber genau das wünschte er sich gerade. Insbesondere als der Witzbold mit seiner lächerlichen Fingerpistole auf ihn zeigte. Der Sheriff sah drein als hätte man ihm gerade den schlechtesten Amateur-Porno der Welt gezeigt. Keine Regung war in seinem wettergegerbten Gesicht zu sehen. Er war wie erstarrt vor Entsetzen. Dennoch wollte er nicht zugeben, dass der Junge ihn wiederholt überrascht hatte mit etwas, das er ihm nicht zugetraut hätte. "Mh, mein Lieblingslied. Machen Sie ruhig weiter", griente er überlegen, als störe er sich kein Bisschen am schiefen Elch-Gesang. Von wegen Gesang. Allein dafür verdiente Remington lebenslänglich. Zacharias lachte, ein sonorer, kratziger Ton, kaum dass er sich als Sieger wähnte und kehrte nun endlich an seinen Platz am Tisch zurück, von wo aus er den Spinner im Auge behielt. Zur Not würde er die ganze Nacht bleiben und ihm zeigen, wer den dickeren Dickschädel hatte. An ihm konnte sich Remington die Zähne ausbeißen, wenn er meinte, den Sheriff mit irgendwelchen Mätzchen vergraulen zu können. "Hören Sie, Jungchen. Das ist ja ganz nett, was Sie da verzapfen, aber nicht zielführend. Was ich hören will, ist ein Geständnis. Und eine Entschuldigung für meinen verhunzten Wagen - das nehme ich Ihnen wirklich sehr übel. Ich kann Ihr Freund oder Ihr Feind sein - Sie haben die Wahl.", drehte er den Spieß kurzerhand um. Anschließend legte er feixend die Beine hoch, schlug seine Zeitung auf und steckte sich demonstrativ seine AirPods in die Ohren, die dank Geräuschunterdrückung für himmlische Ruhe sorgen würden. Für Remington gab es nur einen Weg nach draußen und das war ein Geständnis. Kein Tanz, kein Ständchen und kein Kater konnten ihm dabei behilflich sein. Über den Rand seiner Zeitung lugte der Sheriff in regelmäßigen Abständen zum Freak im Käfig für den Fall, dass der ihm etwas Wichtiges zu sagen hatte.

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  • Für einen winzigen Moment war es, als hätte jemand das Universum angehalten, die Sterne aus dem Himmel gerissen und sie ihm direkt ins Gesicht geschleudert. Ob er versuchte ihn zu verführen? War der Kerl noch ganz bei Trost? Remington blinzelte ganz langsam, dann gleich noch einmal, weil sein Gehirn die Information offenbar nicht beim ersten Versuch verarbeiten konnte. War. Das. Sein. Ernst. Er starrte den Sheriff an, als hätte der Mann gerade behauptet, er könne fliegen oder habe einen Doktortitel in Feinfühligkeit. Ein langsames, entsetztes, fast beleidigtes Entgleisen kroch über Remys Miene wie ein schlecht gelaunter Schneepflug. „Entschuldigung?“ Es kam so ehrlich gekränkt über seine Lippen, dass er selbst überrascht war. „Was… was… was?!“ Er rang nach Luft wie ein Opfer dramatischer Oper. „Ich habe mir nicht in den Schritt gefasst, um Ihnen Avancen zu machen! Ich habe mir in den Schritt gefasst, weil..“ Er stoppte. Scheiße. Natürlich konnte er nicht sagen: weil mein Handschellenschlüssel zwischen meinen Eiern liegt, Sie Hornochse. Stattdessen fuchtelte er mit den halb-gelockerten Händen, die dank seiner akrobatischen Meisterleistung nur noch halb so fest saßen. „…weil ich Juckreiz hatte.“ Er sagte es, als wäre es die erhabenste aller Wahrheiten. „Es war Juckreiz. Ein Kratzen. Ein medizinischer Notfall, wenn Sie so möchten.“ Er warf den Kopf zurück, beleidigt bis in die Mitochondrien seiner Zellen. „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Sie mein Typ sind!“ In einer ausladenden Handbewegung deutete er auf den Sheriff daselbst, wie er dort stand, groß und breit und unverschämt selbstverständlich. „Ich stehe nicht auf…“ Seine Hand wedelte gereizt in den Raum. „…brummende Kleinstadt-Bullen, die aussehen wie der erotisch entfremdete Bruder von Lucky Luke!