⚜ The Serpent's Secret ⚜

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    Zitat

    Ich krieg' von dir niemals genug. Du bist in jedem Atemzug. Alles dreht sich nur um dich. Warum ausgerechnet ich?

    Es beginnt mit einer Reise in die Vergangenheit: Wir befinden uns Anfang der 70er Jahre, als Severus Snape und Lucius Malfoy noch junge Burschen waren, die die üblichen Teenie-Probleme haben und sich nebenbei mit dem Schulstoff rumschlagen müssen als wäre das das Normalste auf der Welt. Wäre es auch, wenn es sich hierbei nicht um die Zaubererschule Hogwarts handeln würde. Ja, liebe Leserschaft, richtig gehört gelesen, noch eine Fanfiction im HP-Universum. Sorry not sorry (◍•ᴗ•◍)❤

    Es ist angedacht, nach der Retrospektive einen Sprung ins Erwachsenen-Alter der Herren zu machen, um die bekannte Geschichte gänzlich auf den Kopf zu stellen. Man darf gespannt sein, welche Dramen sich ergeben. Wir sind auf Herzschmerz, toxische Beziehungen, verletzte Egos, moralische Verfehlungen, diverse Tabu-Themen (Machtmissbrauch, Diskriminierung, Mobbing) und (Homo-)Erotik aus. Wer das nicht ab kann, sollte spätestens jetzt das Fensterchen schließen und sich andere Lektüre zu Gemüte führen.

    Obschon hier Canon-Charas gespielt werden, nehmen wir uns die künsterlische Freiheit, sie nach unserem eigenen Gutdünken zu gestalten und zu entwickeln. Es wird sich zwar grob am Original orientiert, aber es ist kein Muss, sich an Lore und Charakteristika zu 100% zu halten. Wir machen unser eigenes Ding daraus.

    Zitat

    Hab' mich geschunden, gewunden.
    Lass' mich gehen. Warum musst du mich mit meiner Sehnsucht quälen?

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    Zitat

    Deine Hölle brennt in mir. Du bist mein Überlebenselixier. Muss ich denn sterben, um zu leben?

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    Zitat

    Ich bin zerrissen. Wann kommst du meine Wunden küssen? Du bist schon da, ganz nah. Ich kann dich spüren…

    Quasilotte


    ♕ Lucius Abraxas Malfoy
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    • 8. September 1960, Reinblut
    • Malfoy Manor, Grafschaft Wiltshire, England
    • Sohn von Abraxas Malfoy, Ehemann von Narzissa Black und Vater von Draco Malfoy
    • Haus Slytherin (1971–1978)
    • Vertrauensschüler und Mitglied im Slug-Club
    • Zauberstab: 18 Zoll, Ulmenholz, Drachenherzfaser (integriert in einen Gehstock, ein Familien-Erbstück)
    • Patronus: nicht vorhanden
    • Gesinnung: Todesser


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    Lucius Malfoy wurde mit einem goldenen Löffel im Mund geboren. Finanzielle Sorgen kannte er nicht. Er wuchs in Hülle und Fülle auf, entsprechend groß war sein Hochmut. Die Arroganz troff ihm regelrecht aus jeder Pore, während er über den Schulhof stolzierte und jeden spüren ließ, dass er sich für etwas Besseres hielt. Immerhin war er ein Malfoy! Der Spross einer hochwohlgeborenen Adelsfamilie, die seit Generationen reinblütig war. Eine Rarität! Selbstverständlich stieg ihm diese Überheblichkeit zu Kopf. Stets sah er von oben auf seine Mitschüler herab, wusste seinen Ruf und seine Macht bestens einzusetzen, um andere einzuschüchtern, zu unterdrücken oder auszunutzen. Leider waren seine schulischen Leistungen nicht immer die Besten. Obschon er seine Schwächen zu kaschieren wusste, half ihm diese Kunst bei den Abschlussprüfungen nicht weiter. Insbesondere Zaubertränke bereitete ihm große Probleme, weshalb er sich seinen Klassenkameraden Severus Snape dienlich machte. Ein Gefallen für einen Gefallen, lautete das Abkommen. Snape würde sich fortan in Lucius Herrlichkeit sonnen dürfen und Lucius wiederum durfte von Snapes Fachwissen profitieren.

    Im fünften Jahrgang wurde Lucius zum Vertrauensschüler ernannt, was seinem ohnehin schon großen Ego einen zusätzlichen Push gab. Hinzu kam die Mitgliedschaft im elitären Slug-Club, die er ganz klar Snape zu verdanken hatte. Ohne ihn wäre er nicht halb so gut in Zaubertränke und hätte demnach nicht die Aufmerksamkeit von Professor Slughorn auf sich gezogen.

    Da die Familie Malfoy von altertümlichen Traditionen und Werten geprägt war, zogen ihn seine Eltern sehr konservativ auf. Er sollte der Vorzeigesohn der Familie werden, mit Bestnoten in der Schule und einer strahlenden Zukunft. Dazu gehörte eine standesgemäße Ehefrau und mindestens ein männlicher Erbe. Es war von Anfang an sein Schicksal, die Blutlinie zu erhalten und fortzusetzen. Alles andere kam nicht in Frage, schon gar nicht eine gleichgeschlechtliche Beziehung. Dass er anders gepolt war, merkte er recht früh, unterdrückte diese Neigung aber vehement, da er seine Eltern nicht enttäuschen wollte. Nicht auszudenken, wenn sie ihn enterbten! Wie sollte er ohne den ganzen Luxus überleben?

    Nach seiner Schulzeit schloss er sich dem dunklen Lord an, weil er in ihm einen starken Verbündeten sah, der als einziger dazu imstande war, die hohen Ideale der Reinblüter in einer viel zu toleranten Welt zu etablieren. Für Lucius als auch seine gesamte Familie stand die Reinhaltung der Zaubererrasse an oberster Stelle.

    Seine Geltungssucht brachte ihm Jahre später einen Posten im Schulbeirat sowie im Zaubereiministerium ein. Jene Posten erschlich er sich unter anderem durch horrende Spendengelder sowie geschickt eingefädelte Intrigen.

    Als leidenschaftlicher Sammler von verbotenen Artefakten kam er in den Besitz einiger sehr seltene Schätze, darunter persönliche Gegenstände von Voldemort, die nach dessen ersten Sturz an unschätzbarem Wert erlangten.


    Severus Snape
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    • Severus Tobias Snape ∿ Halbblutprinz
    • 9. Januar 1960
    • Spinner’s End, Cokeworth, England
    • Halbblut (Mutter Hexe, Vater Muggel)
    • Tobias Snape (Muggel), Eileen Prince (Hexe)
    • Slytherin (1971–1978)
    • Zauberstab: 13 ½ Zoll, Ebenholz, Drachenherzfaser
    • Patronus: Hirschkuh

    Severus Snape war von Anfang an ein Kind der Schatten. Aufgewachsen in Spinner’s End, zwischen grauen Fabrikschloten, sowie Armut und der Gewalt seines Muggelvaters, lernte er früh, dass Liebe ein Luxus war, der Anderen zustand. Seine Mutter, eine Hexe aus besserem Hause, hatte längst resigniert. Sein Vater, ein Muggel voller Bitterkeit, prügelte und schrie, bis aus dem Jungen ein Wesen wurde, das sich tief ins Innere zurückzog und lernte, Gefühle zu verbergen, weil sie nur Angriffsfläche boten. Dieses Dazwischen, weder Teil der Muggelwelt, noch je vollständig akzeptiert unter den Reinblütern, formte seine traurige Selbstverständlichkeit. Ein ewiger Außenseiterohne Heimat. In Hogwarts, wo er zum ersten Mal unter seinesgleichen leben sollte, fand er keine Erleichterung.


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    Er kam in das Schloss mit einer Mischung aus Hoffnung und Misstrauen. Hoffnung, endlich einen Platz zu finden, an dem er nicht länger der verachtete Sohn eines prügelnden Muggels sein würde und Misstrauen, weil er zu gut wusste, dass Schwäche überall denselben Gestank hatte, den Andere sofort wahrnahmen. Er wurde Slytherin, doch auch dort war er nie wirklich einer der Glänzenden. Wo seine Mitschüler mit Geld, Namen und Eleganz Eindruck machten, trug Severus schäbige Kleidung und ein Gesicht, das zu oft Spott hervorrief. Sein Trost war sein Verstand. Schon in den ersten Jahren zeigte sich, dass er in Zaubertränken und in den Dunklen Künsten mehr Talent besaß als viele ältere Schüler. Er schrieb eigene Zaubersprüche, korrigierte gedanklich die Anleitungen in den Lehrbüchern und entdeckte, dass Wissen Macht sein konnte, wenn man nichts anderes hatte, das einen schützte. Doch selbst in der Bibliothek, mit Tinte an den Fingern und düsteren Gedanken im Kopf, blieb er allein. Die Gryffindors verspotteten ihn, allen voran James Potter und Sirius Black. Ihre Demütigungen wurden legendär und hinterließen tiefe Narben in seinem verbliebenen Stolz. Die Wenigen, die in Slytherin seine Nähe suchten waren mehr Kameraden im Hass als echte Freunde. Die Ausnahme war Lucius Malfoy. Ein Erbe mit Namen, Geld und Ausstrahlung, alles, was Severus nie besitzen würde. Er schenkte ihm etwas, das für Severus von unschätzbarem Wert war. Aufmerksamkeit.Lucius war kein Freund im herkömmlichen Sinne, doch in SeverusAugen war er der Einzige, der ihn nicht nur als Außenseiter sah. Der Einzige, bei dem er nicht das Gefühl hatte, sich rechtfertigen zu müssen. Was bei anderen bloß Scham oder Spott hervorrief, verwandelte sich in seiner Nähe in ein leises Flackern von Zugehörigkeit. Für Severus war er während der gesamten Schulzeit die einzige Konstante, die mehr war als eine Zweckgemeinschaft oder offener Hohn, nicht verwunderlich also, dass er unweigerlich zu de, Mittelpunkt wurde, um den sich vieles in Severus innerer Welt drehte.


    In seiner Suche nach Kontrolle über die Welt entwickelte ernicht nur für Zaubertränke eine fast unheimliche Begabung, sondern auch für die Kunst, den eigenen Geist abzuschirmen. Okklumentik und Legilimentik wurden zu seinen Waffen und gleichzeitig einem Panzer, hinter dem er alles verbarg, was jemals verletzlich war. Aus dieser Mischung von Schmerz und Genialität erwuchs ein Mann voller Widersprüche. Loyal bis in den Tod, wenn er sich einmal bandund zugleich unfähig, zu vergeben. Weder anderen noch sich selbst. Mutig genug zwischen zwei Extremen zu leben und doch so von seiner Vergangenheit gefesselt, dass er nie wirklich in der Gegenwart existieren kann. Seine Stärke lag in seiner Selbstkontrolle, seine Schwäche darin, dass er sich in der Bitterkeit einrichtete, als wäre sie sein Zuhause.

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    a gentleman is simply a patient wolf

    4 Mal editiert, zuletzt von Dune (2. Oktober 2025 um 22:30) aus folgendem Grund: 2 Beiträge von Quasilotte, Rustin mit diesem Beitrag zusammengefügt.

  • Mit schwelendem Zorn starrte er auf das Stück Pergament in seinen Händen. Ein 'Mangelhaft'! Dieser verdammte Slughorn hatte ihm für seinen Aufsatz ein 'Mangelhaft' gegeben! Ihm, Lucius Malfoy, dem Sohn des hochverehrten Abraxas Malfoy! War das zu glauben? All das Süßholzgeraspel in letzter Zeit war völlig umsonst gewesen. Es schien als wäre Slughorn resistent gegen seinen Charme. Dabei war der Professor doch so schrecklich empfänglich für Schmeicheleien jeglicher Art. Horace Slughorn hatte sogar den Ruf, käuflich zu sein, wenn man ihn regelmäßig mit Präsenten umgarnte. Lucius hatte dem Zaubertranklehrer bei jeder sich bietenden Gelegenheit Geschenke und Komplimente gemacht, doch aus irgendeinem ihm unerfindlichen Grund zeigten seine Avancen keine Wirkung bei Slughorn. Er wusste weder, woran das lag, noch was er dagegen tun konnte. Allmählich ekelte er sich selbst vor seiner eigenen Schleimspur. Was musste er denn noch machen, damit Slughorn ihn zu seinen Lieblingen zählte? Ihm die Füße küssen? Ugh, scheußliche Vorstellung. Eigentlich hatte er es ohne die Hilfe seines Vaters schaffen wollen, aber wenn das so weiterging, blieb ihm nichts anderes übrig, als Malfoy Senior auf Slughorn zu hetzen in der Hoffnung, dass dieser den alten Lustmolch auf die ein oder andere Weise von der Schule komplimentierte. Notfalls hing man ihm ein Vergehen an wie etwa Nötigung oder Belästigung einer Schülerin… Was für ein herrlicher Skandal das doch wäre, wenn man Slughorn wegen unzüchtigem Verhalten suspendierte. Allein die Schlagzeilen wären absolut lesenswert. Bei dieser Vorstellung musste Lucius schadenfroh in sich hinein grinsen.

    Er wandte sein hellgraues Augenmerk von dem Schriftstück ab und sah in die Ferne zu der kleinen Schülerschar, die sich um einen schwarzhaarigen Jungen gebildet hatte, der wie so oft zum Mittelpunkt allgemeiner Belustigung wurde. Lucius verdrehte genervt die Augen, da es ihn allmählich langweilte, dass es stets derselbe Junge war, den die Gryffindors in einer Tour schikanierten. Am meisten ärgerte ihn daran, dass es sich bei dem Opfer ausgerechnet um einen Slytherin handelte. Einem s e i n e r Kameraden. Sein Stolz ließ diesen Affront gegen Salazar Slytherins Haus nicht länger zu. Normalerweise genoss er ja die demonstrative Unterdrückung Schwächerer, er konnte es jedoch nicht zulassen, dass ein Slytherin in aller Regelmäßigkeit von den Gryffindors aufs Korn genommen wurde. Außerdem war dieser Junge bekannt für seine außerordentlich guten Leistungen in Zaubertränke. Wenn Lucius es geschickt anstellte, konnte er von den Fähigkeiten des Anderen profitieren. Skandal hin oder her, es war ihm tausend mal lieber, das Problem eigenmächtig zu lösen statt es seinen Vater lösen zu lassen. Immerhin wollte Lucius ihm beweisen, dass sein Sohn gerissen und raffiniert genug war, um sich selbst aus der Patsche zu helfen. Er war kein Papa-Söhnchen mehr, sondern ein junger Mann, der auf eigenen Beinen stand.

    Obgleich er die egoistischste Person weit und breit war, setzte er sich im nächsten Moment für den Mitschüler ein, der von vier gleichaltrigen Gryffindors in die Mangel genommen wurde.

    "Wie mutig von euch, zu viert auf einen Gegner los zu gehen. Aber was will man schon von einem Gryffindor erwarten? Große Klappe, nichts dahinter, hm?", zischte er in Richtung der Halbstarken, die mit erhobenen Zauberstäben auf den schwarzhaarigen Jungen in ihrer Mitte deuteten. Als Lucius dazu kam, drehten sie sich ihm zu und richteten stattdessen ihre Stäbe auf ihn. Dieser reagierte sofort mit einem Heben seines gezückten Zauberstabs, der im Schein der Mittagssonne bedrohlich glühte. "Na los doch, oder traut ihr euch nicht, wenn es vier gegen vier heißt?", spöttelte Lucius weiter, nachdem sich ihm zwei andere Slytherins angeschlossen hatten, die ihren inoffiziellen Anführer niemals allein in einen Kampf ziehen lassen würden.

    Zusammen mit dem Schwarzhaar waren sie nun ebenfalls zu viert und somit den Gryffindors zahlenmäßig ebenbürtig. Es verstand sich von selbst, dass noch mehr Slytherins dazu kämen, wenn nötig. Sogar die älteren Schüler des Hauses Slytherin folgten seinem Befehl. Es gab wohl kaum einen anderen Slytherin, der beliebter und einflussreicher war als Lucius Malfoy.

    Vorerst aber hatte Lucius die Situation unter Kontrolle und machte mit einem Handzeichen deutlich, dass sich sein Gefolge zurückhalten sollte. Er wollte den Gryffindors einen fairen Kampf bieten, zumindest zum Schein.

    "Halt dich da raus, Malfoy. Oder willst du, dass wir dir deine schmierige Visage polieren?", keifte einer der Gryffindors zurück - es war der mit dem wuscheligen Haar, den Lucius ohnehin nicht leiden konnte. Allein schon wegen dieser fürchterlichen Frisur.

    Lucius Miene blieb absolut ausdruckslos, dahinter aber brodelte es vor Zorn. Oh wie er diesen Potter verabscheute! "Du willst mir etwas polieren? Ich bin gespannt wie du das anstellen willst. Bei deinen Haaren hast du ja bereits kläglich versagt. Quälst du deswegen andere Schüler? Weil du dich selbst nicht ausstehen kannst?" Lucius Worte waren wie Dolchklingen aus Eis, die tief ins Fleisch schnitten. Genau da, wo es am meisten wehtat. Ein winziges, eiskaltes Lächeln zupfte an seinen Lippen, doch sein aalglattes Gesicht blieb weiterhin reglos. Als tangierten ihn all diese Beleidigungen nicht. Er stand über den Dingen wie ein überirdisches Wesen. Potter hingegen explodierte schier vor Wut. Er rottete seine Leute zusammen und wechselte von der Defensive in die Offensive, was einer Kriegserklärung gleichkam. Von jetzt an gab es kein Zurück mehr. Zauber flogen wie zuckende Blitze durch die Gegend, trafen Kämpfende und Schaulustige gleichermaßen. Lucius, der ein Schutzschild um seine Leute heraufbeschworen hatte, ließ seine Lakaien die Angriffszauber wirken, welche so plötzlich aus den Schatten hervor getreten kamen, dass sie das Gryffindor-Quartett überrumpelten und rasch lahmlegten. Potter und seine Rumtreiber erstarrten buchstäblich zu Stein. Dass sie aus dem Hinterhalt angegriffen worden waren, hatten sie noch gar nicht realisiert. Ein Slytherin kämpfte nämlich nie, ohne ein Ass im Ärmel zu haben.

    Die Salzsäulen-artigen Gryffindors wurden binnen Sekunden zu einer solch großen Attraktion, dass Slytherins aus allen Richtungen angerauscht kamen, um die Gesichter und Kleidung der Vieren mit Schmähparolen zu verunstalten. Irgendwo aus dem Hintergrund schallte es laut "Eins zu Null für Slytherin!" Die unverkennbare Stimme gehörte zu Lorcan Morgan, der dieses Schuljahr die Quidditch-Spiele moderierte.

