Wenn die Gegenwart auf die Vergangenheit trifft - Nicht nur ein Hauch von Schicksal...

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    Nicht nur ein Hauch von Schicksal...

    Fantasy | 18. Jahrhundert | Romance | Drama
    Zarahiel van Degeraed - Mirabella
    Vanora Norn - Vinae

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    Wenn zwei Menschen aus unterschiedlichen Welten aufeinandertreffen, dann gibt es bereits große Hürden zu überwinden. Wenn der eine auch noch eine viel zu alte Anwärterin in kürzester Zeit zu einer Kämpferin gegen die tückischen Feen ausbilden muss, umso mehr. Und wenn der Ausbilder dann auch noch blind ist? Dann könnte Mancher meinen, das ist doch unmöglich. Vanora und Zarahiel haben bewiesen, dass es nicht unmöglich ist und dass man sich dabei sogar noch verlieben kann!

    Aber das Glück der Beiden war von kurzer Dauer. Der Unterschied des Standes der Familien oder die Belastung durch die Blindheit des Ausbilders stand dem glücklichen Ende schließlich doch im Weg. Ihre Wege trennten sich im Unguten, führten unterschiedliche Pfade entlang. Jahre voller Reue und Sehnsucht folgten und veränderten die beiden nachhaltig.

    Doch wie so oft kreuzen sich die Wege zweier Menschen auch ein zweites Mal. Werden sie wieder zueinander finden? Oder hat die Zeit sie zu sehr verändert? Können sie dem Druck familiärer Erwartungen dieses Mal standhalten und schaffen sie es, die Hürden der Blindheit gemeinsam zu überwinden? Ist ihre Wiederbegegnung nicht nur ein Hauch von Schicksal?

  • Einladung zur Verlobung von

    Tristos di Valiana & Florine Harlay


    Das große Stadthaus der Familie di Valiana, in einem noblen Viertel der Oberstadt, war für den Anlass der Feierlichkeiten geschmückt. Es waren viele Blumengebinde aufgestellt, die in wohl abgestimmten Farben fröhlich und bunt wirkten. Für den ein oder anderen mochte es wohl ein wenig viel wirken, vor allem dann, wenn man nach schlichter Eleganz suchte, denn diese suchte man hier vergebens. Doch tat dies der Freude der geladenen Gäste keinen Abbruch, zahlreich waren sie erschienen, so dass die Kutschen sich ein wenig in der Straße und vor dem Anwesen der di Valiana sammelten und das obwohl das Eintreffen der geladenen Personen und Familien zeitig begonnen hatte. Die Gäste wurden von den Eltern des zukünftigen Bräutigams in Empfang genommen und weiter in das Haus gebeten. Dort sollten sich alle in der großen Halle sammeln und bekamen sogleich ein erfrischendes Getränk gereicht.

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    Kaum, dass die letzten Gäste aus der Kutsche gestiegen, die Hände der di Valiana geschüttelt und nun alle in der Haupthalle des Hauses versammelt waren traten Tristos di Valiana und Florine Harlay von oben die Treppe hinab und hielten etwas erhöht an, um das Wort an ihre Gäste zu richten: „Liebe Familie und Verwandte, liebe Freunde und Bekannte, liebe Gäste, die ihr alle unserer Einladung gefolgt seid. Wir möchten uns recht herzlich für euer Erscheinen bedanken und dass ihr mit uns den heutigen Anlass feiern wollt.“ Tristos sah Florine innig und verliebt an. „Wir feiern heute unsere Verlobung, denn Florine Harlay hat meinem Werben um ihre Hand endlich nachgegeben und meiner Frage zugestimmt, mir ihre Hand zur Ehe zu reichen.“ Tristos schenkte seiner Angebeteten einen zärtlichen Kuss auf ihre behandschuhte Hand und seine Augen glänzten, als er seinen Blick wieder auf die versammelten Gäste richtete. „Feiert mit uns diesen wunderbaren Anlass. Trinkt, esst und tanzt mit uns. Wir wissen, dass wir viele sind, somit stehen für den heutigen Tag die meisten nicht privaten Zimmer zur Verfügung, aber auch der Ballsaal und der Garten. Überall sind Diener, die angesprochen werden können, sollte jemand etwas brauchen. Scheut euch nicht und lasst uns diesen Tag und Abend genießen.“ Nun hielten Tristos und seine Angebetete die Gläser in die Höhe und von allen Seiten war ein „Zum Wohl“ oder „Auf das baldige Brautpaar“ zu hören.