“ Er war außer Kontrolle. Perfekt. Und dann sang er absichtlich noch eine Reihe schiefer Töne, nur um den Sheriff wissen zu lassen, dass er sich nicht einschüchtern ließ. Doch dann meinte der Kerl, dass es sein Lieblingslied sei. Remington erstarrte. Was? Was… was zum… wie zum…?! Der Sheriff schien ungerührt. Und das war schlimmer als jede Drohung, jede Beschimpfung, jede Predigt. „Ihr Lieblingslied?“ Remy starrte ihn an wie eine Katze, die man beim Klauen erwischt hatte. „Das erklärt einiges.“ Und dann tat der Sheriff genau das, was Remington wirklich nicht erwartet hatte. Lachen. Ein tiefes, sonores, viel zu attraktives Lachen. Ein Ton wie rostiger Whisky über Eis. Und plötzlich wusste Remy nicht mehr, ob er ihn anschreien, anspringen oder erschlagen wollte. Als er ihm zur Krönung die Wahl zwischen Freund oder Feind überließ, war Remington derjenige, der lachte. „Ich brauche keine Freunde. Und noch weniger brauche ich Feinde, die Flanell tragen.“ Er stand auf soweit die Fesseln es zuließen. Die lockere Struktur der Handschellen gab ihm ein Gefühl von Kontrolle zurück. Winzig, aber wirksam. Schlendern trat er an die Gitter heran und beugte sich vor. „Ein Geständnis bekommen Sie nur aus mir raus, wenn Sie mich filetieren und die Buchstaben aus meinen Rippen schnitzen.“, lächelte er sein schönstes, schmutzigstes, selbstmörderischstes Lächeln. „Und eine Entschuldigung… bekommen Sie frühestens dann, wenn Santa Claus mich höchstpersönlich in seinem Schlitten abholt.“ Er hob wieder die gefesselten Hände. Die, aus denen er in exakt fünf Sekunden herausrutschen könnte. „Das Einzige, was Sie aus mir kriegen, ist Folgendes…“ Er holte tief Luft und schmetterte, so laut, dass die Mauern vibrierten: „All I want for christmas ist yoooooouuuu!“ Es war schief. Es war grausam. Es war eine akustische Kriegserklärung. Und dann setzte Remington sich seelenruhig hin. Lächelte. Und begann ohne jeden Takt weiterzuträllern. Er sang gerade den dritten Ton einer Mariah-Carey-Folterhymne, als sein Körper plötzlich „entschied“, etwas ganz Neues auszuprobieren. Seine Stimme brach ab und plötzlich verzog sich sein Gesicht. Er schnappte nach Luft wie eine Forelle, die man zu weit an Land geschleudert hatte. Dann fiel er, aber keinesfalls elegant, sondern mit der Wucht eines fallenden Kartoffelsacks auf die Knie. „O-oh… oh Gott… aah.“, röchelte er gequält. Er war remyhaft gut darin, Schmerz zu fälschen, weil er ihn kannte. Die halb gelockerten Handschellen klirrten. Dann packte er dramatisch nach seiner Brust, ja, sogar mit beiden Händen, weil er’s konnte, weil die Fesseln locker genug saßen, und zog eine Grimasse, als würde er gleich umfallen. „Ich .. Ich krieg,,“ Ein heiseres Würgen. „…keine Luft…!“ Seitlich kippte er gegen die Wand, ließ den Kopf dagegen poltern, rollte die Augen so weit nach hinten, dass er sich fast selbst beeindruckte. „Hyperventilation…!“, keuchte er zwischen zwei angeblichen Atemnotschüben. „S-Sheriff…! Ich .. habe .. ich habe ein medizinisches…Ding…! In der Tasche! Oder.. oder im Schuh! Oder.. oder in meinem Herz!“ Er schlug einmal halbherzig mit dem Kopf an die Wand. Dann ließ er die Zunge ein Stück hervortreten. Nur ein bisschen. Gerade so viel, dass es vollständig geistesgestört aussah. „Ich… ich glaube… ich sterbe.“ Dann ließ er sich dramatisch auf den Boden fallen. Reglos. Tot. Oder zumindest so, wie Remington sich einen dramatischen Bühnentod vorstellte. Und dann.. ganz leise, ganz, ganz leise, kaum hörbar: „…Jingle bell… jingle bell… jingle bell rock…“ Er lag bewegungslos da und summte, nur sein Kopf schlug in regelmäßigen Abständen von links nach rechts und wieder zurück.