    Derweil bot der blonde Schönling dem 'geprügelten Hund' eine seiner behandschuhten Hände an, falls jener Hilfe beim Aufstehen brauchte. "Du bist doch… Severus, nicht wahr?", tat er so, als müsste er sich an den unscheinbaren Jungen wie an eine flüchtige Bekanntschaft erinnern. Nur weil sie im selben Jahrgang waren und dem gleichen Haus angehörten, mussten sie noch lange nicht einander persönlich kennen. Wobei Lucius auch in dieser Hinsicht eine Ausnahme darstellte. Er war aufgrund seines berühmten Familiennamens bekannt wie ein bunter Hund. Und vielleicht auch wegen seines blendenden Aussehens. Sein 'guter' Ruf eilte ihm seit jeher voraus.

    a gentleman is simply a patient wolf

    3 Mal editiert, zuletzt von Rustin (1. Oktober 2025 um 01:34)

  • Sie standen schon bereit. Vier Silhouetten inmitten des Ganges, als hätten sie sich absichtlich so positioniert, dass kein Weg an ihnen vorbeiführte. James Potter in der Mitte, lässig wie immer, weil ihm alles in den Schoß fiel. Neben ihm Sirius Black, die Arme vor den breiten Schultern verschränkt, förmlich funkelnd vor gespannter Erwartung und bereit, die Langeweile des Nachmittags mit dem Leiden eines anderen zu vertreiben. Hinter ihnen Peter Pettigrew, zwar klein und feige, aber willig genug, um zu lachen, wenn es erforderlich war. Und an der Wand, etwas abseits, Remus Lupin, scheinbar unbeteiligt, doch niemals so unschuldig, wie er tat. Severus verlangsamte den Schritt. Umkehren bedeutete Schwäche, zu nah herangehen war noch gefährlicher. Er hatte gelernt, die Distanz zu wahren, gerade genug, um reagieren zu können, wenn der erste Zauber kam. Seit fünf Jahren wiederholte sich dieses Spiel in unzähligen Variationen, jedes Mal ein wenig anders, jedes Mal neu erfunden und doch in der Essenz gleich. Sie fanden ihn, sie hielten ihn auf und machten aus ihm ein Schauspiel für sich selbst. „Na, Snivellus.“, begann James mit gespielter Herzlichkeit, seine Stimme triefte vor dieser Arroganz, die alle an ihm bewunderten, weil sie so mühelos wirkte. „Schon wieder bei Deinem geliebten Sluggy? Ich hoffe, er hat genug Vorräte an Öl, damit Du nicht unterwegs austrocknest.“ Ein schrilles und unangenehmes Kichern von Pettigrew war zu hören. Sirius trat einen Schritt vor, als könne er die Worte seines Freundes noch mit einer Geste unterstreichen. „Man riecht es doch schon auf drei Meter Entfernung. Vorsicht, James, wir wollen nicht, dass einer von uns ausrutscht.“ Severus sagte nichts. Er wusste, dass jedes Wort, das er ihnen gäbe, Munition wäre. Seine Zunge brannte vor zurückgehaltenem Spott, doch er zwang sich, still zu bleiben. Er hatte gelernt, dass Schweigen manchmal das Einzige war, was ihm blieb, wenngleich es ihn innerlich zerriss und es den Zorn nur noch dichter in ihm zusammenpresste, bis er kaum atmen konnte. Severus hob den Blick. Nicht zu hochnäsig, um nicht herausfordernd zu wirken, aber genug, dass sich ihre Augen trafen. Seit fünf Jahren ging es so, seit fünf Jahren hielten sie ihn in diesen Fluren auf, als wäre er nichts anderes als eine willkommene Ablenkung. Eine Figur, die man nach Belieben verschieben konnte. Die erste Bewegung kam von Sirius, ein schneller Ruck mit dem Zauberstab und schon entglitt Severus das Heft, flog gegen die Wand, die Seiten flatterten auf, Zettel lösten sich und tanzten über den Boden. Einer seiner sorgsam gezeichneten Runenkreise wurde von Peters Fuß zerfetzt.

    Severus stürzte nach vorn und wollte sein Heft retten, doch James’ Zauber traf ihn im selben Moment. Die Welt kippte, und er hing kopfüber in der Luft, die Robe rutschte nach unten, das Hemd zog sich hoch, sein blasser Bauch lag frei im Fackellicht. Blut schoss ihm in den Kopf, seine Ohren rauschten, während ihr Gelächter den Gang füllte. „Sieht besser aus.“, rief James und musterte ihn, als habe er gerade ein Kunstwerk geschaffen. „Ja.“, stimmte Sirius zu, trat näher und zog an seinem Saum, so dass der Stoff noch enger schnitt. „So erkennt man ihn wenigstens als das, was er ist: ein Nichts.“ Severus presste die Zähne aufeinander. Alles drang in ihn wie ein Gift, das über Jahre in seinem Blut kreiste. Sie machten sich lustig über seine Herkunft, über seine Armut und über die Lumpen, die er als Kind getragen hatte, über die Schläge seines Vaters und über jede Demütigung, die er seit Hogwarts erlebt hatte. Und jedes Mal schwor er sich, dass er es ihnen heimzahlen würde. Nicht heute, nicht hier, aber irgendwann. Er zwang sich an ihnen vorbei an die Decke zu starren, als wären sie Luft. Ein Ruck, ein Gegenzauber, den er stumm murmelte und die unsichtbare Kraft, die ihn hielt, löste sich. Er fiel hart auf die Knie, das Heft schlug neben ihm auf. Seine Hände zitterten, als er es ergriff, die Seiten wieder einsammelte und an sich drückte, so als könne er die Risse rückgängig machen. Severus blieb einen Moment kniend, das Heft gegen die Brust gedrückt. Er schmeckte Blut, als er die Zunge gegen die Innenseite seiner Wange presste. Noch immer klangen ihre Stimmen in seinen Ohren. Dieses widerlich überhebliche Lachen, das ihn seit fünf Jahren begleitete, als sei es ein Teil seines Lebens wie die grauen Mauern von Hogwarts. James Potter. Sein Name war in ihm längst kein Name mehr, sondern eine Wunde, die den Hass in ihm wie eine Peitsche knallen ließ. Manchmal stellte er sich vor, wie Potter röchelnd am Boden lag, das selbstgefällige Grinsen zerbrochen, das Leben langsam aus seinen Augen weichend. Nicht rasch. Nein. Langsam. Stück für Stück. Er sah die Szenen vor sich wie Visionen, die ihn nicht losließen. James, der mit einem Schnitt verstummte, James, dessen Hände er brach, James, dessen Stimme er für immer zum Schweigen brachte. Und doch stand er hier allein, während sie ihn umkreisten wie Hyänen. Seit fünf Jahren dasselbe Schauspiel.

    Die Welt hielt inne. Für einen Augenblick schien das Licht der Fackeln heller zu brennen und der Gang länger zu werden, als die Schritte erklangen. Lucius Malfoy. Der Name schoss Severus sofort durch den Kopf, noch bevor er das Gesicht sah. Blonde Haare, die im Schein flackerten mit einer Haltung, die keinerlei Schwäche kannte, als sei der Korridor selbst sein Thron. Und plötzlich war er da, zwischen ihm und den Gryffindors, als hätte er ein Recht dazu. Als sei es selbstverständlich. Der Schwarzhaarige wagte es kaum zu atmen. Alles in ihm war noch auf Zorn eingestellt. Doch das Lachen verstummte. Es verwandelte sich in scharfe Worte, die er nicht ganz verfolgte, weil in ihm etwas anderes geschah. Ein Riss in dem, was er bisher als unumstößlich kannte. Ein Kampf begann, Blitze von Zaubern, das Krachen von Schutzschilden, Stimmen, die Befehle riefen. Slytherins waren aus den Schatten getreten, wie aus dem Nichts. Sie waren nicht hier gewesen, als er gefallen war, doch jetzt, da Lucius voranging, schlossen sie sich an, als wäre es das Natürlichste der Welt. Severus hockte noch immer erbärmlich auf seinen und beobachteten angespannt das Spektakel. Zum ersten Mal waren die vier Gryffindors nicht mehr unantastbar. Zum ersten Mal sah er, wie James Potter die Stirn runzelte, wie Sirius Black die Zähne fletschte und wie sie zurückwichen, überrascht von dem Widerstand.

    Es wurde still. Lucius Malfoy stand vor ihm wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Mit einem so ebenmäßigen Gesicht, dass es fast unwirklich erschien. “Ein Kunstwerk“, schoss es dem Slytherin durch den Kopf. Nichts an ihm schien Zufall zu sein und jeder Handgriff wirkte überlegt, als hätte er seit Geburt gelernt, wie man gesehen wird. Er war makellos, auf eine Weise, die Severus fast körperlich wehtat. Und doch wusste er, dass hinter dieser Fassade Risse waren. Er hatte sie gesehen im Unterricht, wenn Slughorn ungeduldig wurde, weil Lucius wieder einmal einen Schritt im Rezept verpasst hatte. Charme mochte vieles richten, aber kein Gegengift, wenn die Reihenfolge der Zutaten durcheinandergebracht war. Severus wusste, dass Lucius im Brauen nie glänzte. Dass sein Name ihm mehr Türen öffneten als sein Können. Warum also stand dieses stolze Reinblut vor ihm? Warum streckte er ihm die Hand entgegen, als wäre er es wert, auf die Beine gehoben zu werden und als sei er nicht unter seiner Würde? Seit fünf Jahren hatte ihn niemand so angesehen. Fünf Jahre war er der „Snivellus“, der schmutzige Halbblutstreber.

    Einige Sekunden lang starrte Snape auf die Hand und widerstand, mit seinem Zauberstab gegen ebenjene zu tippen und zu prüfen, ob es sich hierbei um einen sehr seltsamen Traum handelte. Möglicherweise hatte Potter ihm was ins Essen gekippt, denkbar wäre es. Die Hand wirkte wie ein Versprechen und zugleich wie eine Falle. Seine Kehle schnürte sich unliebsam zu, als sich sein Kopf hob und sein Blick langsam an Lucius hinaufwandert, von den Knien auf seiner Augenhöhe bis hin zu seinem blassen Gesicht. Sein Herz schlug heftig, als er seine Finger in Zeitlupe hob. Der Kontakt fühlte sich an wie ein Schlag in seinen Brustkorb. Kein direkter Schmerz, mehr wie ein elektrischer Impuls, der ihm durch die Nervenfasern schoss. Es war nur eine Geste und doch etwas, das er nie erlebt hatte. Niemand hatte ihm je so selbstverständlich Hilfe angeboten und Snape bezweifelte stark, dass es aus reiner Nächstenliebe geschah. Sogleich ließ er sich aufziehen, spürte die Kraft in dem eleganten Griff des Anderen und gleichzeitig dieses Gefühl, das ihn schwächte, weil es so unerwartet kam. Er zwang sich, den Blick abzuwenden, als könne er damit das Zittern in seiner Brust verbergen. „Ich brauche keine Hilfe.“, brachte er hervor, wobei sein Tonfall schärfer klang als er es beabsichtigt hatte. Worte wie ein Schutzschild, hingeworfen, um die eigene Unsicherheit zu kaschieren. Und doch hielt er die Hand einen Herzschlag zu lang fest, bevor er sie löste und auch sein Blick ließ sich einen Moment zu lange von dem des Anderen festhalten. In diesem Augenblick wusste er nicht, ob er Malfoy verachtete oder nicht, nur, dass diese Begegnung sich wie ein Schnitt anfühlte, der nicht so schnell heilen würde. „Das war nicht nötig.“

  • Lucius rümpfte angewidert die Nase beim Anblick der erstarrten Gryffindors. Was für ein widerliches Pack. Alle vier sahen aus wie durch den Fleischwolf gedreht. Zerlumpt und verwildert wie die Tiere aus dem verbotenen Wald. Und sowas wurde in Hogwarts aufgenommen. Mit der Schule ging es wirklich bergab. Zeit, dass jemand etwas gegen diesen Sittenverfall unternahm. Wenn er seinen Vater schon nicht auf Slughorn hetzte, dann wenigstens auf die Schulleitung, die derlei Verwahrlosung zuließ. Er konnte es kaum erwarten, dass man die Vier von der Schule verwies. Eine solche Disziplinarmaßnahme war aber auch längst überfällig.

    Lucius erwählte nur diejenigen in seinen erlauchten Dunstkreis, die ihm nützlich waren oder nützlich werden konnten. Es war eine unbeschreibliche Ehre von Lucius Malfoy angesprochen zu werden. Die meisten seiner Mitmenschen hielt er für unter seiner Würde. Daher kam es durchaus vor, dass er mit Klassenkameraden nicht sprach, sie nicht einmal wahrnahm. Severus aber war ihm bereits aufgefallen, er hatte ihn bloß noch nicht als zweckdienlich einstufen können. Dies änderte sich schlagartig, nachdem Slughorn seine Arbeit mit mangelhaft bewertet hatte. Was Lucius allerdings nicht wusste war, dass Slughorn ihn mit äußerster Vorsicht genoss, weil der Blonde ihn zu sehr an Tom Riddle erinnerte. Und mit Tom Riddle hatte Horace bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Deswegen wehrte er sich mit aller Macht gegen die Charme-Offensive des Malfoy-Nachwuchses. Aber wer konnte das schon ahnen? Lucius jedenfalls nicht, weshalb er beschloss, etwas dagegen zu unternehmen, bevor sein Vater Wind davon bekam. Ein Mangelhaft machte sich überhaupt nicht gut im sonst so perfekten Notendurchschnitt des Vorzeige-Sohns, weshalb es zuhause ein Donnerwetter gäbe, wenn der Blonde die Schande beichtete. Er musste den Fehler wieder gut machen, indem er Nachhilfe-Stunden bei einem verkannten Genie nahm.

    Nichts leichter als das, dachte sich der junge Malfoy beim Anblick des Häufchen Elends, das vor ihm auf dem Boden kauerte und regelrecht nach einer schützenden Umarmung schrie. Es würde ein Kinderspiel sein, den Außenseiter für sich zu gewinnen. Selbst wenn sich dieser noch so sehr gegen eine helfende Hand wehrte. Es war bewundernswert, dass Severus mit letzter Kraft der Versuchung zu widerstehen versuchte, doch zwecklos. Offenbar besaß der Schwarzhaarige noch ein Fünkchen Selbstachtung. Es würde Lucius eine Freude sein, ihm diesen Funken auszutreiben, bis er dem Blonden hoffnungslos verfallen war.

    "Natürlich" - brauchte er keine Hilfe. "Du genießt es nun mal, wenn man deinen Stolz mit Füßen tritt", strafte Lucius seine Worte Lügen. Er bewunderte zwar Trotz, riss jedoch jedweden Widerstand mit der ungeschönten Wahrheit ein. Severus konnte ihm noch so oft sagen, dass es nicht nötig war, doch sie beide wussten es besser. Wussten, dass Potter und seine schäbigen Jungs Arschlöcher waren, denen man den Garaus machen musste. Allein würde Severus es nicht schaffen - niemand würde das - aber mit vereinten Kräften war alles möglich. Eben diesen Eindruck wollte er dem Anderen vermitteln - dass sie zusammen Großes vollbringen konnten. Sie mussten es nur wagen. "Du bist doch kein Masochist, oder? Du stehst doch nicht etwa auf Prügel in der Öffentlichkeit?", bohrte er weiter, als würde er dem Halbblut ein Geständnis entlocken wollen. "Du musst es nur sagen, dann sehe ich in Zukunft weg, wenn sie dich wieder in der Luft zerreißen, vor aller Augen" Er könnte sich irren, vielleicht stand Severus ja wirklich darauf, gedemütigt zu werden. Wahrhaben wollte er es jedoch nicht. Er wollte nicht, dass ein Gryffindor einen Slytherin so behandelte. Sie mussten die Ehre ihres Hauses wieder herstellen, was nicht möglich war, wenn sich einer von ihnen regelmäßig zur Witzfigur machen ließ. Weil er sich seiner anziehenden Wirkung auf andere bewusst war, unternahm er nichts gegen den Körperkontakt. Er ließ es zu, dass Severus seine Hand länger als nötig festhielt. Ließ zu, dass Severus diese selten schöne Berührung genoss. So zog man andere in seinen Bann. So machte man abhängig. Lucius war eine berauschende Droge, die schneller süchtig machte als jedes andere Rauschgift.

    "Sag Severus, soll ich wegsehen?", stellte er leichtsinnig sprechend den Schwarzhaarigen vor eine Entscheidung, als hätte dieser überhaupt eine Wahl. Als wäre die Entscheidung vonseiten Lucius nicht längst getroffen. Dabei warf er ihm ein solch charmantes Lächeln zu, dass jede eiserne Jungfrau schwach geworden wäre.

    a gentleman is simply a patient wolf

  • Ganz gleich wie oft die anderen Schüler davon säuselten, dass Hogwarts ein Zuhause sei, für ihn war es das nicht. Für die Meisten war es ein Ort, an dem sie Freunde fanden und Zugehörigkeit, Geschichten erlebten, die sie später lachend am Kamin erzählten. Für ihn war es ein Schlachtfeld. Ein Korridor konnte zur Arena werden, ein Unterrichtsraum zum Käfig. Er wusste nie, wann der nächste Schlag kam, aber er wusste, dass er kam. Immer. Seine Mitschüler waren für ihn dabei jedoch wie offene Bücher, deren Seiten er seit Jahren las. Er beobachtete sie genauer als sie es jemals bei ihm taten. Sie waren ihm vertrauter, als sie jemals ahnten; er kannte ihre Gesten und ihre Schwächen, die Art, wie Potter beim Zaubern immer einen Herzschlag zu früh grinste, wie Black ungeduldig mit den Fingern trommelte, wenn er glaubte, gleich triumphieren zu können. Er wusste all das, weil er sie studierte, Tag für Tag, gezwungen durch den Schmerz, den sie ihm zufügten.

    Der Unterricht war der einzige Raum, in dem er aufatmen konnte, weil Wissen ihn bei den Lehrern schützte. In Zaubertränke war er unantastbar. Er sah die Ratlosigkeit auf den Gesichtern der Anderen, wenn eine Zutat in der falschen Reihenfolge ins Brodeln geriet, dann spürte er wie etwas in ihm leise triumphierte. Genugtuung. Hier, in der präzisen Welt der Rezepte, war er nicht das Opfer oder der Außenseiter, hier war er der Maßstab. Doch außerhalb der Klassenzimmer zählte das nicht. Kein Genie, keine noch so klare Formel konnte ihn davor bewahren, auf den Fluren am Kragen gepackt oder kopfüber in der Luft hängengelassen zu werden. Er hörte, wie sie über seine Herkunft sprachen, als wäre Armut ein Schimpfwort. Spinner’s End, das stinkende Nest am Rande der Muggelstadt, wurde zu einer Lachnummer in ihren Mündern. Und jedes Mal schnürte es ihm den Hals zu, wenn er an die schiefen Türen und den kalten Atem seines Vaters dachte. Sie wussten nichts und doch trafen ihre Worte, weil sie all das in ihm entlarvten, was er selbst hasste.

    Er war kein Freund von Nähe. Die Wenigen in Slytherin die mit ihm redeten waren keine Freunde, sondern Verbündete, so lange es sich lohnte. Mulciber und Avery, die Erträglichsten von ihnen, waren zwar grob und plump, aber nützlich, wenn es darum ging, sich an jemanden zu hängen, der noch schwächer war als er. Lucius Malfoy war eine Ausnahme. Zu überlegen war das Reinblut, vor dem die Türen von allein aufsprangen. Severus verstand nicht, warum er überhaupt seinen Namen kannte. Vielleicht, weil er mit einem Blick erkennen konnte, wer Talent hatte. Vielleicht, weil er Gefallen daran fand, ein neues Opfer aufzulesen. Hogwarts war kein Zuhause, nein. Es war eine Prüfung. Eine, die er jeden Tag bestand, auch wenn er dabei ein Stück von sich selbst verlor. Eine, die ihm jetzt den blonden Schönling vorsetzte und darauf wartete, ob er durchfiel oder standhielt. Bislang hatte er sich geweigert auch nur einen Schritt auf den Reinblütigen zuzugehen, auch wenn die Gunst des Blonden ihm zu einem weitaus besseren Leben verhelfen würde.

    Er ließ sich von Malfoy hochziehen, doch er verblieb nicht in der geduckten Haltung des Gedemütigten. Kaum hatte er wieder sicheren Boden unter seinen Füßen, stieß er sein Heft an die Brust, strich sich mit einer fahrigen Bewegung das Haar aus dem Gesicht und richtete sich auf. Gerade und hart, so dass sie sich auf Augenhöhe gegenüberstanden. Wer erwartete, dass er den Blick senkte, irrte sich. Severus Snape senkte niemals den Blick. Auch nicht vor Lucius Malfoy. Allenfalls vor Klugheit und Intelligenz vielleicht.

    „Natürlich brauche ich keine Hilfe.“, sprach er leise, aber mit einer Kälte, die messerscharf war. Sein Blick flackerte für einen Moment zu den Gryffindors, eine gewisse Genugtuung verspürend. Seine Worte klangen fast immer wie eine Drohung. Es war diese scharende Stimme, die ihn unter seinen Mitschülern unnahbar machte und die ihn zu jemandem werden ließ, mit dem man sich nicht gerne abgab. Und doch brannte jetzt in seinem Magen etwas anderes. Der Griff von Lucius’ Hand lag ihm noch kühl auf der Haut, der Schwarzhaarige hasste, dass er noch daran dachte und dass er diese Berührung länger gehalten hatte, als er sollte. Dass sie ihn berührt hatte, auf eine Weise, wie es kein Zauber konnte.