    *****

    Die Familie van Degeraed war eine der Familien die zu der Feierlichkeit geladen waren. Sie waren in voller Anzahl eingetroffen, gratulierten dem Paar, wechselten ein paar angeregte Worte, ehe sie in das Innere des Hauses vordrangen nur um dort von zahlreich bekannten Gesichtern umringt zu werden.

    Die Familie zeigte sich einmal mehr wieder einheitlich in ihrem Auftritt, welchem wohl der Hausherrin zu verdanken war. Die Unterkleider der Frauen waren in einem zarten Rosa mit hellblauen Stickereien von Blüten, Blättern und Ranken versehen. Ein dunkles Oberkleid schmiegte sich darüber und war auch mit den gleichen Stickereien, nun aber in der Farbe Rosa versehen. Die Herren passten farblich natürlich zu den Frauen der Familie. Ihre Anzüge trugen dieselbe dunkle Farbe der Oberkleider, die Hemden waren schneeweiß, die Westen spiegelten in Hellblau im Grundton und mit rosa Stickereien die Farben der Unterkleider der Damen der Familie.

    So schlimm wie an diesem Tag, war es schon lange nicht mehr gewesen. Viele Hände wollten geschüttelt werden und oberflächliche Gespräche wollten geführt werden. Viele Gespräche, denn Zarahiel van Degeraed hatte sich lange vor solcherlei Zusammenkünften gesperrt oder war einfach nicht in der Stadt gewesen. Zuletzt hatte er dem Ball der Königin beigewohnt, doch dieser hatte sich erfreulicher gezeigt als dieses Fest. Nun bis zu dem Zeitpunkt, als sich offenbarte, dass Feen auf dem Ball anwesend gewesen waren. Dennoch hatte er neue Bekanntschaften geschlossen. Wenn auch ungewöhnliche. Und all das prasselte bereits auf ihn ein, noch ehe die Ansprache von Tristos erfolgt war. Aber auch danach wurde es nicht besser, fast hätte er meinen können, dass er eine der Hauptperson dieses Festes war…

    ****

    “Vanora Norn!“, rief Tristos di Valiana erfreut aus, als er bei seinem ersten kleinen Streifzug die noch immer recht junge Frau antraf. „Du siehst keinen Tag älter aus, als an dem Tag, den wir gemeinsam im Park verbracht haben“, lächelte er sie munter und in sich ruhend an. „Ich freue mich so sehr, dass du meiner Einladung gefolgt bist.“

    Einmal editiert, zuletzt von Mirabella (26. September 2025 um 11:14)

  • Die Kutsche der Familie Norn, weit weniger elegant und luxuriös als die Kutschen der noblen Familien, kam mit einem leisen Rumpeln zum Stehen. Lag das Anwesen der Familie di Valiana nicht noch ein Stück weiter den Berg hoch? Verwundert schob Vanora ihre in einen hellblauen seidigen Handschuh gehüllte Hand zu den Vorhängen der Kutsche und blickte nach draußen. Sie lag richtig, bis zum Anwesen war es noch ein kleines Stück, aber die dunkle kratzige Stimme des Kutschers, den sie für den Abend beauftragt hatten, kündigte bereits die Ankunft an: “Me’Dams, die Kutschen stauen sich so sehr, ich glaube ich komme nicht näher heran. Könnt Ihr von hier aus gehen?” Er wirkte verunsichert, sein Atem klang etwas gehetzt. Vielleicht weil andere Adelige von diesem Vorschlag so beleidigt gewesen wären, dass sie ihn bestraft hätten – Vanora und ihre Mutter Ivera waren glücklicherweise nicht adelig und den Luxus dieses Lebens in der höheren Gesellschaft auch nicht gewöhnt, auch wenn zumindest die Tochter gelernt hatte, sich nahtlos in diese Kreise einzufügen. “Natürlich Igor, keine Sorge.”, beruhigte die Dunkelblonde den Kutschfahrer und machte sich bereits daran, die Tür selbst zu öffnen, als der Kutscher aufgeregt vom Bock sprang und darauf bestand, das für sie zu übernehmen. Sie lächelte den Mann dankbar an. Sie würde sich wohl nie daran gewöhnen, so bedient zu werden…