  • Na, jetzt war er aber gespannt. Er konnte es kaum erwarten zu erfahren, warum sich der Bengel in den Schritt gefasst hatte. Remington tat ja gerade so, als wäre es das Normalste auf der Welt, sich im Beisein eines Anderen an die Eier zu grabschen. War er etwa die Wiedergeburt von Michael Jackson? Oder hatte er einfach nur Sackläuse? Juckte es im Schritt? Der äußerst heftigen Reaktion des Burschen nach zu schließen war alles andere wahrscheinlicher als ein mutwilliger Verführungsversuch. Ja, klar, warum sollte der Knilch ihn auch verführen wollen? Vielleicht, um aus der Zelle rauszukommen? Zacharias hatte schon die verrücktesten Dinge erlebt. Menschen konnten sehr kreativ werden, wenn es darum ging, der Gefangenschaft zu entgehen. Remington war definitiv einer der kreativsten Spinner, die er je gesehen hatte. "Ahja. Sie haben sich wohl bei ner läufigen Hündin angesteckt, was?", scherzte er grobschlächtig über den angeblichen Juckreiz des umtriebigen Straßenköters in Menschengestalt. Das hatte man davon, wenn man sein 'Würstchen' überall reinsteckte. Auch Zacharias konnte ein Lied davon singen, aber dieses Vergnügen ersparte er ihnen gerade. Er war ein noch schlechterer Sänger als Remington. Die nächste Watsche folgte zugleich. Kleinstadt-Bulle. Autsch. Erotisch entfremdeter Bruder von Lucky Luke. Noch mehr autsch. Remington hatte aber auch die fiesesten Beleidigungen in petto. Der 'Kleinstadt-Bulle' fing gleich an zu weinen, so sehr hatte der Knilch ihn gekränkt. Nein, nicht wirklich. Zacharias hatte schon schlimmeres gehört. Man hatte ihn schon so ziemlich alles geschimpft, was man einen Menschen schimpfen konnte. Beleidigungen verletzten ihn schon lange nicht mehr. Eines musste er dem Knilch aber lassen; er war verdammt kreativ. Und unterhaltsam. Wenn er seine kriminellen Energien anderweitig nutzen würde, könnte er wahrlich Großes vollbringen wie etwa Krebs heilen oder Kriege beenden. Er brauchte bloß ein gutes Vorbild. Jemanden, der ihn an der Hand nahm und auf den rechten Weg führte. Falls es dafür nicht schon zu spät war. Wie alt mochte Remington wohl sein? Von seinem Verhalten her nicht älter als 13. Vom Aussehen her könnte er irgendetwas zwischen 25 und 30 sein. Der Sheriff kratzte sich am Kopf als wäre er mit seinem Latein am Ende. Dieser Bursche raubte ihm noch den letzten Nerv. Er könnte ihn ordentlich in die Mangel nehmen so wie er es bei den richtig fiesen Typen tat, aber irgendetwas hielt ihn davon ab, Remingtons Kopf in die Kloschüssel zu drücken und die Spülung zu betätigen bis er keine Luft mehr bekam. Vermutlich lag es an seiner kindlichen Aura, die Zacharias davon abhielt, mit ihm umzuspringen wie mit einem der üblichen Gangstern, denen er ein Geständnis entlocken wollte. Ein bellendes Lachen überkam ihn, weil er abermals anderer Meinung war als der keifende Bursche. Jener brauchte nämlich unbedingt Freunde, wenn er nicht wollte, dass ihn alsbald ein wütender Mob mit Mistgabeln und Schaufeln aus der Stadt jagte. Denn so wie Zach die Lage einschätzte, dauerte es nicht mehr lange bis der Bürgermeister ganz Wintercrest gegen Remington aufgestachelt hatte. Während Remington wie eine Katze fauchte und miaute, griente Zacharias wie ein Wolf. Er griente so breit, dass seine Zähne im schwachen Lampenlicht aufblitzten. Es wäre wahrlich ein Leichtes für ihn, dem Spottenden das Genick zu brechen. Seine Finger zuckten bereits vorfreudig. Leider war er nicht hier, um zu morden, sondern um zu missionieren. Doch so wie er den Bürgermeister einschätzte, würde es nicht mehr lange dauern, bis er Remington zum Abschuss freigab. Derart zwielichtige Auftraggeber waren ihm die liebsten, aber so nervig Remington auch war, den Tod hatte er wirklich nicht verdient. Nicht, solange er niemandem das Leben geraubt hatte. Gleiches mit Gleichem zu vergelten war zwar Zacharias liebstes Strafmaß, aber selbst er verspürte gewisse Hemmungen bei dem Gedanken, einer solch gepeinigten Seele mit der scheinbaren Unschuld eines Kindes ein Ende zu bereiten. Zacharias war kein Scheusal, selbst wenn er sich wie einer benahm. Er war nun lange genug im Business, um zu ahnen, dass sich hinter dem affektierten Getue mehr verbarg. Er würde sogar so weit gehen und behaupten, dass Remington von all dem, was er