    Sein Blick wanderte über Lucius’ Gesicht. Severus wusste, dass sein Charme und sein Lächeln nicht über eine schlecht abgemessene Zutat hinwegtäuschen konnten. Er wusste es und dennoch stand er hier wie angewurzelt, fühlte sich klein gegen diese Präsenz und zugleich schmerzte es, wie sehr sie ihm vor Augen geführt wurde. „Wenn Du wirklich glaubst..“, presste er schließlich hervor. „.. Ich würde daran Gefallen finden, Potter und seine Hyänen ihr Spiel treiben zu lassen, dann bist Du dümmer, als Du aussiehst.“

    Er war trotzig, aber dahinter verborgen wie eine Glut unter einem Haufen Asche, war etwas anderes. Das selbstsüchtige Verlangen, dass Malfoy tatsächlich meinte, was er sagte. Dass er nicht wegsah. Dass er sich noch einmal dazwischenstellte. Er spürte, wie sein Herz zu schnell schlug, während Lucius ihm dieses Lächeln schenkte, das jede eiserne Fassade zu sprengen drohte. Und er wusste, in diesem Moment, dass er vorsichtig sein musste. Denn wenn Lucius Malfoy eine Droge war, dann hatte Severus bereits den ersten Atemzug genommen. „Danke, Malfoy.“, fuhr er schließlich fort, wenngleich ihm bewusst war, dass der andere Slytherin ganz vermutlich nichts ohne einen Hintergedanken tat. Allerdings, obgleich die Hilfe unfreiwillig war, war tatsächlich ein kleines bisschen Stolz in ihm vorhanden, wenngleich auch an der falschen Stelle. „Aber wir wissen Beide, dass Du nicht aus reiner Nächstenliebe handelst.“

  • Eine ähnliche Beobachtungsgabe besaß auch Lucius. Es fiel ihm erstaunlich leicht seine Mitmenschen zu durchschauen und zu analysieren. Hatte er erst deren Schwächen oder Stärken entdeckt, nutzte er sie zu seinem Vorteil aus. Der Blondling war ein meisterhafter Stratege. Er wusste wie er Menschen gegeneinander ausspielen musste. Wusste, wie er intrigierte und manipulierte. Vor ihm hatte es bislang nur einen gegeben, der diese Kunst besser beherrschte als er; Tom Riddle. Kein Wunder also, dass Professor Slughorn einen großen Bogen um Lucius machte. Er hatte sich schon einmal die Finger an solch einem Musterknaben verbrannt. Ein zweites Mal würde es nicht geben. Das hatte er sich fest vorgenommen. Lieber verprellte er den jungen Malfoy mit schlechten Noten als ihn zu nah an sich heranzulassen. Und solange er sich im Schutz der Schulmauern befand, konnte ihm der alte Abraxas Malfoy nichts anhaben. Das redete sich Horace zumindest ein.

    Im Gegensatz zu Severus fühlte sich Lucius in Hogwarts pudelwohl. Dies war seine Bühne. Sein Königreich. Hier konnte er seine Machtspielchen ungehindert spielen. Er konnte testen, wie Menschen reagierten, wenn er sie so oder so manipulierte. Wenn er sie belog, betrog oder hinterging. Zeitgleich konnte er die Bewunderung genießen, mit welcher seine Mitschüler zu ihm aufsahen. Er genoss die neidischen, verliebten, ehrfürchtigen Blicke. Genoss wie seine Feinde vor ihm erzitterten. Niemand hatte es bisher mit ihm aufnehmen können. Niemand seine Gunst erlangen. Er war hochmütig und erhaben wie ein schillernder Pfau in einer grauen Welt. Die Herrlichkeit in Person. Und kein bisschen eingebildet…

    Der Kontrast zwischen ihm und Severus konnte also nicht größer sein. Hier prallten Welten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sowohl innerlich als auch äußerlich. Lucius kannte die Sprüche, mit welchen die Schüler Severus hänselten. Bisweilen hatten ihn diese unschönen Geschichten nicht interessiert. Er war ohnehin viel zu sehr mit dem eigenen Image beschäftigt als dass er die Zeit hätte, sich um den Ruf eines anderen zu kümmern, was er eh nie täte, wenn er nicht etwas davon hätte. Jetzt aber sah alles anders aus. Severus könnte die ideale Lösung für sein Problem sein. Er musste ihn nur noch davon überzeugen. Musste ihn auf den Geschmack bringen, damit er erkannte, wie befriedigend es war, wenn man sich in Lucius Glanz baden durfte. Entgegen seiner Vermutung zeigte Severus mehr Rückgrat als gedacht, nachdem man ihn wiederholt gedemütigt hatte. Aufrecht wie ein Krieger stand er da, unumstößlich und bereit für den nächsten Schlag in die Magengrube als sei er tatsächlich davon überzeugt, dass ihn jede weitere Schmach nur noch stärker machte. Bis er eines Tages explodierte wie eine Supernova und so jeden in seiner Nähe mit sich in den Tod nahm. Lucius musste seinen Kopf sogar ein Stück heben, damit er dem Gleichaltrigen in die Augen sehen konnte. In diese unendlich traurigen Augen, die selbst in Lucius eiskaltem Herzen etwas regten. Verwirrt über diese Wirkung auf ihn musste er die Nase noch höher recken als üblich, um sich diese Veränderung in seiner Gemütslage nicht anmerken zu lassen. Trotzig schob er das Kinn vor, als er so harsch zurecht gewiesen wurde. Das mochte er gar nicht. Erst recht nicht, wenn er zuvor seine helfende Hand ausgestreckt hatte. "Du hast Mumm. Das muss man dir lassen. Trotzdem solltest du dich davor hüten, mich zu beleidigen. Ich kann dir das Leben noch schwerer machen als Potter es je könnte", tadelte er ihn scharf zischend. Er würde es gewiss kein zweites mal dulden, dass man ihn als 'dümmer als er aussah' bezeichnete. Mit dem gekränkten Stolz einer verschmähten Ballkönigin entfernte er sich von Severus, jedoch nicht weit genug, um jenem die kalte Schulter zu zeigen. Er brauchte den Tränkebrauer, weshalb er nicht zu streng mit ihm sein durfte. Trotzdem würde er sich nicht alles von ihm gefallen lassen. Er musste schließlich seinem Ruf, ein strenger Regent zu sein, alle Ehre machen. "Schon besser", lobte er sein neues Spielzeug für den Sinneswandel. Ein 'Danke' hörte sich doch schon viel besser an als eine Beleidigung. Das künstliche Lächeln auf seinen vollen Lippen geriet ein wenig ins Wanken, als Severus seine 'Nächstenliebe' so unverblümt in Frage stellte. "So, wissen wir das?", konterte Lucius mit rhetorischer Eloquenz. "Dir kann man aber auch nichts vormachen", amüsierte er sich schlussendlich über die scharfsinnige Analyse seiner Person. Im nächsten Moment lud seine einladende Körperhaltung den Schwarzhaarigen zu einem Spaziergang ein, bei dem Lucius ihm die Welt erklären wollte. "Weißt du, was dein Problem ist? Du grenzt dich aus. Immerzu sehe ich dich allein umher wandeln. Du bist im Unterricht allein. Im Gemeinschaftsraum. Im Schulhof. Das macht dich schwach. Angreifbar. Potter wäre ein leichtes Opfer für dich, wenn er allein wäre. Das weiß er, drum zeigt er sich nie ohne seine Schergen. Deine Stärken liegen wo anders. Du bist kein geborener Duellant, dafür aber ein großartiger Denker mit einem messerscharfen Verstand. Wenn wir uns zusammen tun, haben wir beide etwas davon: Du Geleitschutz. Ich Bestnoten. Was meinst du? Sind wir im Geschäft?", rückte er nun mit der Sprache raus, als hätte er eingesehen, dass er mit Schönrednerei bei Severus nicht weiterkam. Der wollte Tacheles reden, also redete Lucius Tacheles. "Weißt du, da ist dieser Aufsatz. Ich habe ihn… sagen wir, in den Sand gesetzt. Ich wäre dir wirklich sehr verbunden, wenn du dir heute Abend die Zeit nehmen würdest, ihn gemeinsam mit mir ein wenig… auszuschmücken, damit unser hochgeschätzter Professor Slughorn mir doch noch ein 'Ohnegleichen' dafür gibt. Was meinst du, wäre das möglich? Würdest du mir diesen klitzekleinen Gefallen tun?", sprach die doppelzüngige Schlange mit solch einem Liebreiz, dass man ihr keinen Wunsch abschlagen konnte. "Dein gestriges Referat über Nicholas Flamel war übrigens hervorragend! Du hast seine Theorien zum Stein der Weisen genau auf den Punkt gebracht", schmierte er ihm noch ein wenig Honig um den Mund, für den Fall, dass Severus ein Leckermäulchen war, das nach Honig gierte.

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  • Anerkennung war für Snape keinesfalls ein Luxus, sie war vielmehr eine Notwendigkeit und etwa so lebenswichtig wie Luft. Vielleicht gerade deshalb, weil er sie so selten erfahren hatte. Im Haus seiner Kindheit gab es keine lobenden Worte oder eine Hand, die ihm über den Kopf strich, nicht einmal ein Lächeln, das ihm zumindest die Illusion gab, dass er gut war, wie er ist. Was er stattdessen bekommen hat, war Schweigen und Kälte, eine abwesende und sich selbst aufgebende Mutter oder die geballte Faust seines Vaters. So war es kein Wunder, dass in ihm ein Hunger herangewachsen war, der niemals gestillt werden konnte. Ein Hunger danach, dass jemand sein Können sah und ihn bemerkte, vor allem aber der ihn ernst nahm.

    In Hogwarts war das nicht anders. Die Meisten blickten an ihm vorbei oder auf ihn herab. Für sie war er der Außenseiter, das Halbblut aus Spinner’s End, der Streber, der sich hinter Büchern versteckte. Dass er in Zaubertränken brillierte, dass er Sprüche erfand, die kein Lehrbuch kannte, dass er Wissen in sich aufsog wie Wasser in trockenem Sand .. all das sah kaum jemand. Slughorn nickte ihm manchmal lobend zu, doch Severus wusste, dass sein Talent nicht ausreichte, um wirklich in diesen Kreis von Lieblingen aufgenommen zu werden. Dafür fehlte ihm das soziale Geschick und der Name.

    Severus war nicht leichtgläubig. Er wusste zu gut, dass jeder, der sich an ihn wandte, selten ohne Hintergedanken handelte. Er war misstrauisch, auf eine Art, die ihn älter wirken ließ, als er war. Nichts machte ihn wütender, als wenn man ihn für dumm oder manipulierbar hielt, für ein Werkzeug, das man einfach benutzen konnte. Doch genau deshalb war er empfänglich. Zwar konnte er eine Täuschung durchschauen, ja - aber er konnte nicht verhindern, dass es ihn traf, wenn jemand ihn wirklich sah.

    Und auch wenn er Malfoy gerade durchschaute spürte er ebenso, dass diese Aufmerksamkeit sich anders anfühlte als alles, was er bisher kannte. Dass jemand wie er überhaupt den Blick auf Severus richtete, sein Talent erkannte und ihm Hand reichte war nahezu berauschend. Es war kein naives Vertrauen, kein sofortiges Sich-Verlieren. Aber es war ein erstes Zucken im Innern, ein Gefühl, das ihn warnte und lockte zugleich. Dass hier jemand stand, der ihn nicht nur benutzen, sondern groß machen konnte. Dass er nicht länger allein am Rand stehen musste. Und Severus spürte, schon in diesem Augenblick, dass dies die Art von Aufmerksamkeit war, die gefährlicher war als jeder Fluch. Denn man konnte einem Zauber widerstehen doch nicht dem Wunsch, endlich gesehen zu werden. Die Worte von Lucius brannten in ihm nach, schärfer als die Zaubersprüche, die eben noch durch den Korridor geflogen waren. Ja, der Spruch war ihm entglitten und natürlich hatte Malfoy sofort zurückgeschlagen. Ein Reinblut ließ sich nicht beleidigen. Nicht ungestraft. Severus spürte, wie sein Trotz in ihm aufstieg, ein Reflex, der sich in jeder Faser seines Körpers regte. Am liebsten hätte er erwidert, dass er keine Angst hatte, weder vor Malfoy noch vor seinem ach so stolzen Namen. Doch er tat es nicht. Er war nicht dumm, im Gegenteil. Er wusste, dass die Feindschaft der Marauders eine Last war, aber die Feindschaft von Lucius Malfoy konnte sein Todesurteil sein. Lucius musste nicht einmal selbst handeln. Ein Wort und die ganze Schule hätte Severus’ Leben zur Hölle gemacht. Ja, er grenzte sich aus, weil er nicht anders konnte. Zauberformeln waren logischer als Menschen. Jeder, der ihm einmal die Hand gereicht hatte, hatte sie früher oder später wieder losgelassen. Lily war der Beweis. Und trotzdem .. wenn Malfoy es so aussprach, klang es nicht wie eine Schwäche, sondern wie ein Fehler, den man beheben konnte. Der Slytherin biss sich auf die Innenseite der Wange, während er Malfoys Worte über sich ergehen ließ. Kein geborener Duellant. Nein, das war er nicht. Er konnte sich nicht w in Pose werfen, seinen Zauberstab wirbeln, während das Publikum lachte. Aber er war mehr als das. Er war ein Schöpfer. Ein Erfinder. Ein Geist, der Zauber hervorbrachte, die gefährlicher waren als jeder standardisierte Fluch. Und Malfoy hatte es erkannt. Oder zumindest so getan, als erkenne er es.

    Geleitschutz für Bestnoten. So einfach formuliert und doch so durchschaubar. Severus wusste, dass es nicht um Freundschaft ging. Malfoy suchte keinen Gefährten, sondern einen Gewinn. Einen, der ihm das gab, was er selbst nicht erreichen konnte. Das folgende Kompliment ließ Severus’ Magen verkrampfen, als er daran dachte, wie er abends noch stundenlang über dem Pergament gesessen hatte, während andere Schüler lachten und die Freiheit genossen. Er hatte Texte gewälzt und Fußnoten ergänzt, bis die Tinte verschmierte. Malfoy hatte wohl im Unterricht zugehört. Ihm zugehört. Ob es Kalkül war oder nicht spielte kaum eine Rolle. Das Wissen, dass jemand ihn wahrgenommen hatte, bohrte sich tiefer in ihn hinein, als er zugeben wollte. Langsam senkte sich sein Blick und er traf auf das Gesicht des Blonden, so makellos in Szene gesetzt, dass es schmerzte. Ein Teil von ihm wollte ihm ins Gesicht schleudern, dass er ein Heuchler war. Aber ein anderer Teil, ein größerer, gefährlicherer Teil, wollte sich in diese Einladung hineinfallen lassen. Wollte wissen, wie es wäre, wenn jemand wie Lucius Malfoy auf seiner Seite stand. Wenn James Potter eines Tages nicht mehr lachte, weil er allein war, sondern weil er endlich begriff, dass Severus Snape kein Opfer mehr war.

    „Dein Aufsatz..“, sagte er schließlich widerwillig. „Wenn Du willst, dass Slughorn Dich bemerkt, brauchst Du mehr als einen hübschen Namen.“ Es war ein Geschäft, das sich anfühlte wie Gift. Er wusste, was er bekam, er wusste, was er verlor und er wusste, dass er es trotzdem wollte. Severus spürte das hämmernde Pochen in seiner Brust, während er die Worte formte, die ihn in diesem Moment mehr kosteten, als er je zugeben würde: „Heute Abend in der Bibliothek. Ich werde es mir ansehen.“ Er hasste, dass es zu sehr nach einem Zugeständnis klang. Doch in den Tiefen seiner Brust, verborgen unter all dem Stolz und all der Wut, glomm ein schwaches, unheimliches Feuer. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er, dass jemand ihn brauchte.

    Die Bibliothek war zu dieser Stunde fast leer, nur das gelegentliche Rascheln von Pergament und das ferne Kratzen einer Feder durchbrachen die Stille. Severus hatte sich wie immer in die hinterste Ecke zurückgezogen, dort, wo die hohen Regale das Licht der Fackeln dämpfte. Der Platz war nicht zufällig gewählt, er ahnte, dass Lucius Malfoy kaum Lust verspüren würde, sich an einem Tisch in der Mitte niederzulassen, wo jeder Schüler vorbeischauen konnte. Sein Heft lag offen vor ihm, die Feder neben der Tintenflasche abgelegt, doch er schrieb nicht. Er hatte längst alle Möglichkeiten durchgespielt, wie dieses Treffen enden könnte. Lucius brauchte ihn. Und dieser Gedanke hatte eine seltsame Wirkung. Ein Kitzeln von Macht, das er selten spürte, verbunden mit einem Gift, das sein Stolz kaum ertrug. Seine Schritte hörte er noch bevor er den blonden Schopf zwischen den Regalen sah. Sie waren derart kontrolliert, als wäre selbst der Gang durch eine fast leere Bibliothek eine Vorführung. Severus hielt den Blick gesenkt und ließ die Feder scheinbar beiläufig kreisen, doch sein Körper war angespannt. Er wusste, dass es auffallen würde, wenn er zu erwartungsvoll wirkte. Als Malfoys Schatten schließlich über den Tisch glitt, hob Severus langsam den Kopf. Das Fackellicht ließ das Weißblond glänzen wie eine Silberschicht. Natürlich sah er makellos aus, als wäre auch dieser Auftritt einstudiert. Severus spürte den altbekannten Stich von Bitterkeit. Und doch war er hier. „Setz Dich.“, murmelte Severus leise. Es war eher der Versuch, sich nicht wie ein gehorsamer Schüler zu fühlen. Er hatte sich hierher gesetzt, weil er wusste, dass Malfoy bestimmt nicht scharf darauf war mit ihm gesehen zu werden und genau deshalb musste er ihm nun zeigen, dass er nicht nur die Rolle des dienenden Helfers übernahm. Sein Blick glitt über die Pergamentrolle, wahrscheinlich der „in den Sand gesetzte“ Aufsatz, den er nun retten sollte. Ein Teil von ihm verspürte Genugtuung. Malfoy, der von allen angehimmelt wurde, kam zu ihm, Severus Snape, dem Außenseiter. Er richtete sich etwas auf, indes waren seine Schultern angespannt. „Zeig mir, was Du geschrieben hast.“, sagte er schließlich ohne ihn anzusehen. Seine Stimme war kühl, doch in seinem Inneren tobte es. Er wollte helfen, weil es ihm Macht gab. Er wollte es verweigern, weil er sich nicht benutzen lassen wollte. Und zugleich wollte er es mehr, als er sich eingestehen konnte. Dass dieser Abend der Anfang von etwas war, das ihn aus seiner Einsamkeit herausriss.

  • Anders war es bei Lucius. Der Blonde hatte stets höchste Anerkennung und beste Erziehung erfahren. Er wurde wie der lang ersehnte Prinz der Familie behandelt. Man las ihm jeden Wunsch von den Lippen ab, stutzte ihn jedoch mit väterlicher Strenge zurecht, wenn er drohte, aufmüpfig zu werden. Jegliche Form der Rebellion wurde im Keim erstickt mit Aufmerksamkeits-Entzug. Keine Aufmerksamkeit zu bekommen war für Lucius die Höchststrafe, auch heute noch. Weil er am eigenen Leib erfahren hatte, wie sehr Ignoranz schmerzte, strafte er auch seine Handlanger damit. Wenn der redselige Lucius kein Wort mehr sagte, wusste jeder um ihn herum, dass ein Gewitter aufzog. Dass die Ruhe vor dem Sturm die erste Etappe einer langen Reihe von Bestrafungen war. Die Allüren eines Prinzen hatte er nach Hogwarts mitgebracht. Davor war es Durmstrang gewesen, wo er die ersten Schuljahre residierte, bevor seine Mutter im vierten Schuljahr eine Versetzung nach Hogwarts bewirkte, um ihren Goldjungen näher bei sich zu haben. Mütterliche Fürsorge war ja so einengend! Dies war der Grund, weshalb Lucius nicht von Anfang an miterlebt hatte wie Severus von den Gryffindors gepeinigt wurde. Warum er nicht fiel eher eingegriffen hatte, geschweige denn nicht eher mit schlechten Noten bestraft wurde und somit nicht die Notwendigkeit gesehen hatte, sich mit Severus zu verbünden. Dies war nun sein zweites Jahr in Hogwarts und mittlerweile wusste er besser als jeder andere Schüler wie man das Spiel der Häuser spielte. Wie man Hauspunkte gewann auf kosten anderer Häuser. Kaum war er in Slytherin angekommen, schon hatten sie gegen Ende des Schuljahres den Hauspokal mit Abstand ergattert. Bloß die beliebteste Sportart Quidditch wollte ihm nicht so recht liegen. Er war - zu seinem Verdruss - kein begnadeter Besenflieger, also hielt er sich vom Spielfeld fern. Dies bedeutete jedoch nicht, dass er nicht auch dort seine Finger im Spiel hatte. Er fungierte quasi als indirekter Mannschafts-Kapitän, indem er die Spieler auswählte und mit bestem Equipment ausstattete. Wenn man sich nicht mit ihm gut stellte, hatte man keinerlei Chance, je ins Slytherin-Team aufgenommen zu werden.