    Vanora raffte den Rock ihres meerblauen Ballkleides ein wenig hoch und ergriff mit der anderen Hand die Schwielige des Kutschers, um auszusteigen. Der kleine Absatz ihrer weißen Lackschuhe klackerte, als sie auf dem unebenen Kopfsteinpflaster-Boden aufkam. Sobald sie sicher stand, half sie ihrer Mutter aus der Kutsche, die solche Gefährte noch weniger gewöhnt war als Vanora, genauso wie Ballkleider. So stolperte sie fast über den Saum ihres schlichten dunkelgrünen Kleides, als sie auf der Zwischenstufe der Kutsche hängen blieb. Lachend fing Vanora ihre Mutter auf, bevor sie wirklich fallen konnte und half ihr sicheren Stand zu finden. “Irgendwann bringt mich das noch ins Grab. Hätten wir nicht einfach reiten können?”, meckerte sie, doch das Lächeln auf ihrem gereiften und gebräunten Gesicht verriet sie. “Schließlich sind wir doch sowieso hier, um unsere Pferde oder unsere Berittdienste anzubieten. Was spricht dagegen, sie gleich hier zu präsentieren?”
    Vanora seufzte. “Nein, Mutter, wir sind hier, weil mein guter Freund Tristos sich verlobt hat und wir seine Verlobung mit ihm feiern.”
    “Und? Da werden doch sicher eine Menge wohlhabende Leute sein, oder nicht?”
    Amüsiert schnaubend schüttelte Vanora den Kopf und bot ihrer geschäftigen Mutter den Arm an, damit sie sich bei ihr unterhaken konnte. “Du bist schlimmer als ich.”, seufzte sie, als sie sich gemeinsam auf den Weg zum Anwesen machten.

    Die Begrüßung am Einlass war kurz und schnell vonstatten gegangen. Viele Leute standen bereits in einer Schlange vor den Eingangstüren und verständlicherweise wollten die Eltern des Bräutigams niemanden zu lange warten lassen. Als sie die Festlichkeiten betraten, wurden sie gleich vom blumigen Duft von Rosen, Flieder und Jasmin eingehüllt. Der Saal war wundervoll und detailverliebt geschmückt. Vanora wusste gar nicht, wo sie zuerst hinschauen sollte. Ihre Mutter dagegen hatte gleich einen der Diener mit einem Tablett voller erfrischender Kaltgetränke ins Auge gefasst. Sie nahm ihm zwei Gläser mit bernsteinfarbener, prickelnder Flüssigkeit ab und reichte ihrer Tochter eines. Die Anreise hatte sie durstig gemacht, also trank sie gleich zwei große Schlücke und verschluckte sich dann fast, als sie sich daran erinnerte, wie ihr ehemaliger Ausbilder sie stets angewiesen hatte, in kleinen Schlücken zu trinken.