sagte, das genaue Gegenteil meinte. Wenn er sagte, dass er keinen Freund brauchte, dann brauchte er sehr wohl einen Freund. Wenn er sagte, dass er nicht auf Kleinstadt-Bullen stand, dann stand er sehr wohl auf Kleinstadt-Bullen. Wenn er sagte, er sei unschuldig, dann war er definitiv nicht unschuldig - zumindest nicht, was die Verbrechen in Wintercrest betraf. In gewisser Weise war er wie eine Frau. Wenn die 'nein' sagte, meinte sie für gewöhnlich 'ja'. Das wusste doch jedes Kind. Umgekehrte Psychologie nannte man das. Und die beherrschte Remington perfekt, fand zumindest Zacharias. Solche Spielchen konnte er allerdings auch spielen, weshalb er in tödlicher Gelassenheit sein Messer aus der Halterung am Gürtel zog und es in seiner Hand wog wie ein Filetiermesser. Remington wollte filetiert werden? Kein Problem! Er sollte aufpassen, was er sich in Zachs Anwesenheit wünschte. Doch es ging noch weiter - Filetiert werden war nicht Remingtons einziger Wunsch, oh nein - er wünschte sich auch noch ihn zu Weihnachten. Na, sowas aber auch, wo es doch erst kürzlich hieß, er stehe nicht auf Kleinstadt-Bullen. Der Jung flehte förmlich darum, dass ihm jemand die Kehle aufschlitzte, so wie der sich die Seele aus dem Leib 'sang'. Zacharias hatte zwischenzeitlich einen AirPod aus seinem Ohr gepult, um in den Genuss der schiefen Töne zu kommen, die ein auffallendes Faible für Weihnachtslieder zu haben schienen. Dafür, dass Remington Weihnachten hasste, kannte er sich sehr gut mit der weihnachtlichen Hitparade aus. Das alles glich einem verzweifelten Schrei nach Liebe. Offensichtlicher ging es ja gar nicht mehr. Und dann veränderte der Bursche plötzlich seine Strategie. Statt ihm ein Weihnachtslied nach dem Anderen um die Ohren zu schmettern, führte er nun den sterbenden Schwan auf. Der Junge sah eindeutig zu viel fern. Aber was sollte er auch sonst machen, so ganz allein hoch oben im Observatorium? Wer dort lebte konnte bloß verrückt werden.

    Zacharias verdrehte die Augen, als er sich genötigt sah, zum wiederholten Mal aufzustehen und an die Zelle heran zu treten, damit man ihm im Zweifelsfall keine 'Unterlassene Hilfeleistung' vorwerfen konnte. Das konnte er nicht auch noch gebrauchen. Verdammte Kameras! So wie Remington theatralisch nach Luft rang, könnte man meinen, er hätte sich an seiner eigenen schief-singenden Stimme verschluckt. Geschah ihm recht! Karma is a bitch, nicht wahr? Mit in die Hüften gestemmten Händen stand er vor der Zellentür und sah sich das Theater mit unbeeindruckter Miene an. Er wusste, dass Remington ihm etwas vormachte, nur leider wussten das die Kameras nicht. Die zeigten bloß unverfälscht, was im Department abging, und sendeten die Bilder live an die Zentrale. Drum hatte er keine andere Wahl als die Zelle aufzuschließen und einzutreten. Und hinter sich wieder abzuschließen. "Tun Sie uns allen den Gefallen und kratzen Sie endlich ab. Aber leise, wenn möglich." Natürlich ging es nicht leise vonstatten. Remington plapperte weiter vor sich hin trotz simulierter Atemnot. Solange der Junge noch singen konnte, konnte es nicht allzu schlimm sein. "Für wie blöd halten Sie mich eigentlich?", knurrte er verärgert, weil er ihm helfen musste, ob er wollte oder nicht. Unsanft packte er ihn am Kragen und hievte ihn vom Boden auf die Beine, tätschelte ihm abwechselnd die Wangen mit einer Hand wie um ihm Leben einzuhauchen. Oder gesunden Menschenverstand. Was tat man nicht alles für eine gute Show, damit die Zentrale einem kein Fehlverhalten vorwarf. "Ich sagte doch bereits, dass Sie hier nicht eher rauskommen, bis Sie gestanden haben. Sparen Sie sich also die Spielchen", maßregelte er ihn knurrig und mit wenig Feingefühl. Dabei bemerkte der 'Feind in Flanell' die gelockerten Handschellen, woraufhin er eins und eins zusammenzählte - er war schließlich nicht auf den Kopf gefallen: "Sie haben doch nicht etwa einen Schlüssel zwischen ihren kleinen Eiern versteckt?" Grundgütiger, dieser Bursche war noch durchgeknallter als er dachte! "Los, her damit oder ich sehe mich leider gezwungen, Ihnen den Schlüssel zu entwenden", gab er ihm die Chance, den Schlüssel freiwillig rauszurücken. Andernfalls würde er so lange in Remingtons Hose rumwühlen, bis er den kleinen Handschellen-Öffner gefunden hatte.