    Kriecherische Unterwürfigkeit war er also mehr als gewöhnt. Ihm lag die Welt zu Füßen und nur selten fanden sich in ihr Kakerlaken wie Potter wieder, die ihm Paroli boten. Aber auch das genoss er, denn es brauchte Feinde, um an ihnen zu wachsen. Wahre Stärke wuchs aus Leid hervor, nur deshalb duldete er Potter und die Marauders in seinem Königreich. Sie waren die Hofnarren, die dem König gelegentlich auf der Nase rumtanzen durften um die Laune beim Pöbel hochzuhalten. Allmählich aber strapazierten sie seine Toleranz zu sehr über, weswegen er mit dem Gedanken spielte, sie ans Messer auszuliefern und als unzumutbar für die gesamte Schülerschaft gegenüber der Schulleitung zu erwähnen. Als Vertrauensschüler, den Posten hatte er seit Kurzem inne - stand ihm dieses Recht zu, Handlungsempfehlungen zum Wohle der Schüler auszusprechen. Noch aber waren sie ihm zweckdienlich, solange er sich Dank ihres tyrannischen Verhaltens vor Severus als großen Helden aufspielen konnte. Wenn sie nicht wären, gäbe es für Severus keinen Grund, sich mit Lucius zusammen zu tun und ihm in Zaubertränke zu helfen. Und wer weiß, vielleicht fand das vernachlässigte Halbblut sogar Gefallen daran, Teil von Lucius Sonnensystem zu sein, sodass er das Einzelgängertum bereitwillig gegen Ansehen, Macht und Einfluss eintauschte. Lucius konnte ein Sprungbrett in höhere Gesellschaftskreise für ihn sein, sofern er bereit war, ihm in den Arsch zu kriechen so wie es die anderen taten.

    Die, mit dem kleinsten Selbstbewusstsein, hatte der Blonde ohnehin am liebsten. Sie dursteten regelrecht nach seiner Anerkennung, weil er ihnen das gute Gefühl gab, nicht ganz so wertlos zu sein wie man sie ihr Leben lang glauben lassen hatte. Leider waren diese jämmerlichen Gestalten selten talentiert genug, um ihm dauerhaft von Nutzen zu sein. Severus hingegen war ein ungeschliffener Diamant in dieser trostlosen Wüste aus Versagern. Er besaß ein Talent, das Lucius in seiner Sammlung noch fehlte, und war zudem auf eine faszinierend düstere Weise geheimnisvoll, die Lucius betörend fand. Welche Dämonen den Außenseiter wohl plagten? Dessen tragische Biografie war ihm vage bekannt. Die Eckdaten hatte er rasch ausfindig machen können, aber was bewegte Severus tief in seinem Inneren? Was motivierte ihn? Was begehrte er? Das musste der Blondling noch herausfinden. Je mehr er über ihn erfuhr, desto mehr Kontrolle hatte er über ihn.

    Severus zögerte und Lucius genoss es. Es spannte ihn auf eine bisher unbekannte Weise auf die Folter. Er wollte zu gerne wissen, wie der Schwarzhaarige sich entschied. Für ihn oder gegen ihn. Andere mussten keine Sekunde überlegen, ob sie mit dem 'Teufel' paktierten. Severus aber war nicht halb so dumm wie die anderen. Allein das machte ihn schon zu etwas Besonderem. Bei ihm würde Lucius an seine Grenzen stoßen. Bei ihm würde er sein Bestes geben müssen, um zu bekommen, was er wollte.

    "Fantastisch!", frohlockte er schließlich über die Zusage, als hätte sein Schwarm just seine Einladung zum Abschlussball angenommen. "Du wirst es nicht bereuen", setzte er nach, was zugleich eine Drohung als auch ein Versprechen sein konnte. Damit verließ er Severus, jedoch nicht ohne den versprochenen Geleitschutz bei ihm zu lassen - zwei bullige Slytherins behielten ihn im Auge ohne ihm auf die Pelle zu rücken. Wie zwei unscheinbare Schatten blieben sie in seiner Nähe, weit genug entfernt damit er sich nicht belästigt fühlte. Nah genug, damit sie jeden Moment eingreifen konnten, wenn es nötig war. Es waren Lucius besten Duellanten, die er dem Schwarzhaarigen auf unbestimmte Zeit ausleihte und die für ihn die Drecksarbeit machen würden, wann immer Severus es wollte. Manchmal würde Lucius dabei sein, seinen neuen Schützling begleiten, allerdings nicht immer. Schließlich war er ein vielbeschäftigter Vertrauensschüler, der die Geschicke der Slytherins rund um die Uhr zu lenken hatte.

    Obwohl sie sich vom Ort des Geschehens flanierend entfernt hatten, war der Abstand zwischen Lucius und dem Tatort nicht groß genug. Er musste zusehen, dass er mit den versteinerten Gryffindors nicht in Verbindung gebracht wurde, weshalb er schnellen Schrittes das andere Ende des Schulgeländes aufsuchte. Normalerweise stand er voller Stolz zu seinen (Schand-)Taten, nicht aber dann, wenn Slytherins Hauspunkte auf dem Spiel standen. Eine Schande war das, dass sie sich in ihrer Freizeit nicht offen duellieren durften - in Durmstrang war das Gang und Gebe. Die übervorsichtigen Lehrer Hogwarts nannten dies einen Regelverstoß, er natürliche Selektion. Seiner Meinung nach war es nur natürlich, wenn sie ihre Kräfte außerhalb des Unterrichts maßen. Nur so konnten sie eine Rangordnung festlegen, die richtungsweisend für ihre Zukunft war. Das Leben dort draußen in der echten Welt fernab der Schule war immerhin ein ewiger Kampf ums Überleben, egal ob im Beruf, in der Familie oder in der Politik. Ständig wurde man miteinander verglichen und nur die Besten wurden für Führungspositionen auserwählt. Wenn sie nicht im Jugendalter lernten, sich zu behaupten, würden sie es nie lernen. Der Stärkere gewinnt, das hatten sogar die primitiven Muggel erkannt. Also gewann Lucius, koste es, was es wolle.

    Mit Verspätung betrat er die Bibliothek. Er ließ andere absichtlich auf ihn warten, um zu verdeutlichen, dass er am längeren Hebel war. Sein Hofstab hatte auf ihn und seinen königlichen Auftritt zu warten und sich geehrt zu fühlen, wenn er den Pöbel mit seiner Gegenwart beehrte. Es brauchte eben seine Zeit, im Gemeinschaftsraum nach dem Rechten zu sehen und sich im Anschluss für (private) Verabredungen zurecht zu machen. Man sollte es ihm also nachsehen, wenn er sich verspätete. Es konnte eben nicht jeder den ganzen Tag in der Bibliothek Bücher wälzen wie ein gewisser Jemand, der sich wie so oft in die Schatten zurückgezogen hatte, wo ihn niemand finden konnte. Niemand, bis auf Lucius, der gut gelaunt den Gang entlang schlenderte in seinen frisch polierten Lackschuhen, die im Fackelschein hochwertig glänzten. Knapp über dem steinernen Boden wehte sein wallender Umhang hinter seiner schlanken Gestalt her, die wiederum in den maßgeschneiderten Anzug eines Vertrauensschülers gekleidet war. Das matte Giftgrün des kostspieligen Materials war hier und da mit goldenen Akzenten verziert, die perfekt mit seinem prunkvollen Goldschmuck an Fingern und Hals harmonierten. Lucius welliges Haar war geglättet und ordentlich drapiert worden, es schimmerte weißgold, wenn das Kerzenlicht sanft darauf fiel. Neben dem Abzeichen des Vertrauensschülers, prangten auf seiner Brust noch das Slytherin-Emblem sowie die Anstecknadel mit dem Familienwappen der Malfoys. In seiner gestriegelten, hochkarätigen Aufmachung konnte man Lucius wahrlich für den Prinzen eines uralten Adelsgeschlechts halten. Wie gewöhnlich steckten seine grazilen Hände in schwarzen Lederhandschuhen als müsste er diese vor dem allgegenwärtigen Dreck der Schlammblüter schützen. Er nahm sie nur ab, wenn er sich in den geschlossenen Räumen der Slytherins befand. Oder bei sich daheim.

    "Ah, hier steckst du. Hätte mir gleich denken können, dass du dich in der hintersten Reihe versteckst", witzelte der Blonde, womit er zugleich den vermeintlichen Grund für seine Verspätung nannte - er hatte den 'Fürst der Finsternis' überall zwischen den meterhohen Bücherregalen suchen müssen. Entgegen Snapes Vermutung hatte Lucius kein Problem damit, sich mit ihm in der Öffentlichkeit zu zeigen. Immerhin war jener kein Schlammblut. Wenn der sich aber im Abseits wohler fühlte, konnten sie bleiben, wo sie waren, obschon der Malfoy-Prinz lieber im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. Severus jedoch verlangte nun von ihm, dass er nicht stand, sondern sich setzte, woraufhin Lucius vergnügt die Lippen kräuselte. "Mhm, so herrisch? Gefällt mir." Es war ein Versuch, die angespannte Stimmung aufzulockern. Severus sollte nicht eingeschüchtert sein von Lucius Erscheinung. Er wollte, dass sich der Schwarzhaarige in seiner Gegenwart wohl fühlte, damit er sich auch in Zukunft gern mit ihm abgab. Nur so konnte ihre Zusammenarbeit funktionieren.

    In einer galanten Bewegung ließ er sich neben Severus nieder und breitete seine Schreibutensilien auf dem Tisch aus. Dicht gefolgt vom Pergament der Schande, das er sorgfältig ausrollte und gut sichtbar für sie beide ablegte. Sogleich bezog er sich auf die rot markierten Stellen von Professor Slughorn. "Der alte Tattergreis behauptet, ich hätte das Thema verfehlt. Angeblich ging es nicht darum, Veritaserum als Verhörungsmethode zu idealisieren, sondern zu kritisieren. Ich sollte die Nachteile einer solchen Verhörungstaktik benennen, nicht die Vorteile. Außerdem habe ich die Zubereitung nicht präzise genug beschrieben…" Er verdrehte die Augen. Dass in Hogwarts aber auch jeder Unterricht einen moralischen Aspekt beinhalten musste, nervte ihn extrem. Was war schon dabei, einem Verdächtigen Veritaserum einzuflößen? Es war ja nicht so als würde man denjenigen vergiften… Eine effizientere und zuverlässigere Methode, an die Wahrheit zu gelangen, gab es wohl nicht. Nicht einmal Folter… In Durmstrang hätte man den Einsatz von Veritaserum gut geheißen.

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    2 Mal editiert, zuletzt von Rustin (2. Oktober 2025 um 19:18)

  • Unfreiwillig zuckten seine Mundwinkel, als er die Worte des Schönlings vernahm. Herrisch gefiel ihm. Doch er war nicht hier, um Charaktereigenschaften auszutauschen und einen Freund zu finden. Sogleich zog er das ausgerollte Pergament an sich heran, wobei der kleine Finger des Syltherins einen Atemzug lang an seiner Hand ruhte. Noch während Malfoy sich großspurig ausließ begann er zu lesen.

    Er hatte das Pergament noch nicht zur Hälfte überflogen, da wusste er schon, woran es kränkelte. Die Sätze waren zwar dicht, doch inhaltslos. Jeder Abschnitt glänzte oberflächlich, zerbrach jedoch, sobald man ihn gegen das Licht hielt. Malfoy hatte sich darin bemüht, die Wirkung von Veritaserum zu loben, als wäre es das eleganteste Mittel, Wahrheit aus einem Mund zu zwingen. Doch in einem Fach wie Zaubertränke, das auf Präzision beruhte, wie etwa dem winzigen Unterschied zwischen einem Tropfen und zwei, da entlarvte sich Ungenauigkeit sofort. Langsam fuhr er mit der Fingerspitze über eine Passage, in der Lucius langatmig schwadronierte, dass Veritaserum „in seiner Reinheit das denkbar vollkommenste Mittel“ sei, um einen Verdächtigen der Lüge zu entlarven. Severus kniff die Augen zusammen. Reinheit. Ein Wort, das Malfoy sicher liebte. Slughorn hatte Recht. Die Aufgabe war nicht gewesen, das Serum zu idealisieren, sondern zu kritisieren. Nachteile aufzuzeigen. Risiken. Doch kein Wort stand hier über die Folgen, wenn man die Dosis nicht genau abmaß. Kein Wort über die Möglichkeit, dass sich das Opfer schlicht in Bewusstlosigkeit flüchtete. Kein Hinweis darauf, dass starke Zauberer mit Willenskraft die Wirkung umgehen konnten, oder dass zu langes Wirken das Gedächtnis verwischte und die „Wahrheit“ damit brüchig wurde. Severus wusste all das. Er wusste, wie hauchdünn die Grenze war und wie gefährlich ein Tropfen zu viel werden konnte. Er hatte die alten Texte studiert und die verstaubten Aufzeichnungen durchforstet, in denen Fälle dokumentiert waren, wo Veritaserum nicht zur Wahrheit führte, sondern zu Wahnsinn. Opfer, deren Zungen so lange gebunden wurden, bis sie nur noch Kauderwelsch hervorbrachten. Wahrheiten, die nie wieder zu prüfen waren, weil der Geist sich in Nebel auflöste.

    Er erinnerte sich an eine Notiz, die er einmal im Regal der Verbotenen Abteilung entdeckt hatte - dass Veritaserum nicht die Wahrheit selbst hervorbrachte, sondern nur das, was der Befragte glaubte, die Wahrheit zu sein. Ein Unterschied, der in der Praxis über Leben und Tod entscheiden konnte. Denn was, wenn ein Verdächtiger sich irrte? Was, wenn er überzeugt war, ein Mord begangen zu haben, den er nicht begangen hatte? Wahrheit war kein Gebilde, das man mit ein paar Tropfen Serum aus dem Gehirn eines Menschen ziehen konnte. Wahrheit war fragmentarisch und doch tat Malfoy so, als könnte man sie abfüllen wie Wasser in eine Phiole.

    Severus’ Lippen verzogen sich zu einem angedeuteten Lächeln, doch dieses war hart und bitter. Das ist Dein Fehler, Malfoy. Und dann diese Zubereitung… Er konnte kaum hinsehen. Die Anweisungen waren vage, fast fahrlässig. Das war keine Rezeptur, das war ein Todesurteil. Wer so arbeitete, hatte das Fach nicht verstanden. Er erinnerte sich an seine eigenen Versuche, an die Nächte über dem Kessel, in denen er Tropfen für Tropfen abgemessen hatte, die Dämpfe in der Nase. Zaubertränke verlangten Präzision, kein schwammiges Gerede. Es war ein Tanz auf Messers Schneide. Ein Tropfen mehr und der Trank wurde instabil, ein Tropfen zu wenig und er verlor seine Wirkung. Er strich mit der Feder eine ganze Passage durch und schrieb kühl, fast hingerissen von seinem eigenen Wissen. Dosisangabe ungenau. Wirkung gefährlich unberechenbar. Präzise Mengenangabe notwendig, mindestens in Tropfen. Darunter setzte er sein Urteil. Unbrauchbar.

    Die Feder kratzte weiter, setzte Anmerkungen an den Rand, sowie Ergänzungen und kleine Hinweise auf Quellen, die Malfoy gewiss nie aufgeschlagen hatte. Alte Schriften, die er selbst heimlich gelesen hatte, Texte über die moralische Fragwürdigkeit, über die politische Gefahr, wenn das Ministerium mit Serum arbeitete, als wäre es ein Werkzeug wie jedes andere.

    Severus merkte, wie er in den Fluss geriet und vergaß dabei den Blonden neben sich beinahe. Der Ärger über die Fehler verwandelte sich in eine Art fiebrige Klarheit. Seine Gedanken formten sich, verbanden sich wie Zutaten, die zu einer neuen Substanz wurden. Es war sein Element, das geordnete Reich der Worte und Ideen, die er wie Zutaten zerkleinern, abmessen und neu zusammensetzen konnte. Und während er schrieb, fühlte er Lucius’ Präsenz neben sich wie einen zweiten Schatten. Überragend, ja, und doch in diesem Moment abhängig von ihm. Abhängig von ihm, Severus Snape. Ein Teil von ihm wollte diesen Augenblick auskosten. Er hielt inne und betrachtete die schwarzen Buchstaben auf dem Pergament. Die Handschrift war seine und doch würde am Ende Malfoys Name darunter stehen. Vielleicht war das der Preis, den er zahlen musste, um nicht länger unsichtbar zu sein. Er legte die Feder zur Seite und sein schwarzer Blick legte sich langsam in den des Anderen. „Jetzt..“, murmelte er kaum hörbar. „.. hat es Substanz.“ Mit diesen Änderungen, mit dieser Schärfe, würde der Professor nicht nur zufrieden sein, er würde strahlen. Und sicher würde er auch Malfoy strahlen lassen, wenn dieser weiterhin ablieferte. Slug Club. Das Wort tauchte ungebeten in seinen Gedanken auf, so widerlich süß, dass es ihm auf der Zunge brannte. Severus hatte diesen Zirkel von Anfang an gehasst. Diese Runde aus goldenen Kindern, die mit teuren Namen, gutem Benehmen und schmeichelnden Geschichten in Slughorns Kaminzimmer saßen, Wein tranken und sich sonnten in der Aufmerksamkeit. Sie klopften einander auf die Schultern, als hätten sie schon die Welt unter sich. Und manchmal, ganz selten, hatte Severus an der Tür im Schatten gestanden, wenn Slughorn Schüler eingeladen hatte, die sein Lob verdienten. Nie war sein Name gefallen. Nicht einmal dann, wenn er einen Trank gebraut hatte, den die anderen nicht einmal zu verstehen vermochten. Nicht einmal, wenn er Fragen beantwortete, die niemand sonst beantworten konnte. Er war nicht blind, er wusste, warum.