    Als sie an ihn dachte, setzte ihr Herz kurz aus. Was, wenn er hier war? Es war nicht so unwahrscheinlich. Die Familien kannten sich, Tristos war auch ein Freund – oder zumindest ein guter Bekannter – von Zarahiel gewesen. Mit großen Augen suchte sie den Saal nach seinem schwarzen Schopf ab. Er war groß, also müsste er ihr schnell auffallen oder nicht? Der Saal war so voll, dass sie zumindest auf den ersten Blick niemanden fand, der Zarahiel ähnlich sah und als Tristos mit seiner Braut schließlich seine Ansprache begann, wollte sie ihm den Respekt erweisen, ihm zuzuhören. Selbst wenn er hier war, es gab so viele Gäste, vielleicht würden sie sich gar nicht begegnen…

    Tristos und Florine wirkten glücklich. Vanoras Mundwinkel hoben sich leicht, als sie den Glanz in seinen Augen sah, in dem sich das Licht der Kronleuchter spiegelte. Sie kannte ihn als Frauenheld, der sich lange dagegen wehrte, sich eine der vielen Damen zur Frau zu nehmen, mit denen er sich vergnügte. Als Vanora die Einladung zu seiner Verlobung gelesen hatte, war sie zunächst besorgt, dass seine Familie mit ihm nun endgültig die Geduld verloren hatte und ihm einfach irgendeine Braut ausgesucht hätte. Sie war froh, dass dies nicht der Fall zu sein schien. Zum Ende ihrer Ansprache hoben die beiden Frauen ihr Glas und prosteten “Auf das baldige Brautpaar” zu den Verlobten.

    Damit war das Fest eingeläutet. Die Menge bewegte sich, Grüppchen fanden sich, tauschten sich aus. Noch ehe Vanora ein bekanntes Gesicht gefunden hatte, zu dem sie sich gesellen wollte, hörte sie den Bräutigam ihren Namen rufen. Freudestrahlend drehte sie sich zu ihm um und beherrschte im letzten Moment den Impuls, ihren Freund in die Arme zu ziehen und fest zu drücken – was vor allem direkt vor seiner Verlobten mehr als unangemessen gewesen wäre. “Tristos! Wie schön dich wiederzusehen.”, begrüßte sie ihn freudig lächelnd. “Hör auf, dein Turtel-Freifahrtsschein ist ausgelaufen, du hast dich auf eine Frau festgelegt.”, scherzte sie und wandte sich dann an die Dame an seiner Seite. “Eine ganz bezaubernde, übrigens. Ich freue mich Euch kennenzulernen. Darf ich Euch Florine nennen?” Sie neigte den Kopf zu einer respektvollen Verbeugung. Ivera räusperte sich derweil und wirkte etwas verunsichert, als fühlte sie sich fehl am Platz. “Oh ja, Verzeihung.” Vanora legte ihrer Mutter die Hand auf das Schulterblatt und rückte sie ein wenig vor sich. “Das ist Ivera Norn, meine Mutter. Mutter, das sind Tristos di Valiana, ein alter Freund”, sie deutete auf den dunkelhaarigen Mann und dann weiter auf seine Frau “und seine Verlobte, Florine Harlay.”
    “Sehr erfreut.”, sprach die ältere Dame mit einem leichten Neigen ihres Kopfes.

  • Der baldige Bräutigam nahm die behandschuhte Hand seiner Freundin und drückte diese herzlich zur Begrüßung und weil er sich wirklich freute sie hier und heute auf diesem Fest zu sehen. Sicher hätte auch er sie gern in die Arme gezogen, doch hielt auch er sich zurück, da dieses Fest einfach nicht den Rahmen für herzliche Umarmungen bot, auch wollte er das hübsche Kleid seines Gastes nicht zerknittern.