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  • Ach, der Kleinstadt-Bulle hatte ja keine Ahnung, auf wen und was Remington alles so stand. Verschwörerisch huschte sein Augendual über die Silhouette des Sheriffs und stoppte an jener Stelle, an der in diesem Moment ein Messer hervorgezogen wurde. Letzteres war jedoch nicht wirklich das, worauf Remington stand. Nein, Messerspielchen kamen ihm ganz und gar nicht in die Kiste. Gürtelspielchen hingegeben waren eine andere Sache. Das selbstmörderische Grinsen auf seinen Lippen wurde noch eine Spur breiter, bevor er sich entschied, lieber den sterbenden Schwan zu spielen.
    Ebenjener sterbende Schwan lag nun nur noch aus dem letzten Loch pfeifend auf dem Boden, sein Blick schoss dabei immer mal wieder in Richtung der Kamera. Nun, es war dem Sheriff zuzutrauen, dass er ihn tatsächlich verrecken lassen würde und irgendwie bezweifelte er auch nicht, dass der Typ in der Lage war, die Aufnahmen der Überwachungskamera zu unterschlagen, wenn er nicht wollte, dass man ihn wegen unterlassener Hilfeleistung dranbekam. Remington seufzte. Allmählich dämmerte ihm die Ausweglosigkeit seiner beschissenen Situation, nichtsdestotrotz hatte er vor rund 15 Jahren beschlossen, nie wieder kampflos aufzugeben. Wenn es schon nichts anderes gab, an das er sich klammern konnte, dann daran!

    Für einen dieser absurd winzigen Augenblicke die mit einem Fingerschnips die Realität zerstören, hörte Remington tatsächlich auf zu spielen. Das hatte er eigentlich nicht vor, aber er erkannte, dass der groß gebaute Mann tatsächlich - wenn auch sichtlich genervt - beschlossen hat, die Zelle zu betreten. Und das brachte Remys inneres System in exakt drei unterschiedliche Fehlermeldungen. Körperkontakt. Gefesselt. Autoritätsperson - theoretisch. Es war eine Kombination, die ihn zwar nicht ganz erstarren ließ, aber einen Schatten über seine Pupillen kroch. Etwas wie: Oh. Scheiße. Nur für ihn selbst hörbar und unter anderen Umständen sicher deutlich angenehmer. Der Griff am Kragen kam derart unvermittelt, dass ein erschrockener Laut seiner Kehle entwich. Die Hände an seinen Wangen waren viel zu nah und löschten den theatralischen „Ich sterbe!“-Tanz in einem Herzschlag aus. Trotzdem schnappte Remington schärfer nach Luft. Und dann zwang er sich brutal in eine Haltung, die aussah, als hätte er alles unter Kontrolle. „Fass mich nicht einfach an…“, fauchte er atemlos tief aus seiner Brust, etwas, das klang, als müsste er sich selbst daran erinnern, nicht zu zu beißen. Aber dann fiel sein Blick auf Zacharias’ Augen, die plötzlich nicht nur genervt, sondern… aufmerksam waren. Dann auf die Hand, die ihm die Wange tätschelte. Dann wieder in dessen Augen. Und Remy fand zurück in sein Element. Ein langsames schmutziges Grinsen zog sich über sein Gesicht. Viel zu gelassen für jemanden, dessen Herz gerade noch wie ein ausrastender Kolibri schlug. „Für wie blöd ich Sie halte? Hm… schwer zu sagen.“ Er ließ den Kopf leicht zur Seite kippen, die Haare über die Stirn fallend. Und dann kam die Frage nach seinem Eier-Versteck. Remington erstarrte. Nur eine Sekunde, aber das reichte, dass sich die Luft um ihn herum veränderte. Dann entglitt ihm ein Laut. Ein ersticktes… Kichern, eines dieser leisen, bösen, wissenden Kicherer, die das Rückgrat anderer Männer weich machten. „Ein Schlüssel… zwischen meinen Eiern?“ Seine Stimme sank, samtig und gefährlich. „Chief… bitte.“ Er trat einen halben Schritt zurück, die Hände fast frei vor der Brust. „Wenn ich einen Schlüssel bei mir hätte… glauben Sie im Ernst, ich würde Ihnen den zeigen?