    Er hatte es sich eingeredet, dass er es eh nicht wollte. Dass er über solchen Dingen stand. Doch die Wahrheit war, dass er sich danach sehnte. Nicht nach ihren Lügen, aber nach dem Gefühl, dazuzugehören. Nach einem Platz am Tisch, an dem sein Können nicht nur bemerkt, sondern gefeiert wurde. Obgleich er wusste, dass er diesem Ideal nicht entsprach, so fühlte er, wie ein anderes, gefährlicheres Gefühl sich in ihm regte. Übermut. Eine Idee, die ihn reizte. Wenn Malfoy so abhängig von ihm war, wenn sein Glanz so sehr an Severus’ Substanz hing, warum sollte er sich seinerseits mit einem Platz im Schatten zufriedengeben? Warum sollte er sich nicht nehmen, was er wollte? Er spürte, wie sich seine Lippen zu einem dünnen, bitteren Lächeln verzogen. Lucius glaubte, er benutzte ihn. Aber vielleicht, nur vielleicht, war es umgekehrt. Vielleicht war dies der erste Schritt, sich nicht länger zu verstecken, sondern gesehen zu werden. Durch die Augen eines Malfoy, durch die Tür des Slug Clubs, durch den Funken von Anerkennung, den er sich seit Jahren erträumte. Als er bemerkte, dass er sich in seinen Gedanken verlor, räusperte er sich kurz und hob seine Finger von dem Pergament. Sein Blick ruhte weiterhin in dem des Anderen, Gefahr laufend sich darin zu verlieren. „Du verstehst nicht.“, begann er, schließlich fest. Die Finger seiner rechten Hand trommelten gegen die Tischkante, als wollten sie den Rhythmus seiner Gedanken greifen. „Ein Trank ist kein Rezept, das man nachkocht wie eine Suppe. Es reicht nicht, die Zutaten aufzuschreiben und die Reihenfolge zu kennen.“ Er merkte, wie er sich in die Worte hineinsteigerte, wie seine Stimme gleichzeitig schärfer wurde, von einem Funken getrieben, den er sonst tief in sich verschloss. „Es ist… präziser. Es ist Wissenschaft und Kunst zugleich. Jeder Tropfen verändert das Ganze. Ein einziger Fehler, und aus einem Heilmittel wird ein Gift. Du kannst nicht einfach ‚klar erhitzen‘ hinschreiben. Was heißt klar? Klar wie Wasser? Klar wie Glas? Jeder Kessel zeigt Dir etwas anderes. Man muss es sehen, man muss es spüren, sonst brennt alles nieder.“ Severus hörte sich selbst und merkte, wie der Monolog ihm entglitt, fast als würde er im vertrauten Schutz seines eigenen Zimmers reden. Leidenschaft flackerte in seiner Stimme, doch dann kam dieser Moment, in dem er spürte, dass er zu viel zeigte, mehr, als er sollte. Er brach abrupt ab, die Zähne zusammengepresst und senkte den Blick wieder aufs Pergament. „…es genügt nicht, nur hübsche Worte aufzuschreiben.,“ fügte er hinzu, wobei seine Stimme die gewohnte Bitterkeit trug. „Nicht bei Zaubertränken. Vielleicht sollten wir die Nachhilfe in den Unterrichtsraum verlegen, dann zeige ich Dir, wie man einen richtigen Trank braut. Ich weiß, dass Slughorn demnächst das Euphorie-Elixier thematisieren wird.“

  • Es gehörte zu seiner Strategie mit wohlplatzierten Gesten und Schmeicheleien seine 'Opfer' zu umwerben. So schaffte er die Illusion von Vertrauen. Zuneigung machte vor allem ausgestoßene Einzelgänger willig. Er spielte mit ihrer emotionalen Vernachlässigung wie eine Katze mit der Maus. Gaukelte ihnen Sympathie vor. Dabei bedeuteten sie ihm rein gar nichts. In Tat und Wahrheit gab es sehr wenige Personen, die ihm wichtig waren. Denen er zugetan war. Dazu gehörten in erster Linie seine Eltern. In Durmstrang hatte es jemanden gegeben, der ihm annähernd ein Freund gewesen war, hier jedoch nicht. Er hatte in Hogwarts schnell Anschluss gefunden, wohl wahr, nicht aber einen echten Freund, keinen Vertrauten. Und das nur, weil ihm bislang niemand gut genug für diesen Posten war. Wer so viele Geheimnisse und Abgründe besaß wie er, der wählte seine Freunde mit äußerster Sorgfalt. Freundschaft machte angreifbar, aber auch stärker, wenn man füreinander einstand und sich nicht im entscheidenden Moment in den Rücken fiel.

    Severus war sein neustes Projekt, deswegen machte er sich ohne Umschweife daran, ihn zu studieren. Er wollte sehen, worauf dieser positiv reagierte und worauf negativ. Lob, das hatte er sehr früh gemerkt, traf bei Severus auf fruchtbaren Boden. Aber wie stand es um Berührungen? War er für Aufmerksamkeiten dieser Art genauso empfänglich? Die flüchtige Begegnung ihrer Hände beim Pergament-Wechsel geschah wie ausversehen. Tatsächlich hatte Lucius sie provoziert, aus Neugier, aus Belustigung. Seine Mitmenschen aus dem Konzept zu bringen, war seine große Leidenschaft. Die menschliche Psyche hatte ihn schon immer wahnsinnig interessiert. Schon früh hatte er verstanden, dass psychische Kontrolle mächtiger war als physische. Pragmatische Wissenschaften lagen ihm dagegen weniger. Deswegen konnte er mit Formeln oder Rezepten nicht viel anfangen. Sie ließen wenig Raum für Interpretation, Manipulation oder Spekulation. Dort war exaktes, präzises Arbeiten und Hantieren mit diversen Parametern gefragt. Kochen war nicht gleich Kochen. Schneiden nicht gleich Schneiden. Mischen nicht gleich Mischen. Dazwischen gab es unwahrscheinlich viele Abstufungen, die sich in minimalen Schwankungen voneinander unterschieden. Lucius hasste es. Diese Haarspalterei - nein - Erbsenzählerei machte ihn wahnsinnig! Umso wichtiger, dass er sich jemanden mit Ahnung heran schaffte, wenn schon sein Charme beim zuständigen Professor auf taube Ohren stieß. Dass das so war, wurmte ihn nach wie vor. Was hatte Slughorn bloß gegen ihn?

    Ähnliches fragte sich vermutlich auch Severus, der zwar fachlich brillierte, aber trotzdem nicht zu Sluggys Lieblingen gehörte. Lucius konnte sich schon denken woran das lag. Wahrscheinlich konnte Horace es nicht ertragen, dass ein Schüler sein Handwerk besser beherrschte als er. So jemanden wollte er nicht auch noch in seinem Club um sich haben müssen. Es genügte, im Unterricht daran erinnert zu werden, dass es einen besseren Zaubertränke-Brauer gab als ihn. Wenn sich aber Severus und Lucius erst zusammen taten - ihre Vorzüge miteinander verbanden - dann hatte Horace keine andere Wahl als ihnen die Tür zu seinem Club zu öffnen - aufzuhalten! Sollten dennoch alle Stricke reißen, gab es immer noch Plan B: der mediale Rufmord von Horace Slughorn.

    Lucius sah seinem Nebenmann genau dabei zu wie der seine Korrekturen und Ergänzungen runterschrieb als sei er voll in seinem Element. In eine regelrechte Schreibwut verfallen, verfasste er in kürzester Zeit eine gänzlich neue Version des Aufsatzes. Als Dreingabe gab es eine Belehrung an den Pfuscher Lucius, der die Kunst des Tränke-Brauens nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit zu würdigen schien. Ein dünnlippiges Lächeln, um Freundlichkeit bemüht, zeichnete sich in seinem hochmütigen Antlitz ab, das selbst jetzt noch wie frisch gestriegelt anmutete. Nachdem ihm der Klassenkamerad das überarbeitete Pergament ausgehändigt hatte, überflogen seine silbergrauen Augen die ordentlich geschriebenen Zeilen. Ein Stirnrunzeln begleitete das Prozedere. "So gesehen ist es wohl besser, dass Veritaserum beim Verhör nicht zum Einsatz kommt.", ließ er sich von Severus' auferlegten Meinung eines Besseren belehren. "Weißt du, in Durmstrang hatte ich Zaubertränke nicht belegt. Dort ist es ein Wahlfach." Das als Erklärung dafür, warum er sich in Hogwarts mit Zaubertränke so schwer tat und Severus' Begeisterung für die einzelnen Komponenten des Fachgebiets nicht teilen konnte. Ähnlich verhielt es sich mit Verteidigung gegen die dunklen Künste. Jenes Fach stand dort erst gar nicht auf dem Lehrplan. Stattdessen wurden die dunklen Künste gelehrt und das mit Stolz. Dies war unter anderem der Grund, warum der Blonde keinen Patronus heraufbeschwören konnte. In ihm lauerte zu viel Dunkelheit.

    Sein Aufsatz war also tatsächlich mangelhaft und nicht einfach aus Willkür oder einer Laune heraus schlecht bewertet worden. Das passte Lucius gar nicht. Geprägt von seinen schulischen Anfängen in Durmstrang sowie seinem familiären Hintergrund, zählten für ihn andere Tugenden als für Hogwarts-Veteranen. Lucius mochte sich rasch in sein neues Schulleben integriert haben, doch er tat sich nach fast zwei Jahren immer noch schwer mit den hohen moralischen Standards von Hogwarts.

    Den Blondling imponierte, wie passioniert Severus von den Feinheiten des Tränke-Brauens sprach. Wie er mit Intellekt glänzte statt mit Rang, Namen oder Reichtum. Lucius dagegen glich Unwissenheit mit ausufernder Rhetorik aus. Er schwadronierte und paraphrasierte, wenn er fachlich nicht weiterkam. Dies dürfte dem Halbblut nach Sichtung des verpatzten Aufsatzes auch aufgefallen sein. Seinen Kommentar dazu, dass man mit schönen Worten nicht jedes Defizit ausgleichen konnte, parierte Lucius mit ähnlicher Schärfe: "Und doch bist du nicht in Sluggys Club. Warum nicht? An deinen Fähigkeiten kann es wohl kaum liegen." Ein feiner, aber gemeiner Zug umspielte seine Mundwinkel. "Wir beide wissen, dass du mehr auf dem Kasten hast als der alte Slughorn. Deine bloße Anwesenheit im Unterricht erinnert ihn an sein eigenes Unvermögen. Seine Gunst wirst du nicht erlangen, indem du ihn mit seinen eigenen Waffen schlägst. Oh nein, Severus. Was Sluggy will, ist, von einem Überflieger wie dir umgarnt zu werden. Er will, dass du seinem angeknacksten Ego schmeichelst. Er w i l l schöne Worte von d i r hören." Und das wiederum war etwas, das Lucius bestens beherrschte und wovon Severus sich eine Scheibe abschneiden konnte. Mit einem Wischen seines Zauberstabs über das Schriftstück, passte er Severus Handschrift an seine an. Wandelte dessen Ausdrucksweise in seine um, damit Slughorn beim Lesen keinen Verdacht schöpfte. "Habe ich in Durmstrang gelernt", verkündete er stolz, woher der Zauber kam.

    "Ausgezeichneter Einfall. Aber nicht mehr heute. Ich muss noch nach Hogsmead", vertagte er den praktischen Teil des Nachhilfe-Unterrichts auf morgen. Indes stand er auf und packte seine Sachen zusammen. Wie bei einem plötzlichen Sinneswandel lud er den Stubenhocker dazu ein: "Willst du mitkommen? Allerdings nicht in diesem Aufzug." Wer sich außerhalb der Schule mit Lucius sehen lassen wollte, der musste sich standesgemäß kleiden. Eine schlichte Schuluniform war nicht ausreichend.

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  • Severus’ Schwarze Augen verengten sich bei den ersten Worten des Charmeurs. „Und doch bist du nicht in Sluggys Club…“ Es glich einem sauber gesetzter Stich, genau dort, wo er wusste, dass er traf. Perfekt in Szene gesetzt so wie alles an ihm. Natürlich hatte Malfoy recht, er war nicht in diesem Kreis auserlesener Talente. Aber nicht, weil er zu wenig konnte. Nein, im Gegenteil. Slughorn konnte ihn nicht in diesem Kreis ertragen, weil er ihm zu sehr die eigene Mittelmäßigkeit vor Augen führte. Jeder Unterricht war ein Spiegel und in diesem Spiegel glänzte nicht der Professor, sondern er selbst. Das jedenfalls war es, was Malfoy gerade versuchte ihm Glauben zu machen. Dass Malfoy es aussprach, machte es nicht leichter.

    Snape spürte die Spitze in seinen Worten, genauso das Gift, das Malfoy so beiläufig versprühte. Für Andere hätte es gereicht, sie in die Knie zu zwingen, allein weil es aus dem Mund eines Malfoys kam, triefend von generationsalter Selbstgewissheit. Doch Severus fühlte nichts als ein leises, fast gelangweiltes Zucken in seiner Brust. Er war an Gemeinheiten gewöhnt, ebenso an Demütigungen, die roher und weitaus grausamer waren. Wenn sein Vater die Faust erhob, war weder ein Wort vorweg nötig, noch ein süßes Lächeln, das die Härte verkleidete. Wenn Potter ihn im Korridor hoch in die Luft schleuderte, geschah es unter dem johlen der Menge. Malfoys Arroganz dagegen glich fast einem Schauspiel. Nichts weiter als eine Inszenierung, die ihm die Illusion gab, gefährlicher zu sein, als er war. Nein, das konnte ihn nicht beeindrucken. Es reizte ihn allenfalls, weil er wusste, dass er den schönen Worten mit seinem eigenen Wissen etwas entgegensetzen konnte. Wer glaubte, ihn mit Gemeinheit beeindrucken zu können, hatte keine Ahnung, was für Wunden man ihm schon zugeführt hatte und wie er gelernt hatte, sie in Kraft zu verwandeln.

    Die Lippen des Halbblutes zuckten kaum merklich aufgrund der Aussage, dass Professor Slughorn schöne Worte zu hören vermochte. Schmeicheleien und Lügen. Ein Spiel, in dem er niemals gut sein würde. Aber warum sollte er auch? Warum sollte er sich erniedrigen, nur um einem alternden Fettwanst das Ego zu polieren? Seine Worte mussten nicht schön sein, sie mussten ehrlich sein. Sie sollten schneiden wie ein Skalpell. Und eines Tages würden sie sich daran schneiden, alle. Slughorn, Potter, Black, Malfoy selbst. Er brauchte ihre Gunst nicht. Sie würden ihn fürchten, wenn die Zeit kam. Ein leiser Funken in seinem Innern keimte auf. Ich werde nicht folgen, ich werde führen.

    Als Malfoy mit einer beiläufigen Bewegung seinen Zauber über das Pergament sprach, zuckte es in Severus’ Brust. Seine Handschrift verschwand und verwandelt sich sogleich in geschmeidige Schwünge, die nicht die Seinen waren. Ein Teil von ihm war beeindruckt von der Eleganz des Zaubers, doch stärker war der Stich, der ihn durchzuckte. Malfoy löschte ihn aus und verwandelte seine Worte in die Eigenen. Unsichtbar, wieder einmal. Es war, als hätte er ihm mit einem einzigen Schwung das Einzige genommen, das Severus wirklich besaß. Seine Handschrift, sein Wissen, seine Spur. Für einen Atemzug stellte er sich vor, wie es wäre, den Zauber umzukehren. Er hätte zweifelsfrei die Möglichkeit einen Spruch auszuführen, der erst einsetzte, wenn Slughorn das Pergament in den Händen hielt. Wie es wohl wäre, Malfoys Namen zu löschen, sein Pergament mit seiner eigenen Feder zu durchziehen, bis am Ende sein Werk prangte und niemand es mehr übersehen konnte. Die Fantasie war nur kurz, aber nicht unerheblich.

    Die Einladung folgte schnell. „Willst du mitkommen? Allerdings nicht in diesem Aufzug.“ Severus’ Augen blitzten kalt. Da war sie wieder, diese Arroganz, die ihn zugleich reizte und abstieß. Er wusste, dass er nicht so war wie Malfoy und dass er nie so makellos gekleidet und präsentabel wirken würde. Er hatte nicht die Garderobe, nicht das Gold, ganz zu schweigen von der Selbstverständlichkeit eines Reinblutes, das sich im Rampenlicht sonnte. Wenn er mit ihm nach Hogsmeade ginge, wäre es jedoch nicht Malfoys Anzug, der den Unterschied machte. Es wäre sein Wissen. Malfoys Strahlen nährte sich gerade von seinem Schatten. Jedenfalls dachte er das.

    Severus ließ die Feder langsam sinken und lehnte sich leicht zurück, so dass ihre Blicke sich trafen. „Vielleicht..“, sagte er langsam. „Aber mit Ausflügen wirst Du nicht lernen, wie man Tränke braut.“ Einen Atemzug lang ließ er eine Pause, ehe er den Blick wieder auf das Pergament senkte. „Trotzdem…“, seine Stimme war inzwischen wieder leiser und trug einen unüberhörbaren Widerwillen. „Trotzdem komme ich mit.“ Beinahe klang es wie ein Zugeständnis, aber in seinem Innern fühlte es sich anders an. Nicht wie Gehorsam, eher wie ein erster Schritt, seine eigene Position zu verschieben. Wenn Malfoy glaubte, ihn führen zu können, sollte er das ruhig glauben. In Wahrheit begann Severus längst darüber nachzudenken, wie er das Spiel selbst in die Hand nahm.

  • Nicht selten kürzte man mit Schmeicheleien einen steinigen Weg ab. Man kam schneller ans Ziel, wenn man sich Informationen oder Ähnliches mit ein wenig Süßholzgeraspel ergaunerte, statt es sich mühselig auf andere Weise zu erarbeiten. Lucius war fest davon überzeugt, dass man sich selbst nicht erniedrigte, wenn man einem anderen Honig ins Ohr träufelte. Es waren doch nur Worte. Schall und Rauch. Bisweilen sogar mächtiger als das Schwert. Die Kunst der Täuschung hatte seine Familie über Generationen hinweg perfektioniert. Ihr blaues Blut reichte bis ins Mittelalter zurück, wo sie Königen als Berater und Spione zur Seite standen. Ja, gar selbst Könige waren. Ein Soldat auf dem Schlachtfeld wäre nie so weit gekommen. Eher stach man ihn ab, als dass er sein Erbe über Jahrhunderte hinweg weitergeben konnte. Wer die Kunst des schönen Redens also unterschätzte, tat sich selbst damit keinen Gefallen. Das würde er dem Zweifler noch beibringen. Der Blonde sah wie es in seinem Gegenüber arbeitete. Wie er mit sich rang. Seine Prinzipien und Überzeugungen durchleuchtete. Es wollte ihm anscheinend nicht passen, dass er sich Lucius Methoden bedienen musste, wenn er je im Rang aufsteigen wollte. Wenn er aus den Schatten treten und Rampenlicht kosten wollte. Wenn er gesehen werden wollte… Schneidende Worte konnten mächtig sein, doch sie verschlossen einem mehr Türen als dass sie öffneten. Denn niemand wollte durch Worte verletzt werden. Schon gar nicht jene, die einem jede Tür öffnen konnten. Im Moment waren sie beide an Slughorns Tür interessiert, also galt es diese mit all ihrem Können zu öffnen, nicht einzuschlagen. Sie waren schließlich keine Trolle, sondern Gentleman. Ebendies musste Lucius seinem 'Troll' noch verständlich machen. Daher fuhr er unbeirrt fort: "Lass ihn wissen, dass du ihn bewunderst. Dass er dein großes Vorbild ist. Eine schöne Lüge bringt einem mehr Sympathiepunkte ein als die bittere Wahrheit. Niemand mag Besserwisser, Severus. Man nennt das auch 'soziale Kompetenz' und die - entschuldige meine Direktheit - hast du nicht. Daran sollten wir arbeiten." Deswegen die Einladung nach Hogsmead. Dort würde er Lucius in Aktion sehen und von ihm lernen können. Geselligkeit schaffte Beliebtheit. Beliebtheit wiederum Ansehen. Niemand wagte es, einen beliebten Schüler anzugreifen. Es sei denn dieser beliebte Schüler mischte sich in einen laufenden Konflikt ein…

    Der blonde (B)Engel hielt dem flüchtigen Blick seines Sitznachbarn Stand. Er hatte überhaupt kein Problem mit Blickkontakt. Seine Silber-Augen konnten ihrem Betrachter alles vorgaukeln, was dieser in ihnen sehen wollte; Zärtlichkeit, Sympathie, Akzeptanz, Bewunderung. Und noch vieles mehr…

    Seine Mundwinkel hoben sich in ein samtweiches Lächeln, als er erwiderte: "Nein, das werde ich in der Tat nicht." - beim Ausgehen das Tränke-Brauen lernen. "Dafür lernst du wie man nützliche Kontakte knüpft. Eine Hand wäscht die andere, hm?", gab er sich gönnerhaft wie ein Mäze, der für die geleistete Arbeit etwas zurückgeben wollte.

    "Vorher aber müssen wir deine Garderobe optimieren. Komm, ich leihe dir etwas von mir aus", damit ging er voraus und führte Severus in seine 'Privatgemächer' im Wohnbereich der Slytherins - in die Gemächer eines Vertrauensschülers. Als solcher besaß er das große Privileg, sein eigenes Reich zu haben. Nicht auszudenken, wenn er sein Zimmer mit drei anderen Schülern teilen müsste! Ein absoluter Albtraum für das verwöhnte Einzelkind!

    Wie der Gemeinschaftsraum war auch sein Privatgemach überladen mit dem Wappen des Hauses. Schlangen, so weit das Auge reichte. Matt-schwarzes Giftgrün war die einzige, zulässige Farbe, gespickt mit goldenen Akzenten. Der rechteckige Raum wurde dominiert von einem oppulenten Himmelbett aus dunklem Mahagoni. Aus dem selben Holz waren auch die restlichen Möbel angefertigt; Kleiderschrank, Kommode, Couch, Schreibtisch und Stühle. Hinter einem gusseisernen Paravent befand sich die kleine Nasszelle mit der üblichen Keramik. Wenn er ein üppiges Schaumbad genießen wollte, dann konnte er das pompöse Bad der Vertrauensschüler im fünften Stock nutzen. Alles in diesem Zimmer spiegelte Lucius extravagante Persönlichkeit wieder. Seine persönlichen Gegenstände waren von edelster Machart, die Dekoration atmosphärisch wie in einer gotischen Gruft und die Wandbehänge mitsamt Teppichboden erfüllt vom Geist der Vergangenheit. In der Luft hing ein schwerer Duft nach Moschus und Sandelholz. Wachs-ummantelte Kerzen in verschnörkelten Halterungen verströmten ein heimeliges Licht.