    Es waren fast schon drei Jahre her, seit sie sich das erste Mal begegnet waren. Es war eine Art arrangiertes zwangloses Beisammensein mit Picknick im Park der Stadt gewesen, welches Leviatha van Degeraed initiiert hatte und dem Knüpfen neuer Bekanntschaften und im besten Fall sogar dem Zustandekommen einer Ehe dienen sollte. Doch soweit sich Tristos erinnerte, hatte bislang keiner der Anwesenden eine Ehe geschlossen, zumindest nicht mit den Partnern, die ihnen damals zugedacht waren. Aber was hatten er und Vanora für einen Spass miteinander gehabt! Daran erinnerte er sich noch genau. Er hatte ihr nicht nur ein Kompliment gemacht, sondern sie fast schon damit überhäuft, bis sie ihm sehr deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie kein Interesse an einer Eheschließung hatte, wie er zu dieser Zeit auch nicht. Danach hatten sie sich aber blendend verstanden und einen lustigen und bezaubernden Tag im Park miteinander verbracht. Auch hatte er in der Zeit das ein oder andere Pferd bei ihr erstanden oder in Ausbildung gegeben. Der Kontakt war nie gänzlich abgerissen, und Tristos zählte die Dunkelblonde zu seinen Freunden.

    „Oh ja, das habe ich“, meinte er, als Vanora darauf zu sprechen kam, dass er sich auf eine Frau festgelegt hatte. „Und was für eine“, fügte er dann schwärmend an, was der Frau mit dem Kaffeebraunen Haar an seiner Seite, eine leichte Röte auf die Wangen treten ließ, die sich dann aber an Vanora wandte. „Ich freue mich ebenso.“ Auch sie reichte ihre Hand Vanora und drückte ebenso herzlich zu wie ihr Verlobter. „Ich würde mich darüber sehr freuen und wenn ich Euch im Gegenzug Vanora nennen dürfte?“ Florine lächelte Vanora an und ihre ehrliche Freude war in ihren warmen braunen Augen zu erkennen. Dann richtete sich das Augenmerk auf Vanoras Begleitung. „Me‘Dam Norn. Es ist mir eine Ehre, Sie hier begrüßen zu dürfen.“ Tristos deutete eine Verbeugung an. „Ihren Mann wollten Sie nicht mitbringen?“ Florine war etwas zurückhaltender, meinte aber ebenso freundlich: „Ich freue mich wirklich, sie beide hier begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, sie können das Fest genießen und fühlen sich hier wohl. Für das leibliche Wohl ist im großen Saal gesorgt, aber die Teller dürfen gern überallhin mitgenommen werden, außer in den Ballsaal, dort soll natürlich getanzt werden.“ Hier meldete sich Tristos wieder zu Wort. „Mein Stichwort. Vanora, du wirst mir doch mindestens einen Tanz schenken?“ In der Ferne wurde bereits von den Eltern des verlobten Paares dessen Namen gerufen.

    ***

    ‘Sie hätten nicht so zeitig kommen sollen’, dachte der Zweitgeborene der Familie van Degeraed für sich, als er von seiner jüngsten Schwester, Noabelle, einmal mehr von Gespräch zu Gespräch geschleift wurde und sich bereits jetzt schon eigentlich nur noch eine Verschnaufpause wünschte. Er war etwas aus der Übung, wie er feststellte, denn all das strengte ihn sehr an. Was aber auch kein Wunder war, denn er hatte schon eine ganze Weile keine dieser Festivitäten mehr besucht. Wäre die Familie di Valiana nicht so eng mit der seinen verbunden, so hätte er sich auch hier entschuldigen lassen. Doch das wollte er weder seiner Mutter noch den Einladenden antun. Und so war auch er hier und wanderte von einem Gesprächspartner zum anderen. Seine Schwester unterstützte ihn so gut sie konnte. Zuerst flüsterte sie ihm immer wieder Namen zu, wenn sie bemerkte, dass Zarahiel sein Gegenüber nicht sofort an der Stimme erkannte, etwas später ging sie dann auch dazu über, die Namen schon zuvor zu nennen. Ja, er war wahrhaftig aus der Übung. Was zwei Jahre Abwesenheit so bewirken konnten. Er würde sich das alles rasch wieder aneignen müssen, sofern er vorhatte, wieder in diesen Kreisen zu verkehren, was aber laut seinen Eltern außer Frage stand, denn irgendwann müssten auch Ashael, sein älterer Bruder und er eine Ehefrau finden.