“ Dann wurde sein Blick schmal und dunkel. Etwas veränderte sich. Ein satter Schatten fiel über seine Miene, die auf einmal sehr klar wurde. Er sprach langsam, als er seine Stimme wieder hob. „Sie stecken Ihre Hand… nicht in meine Hose. Und Sie fassen… meine Eier… nicht an.“, stellte er unmissverständlich klar. Seine Stimme war nur ein Hauch von Flüstern, aber jedes Wort hätte auch eine Waffe sein können. „Wenn Sie das versuchen…“, lächelte er, „… dann sehen Sie mich das letzte Mal so friedlich.“ Er hob das Kinn trotzig. „Ich werde nicht gestehen. Niemals.“ Dann, nach einer winzigen Pause, wurde seine Stimme wieder heller und spöttisch wie eh und je. „Und wenn Sie sich entscheiden, in meinen Schritt zu greifen, Chief, dann..“ Er schnippte theatralisch mit den halbgelockerten Fesseln. „.. gibt’s ne Anzeige wegen Nötigung. Fragen Sie mal den Bürgermeister, der kennt sich damit aus. Der hat Sie nur auf mich gehetzt, weil er sich selbst nicht mehr nähern darf.“

  • Wie im Schnelldurchlauf schien der Bengel einen Wandel zu durchlaufen, der vornehmlich in dessen wirr dreinblickenden Augen zu erahnen war. Als würde sich seine Persönlichkeit von jetzt auf gleich wechseln. Als wäre da neben dem kindlich verspielten Riesenbaby noch etwas anderes in ihm. Etwas weitaus boshafteres. Etwas, das nicht nur eine Pudding-Apokalypse auslösen wollte, sondern weitaus Schlimmeres vollbringen konnte. Eben diese andere Seite des Burschen wehrte sich bissig gegen die handfeste 'Hilfeleistung'. Was hatte er denn anderes erwartet, wenn nicht ein Durchgreifen dieser Art? So sah Erste Hilfe nun mal aus bei drohendem Erstickungstod. Man betätschelte die Wangen so lange, bis dem anderen keine andere Wahl blieb als nach Luft zu schnappen. Wenn das nicht half, kam die gute alte Mund-zu-Mund-Beatmung zum Einsatz. Beide konnten froh sein, dass es nicht so weit kommen musste. Knurrig ließ Zacharias das Angeschnauzt-werden über sich ergehen, obwohl er eine solche Respektlosigkeit nicht verdient hatte. Nächstes Mal lässt er den Bengel einfach elendig verrecken, Kamera hin oder her. Wenigstens zeichneten die Dinger den Ton nicht auf, sodass er Remington so viel beschimpfen konnte, wie er wollte, falls nötig. Und Remington wiederum konnte so viel kichern wie er wollte ohne dass ihn jemand in der Zentrale für völlig bekloppt hielt. Schade eigentlich. Einen besseren Beweis für Remingtons Geistesgestörtheit konnte Zacharias vermutlich nicht kriegen. Oh, wie sehr es ihn reizte, diesen Knilch windelweich zu prügeln. Ihm die Wangen nicht nur zu tätscheln, sondern blutig zu schlagen. Und zwar so lange, bis ihm das Kichern und Spotten verging. Irgendetwas tief in ihm sagte ihm jedoch, dass selbst das nichts nützen würde. Vermutlich stand der Bursche sogar darauf, vermöbelt zu werden. Wahrscheinlich provozierte er ihn deswegen so sehr. Weil er ein masochistisches, kleines Arschloch war, das sich am Leid ergötzte. Egal wen es dabei traf, ob ihn selbst oder andere. Zacharias raubtierhafter Blick ließ den Kerl nicht aus den Augen, während der sich einen halben Schritt von ihm entfernte und dabei das ahnungslose Opfer spielte, das den Sheriff für dumm verkaufte. "Aye, das glaube ich", ließ der sich allerdings nicht für dumm verkaufen, indem er weiterhin darauf beharrte, dass man ihm den versteckten Schlüssel aushändigte. Wie sonst hätte Remington die Handschellen lockern können, wenn nicht ohne Schlüssel? Konnte er etwa zaubern? Ganz sicher nicht! Sie waren hier immerhin nicht bei 'Harry Potter'! Abermals veränderte sich der Blick in