    Zielstrebig steuerte Lucius den großen Wandschrank an und öffnete die knarzenden Türen auf der Suche nach einem schlichten, aber eleganten Ausgeh-Outfit, das nicht nach 'armseliger Hogwarts-Schüler' schrie. Dass er nichts finden würde, das Severus wie angegossen passte - Lucius hatte eine zierlichere Statur als sein Begleiter - , war ihm von vornherein klar gewesen. Aber wofür gab es Zauber, mit denen man die Größe von Kleidung ändern konnte? "Wie gefällt dir das?", fragte der Blonde nach geraumer Zeit, wobei er ein ordentlich aufgebügeltes Set aus Hose und Weste herauszog. Beides in Schwarz mit schmalen Nadelstreifen und dezenter Naht. Zu der Weste gehörte ein schneeweißes Hemd aus robuster Seide. Die Manschettenknöpfe waren aus gebürstetem Silber - Gold wäre zu dekadent für eine introvertierte Person wie Severus. Davon ab sollte sein Begleiter ihm nicht die Show stehlen. "Heute Abend wollen wir nicht wie 15-jährige Schüler aussehen…", begründete Lucius die formelle Kleider-Wahl geheimnisvoll grinsend.

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  • Der Troll ließ sich seinerseits nicht von den Worten beeindrucken, die ihn überzeugen sollten, sich bei Slughorn einzuschleusen. Es war auch nicht so, dass Severus Snape glaubte, Lucius Malfoy würde ihm etwas vormachen. Dafür war er zu lange gezwungen gewesen, zwischen den Zeilen zu lesen. Lange bevor er das Wort Legilimentik überhaupt in einem Buch gefunden hatte, hatte er bereits geahnt, dass es eine Form von Magie geben musste, die sich zwischen der Oberfläche eines Menschen und seiner Seele verbarg. Eine, die er schon lebte, ohne zu wissen, wie sie hieß. Er konnte die Gedanken der Anderen zwar noch nicht lesen wie ein aufgeschlagenes Buch, nicht in voller Klarheit, aber er fühlte Dinge. Er bemerkte die Anspannung, wenn jemand log, gleichsam das nervöse Pulsieren eines Lächelns, das nicht echt war. Die Hast eines Atemzugs und manchmal flogen ihm einzelne Gedanken zu. Während Lucius davon schwadronierte, wie leicht es sei, Menschen zu lenken, hatte Severus längst begriffen, dass man sie nicht lenken musste, wenn man sie verstand. Dass man nur zu warten brauchte, bis sie sich selbst in die Richtung bewegten, in die sie ohnehin fallen würden. Und manchmal, da reichte ein klitzekleiner Schubs mithilfe dieser kostbaren Magie. Lucius glänzte in seiner Kunst der Manipulation, und gewiss, er war Nehru brillant darin, Menschen zu beherrschen. Mit Blicken und diesem Lächeln, das zur Waffe wurde. Aber Severus wusste, dass Arroganz nichts anderes war als eine dünne Schicht Lack, die über der Unsicherheit glänzte. Er war damit großgeworden, Arroganz zu durchschauen und die Worte eines Malfoy beeindruckten ihn nicht so, wie sie es sollten. Sie waren treffend, aber nicht tödlich. Er hatte Schlimmeres überstanden. Beinahe wiegte er sich in Sicherheit vor dem Charme. Lucius Malfoy konnte ihn nicht brechen, nicht mit Worten. Was ihn reizte, war nicht die Härte in seiner Stimme, sondern die Möglichkeit, die sie verhüllte.

    Unabdingbar lag seine Macht nicht in Rhetorik, sondern in der Präzision von Zaubern, die kein einziges Lehrbuch kannte. Schon als Erstklässler hatte er angefangen, Zaubersprüche zu verändern und sie zu biegen, sie zu verschärfen, bis sie das taten, was er wollte. Er schrieb sie in kleine, unscheinbare Hefte, füllte sie mit Notizen, Ergänzungen, Flüchen, die er an Rändern skizzierte, als seien es bloß Gedankenspiele. Doch wenn er nachts über ihnen brütete, wusste er, dass es mehr war als Spiel. Es war Schöpfung. Er erfand Waffen, wo andere nur Formeln sahen.

    Sectumsempra. Das war einer der Ersten. Ein Zauber, der aus nichts als Bitterkeit geboren wurde und aus dem unstillbaren Wunsch, ein einziges Mal etwas zurückzugeben. Er hatte ihn geschrieben wie ein Gedicht, das er nie laut vortragen würde und er wusste, dass er eines Tages die Gelegenheit haben würde, es auszuprobieren. Solche Dinge gaben ihm das Gefühl, nicht nur das Opfer zu sein. Lucius Malfoy konnte sich damit brüsten, wie leicht er jemanden zu einem Zugeständnis brachte. Aber Severus Snape hielt in seinen Fingern bereits Worte, die Fleisch zerschnitten.

    Es war ein Unterschied, den er nie laut aussprach, nicht einmal vor sich selbst. Doch innerlich wusste er, dass er gefährlicher war, als sie alle ahnten. Während Potter sich in den Gängen brüstete und Black mit seiner Unerschrockenheit glänzte, baute er sich in der Stille ein Arsenal, das subtiler und tödlicher war. Dass sie ihn auslachten und unterschätzten, half ihm nur. Je unscheinbarer er erschien, desto weniger vermutete jemand, dass er in Wahrheit über Sprüche verfügte, die selbst ein Erwachsener kaum beherrschte.

    Lucius war hübsch, seine Worte waren wirkungsvoll, aber es war nicht echt. Echte Macht lag nicht in einem charmanten Satz, sondern darin, den Faden eines Gedankens zu erhaschen, bevor er ausgesprochen war. Echte Macht lag in einem Zauber, den niemand kannte, der aber im richtigen Moment eine Kehle durchtrennte oder einen Feind verstummen ließ. Und doch konnte er nicht leugnen, dass Lucius ihn reizte, weil er spürte, dass ihre Kräfte sich ergänzen könnten. Der Gedanke, durch Malfoys Strahlkraft in den Slug Club zu gelangen, hatte ihn getroffen. Er wusste, dass er dort hingehörte, mehr als all die lachenden Kinder mit glänzenden Namen. Aber wenn sein Können allein nicht reichte, dann mochte es klug sein, sich den zu nehmen, der den Schlüssel besaß.

    Als er nun einen halben Schritt hinter dem jungen Lucius dessen Privatgemach betrat, staunte Severus nicht schlecht. Offenbar besaß der Vertrauensschüler nicht nur einen exzellenten, wenn auch für wahr leicht übertrieben, Geschmack was seinen Kleidungsstil betraf, auch sein privater Raum strotzte nur so von dem goldenen Löffel, mit dem der Malfoy offensichtlich gefüttert wurde. Augenscheinlich musste der Spross der Familie nichts für sein ausschweifendes Leben tun, seine bloße Existenz schien zu reichen, damit er all die Dinge bekam. Nicht, dass Severus großen Wert auf solche Dinge legte. Seine eigene Kleidung war oft aus zweiter, wenn nicht sogar dritter Hand und ließ sich an den meisten Stellen nicht einmal mehr zusammenflicken. Kein Wunder, dass sich Malfoy nicht mit solch einem verranzten Pöbel sehen lassen wollte. In Hogsmeade. Mit hochgezogenen Brauen betrachtete er die Wahl des Outfits und natürlich versetzte ihm das Wissen, dass er sich dergleichen niemals würde leisten können, einen gewaltigen Stich. Er fühlte sich gar klein neben Lucius, obwohl er ihm körperlich überlegen war.

    Wortlos, ihm hatte es schlichtweg die Sprache verschlagen und sein Selbstwertgefühl tanzte am Nullpunkt, griff er sich die gewählte Kleidung. Möglicherweise anders als sein Nachhilfeschüler wusste Severus den Wert zu schätzen. Bedächtig strichen seine Finger über den gar luxuriösen Stoff, während er sich innerlich zwingen musste, nach außen hin nicht zu offenbaren, wie klein er sich in seiner Erscheinung fühlte. Mit wild pochendem Herzen entledigte er sich seiner eigenen Kleidung, lediglich seine Unterwäsche behielt er an, was aber nichts daran änderte, dass ihm die Röte ins Gesicht, insbesondere in seine Wangen, schoss. Natürlich war es ihm unangenehm, sich vor seinem Klassenkamerad auszuziehen, obgleich es nichts gäbe wofür der Bursche sich hätte schämen müssen. Er hatte eine vernünftige Statur, wohl das einzige Gute was sein Erzeuger ihm vermacht hatte waren jene Gene, die dafür sorgten, dass er nicht besonders sportlich sein musste, damit man Muskelansätze unter seiner Haut erahnen konnte. Lediglich für einige Narben hätte es einen Grund gegeben, die sich über seinen Rücken zogen.

    Umständlich und hastig zog er sich die neue Kleidung über, die dank eines gemurmelten Spruches das Maß seines Körpers angenommen hatte. Nachdem er sich neben der Hose auch das Hemd übergezogen hat, befestigte er die silbrigen Manschettenknöpfe. Der Stoff umspielte seine blasse Haut und umschmeichelte seine Konturen. Solch ein Outfit hätte ihm den Ball sicher deutlich erleichtert.

    Mit einem Räuspern wandte er sich nach geraumer Zeit endlich wieder dem Blonden zu, während er sich die Weste überzog. Allein ein solches Outfit mochte dafür sorgen, sich dem überlegenen Gefühl hinzugeben, aber so nicht Severus. Seine Schultern waren gesenkt, während sich sein Blick schärfte. „Genügt das, damit der Pöbel sich mit Dir sehen lassen kann?“, entfuhr seine Lippen ein spöttischer Kommentar, bevor sich ehrliche Neugierde in seinen Blick legte. „Und aus welchem Grund wollen wir heute nicht aussehen wie 15 jährige Schüler?“

    Einmal editiert, zuletzt von Quasilotte (4. Oktober 2025 um 11:57)

  • So mächtig, so clever und doch so hilflos im Angesicht seiner Feinde. Was Snape wohl davon abhielt, seine selbst kreierten Flüche an Potter und die Anderen auszuprobieren? Warum schlitzte er sie nicht auf? Lucius hätte es längst getan, wenn er über den besagten Zauber verfügte. Warum ertrug er tagein, tagaus die demütigende Schmach, die man ihm auferlegte? Er hatte doch nicht etwa ein Gewissen, das ihn daran hinderte, seinen Feinden Schaden zuzufügen? Sich zu wehren? Für sich einzustehen? War sein Geist etwa stark, sein Wille aber schwach? Ein ewiges Mysterium, dieser Severus Snape. Hier und jetzt würde Lucius dieses Rätsel nicht lösen können. Noch nicht. Dafür brauchte es mehr Zeit und Verständnis. Zudem benötigte er alle Hintergrundinformationen über Severus, damit er ihn allumfassend analysieren konnte. Seine Ängste, Bedürfnisse und Hoffnungen. Bis dahin war es gewiss ein weiter Weg, doch der erste Stein war gelegt worden, in Form einer zweckmäßigen Kooperation.

    Jene Kooperation führte die Herren in die Gemächer des Vertrauensschülers, der sich alsbald ans Werk machte. Sie hatten schließlich nicht ewig Zeit fürs Trödeln - der Abend mochte noch jung sein, nicht aber der Tag.

    Die Ehrfurcht, mit welcher das Halbblut die Räumlichkeit sowie die Montur betrachtete, verschaffte Lucius die Genugtuung, die er brauchte, um sich gut, gar überlegen zu fühlen. Deswegen hatte er ihn hergebracht. Damit Severus ihn bewunderte. Beneidete. Damit er von den Privilegien kostete, die Lucius ihm geben konnte, wenn er ihm untertan war. Luxus war nicht überlebenswichtig, das mochte für die meisten Menschen stimmen. Es machte das Leben aber angenehmer. Sehr viel angenehmer. Lebenswerter gar, wie Lucius fand.

    Sein Begleiter sollte eine Kostprobe davon bekommen und sich so immer mehr an seinen Gönner binden, der ihm Tür und Tor öffnen konnte. Der wohlhabende Sprössling prestige-trächtiger Ahnen ahnte nämlich bereits, dass in Severus mehr steckte als ein Nachhilfe-Lehrer. Er hatte das Potenzial Großes zu vollbringen und war daher ein heißer Kandidat für Lucius. Der hatte nämlich Großes vor und dafür brauchte er starke Verbündete. Nicht zuletzt deswegen würden sie an diesem Abend gemeinsam nach Hogsmeade gehen. Um Verbündete zu rekrutieren. Oder auch 'Kontakte zu knüpfen'.

    Damit sich Severus in aller Ruhe umziehen konnte, setzte sich Blondie in den weich gepolsterten Sessel neben seinem Bett. Von dort aus, im Halbdunkeln, beobachtete er den Schwarzhaarigen unverhohlen dabei, wie der seine alte Hülle ablegte und die Neue anlegte. Welche Gedanken - oder Sehnsüchte - ihm dabei durch den Kopf gingen, behielt er dabei gänzlich für sich. Niemand durfte auch nur ahnen, welche Vorlieben er tatsächlich hegte. Dies - aus dem Verborgenen heraus zuzusehen - war das einzige homo-erotische Vergnügen, das er sich in seinem biederen Leben erlaubte. Obwohl es der weite Schnitt der zerschlissenen Schuluniform angedeutet hatte, war Lucius trotzdem positiv überrascht darüber, wie gut gebaut Severus war. Als wäre er ein heimlicher Athlet, der zentnerschwere Bücher über alle Stockwerke der Schule hoch und runter trug. Und das den ganzen Tag lang. Für wahr, Severus war ein ungeschliffener Diamant und Lucius würde ihm zu neuem Glanz verhelfen, indem er ihm als nächstes den nötigen Feinschliff verpasste. Als hätte das ungelenke Gebaren eines 'Neureichen' ihn herbei gerufen, stand er plötzlich vor Severus mit sacht erhobener Hand, die eine oberflächliche Korrektur anstrebte. 'Genügt das?', "Fast!", ließ er sich auf die Neckerei ein, indem er zurück neckte. Ohne zu fragen, legte er dabei Hand an. Mit geübten Handgriffen steckte er dem 'Neureichen' das Hemd in die Hose und richtete ihm danach den Kragen. Die dafür aufgebaute Nähe ließ seine Atmung einen Hauch schneller werden. Offenbar gelang es ihm unter diesen Umständen nicht so recht, die perfekte Fassade aufrecht zu erhalten. Severus zog ihn auf eine Weise an, die ihn schwach machte und das konnte zu einem Problem werden. Er sollte sich von ihm fern halten, damit er erst gar nicht in Versuchung geriet. Aber wie könnte er fern bleiben, wenn der Schwarzhaarige in diesem Anzug zum Anbeißen aussah? Sicher, Severus war keine klassische Schönheit, aber das war nicht schlimm. Immerhin war Lucius schön für Zwei! Er rundete das modische Ensemble ab, indem er seinem Begleiter einen Ledergürtel mit Silberschnalle überreichte und ihm zudem noch die kinnlangen Haare mit einem raschen Zauber frisierte, sodass sie ihm nicht länger ins markante Gesicht fielen, sondern nach hinten gekämmt waren. "Formidable!", lautete schließlich sein auf französisch gejauchztes Urteil, nachdem er mit etwas Abstand das Gesamtbild begutachtet hatte. "Ich wusste es schon immer; Kleider machen Leute. Sieh selbst", lud er ihn auf einen Blick in den mannshohen Spiegel neben dem Kleiderschrank ein. Eine einzige Sache gefiel ihm dabei noch nicht ganz: "Aufrecht stehen. Schultern straffen. Man darf dir die 'Verkleidung' nicht anmerken. Du musst diese edlen Stoffe mit Stolz tragen, wie eine zweite Haut", korrigierte er Severus Haltung wie eine strenge Gouvernante. "Aber das üben wir noch. Heute Abend ist der perfekte Anlass dafür", fuhr er in einem ausgelassenen Plauderton fort, ehe er die Frage des Anderen betont lässig beantwortete: "Weil wir zum Stammtisch meines… Debattierclubs gehen. Der besteht überwiegend aus Studenten der magischen Akademie. Glaub mir, Severus, mit Akademikern spricht es sich hundert mal besser als mit dem pubertären Gesindel unserer Schule. Du bist intelligent genug und ich eloquent genug, um mit dem Niveau eines Studenten mithalten zu können."

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  • Insgeheim hoffte der Schwarzhaarige, dass es nicht genügte. Woher jener unmoralische Gedanken kam, vermochte er gar nicht zu erläutern, aber offenbar war er neben einem Zauberer vor allem eines: ein pubertierender Jugendlicher, dem durchaus bewusst war, dass es auf der Welt mehr gab als Männlein und Weiblein und dass vermutlich der ganze Jahrgang sich schon seit einigen Jahren mit den hormonellen Veränderungen auseinandersetzte. Severus hatte nie ein derartiges Interesse verspürt, selbst dann nicht als seine ehemalige Kindheitsfreundin mit seinem Erzfeind eine Liebschaft begonnen hat. Gewiss war er eifersüchtig, was letztendlich aber nicht an seinem körperlichen Empfinden lag. Severus verspürte nämlich keinerlei Regung, wenn er an eine körperliche Begegnung mit einer Mitschülerin dachte. Er hatte das versucht - sich der Fantasie hinzugeben, aber schnell akzeptiert, dass er in dieser Richtung wohl ebenso untalentiert war wie im Zwischenmenschlichen generell. Jetzt aber verspürte er eine gewisse Scham in sich aufkeimen bei dem Gedanken, dass Malfoy seine Kleidung richten könnte. Demnach beschleunigte sich sein Herzschlag, als der Blonde sich an seinen Kragen machte. Die unumgehbare Nähe veranlasste ihn dazu, den Atem anzuhalten und sich mit aller Kraft dagegen zu wehren, sich ein wenig weiter vorzulehnen. Insbesondere als er ihm das Hemd in die Hose steckte und seine V-Linie anstieß sorgte für ein ungewohntes, fast unliebsames Kribbeln in seinen Oberschenkel. Als Lucius von ihm abließ und zumindest eine kleine Distanz gegeben war, konnte Severus wieder Atmen und nahm sogleich den Gürtel in die Hand. Bedächtig fuhr sein Zeige- und Mittelfinger die Konturen des Leders nach und stoppten bei der silbrigen Schnalle. Er betrachtete den Gürtel einige Sekunden lang, bevor er sich diesen in einer fast jovial lässigen Manier Schlaufe für Schlaufe durch die feine Hose zog. Mit einem dumpfen Klick schloss er die Schnalle und rückte sie ein wenig zurecht, während Malfoy sich seiner Frisur annahm. Mit einem selbstgefälligen Blick bedachte er den Blonden, der vermutlich an allem etwas auszusetzen hatte. Natürlich machte er sich weitaus mehr aus einem Haarschnitt als Severus selbst. Was auch immer es für eine Rolle spielte, ob die Haare nun ins Gesicht fielen oder eben nicht. Allmählich neigte sich die Geduld des Slytherin dem Ende, die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde, war in Ansätzen überfordernd und würde bald dafür sorgen, dass sich seine ablehnende Haltung zeigte, doch just in diesem Moment schien der Blonde beschlossen zu haben, dass es nun genügte. Severus zog den Gürtel noch ein wenig fester, als wollte er damit das fremde Gefühl bändigen, das sich mit jeder Silbe, die Lucius sprach, in ihm breitmachte. Seine Augen glitten kurz über das Spiegelbild. Der Anzug spannte sich anders über seinen Körper, straffer und härter, als wäre er tatsächlich jemand, der im Mittelpunkt stand. Es war ungewohnt, dieses Bild von sich selbst, fast so ungewohnt wie das Gewicht von Lucius’ Blick, das er in seinem Nacken spürte. Er konnte nicht leugnen, dass es ihn reizte. Nicht der Stoff. Nicht die silberne Schnalle. Sondern die Art, wie der Blonde ihn ansah, als würde er in ihm mehr sehen als nur das verschlossene Halbblut aus Spinner’s End. Severus löste den Blick von seinem Spiegelbild. Debattierclubs. Akademien. Wörter, die nicht nach ihm klangen, sondern nach Welten, die nie für ihn bestimmt waren. Und doch … es gefiel ihm, dass Malfoy sie in einem Atemzug mit seinem Namen nannte. Als hätte er dort schon einen Platz, als könnte er in dieser erhabenen Gesellschaft bestehen; nicht trotz, sondern wegen dessen, was er war. „Substanz und Stoff schließen einander nicht aus.“, hörte er sich leise sagen, fast wie eine Antwort auf die Plauderei über schöne Worte und Fassaden. Sein Blick wanderte zu Malfoys Händen, makellos von schwarzen Handschuhen umschlossen, ehe er sich hastig wieder löste. „Vielleicht …“, ein kurzes Zögern folgte, dann ein kaum merkliches Aufrichten seiner Statur. Er hasste den verräterischen Anflug von Stolz, der in seiner Brust aufflackerte, doch er konnte ihn nicht ersticken. Denn in diesem Moment war es nicht nur der Schein, der ihn lockte. Es war die Nähe zu Lucius, die Möglichkeit, neben ihm zu gehen, statt abseits. Dennoch lockte ihn das Angebot des Vertrauensschülers nicht so sehr, wie es vermutlich sollte. Es war ambivalent, Severus litt zwar unter der Ausgrenzung, gleichzeitig hielt er es nicht lange in Gesellschaft aus. Es zerrte an seinen Kräften, es war etwa so anstrengend wie ein Duellkampf, nur dass er in einem solchen weniger maskieren konnte als unter Gesellschaft. Sicherlich konnte er sich anpassen, aber der Preis war hoch. Sein Blick legte sich also auf den Blonden. „Ich kann mir weitaus angenehmeres vorstellen, als mich mit Deinem Pack zu treffen. Beispielsweise die Begegnung mit einem Irrwicht.“, offenbarte er ihm schließlich. Möglicherweise hatte er ja Nachsicht mit seiner sozialen Inkompetenz.