  • “Aber natürlich, für Euch bin ich Vanora.”, bestätigte die Dunkelblonde sanftmütig. Als ihre Mutter auf Tristos Frage hin plötzlich laut auflachte, zuckte die Tochter kurz zusammen und fuhr zu ihr herum. Sie unterdrückte ihr Lachen bereits und verbarg es hinter ihrer Hand, funkelte aber sowohl Tristos, als auch ihre Tochter vielsagend an, als wollte sie sagen ‘Was denn? Ich konnte nicht anders’. Bevor sie sprach, ließ sie ihre Hand wieder sinken. “Glaubt mir, Ihr wollt Johan nicht hier haben und Johan würde genauso wenig hier sein wollen. Er… ist eher ein Einsiedler und ziemlich eigenbrötlerisch dazu.”, beschrieb sie ihren Mann amüsiert. Die Wärme in ihren Augen, als sie über ihn sprach, ließ allerdings keinen Zweifel an der Liebe, die sie für ihn empfand. Auch Vanora lächelte, ihre Augen blitzten erheitert. “Ja… Mein Vater kann schwierig sein und gerade in solchen Kreisen würde er sich sehr unwohl fühlen.” Sie blickte sich um, deutete unterschwellig auf die Menschenmasse, dann kehrte ihr Blick zu Tristos zurück. “Er passt auf die Pferde auf.”, meinte sie und zwinkerte ihm scherzhaft.

    Die freundliche aber auch eher förmliche Einladung von Florine, das Fest mit allem zu genießen, was sie ihnen boten, nahmen sowohl Vanora als auch Ivera mit einem sachten Nicken und freundlichen Lächeln zur Kenntnis. Beide bemerkten, dass die Frau an Tristos Seite auf den ersten Blick eher zurückhaltend und schüchtern wirkte. Aber vielleicht war es genau das, was Frohnatur und ehemaliger Schürzenjäger Tristos in seinem Leben gebraucht hatte: Einen Ruhepol. Umso mehr freute es Vanora, dass er diesen nun gefunden zu haben schien. “Aber natürlich doch.”, stimmte sie zu, als ihr Freund und Kamerad sie zu einem Tanz einlud. “Offensichtlich verlangt man aber noch woanders nach euch.”, fügte sie kurz darauf an, als sie die Stimmen hörte, die nach ihm und seiner Auserwählten riefen.

  • “Wunderbar“, meinte Florine, dass Vanora und sie sich gegenseitig beim Vornamen nennen würden. Die und Tristos schmunzelten, als Me‘Dam Norn laut auflachte. Solches Lachen war in solchen Gesellschaften wahrlich selten zu sehen oder zu hören, doch störte sich Tristos an so etwas nicht und so wie es schien, seine Anverlobte auch nicht. „Nun gut, wir wollen ja auch nicht, dass sich Ihr Herr Gemahl nicht wohl fühlt. Daher freut es mich umso mehr, dass Ihr Vanora begleitet und sie so eine nette Begleitung an ihrer Seite hat. Wobei ich auch gern für einen unverheirateten Herren hätte sorgen können“, hier zwinkerte Tristos Vanora übertrieben zu. „Aber solltet Ihr Euch Me‘Dam Norn, ebenfalls erbarmen können um ein Tänzchen zu wagen, würde ich mich auf der imaginären Tanzkarte bei Ihnen eintragen und ihnen auch einen Tanz mit meinem Vater versprechen.“ Tristos versuchte zumindest die Aufgabe des Gastgebers so gut wie möglich zu erfüllen.

    „Ja, so sieht es leider aus. Uns wäre ja ein kleinerer Rahmen lieber gewesen, aber unsere Eltern haben auf das volle Prozedere bestanden.“ Tristos zuckte mit den Schultern und winkte, dass er gleich kommen würde. „Dann sehen wir uns spätestens zum Tanz, Vanora. Me‘Dam Norn. Ich kann mich dem wollen meiner baldigen Frau nur anschließen, fühlt Euch willkommen und wie zuhause.“ Tristos zwinkerte Vanora zu.