Remingtons Augen als auch der Ton seiner Stimme als hätte jemand einen Schalter umgelegt und somit etwas in ihm getriggert. Zacharias war das Schauspiel und die Ausflüchte leid. Das einzige, was ihn davon abhielt, tatsächlich nach Remingtons Eiern zu greifen, waren die Kameras, nicht dessen leeren Drohungen. Sollte er ihn doch so viel anzeigen wie er wollte, solange er unter dringendem Tatverdacht stand, würde sich niemand für seine vermeintlichen Rechte einsetzen. Dafür würde Zacharias sorgen. "Jetzt hör mir mal gut zu, Bürschchen", grollte seine scheppernde Reibeisenstimme, deren letzte Ölung lange her war. Viel zu lange. Indes ging er einen Schritt auf ihn zu, baute sich bedrohlich vor ihm auf, drängte ihn gen Wand und starrte ihn mit seinem stählernen Blick zu Grund und Boden. "Du rückst jetzt den Schlüssel raus oder ich lege dir nicht nur Handschellen an!" Es wird ihm wahrlich ein Vergnügen sein, den Kerl zuzuschnüren wie ein hübsches Paket. "Wenn ich will, kann ich dir nicht nur an die Eier gehen - ich kann dir den Arsch aufreißen mit der Begründung, dass du unter Verdacht stehst, harte Drogen in deinem Rektum zu schmuggeln. Keiner wird das hinterfragen oder anzweifeln, dafür hast du mit deinen durchgeknallten Aktionen gesorgt. Wer auf so ne verrückte Idee kommt, Pudding mit Schneekanonen zu verschießen, der kann nur unter Drogen stehen.", spie er ihm entgegen mit der Überlegenheit einer Autoritätsperson, die nur allzugern ihre Macht missbrauchte. Auf das Siezen verzichtete er dabei, da ihm nicht mehr danach war, den Möchtegern-Clown mit mehr Respekt zu behandeln als nötig. "Warum sollte sich der Bürgermeister dir nicht mehr nähern dürfen, hm?", schwang nun doch so etwas wie Neugier in seiner whiskygetränkten Stimme mit. Nicht, dass er ihm auch nur ein Wort glauben wollte, aber es konnte durchaus interessant sein zu hören, mit welcher Wahnvorstellung der Bursche als nächstes um die Ecke kam.

    a gentleman is simply a patient wolf

  • Es war immer der Bürgermeister gewesen. Immer. Seit jenem Sommer, in dem Remington zum ersten Mal begriffen hat, dass Monster nicht unter Betten lauerten, sondern an Küchentischen saßen. Remy presste die Zunge an den Gaumen, ein alter Reflex gegen das Aufsteigen von Erinnerungen, die so schwarz waren, dass sie nicht mal Schatten warfen. Als wäre sein Kopf ein Haus mit verschlossenen Türen und der Bürgermeister hinter jeder einzelnen. Ein Gespenst mit Pressholzlächeln und einer Stimme, die immer so klang, als würde sie von innen heraus verrotten. Er war das eigentliche Problem hier. Nicht Remy. Nicht seine Puddingstürme, nicht seine Streiche, nicht seine grinchige Exzentrik. Das Dorf zeigte auf ihn, weil es das Einfachste war. Der Dorftrottel, der Freak, der Saboteur, das war eine nette Schublade. Praktisch und sauber beschriftet. Weil niemand den Mut hatte, in die andere Schublade zu schauen. Die, in der das wahre Gift lag. Der Bürgermeister hatte seinen Sohn missbraucht. Das war kein Geheimnis, eigentlich. Es war einfach nur ein Geheimnis, das alle kollektiv verdrängten, wie einen morschen Adventskranz, der seit drei Jahren unberührt im Keller lag. Wintercrest wusste es. Gott, natürlich wussten sie es. Sie hatten es in der Art gesehen, wie der Junge ging, wie er schwieg, wie er lächelte - dieses dünne, viel zu erwachsene Lächeln, das Remington schon mit dreizehn das Blut gefrieren ließ. Er hatte es auch gesehen. Und er war nicht viel älter gewesen. Ein Alter, in dem man sich sicher sein sollte, dass die Welt einen noch lieb hat, bevor sie einem das Messer zeigt.