  • So lernte eben jeder auf seine Weise sich selbst kennen. Die Pubertät machte sie zu Sklaven ihrer Hormone und stellte alles auf den Kopf, was sie über sich zu wissen glaubten. Trotz seiner reinblütigen Abstammung blieb auch Lucius davon nicht verschont. Sein Körper machte in den unmöglichsten Momenten die seltsamsten Dinge. Und das ganz ohne Vorwarnung. Obendrein veränderte er sich rasend schnell. Haare wuchsen an Stellen, wo vorher keine waren. Seine einst weichen Formen wurden kantiger. Sein Gesicht männlicher. Es fiel ihm immer schwerer sich aufs Wesentliche, den Unterricht, zu konzentrieren. Am lästigsten aber war die Morgenlatte. Allmählich war er es leid, sich damit befassen zu müssen - allein. Er konnte also gut nachempfinden, wie es dem Schwarzhaar in dieser ungewohnten Situation erging. Man sehnte Intimität herbei, auf der anderen Seite fürchtete man sie, weil die Erfahrung fehlte - der Mut, sich einzugestehen, was man wollte und wen man wollte. Die gesellschaftlichen Konventionen und Erwartungen erschwerten den Umgang mit den eigenen Bedürfnissen zusätzlich. Wenn er seinen Eltern beichten würde, wie es um ihn stand, würden sie ihn zu einem Exorzisten schicken, der ihm diesen lasterhaften Dämonen austreiben sollte. Keine schönen Aussichten. Also verschwieg er seine Sehnsüchte. Hielt geheim, worauf er wirklich stand. Und das waren nun mal nicht Mädchen, sondern Jungs. Damit er erst gar nicht auf den Geschmack kam, lebte er seine Neigung lediglich in seiner Fantasie aus, nicht im wahren Leben. Ein sehr eintöniges, vor allem einsames Sexualleben, aber was blieb ihm anderes übrig? Sich einem Gleichgesinnten anvertrauen und riskieren, dass man ihn mit diesem pikanten Wissen erpresste? Nein, auf gar keinen Fall. Dann lieber als ewige Jungfrau sterben. Er wusste allerdings schon jetzt, welches Bild er vor seinem geistigen Auge haben würde, wenn er in dieser Nacht wie so oft allein in seinem Bett lag und sich nach körperlicher Zuwendung sehnte.

    Was auch immer Severus Hand da mit dem Gürtel machte, Lucius konnte seine Augen nicht davon abwenden. Fast wünschte er sich, auf dieselbe intensive Art berührt zu werden wie dieser Gürtel. Himmel, so tief war er mittlerweile gefallen, dass er einen Gürtel beneidete… Diese langen, schlanken Finger. Merlin, ihm wurde ganz heiß bei dem Gedanken, was sie sonst noch so anstellen konnten…

    Hart schluckte er, wies sich selbst mit einem heiseren Räuspern zurecht, womit er das leise Gemurmel seiner Begleitung übertönte. Er war so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass ihm Severus Unsicherheit entging. Was er jedoch nicht überhörte, war der spitzzüngige Kommentar, mit welchem der gestriegelte Slytherin sein 'altes Ich' in Schutz zu nehmen versuchte. Tadelnd pattete der Blonde ihm dafür die Schulter. "Sag sowas nicht. Lass mich reden und hör einfach zu, wenn du von meinem 'Pack' genug hast. Wenn du allerdings darauf bestehst, setze ich dich stattdessen im verbotenen Wald aus, wo du einem Irrwicht schöne Augen machen kannst." Severus sollte aufpassen, was er sagte. Es könnte wahr werden. Lucius hoffte ja inständig, dass dem Schwarzhaar eine Verabredung mit ihm in bester Gesellschaft lieber war als mit einem Monster im Wald. Kein schönes Kompliment, wirklich nicht.

    Damit sie nicht noch Wurzeln schlugen, überreichte er seiner Begleitung das dazugehörige Sakko. Er selbst tauschte Umhang und Jackett gegen einen beigen Trenchcoat aus - für einen gründlichen Garderobenwechsel war keine Zeit mehr, war in seinem Fall aber auch nicht nötig - und machte dann Anstalten, das Zimmer zu verlassen.

    Über eine Abkürzung gelangten sie auf schnellstem Weg in den Eberkopf, wo eine Gruppe junger, bunt zusammen gewürfelter Studenten bereits in hitzige Diskussionen vertieft war. Fröhliches Gelächter unterbrach gelegentlich die Unterhaltung. Bevor Severus einen Rückzieher machen konnte, schob Lucius ihn in Richtung des gut besetzten Tisches in der hintersten Ecke der zwielichtigen Kneipe. Eng an eng saßen die Debattierenden beieinander, tuschelten mit zusammen gesteckten Köpfen, gaben Trinksprüche und elitäre Parolen zum Besten, flirteten miteinander. Als der Blonde zusammen mit seiner Begleitung den flackernden Lichtkegel rund um den Tisch betrat, sahen die neun Tischbesetzer auf und hießen die beiden in ihrer Runde willkommen. "Lucius, da bist du ja endlich! Wir haben schon mal ohne dich angefangen - ich hoffe, du nimmst uns das nicht übel?", kam die höfliche Entschuldigung von einem dunkelhaarigen Kunststudenten, der wie ein junger Picasso aussah. Von wo anders hieß es: "Butterbier für alle!" Dazwischen drängte sich eine äußerst attraktive Rothaarige in den Vordergrund mit einer Zigarette zwischen den filigranen Fingern. Die smaragdgrünen Augen auf das Duo gerichtet: "Wen hast du uns denn da mitgebracht? Frischfleisch?" Ihre weiche Stimme war angeraut vom Rauch den sie beiläufig ausstieß, die blutroten Lippen zu einem aufreizenden Lächeln verzogen. Lucius jedoch ließ sich nicht drängen. Weder von ihr noch vom Möchtegern-Künstler. In aller Ruhe setzte er sich an den Tisch und deutete dann auf seinen Nebenmann. "Das ist Severus. Ein angehender Student für Zaubertränke und schon jetzt Meister auf seinem Gebiet. Erst heute erklärte er mir den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen Hacken und Schneiden - wer hätte gedacht, dass ich im Zubereiten von Zaubertränken zwei linke Hände habe?", stellte er Severus der Truppe auf seine schmeichelhafte Weise vor, womit er bei allen auf Wohlgefallen traf. Sie nahmen ihn ohne Vorbehalt in ihrer Mitte auf - Mathilda, die feurige Rothaarige, bestand sogar darauf, dass sich Severus neben sie setzte. Jener erhielt von Lucius noch die Information, womit sich die 'Freidenker-Runde' für gewöhnlich beschäftigte: "Wir befassen uns mit politischen und gesellschaftlichen Themen. Streben nach einem Posten im Ministerium, damit wir in dieser aus den Fugen geratenen Welt etwas bewirken können." Die heutigen Themeninhalte blieben jedoch oberflächlich und vage, da man sich in Anwesenheit eines Neuzugangs nicht als radikal, extremistisch oder gar rassistisch bekennen wollte. Man lotete zunächst mit viel Fingerspitzengefühl die (politische) Einstellung des Neulings aus, ehe es ans Eingemachte ging. Dabei wurde stets darauf geachtet, dass man sich sachlich und respektvoll ausdrückte. Niemand feindete einen anderen an. Niemand pöbelte herum. Lucius wechselte im Laufe des Abends mehrmals seinen Gesprächspartner, unterhielt sich mit jedem Club-Mitglied einzeln über dies und das, verteidigte seinen Standpunkt mit entwaffnender Logik. Währenddessen ließ Mathilda nicht von Severus ab, was ihr ab und an einen giftigen Blick vom Blonden einbrachte. Er hätte sich gleich denken können, dass die Femme Fatale der Runde alles daran setzen würde, ihn zu provozieren. Er wäre jedoch nicht Lucius Malfoy, wenn er sich so leicht aus der Ruhe bringen ließe. Außerdem tat es Severus angeknackstem Selbstbewusstsein sicherlich gut, wenn er etwas Bestätigung von der Frauenwelt bekam. Innerlich aber gefiel es Lucius ganz und gar nicht, seinen Begleiter mit dieser Furie teilen zu müssen.

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  • Den Weg zum Eberkopf verbrachte Severus damit, sich in seiner neuen Aufmachung zurecht zu finden. Für gewöhnlich würde er sich um diese Zeit bereits in seinem Schlafgemach oder an seinem Lieblingsort, einem Fleckchen Erde unter der Peitschenden Weide, befinden und sich mit der Schaffung neuer Zaubersprüche oder Tränke befassen. Dies lag ihm eindeutig mehr, als sich unter Gesellschaft aufzuhalten und sich in dieser auch noch zu behaupten. Ohnehin bemühte er sich den halben Tag darum, seinen Mitschülern aus dem Weg zu gehen und nun befand er sich auf dem Weg zu einem Debattierclub. Desaströs.

    Der Geruch von Rauch und Bier lag schwer in der Luft, als sie die niedrige Tür zum Eberkopf durchschritten. Severus spürte augenblicklich, wie sich seine Schultern anspannten, noch ehe der Raum sich ihm gänzlich eröffnete. Er hasste Orte, an denen man dicht an dicht gedrängt saß, wo Stimmen laut ineinanderliefen und mit jedem Atemzug der Geruch fremder Leute in ihm aufstieg. Ein Teil von ihm hätte kehrtmachen wollen, doch ehe er den Impuls ausführen konnte, spürte er Lucius’ Hand an seinem Rücken. Ein Schieben, das keine Ausrede zuließ. Für einen Moment kam er sich vor wie eine Spielfigur, die über das Brett geschoben wurde. Und das Seltsamste daran war, dass es ihn weniger störte, als es sollte. Die Blicke der Runde fielen auf sie, sobald sie den Lichtkreis am hinteren Tisch betraten. Einige Studenten, etwas älter als sie selbst, umgaben das schwere Holz wie eine verschworene Gesellschaft. Der Rauch hing über ihren Köpfen und schwankte im Kerzenlicht, während Lachen und halblaute Gespräche abrupt abbrachen. Severus fühlte, wie das Schweigen einen Augenblick zu lange währte, als man ihn musterte. Ein Außenseiter, der in eine fremde Welt gedrängt wurde. Normalerweise hätte man ihn schon am Rand stehen lassen, oder ihn mit einem müden Spott bedacht. Doch diesmal war es anders. Schweigend beobachtete er das Gespräch zwischen dem Möchtegern-Picasso und Lucius, ebenso die Dynamik innerhalb dieser Gruppe. Es war nicht anzuzweifeln, dass Lucius auch hier das Sagen hatte. Eine Rothaarige stieß Rauch aus, ihr Blick glitt zu ihm, messerscharf und zugleich aufreizend. Ihre Stimme war weich. Noch ehe Severus antworten konnte, ließ sich Lucius in aller Ruhe nieder, als gehöre ihm dieser Tisch. Sein Tonfall war seidig, schmeichelnd, als wollte er ihn wie ein Schachzug präsentieren. Mit hochgezogenen Brauen verfolgte Sev die Vorstellung über ihn, sie traf ihn gleich wie ein doppelter Schlag. Einerseits glühte etwas in ihm auf, ein fiebriges Kribbeln in der Brust. Meister der Zaubertränke. Nie zuvor hatte jemand ihn so öffentlich eingeführt, nie hatte jemand seine Fähigkeiten vor anderen hervorgehoben. Andererseits wusste er, dass es Taktik war. Malfoy schob ihn ins Licht, um selbst darin zu glänzen. Er war Werkzeug und Trophäe zugleich. Trotzdem wirkte es. Ein Nicken ging durch die Runde und man hieß ihn willkommen. Keine spöttischen Bemerkungen, kein Gelächter. Mathilda, die Rothaarige, rückte ihren Stuhl zur Seite, tippte mit der Zigarette an den Aschenbecher und deutete auf den Platz neben sich. „Setz Dich.“, hauchte sie, die grünen Augen auf ihn geheftet. Severus zögerte und spürte, wie die Wärme in seinen Wangen aufstieg. Normalerweise wäre er abgewiesen worden, diesmal drängte man ihn geradezu in die Mitte. Er nahm den Platz ein, das Holz unter ihm fühlte sich kalt an und der Rauch ihrer Zigarette lag scharf in seiner Nase. Er sah die roten Lippen und hörte das Lachen und fühlte nichts, abgesehen von der Fremdheit der Situation. Er wusste, dass andere Jungs in seinem Alter darauf reagiert hätten, vielleicht sogar stolz. Doch sein Herzschlag beschleunigte sich nicht wegen der Rothaarigen, sondern wegen des Blonden, der ihm gegenüber Platz genommen hatte. Dieser wechselte während des Abends mehrmals die Gesprächspartner, lehnte sich mal zu einem Philosophiestudenten, mal zu einem zukünftigen Ministeriumsbeamten. Er sprach mit der Eleganz eines Mannes, der schon jetzt daran gewöhnt war, Gehör zu finden. Seine Argumente waren scharf, aber immer in diesem höflichen Gewand. Severus beobachtete ihn, wie er mit einem beiläufigen Lächeln Blicke lenkte, wie er Zustimmung bekam, ohne jemals die Stimme zu heben. Die Diskussionen am Tisch schwappten von Thema zu Thema. Politik, Gesellschaft, die Notwendigkeit von Ordnung in einer „aus den Fugen geratenen Welt“. Auf den ersten Blick wirkte es harmlos, fast schon akademisch. Doch Severus hörte den Unterton und die unausgesprochene Überzeugung, dass sie selbst dazu bestimmt waren, diese Ordnung wiederherzustellen. Eine Überzeugung, die ihn an etwas erinnerte, das er nur zu gut kannte. Reinblut-Arroganz, getarnt als Logik. Er lauschte und verzerrte sich zugleich. Denn niemand unterbrach ihn, niemand verspottete ihn. Als er ein, zwei Sätze einwarf, hörte man ihm zu. Er war nicht der Schatten, sondern Teil der Runde, weil Lucius ihn hineingezogen hatte.

    Mathilda lachte über irgendetwas, ihre Hand legte sich beiläufig an seinen Arm. Er erstarrte und hörte sein eigenes Blut rauschen vor Irritation. Sie war schön, zweifellos, aber es ließ ihn kalt. Viel mehr bemerkte er, wie Lucius’ Blick über den Tisch glitt. Nur einen Moment, doch Severus sah es. Malfoy gefiel es nicht, dass Mathilda ihre Aufmerksamkeit an ihn band. Und das wiederum gefiel Severus auf eine Art, die er kaum verstand. Eine winzige Genugtuung. Er neigte den Kopf leicht und mied Mathildas Blick, zog den Arm gar ein wenig zurück als hätte Malfoy ihn ertappt. Seine Gedanken wanderten nicht zu den roten Lippen neben ihm, sondern zu den schmalen, behandschuhten Händen gegenüber, gleichsam zu der Stimme, die ihn Meister genannt hatte. Alles in ihm warnte ihn, dass er vorsichtig sein musste doch die Warnung verklang in einem Rausch, der sich gefährlich süß anfühlte.

    Als das Gelächter wieder aufbrandete und Sprüche durch den Raum hallten, wurde Severus stiller als die Anderen. Doch sein Inneres war laut. Er erkannte, wie verführerisch es war, hier nicht der Außenseiter zu sein. Wie leicht es ihm fiel, das Gift zu trinken, wenn es in goldenen Kelchen gereicht wurde. Er wusste, dass sie überheblich waren und dass sie sich für etwas Besseres hielten. Aber er spürte auch, dass er in diesem Kreis mehr sein konnte, als er je allein gewesen war. Sein Blick verfing sich an Lucius, der gerade in ein Gespräch vertieft war. Und in einem verbotenen Moment fragte sich Severus, ob es wirklich die Debatten waren, die ihn hielten oder das Gewicht dieses Blicks, das ihn fesselte wie ein Bann, dem er nicht entkommen wollte. Er senkte die Augen, um den Gedanken zu verscheuchen. Doch er wusste, dass der Abend etwas in ihm verschoben hatte. Seine Finger lagen an der Tischkante, während er weiterhin schweigend die anwesenden Studenten beobachtete, wobei sich seine Aufmerksamkeit immer wieder auf den Blonden konzentrierte. Unverhohlen betrachtete er ihn, wobei er sicher nur wie jemand wirkte, der seinem Fanclub angehörte. In Wahrheit achtete er auf jede kleinste Regung in seinen kontrollierten Zügen. Höflich entfuhr ihm hier und da ein „Mhm“ und andere Zuhörgeräusche, sobald er angesprochen wurde und die Situation es zuließ, doch es war ihm deutlich anzumerken, dass dies hier nicht seine Welt war.

    Einmal editiert, zuletzt von Quasilotte (5. Oktober 2025 um 17:16)

  • Insgesamt betrachtet schlug sich der Meister der Zaubertränke ganz gut. Er ging trotz seiner Funktion als passiver Zuhörer in der Menge nicht unter. Hier und da warf er sogar etwas ein, trug zur Debatte bei mit seinen knappen, aber stichhaltigen Argumenten. Weder ihm noch Lucius war anzumerken, dass sie die Jüngsten in diesem erlesenen Kreis aus studierten Zauberern und Hexen waren. In der Schule hätten sie sich nie so niveauvoll mit Gleichaltrigen austauschen können wie mit diesen höchst intelligenten Freigeistern, die alle ihre eigenen Vorzüge hatten. Aus einem recht offensichtlichen Grund hatten sie den Jüngsten in ihrer Runde zu ihrem geistigen Anführer erwählt. Rang und Namen spielten auch hier eine große Rolle. Während der Eine ein Meister in Zaubertränke war, war der Andere ein Meister im Reden - Titel, die beeindruckten. Aber auch Geld imponierte, so wie an diesem Abend, an dem die Rechnung der Zeche an den reichen Malfoy-Spross gehen würde. Sie tranken, aßen und amüsierten sich auf seine Kosten und das war für Lucius völlig in Ordnung, solange sie ihm ihr Gehör, ja, ihre Gefolgschaft schenkten.