    Das Haus der di Valianas war in allen Ecken auf Hochglanz gebracht und in diesen mit Blumen in verschiedensten Arrangements geschmückt. Es gab reichlich Räume mit Sitzgelegenheiten, die normalerweise zu verschiedenen Zwecken genutzt wurden, heute aber zur freien Verfügung standen, auch wenn in der Bibliothek mehr Personal vorzufinden war, damit die Bücher blieben, wo sie waren, dennoch durfte man sich dort aufhalten. Im Herrenzimmer standen ein paar Männer zusammen, qualmten bereits die ein oder andere Zigarre und hatten einen Drink in der Hand, während sie sich über Investitionen unterhielten, die sie kürzlich getätigt hatten. Der große Saal war mit zahlreichen Tischen und Tischchen bestückt, auf denen sich allerlei zu Essen befand und auch zu trinken. Neben deftigem wie Sandwiches in kleinen Dreiecken und verschieden belegt, fanden sich auch andere Häppchen und Pastetchen, Obst in Naturform oder auch kandiert, Törtchen und Gebäck. Getränke fanden sich in alkoholischer Form, Punsch oder edlem Schaumwein. Aber es fanden sich auch erfrischende Limonaden und ganz schlicht gekühltes Wasser. Es war den Gastgebern offensichtlich wichtig, dass jeder etwas fand, das ihm zusagte.

    ***

    Zarahiel konnte gar nicht mehr sagen, die wievielte Hand er nun geschüttelt hatte, aber das war auch zweitrangig, denn ab einem gewissen Punkt übernahm dann er nun die Führung, denn er kannte das Haus ein wenig, Noabelle sorgte nur noch dafür, dass er nicht in jemanden hinein lief. Dennoch kamen sie nicht umhin, hier und da zu verweilen, um mit einem Bekannten der Familie zu sprechen und auch wollten noch die besten Wünsche an das Verlobte Paar richten. Tristos hatte darauf bestanden, dass sie miteinander anstießen und so hatte sich der erhoffte kurze Austausch von ehrlichen, ernst gemeinten guten Worten etwas in die Länge gezogen.

  • Vanora rollte mit den Augen. “Tristooooos…”, beschwerte sie sich. Er wusste genau, dass sie kein Interesse an einer Ehe hatte. Nach der Trennung von Zarahiel hatte sie sich nie wieder einem Mann angenähert und selbst von ihrer Beziehung zu Zarahiel hatten die wenigsten gewusst. Auch Tristos gehörte zu den Ahnungslosen. Ivera zeigte sich hingegen sehr offen. Lachfältchen bildeten sich um ihre Augen und ihre Mundwinkel, als diese sich hoben. “Aber gerne doch. Wenn mich auf meine alten Tage nochmal so ein Jungspund auf einen Tanz einlädt, kann ich mir das doch nicht entgehen lassen.”, erwiderte sie heiter. “Aber für Euren Vater habe ich wohl auch noch einen Platz auf meiner Tanzkarte übrig.” Ivera fühlte sich mittlerweile sichtlich wohl, mit einem Dauerlächeln auf den Lippen und leicht geröteten Wangen. Von der anfänglichen Unsicherheit war nichts mehr zu sehen. “Wir sehen uns.”, verabschiedete Vanora sich von dem Paar, das bereits von den nächsten Gästen beansprucht wurde.