    Natürlich hatte das Dorf dem Bürgermeister geglaubt. Weil es bequem war. Seitdem war Remington der Freak. Die wandelnde Bürde, die Wintercrest auf ebendiese Art brauchte; als Blitzableiter für alles Hässliche, das sie selbst nicht ertrug. Und der Bürgermeister? Der stand jedes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt und zündete die Lichterkette an wie ein Heiliger, während seine Hände längst hätten verbrannt sein müssen. Remington hatte ihn angezeigt, eine einstweilige Verfügung erwirkt. Aber nur, weil er den Mann so hart provoziert hatte, bis der endlich zuschlug und die Beweise unübersehbar waren. Eine Ohrfeige war keine Gerechtigkeit. Aber es war ein Anfang. Doch das reichte nicht. Also hatte Remington beschlossen, Wintercrest selbst zu ruinieren, wenn es nötig war. Wenn ein Dorf einem Monster die Tür aufhält, muss man eben das ganze Haus abfackeln, um es rauszubekommen. Er war der Einzige, der das Ungeheuer noch sah. Und er war der Einzige, der nicht wegsah. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als einen Krieg zu führen, den niemand sonst kämpfen wollte. Einen Krieg, den er schon als Kind verloren hatte. Einen, den er als Erwachsener unbedingt gewinnen musste. Weil der Bürgermeister sonst mit allem davonkäme. Und Remy ließ niemanden damit davonkommen.

    Remington beobachtete, wie sich Zacharias vor ihm aufbaute, wie ein Mann, der gewohnt war, dass Menschen nachgaben, wenn er nur laut genug brüllte. Dann, ganz langsam, ließ er die Maske sinken. Gerade genug, dass der Sheriff einen Schatten dessen sah, was hinter Remys Grinsen lag. „Sie sind neu hier.“, sagte er schließlich ruhig und neigte seinen Kopf, während er blinzelte. Seine Mimik verhärtete sich noch ein Stückchen mehr, während der letzte Funken Theater aus seinem Gesicht verschwunden war. „Sie kennen die Stadt nicht.“, lächelte er sardonisch. „Ihre Fassade vielleicht. Ihre Lichter. Ihre hübsch polierten Schneeflocken. Aber nicht das, was dahinter liegt.“ Er beugte sich vor, plötzlich war da keine freche Grinchenergie, kein operettenhaftes Drama. „Der Bürgermeister ist kein guter Mann.“ Eine einfache Aussage. Remington schnaubte leise. „Ich weiß, was Sie denken. ‘Der Freak erzählt Geschichten.’ ‘Der Unruhegeist sucht Ausreden.’“ Er hob die halbgelockerten Fesseln, ließ sie klirren wie Beweisstücke. „Nur dass ich die Wahrheit sage. Und niemand im Dorf das Maul aufbekommt.“ Er ging seitlich an die Wand, lehnte sich mit einer Lässigkeit dagegen, die nur ein Mann haben konnte, der schon oft genug mit dem Rücken an einer Wand gestanden hatte. „Der Bürgermeister ist ein pädophiler Bastard.“ Remy lächelte dünn. „Oh, jetzt hören Sie zu, hm? Er hat seinen eigenen Jungen missbraucht. Jahrelang. Das weiß hier jeder“, fuhr Remington fort, „aber niemand sagt es. Weil Wintercrest sich lieber Selbstbetrug in die Adern spritzt als Wahrheit. Der Sohn ist gestorben. Offiziell ungeklärt. Inoffiziell gibt der Wichser mir die Schuld. Andere..“ Der straßenköterblonde Kerl wandte seinen Blick ab und ließ ihn aus der Zelle heraus in das Departement wandern. „…andere haben das auch abbekommen. Ich war sein Freund. Und der Bürgermeister wusste, dass ich zu viel wusste. Seitdem bin ich der Stadtschurke. Der Freak. Der Störenfried. Aber ich bin nicht der Böse, Crafford. Ich bin nur der Einzige, der das nicht vergessen hat. Wenn Sie also jemandem Handschellen anlegen wollen… dann fangen Sie bei dem Bastard an, der sie verdient.“ Dann, einen Herzschlag später setzte Remy das falsche Lächeln wieder auf. „Aber hey, ich bin ja nur der Verrückte mit den Puddingkanonen.“ Er zuckte mit seinen Schultern. „Was weiß ich schon?“