    Mathilda war so ziemlich die Einzige, die an seinem Thron sägte. Zu gerne hätte sie seinen Posten, aber sie würde niemals eine Malfoy werden, weil sie seinen Eltern nicht gut genug war. Ihr Goldjunge verdiente nur das Beste. Und das war nicht Mathilda Bagsby. Lucius hatte sie einmal zu oft spüren lassen, wie unwürdig sie in seinen Augen war, weshalb sie jede Gelegenheit nutzte, ihn zu provozieren und herauszufordern. Sie war nicht nur eine sehr attraktive Frau, sondern auch sehr dominant. Es gab kaum einen Mann, der es mit ihr aufnehmen konnte. Selbst Lucius konnte sie nur wenige Stunden im Monat ertragen. Dabei war sie ein wahrer Blickfang - sie war der Inbegriff einer Hexe, intelligent, passioniert, mit wilden, roten Locken, die ihr bis zur Taille reichten. Sie geizte zudem nicht mit ihren Reizen. Diese waren nicht zu übersehen in ihrem hautengen, figurbetonten Kleid aus smaragdgrünem Chiffon, passend zur Farbe ihrer katzenhaften Augen. Mit jenen Augen versuchte sie den Meister der Zaubertränke zu bezirzen, indem sie den Blickkontakt intensivierte, wann immer sie ihn in ein Gespräch über Zaubertränke verwickeln konnte - es stellte sich heraus, dass auch sie eine begnadete 'Giftmischerin' war. Indes bediente sie sich wie Lucius nicht nur ihrer Rhetorik, sondern auch ihrer Körpersprache. Sie legte dem menschenscheuen Schwarzhaarigen mitten im Gespräch die Hand auf den Arm, stupste ihn mit ihren Fingerspitzen an, spielte mit seinem Hemdkragen, fuhr ihm durchs Haar. Forderte ihn auf, an ihrer Zigarette zu ziehen. Lucius gab sich alle Mühe, diese Provokationen aus seinem Blickfeld zu verbannen, doch sie tat es so geschickt, dass er irgendwann nicht anders konnte, als sich zwischen sie und Severus zu setzen unter dem Vorwand, durch die zahlreichen, lautstarken Unterhaltungen kein Wort verstehen zu können, wenn sie einander gegenüber saßen und miteinander sprechen wollten. "Du machst ein Gesicht, als wäre dir der Irrwicht im Wald doch lieber gewesen. Sollen wir gehen?", bot er ihm mit diskret gesenkter Stimme an, das 'Schlachtfeld der Dekadenz' zu verlassen und ihn gleichsam aus Mathildas Fängen zu befreien. Ein letzter Schluck Holunderwein und er zog sich seinen maßgeschneiderten Trenchcoat über, womit er den anderen signalisierte, dass ihr spendabler Gönner genug von der Narretei des Pöbels hatte. Warum er schon jetzt gehen wollte, ging niemanden etwas an. Er war seinen Spießgesellen keine Rechenschaft schuldig. Jeder hatte es zu akzeptieren, wenn er zu spät kam oder zu früh ging.

    Gewohnt wortreich verabschiedete er sich vom Stammtisch und bezahlte noch die Rechnung beim Wirt mitsamt großzügigem Trinkgeld. Danach begleitete er seinen Kameraden nach draußen, vor die Tür, um frische Luft zu schnappen und den Heimweg anzutreten. Die Nacht war kühl und frisch, machte gerötete Wangen noch roter. Lucius war froh, seine Handschuhe anzuhaben, andernfalls hätte er sicherlich gefroren. "Das war doch gar nicht so schlecht, oder? Du hast eine gute Figur gemacht zwischen all den aufgeblasenen Wichtigtuern. Hast dich nicht unterkriegen lassen", wollte er noch lobend erwähnen, ehe er die angebrochene Flasche Glühwein hinter seinem Rücken hervor holte und einen Schluck daraus nahm. "Zum Aufwärmen", erklärte er verschmitzt grinsend und hielt die Flasche Severus hin, damit sich jener ebenfalls am dampfend warmen Inhalt aufwärmen konnte.

    "Mathilda hat sogar ein Auge auf dich geworfen. Ihr scheint euch gut verstanden zu haben. Gefällt sie dir?" Die Frage geschah nicht ohne Hintergedanken. Selbst sein silbergrauer Blick blitzte neugierig im Mondschein ob der ausstehenden Antwort. Lucius wüsste zu gerne, wie angetan Severus von Frauen wie Mathilda war, die sehr aggressiv mit ihrer Weiblichkeit umgingen. Sie setzte sie regelrecht wie eine Waffe im Kampf um die Oberhand ein.

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  • Mathildas Augen hafteten an ihm, grün wie frisch polierte Smaragde, und Severus wusste nicht, wohin er schauen sollte. Er spürte ihre Gegenwart wie ein Feuer, das ihm zu nah kam, sie war zu fordernd und zu laut für seinen Geschmack. Ihre Hand legte sich beiläufig auf seinen Unterarm, glitt ein Stück an seiner Haut entlang, als könne sie ihn mit solch leichten Berührungen bezirzen. Doch in ihm regte sich nichts außer einer unwilligen Anspannung. Es war, als habe sie in einen Körper gegriffen, der nicht darauf reagierte, weil er nicht für diese Art von Spiel gemacht war. Severus hatte nie gelernt, Nähe zuzulassen. Zuhause hatte es sie nicht gegeben und in Hogwarts war sie ihm versagt geblieben. Kein Arm um die Schultern und auch keine Freundschaft, die sich in Wärme zeigte. Er wusste theoretisch, dass andere in seinem Alter längst ausprobierten, was Berührung bedeutete. Händchenhalten, geteilte Lippen im Schatten von Schlafsälen, Gekicher über Küsse, die man auf Partys stahl. Aber für ihn war das nie mehr als eine ferne Beobachtung gewesen. In seinen Fantasien gab es keine Mädchen. Mathilda rückte näher, ihr perfekt sitzendes Kleid schmiegte sich an die Kurven ihres Körpers, so auffällig wie ihre Stimme, die rau vom Rauch war. Sie lachte, als hätte sie ihn längst gewonnen, stupste mit den Fingern an seinem Kragen und zog an einer Haarsträhne. „Probier.“, hauchte sie und hielt ihm die Zigarette hin. Der Rauch kitzelte in seiner Nase, er fühlte die Wärme ihrer Nähe - und dennoch, da war nichts abgesehen von dem dumpfen Gefühl der Überforderung. Er wollte sie von sich schieben und sich entziehen. Und doch … ein Gedanke stahl sich gefährlich verführerisch in sein Bewusstsein. Was, wenn ich es zulasse? Nur einen Augenblick. Nur um Malfoy zu reizen. Er hatte Lucius’ stechenden Blick bemerkt, als Mathilda sich an ihn klammerte. Natürlich, dachte Severus sofort, Malfoy wollte sie selbst. Warum sonst dieser Ausdruck? Warum sonst diese schneidende Kälte in den Augen, die er so schnell wieder verbarg? Severus wusste es nicht besser, er interpretierte es so, wie er es kannte. Männer kämpften um Frauen und Malfoy war sicher einer, der nicht gern teilte. Also spielte er kurz mit dem Gedanken, sich ihr zuzuwenden. Ein Spiel, das er nicht beherrschte und ihn innerlich anwidern würde und doch reizte es ihn, Malfoy das zu zeigen, was er glaubte, dass jener nicht ertragen konnte. Ein winziger Triumph, vielleicht der erste an diesem Abend. Den Prinzen selbst eifersüchtig zu machen. Mathilda kicherte, als er die Zigarette beinahe annahm, doch er tat es nicht. Er brach den Blickkontakt ab, denn er konnte es nicht. Sein Körper weigerte sich, seine Gedanken waren eine Mauer und hinter dieser Mauer stand eine andere Gestalt, die ihn viel mehr gefangen hielt. Lucius’ Bewegung kam beiläufig, doch Severus spürte sie wie einen Schnitt durch die Luft. Plötzlich setzte er sich elegant und lässig zwischen sie und nahm ihr damit die Bühne. Ein Vorwand, beiläufig formuliert, dass die Gespräche bei diesem Lärm unmöglich zu führen seien, wenn sie einander gegenüber säßen. Lucius wollte sie nicht teilen. Natürlich nicht, dachte Severus bitter. Warum hätte er auch? Die Wärme von Mathildas Körper wich, und an ihrer Stelle war die Präsenz von Lucius unantastbar. Severus’ Herzschlag beschleunigte sich aus einer Verwirrung, die er nicht benennen konnte. Er sollte erleichtert sein, dass Mathilda von ihm abließ, stattdessen blieb da eine Leere, die ihn irritierte. Eine Leere, die sich sofort füllte, als Lucius’ Stimme sich nur für ihn senkte. Der Spott in den Worten war fast schon sanft und Severus schluckte. Er hasste es, dass es ihm gefiel. Dass er es mochte, aus der Umklammerung der Rothaarigen befreit zu sein durch Lucius’ Einmischung. Er sollte wütend sein, weil er entmündigt wurde. Doch stattdessen spürte er, dass dieses Mal jemand eingegriffen hatte. Für ihn. Also nickte er, woraufhin er dem Blonden in seiner Bewegung folgte. Niemand widersprach oder fragte. Severus verabschiedete sich kleinlaut und folgte ihm, obwohl alles in ihm schrie, dass er sich nicht wie ein Hund benehmen durfte. Doch er ging. Weil das Gewicht von Lucius’ Blick mehr Bedeutung hatte als Mathildas Hand auf seiner Haut. Draußen empfing sie die kühle, wohltuende und vor allem stille Nacht. Er hatte gar nicht bemerkt, wie die Zeit verronnen war, umso dankbarer war er nun, lediglich den Geräuschen der Nacht lauschen zu müssen. Alsbald schoben sich seine Hände in die Hosentaschen, da inzwischen die unteren Temperaturen herrschten. Tief ein- und ausatmend hielt er mit seinem Mitschüler schritt. Sogleich nahm er die Flasche entgegen und setzte sie an seine Lippen. Der Glühwein brannte in seiner Kehle, süßer, als er es erwartet hatte und zugleich herb genug, um ihn sofort daran zu erinnern, dass er sich auf sehr unsicherem Boden bewegte. Er hatte nie zuvor Alkohol getrunken. Warum auch? Zuhause hätte es niemanden interessiert, ob er es tat und in Hogwarts fehlte die Gelegenheit. Jetzt aber war da diese Wärme, die sich wie ein zögerliches Feuer in seiner Brust ausbreitete, bis in die Fingerspitzen kroch und die Kälte der Nacht verdrängte. Er hielt die Flasche einen Moment länger, als nötig gewesen wäre, bevor er sie Lucius nach einem weiteren großen Schluck zurückgab. Die Stille draußen war eine Wohltat nach dem aufdringlichen Lärm in der Kneipe. Kein Zigarettenrauch, der ihm in der Nase biss, keine fremden Hände, die an seinem Kragen zupften. Nur die klare Nacht und Lucius’ Stimme, die durchdringend genug war, um auch im Dunkeln die Oberhand zu behalten. Die Frage traf ihn wie ein kalter Stich, obwohl die Wärme des Weins noch in ihm pulsierte. Gefällt sie Dir. Er hatte in ihrem Blick nichts Gefälliges gesehen, nur das gierige Funkeln einer Frau, die Männer wie Beute behandelte. Und er, Severus, war nicht gemacht, um die Beute zu sein. Er dachte an ihre Finger, die sich in sein Haar geschoben hatten und an das Lächeln, das versprochen hatte, ihn jeden Moment bloßzustellen, wenn er nicht mitspielte. Ein anderes Mal hätte er geschwiegen, hätte die Frage wie eine lästige Fliege ignoriert. Aber der Glühwein hatte seine Zunge gelockert, und so hörte er sich selbst schärfer sprechen, als er wollte. „Nein.“ Nur dieses eine Wort. Es war zu wenig, um die Schärfe zu mildern, die darin lag und gleichzeitig zu viel, um unbemerkt zu bleiben. Er atmete einmal tief durch, der Nebel seines Atems vermischte sich mit dem Rauch der Schornsteine und dann legte er nach, weil Lucius’ Blick auf ihm lag und er wusste, dass er nicht schweigen konnte. „Sie hat nichts, was mich interessieren würde.“ Es war eine schroffe Abwehr, beinahe beleidigend und dennoch ließ es sich nicht zurücknehmen. Die Wärme in seiner Brust wurde zu Hitze, aber nicht nur vom Wein, sondern von der Ahnung, dass er zu viel verraten hatte. Er biss sich auf die Innenseite der Wange und schmeckte Blut. Er musste wohl etwas sagen, das den Schlag abfing, den er soeben selbst ausgeteilt hatte. „Ich…“ Er stockte. Die Worte lagen ihm auf der Zunge und er wusste, dass er sie bereuen würde, noch bevor er sie aussprach. Aber er sprach sie trotzdem, weil die Nacht ihn drängte und der Alkohol seine Hemmungen löste. „Ich habe kein Interesse an Frauen wie ihr. An… Frauen überhaupt.“ Es war kein klares Bekenntnis und kein offenes Geständnis. Aber genug, dass die Luft zwischen ihnen schwerer wurde. Severus spürte, wie sein Herz raste und wie sein Stolz ihn am liebsten sofort zurückrudern lassen wollte. Doch er zwang sich, nicht den Blick zu senken, sondern Lucius direkt anzusehen. Er wollte nicht schwach wirken, oder wie jemand, der eine Wahrheit aus Versehen entblößt hatte. Also legte er ein dünnes, fast trotziges Lächeln auf seine Lippen, das jede Schwäche verbergen sollte. „Wenn Du also gehofft hast, mich mit der Hexe ködern zu können… Du verschwendest Deine Mühe.“ Die Worte waren leiser und kontrollierter, als gehörten sie schon wieder zu dem Severus, der sich selbst disziplinierte. Und doch wusste er, dass Lucius zwischen den Zeilen mehr finden würde, als Severus lieb sein konnte. Denn so sehr er es auch verdrängen wollte, in diesem Moment, mit der Dunkelheit um sie, mit dem Glühen des Weins in seinen Adern, war es nicht Mathildas Lächeln, das ihm nachhing. Es war die Art, wie Lucius ihn ansah, wenn er sprach.

  • Wie falsch er doch damit lag! Falscher könnte er gar nicht liegen. Lucius war mitnichten an Mathilda interessiert, aber das konnte der Zaubertränke-Meister nicht wissen. Woher auch? Der Blonde ging schließlich nicht hausieren mit seinen sexuellen Präferenzen. Wenn überhaupt, dann war er eifersüchtig auf Mathilda, an deren Stelle er gerne wäre. Aber leider war er gefangen in einer prüden Erziehung, die es nicht gestattete, dass der einzige Erbe der Familie mit Gleichgeschlechtlichen schäkerte, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Drum musste er sich disziplinieren, die Fassade des Saubermanns aufrecht erhalten, damit niemand auch nur den Hauch eines Verdachts hegte. Mathilda hatte für den Moment gewonnen, sie durfte mit Severus hemmungslos flirten im Gegensatz zu ihm. Wenigstens besaß er die Macht und den Stellenwert, sie in ihre Schranken zu weisen, als es ihm zu viel wurde.

    Er hätte noch länger bei seinen Genossen bleiben können, doch das Verlangen, sich mit Severus allein zu unterhalten war zu groß, um sich dieses Possenspiel noch länger mitanzusehen. Auf galante Weise trennte er das schwarze Schaf von der Herde und begab sich nun mit ihm auf den Rückweg zur Schule. Unterwegs stimmte er ein Verhör an ganz ohne Veritaserum, das dem Zweck diente, mehr über den verschlossenen, in sich gekehrten Severus Snape zu erfahren. Nicht zuletzt deswegen hatte er den Wein mitgenommen. Er sollte nicht nur das Gemüt wärmen, sondern auch die Zunge lockern. Vorzugsweise Severus Zunge. Lucius selbst war erfahren genug um zu wissen, wie viel er vertrug. Das vornehme Schnabulieren und Dinieren hatte er von seiner Mutter gelernt. Alles in Maßen, nicht in Massen. Man war schließlich kein wildes Tier. Severus hingegen war so unschuldig wie man nur sein konnte, beim Schäkern, beim Rauchen, beim Trinken - bei was wohl sonst noch? In Frauen-Dingen offenbar auch, wie er wenig später zugab. Lucius staunte nicht schlecht, ihm wäre beinahe die Flasche aus der Hand gerutscht, nachdem er sie zurück bekommen hatte. Mit solch einer Antwort hatte er nicht gerechnet. "Nein? Nichts? Gar nichts?", hakte er daher ungläubig nach. Er konnte nicht fassen, dass Severus nichts an Mathilda interessant fand. Normalerweise war sie jedermanns Typ. Außer man(n) war vom anderen Ufer… Konnte es sein…? War es wirklich möglich, dass..? Nein, er hatte sich sicherlich verhört. Interpretierte zu viel hinein. Sie war halt nicht sein Typ. Konnte vorkommen. In sehr wenigen Fällen. Der Alkohol zeigte kurz darauf seine Wirkung, denn der Schwarzhaarige holte weiter aus, setzte seine Verneinung fort, verallgemeinerte. Und Lucius dümmlicher Gesichtsausdruck wurde immer fassungsloser. DAS hatte er jetzt nicht gesagt, oder? Kein Interesse an Frauen?! Überhaupt nicht? Severus war entweder verrückt oder mutig, dergleichen zu sagen. Oder es war der Alkohol, der aus ihm sprach. Lucius bedachte ihn von der Seite mit einem entsetzten Blick. Als hätte man ihm eine Ohrfeige verpasst. Es kam wahrlich selten vor, dass jemand etwa sagte, womit er überhaupt nicht gerechnet hatte. Das überforderte selbst ihn, den Menschenkenner. Es machte ihn schlicht und ergreifend sprachlos.

    Konnte es tatsächlich sein, dass es noch jemanden gab, der so fühlte wie er? Der so tickte wie er? Der so war wie er? Falschherum? Oder hatte Severus sein Interesse an Frauen einfach noch nicht gefunden? War er ein Spätzünder? War er vielleicht generell nicht interessiert an romantischen Beziehungen? Nachdenklich presste der Blonde die Lippen fest aufeinander, während er das Rätsel zu lösen versuchte. Eine steile Falte hatte sich zwischen seinen aristokratischen Brauen gebildet, so voller Unglaube, gar Entsetzen.

    Severus hatte dem Blondling mit seinem Geständnis noch mehr Macht über sich gegeben. Wenn Lucius wollte, könnte er dieses Wissen jederzeit gegen ihn verwenden. Doch irgendetwas in ihm sträubte sich dagegen. Irgendetwas fühlte sich mit dem Sonderling verbunden. Die Hoffnung einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, dominierte augenblicklich jegliche Arglist. Trotzdem bliebt er urplötzlich stehen. Machte wie fremdgesteuert Halt, um durch den Mitschüler hindurch zu sehen und einen Text aufzusagen, dem man ihm mutmaßlich eingeprügelt hatte: "Du solltest soetwas nicht sagen. Ein Mann muss Interesse an einer Frau haben. Wenn nicht an Mathilda, dann an einer anderen. So will es die Natur. So will es das Gesetz..!" Als hätte das Gesagte einen bitteren Nachgeschmack in seinem Mund hinterlassen, musste er ihn mit einem großen Schluck Wein neutralisieren. "Tu dir selbst einen Gefallen und lerne Frauen zu mögen. Tu wenigstens so als würden sie dir gefallen. Oder willst du Potter und seinen Schwachköpfen noch mehr Zündstoff für ihre Gehässigkeiten geben? Wenn er das jemals erfährt, wird er dich fertig machen! Schlimmer als vorher." Wie vom Blitz getroffen stand er da, als befände er sich in einem Paralleluniversum, das ihn nicht mehr freigeben wollte. Severus hatte ihn mit seiner Aufrichtigkeit ehrlich imponiert, gar so sehr, dass er damit nicht umzugehen wusste. "Nein, das wollte ich nicht… das war nicht meine Absicht", gelang es ihm nach einer gefühlten Ewigkeit des Schweigens zu widersprechen. "Ich wollte mich mit dir profilieren", fühlte er sich nun ebenfalls dazu verleitet, die Wahrheit zu sagen, selbst wenn er es am nächsten Morgen mit nüchternem Verstand leugnen würde.

    a gentleman is simply a patient wolf

    Einmal editiert, zuletzt von Rustin (5. Oktober 2025 um 23:18)