    Die Frauen leerten ihre Gläser und stellten sie auf einem der leeren Tabletts ab, die von Dienern für genau diesen Zweck durch den Saal getragen wurden, dann sahen sich Mutter und Tochter an. “Also, was jetzt?” So ein Ball hatte zahlreiche Möglichkeiten der Beschäftigung – oberflächliche Konversation, erfrischende Getränke, köstliche Häppchen, belebende Tänze… Gemeinsam streiften sie zunächst über den Ball, hielten immer mal wieder kurz an, um bekannte Gesichter zu begrüßen und kurz den neuesten Klatsch auszutauschen. Aus Richtung des Ballsaals erklangen die ersten Töne eines belebten Stücks, beginnend mit einem dramatischen Cello Solo, das bald schon von federleichten Klaviertönen, flatternden Geigenstimmen und donnernden Trommeln zu einem funkelnden Mosaik von Klangfarben anschwoll. Von Tanzflächen hielt Vanora aber meist Abstand. Zu oft interpretierten eifrige Tanzpartner ihr Einverständnis für einen Tanz mit ihnen als tiefergehendes Interesse. Solche Situationen wollte sie tunlichst vermeiden. Also führte sie ihre Mutter weg vom Ballsaal und fühlte sich stattdessen wie magisch angezogen von der Bibliothek des Anwesens. Ein Raum voller Geheimnisse und gesammeltem Wissen, das nur darauf wartete, von ihr entdeckt zu werden. Als Ivera bemerkte, welche Richtung ihre Tochter einschlug, hielt sie inne. “Geh du ruhig in die Bibliothek Kind, ich möchte mir dass Buffet mal genauer ansehen. Vielleicht kann ich mir noch ein bisschen Inspiration holen.”

    Damit trennten sich die Wege von Mutter und Tochter vorerst. Vanora bog in einen langen Gang ab. Kerzenleuchter hüllten den Weg zur Bibliothek in ein warmes Licht und warfen flackernde Schatten an die Wände. Schon hier war es deutlich ruhiger, als in den größeren Festsälen. Das Stimmengewirr und die Musik vermischten sich zu einem hintergründigen Summen. Als sie die Bibliothek schließlich betrat, verharrte sie einen Moment im Eingang und ließ den Blick staunend über die deckenhohen verzierten Regale mit unzähligen Büchern schweifen. So viel Wissen geballt in einem Raum… Jedes Mal, wenn sie eine neue Bibliothek betrat, füllte ein Gefühl von Ehrfurcht ihre Brust.

    Sie näherte sich einem Regal und ließ den Blick über die Buchrücken gleiten. Ledereinband um Ledereinband fand sie interessante Geschichten, Berichte, Sachbücher. Sie war tief in einem Regalgang versunken, als sie plötzlich zwei gedeckte Stimmen vernahm, die miteinander tuschelten:
    “Hast du den blinden van Degeraed gesehen?”
    “Ja, verdammt ich fand ihn ja früher schon nervig, aber jetzt? Er wusste nicht einmal mehr unsere Namen. Seine kleine Schwester musste ihm auf die Sprünge helfen…” Vanora wusste nicht, wem die beiden Frauenstimmen gehörten, aber sie wusste sehr wohl, über wen sie sprachen. Also war er doch hier. Plötzlich fühlte sie sich, als hätte sie einen Stein im Magen, der mit jedem Wort der Tratschenden schwerer wurde.
    “Das ist so peinlich, ich verstehe nicht, warum die Familie ihn überhaupt auf solche Anlässe mitnimmt und zulässt, dass er ihren Namen beschmutzt. Ich meine, was hat Eliel davon?”
    “Keine Ahnung, vielleicht hofft er immer noch, dass irgendein Weib verzweifelt genug ist, sich ihm zu geben? Damit er ihn los ist?”
    Vanora horchte auf. Zarahiel war nicht verheiratet? War der Plan seiner Großtante etwa nicht aufgegangen? Sie verzog das Gesicht angewidert, als sie die nächsten Worte der Frauen hörte.
    “Hmm… Aber meinst du wirklich, er will, dass sein Krüppel sich fortpflanzt und die Familie mit weiteren Krüppelkindern belastet?”
    Die höhere Stimme sog scharf die Luft ein. “Meinst du, das ist vererblich?!”
    “Ja… Sein Onkel hat doch auch sowas… Dieser komische Kautz.”, schnaubte die andere Stimme.
    “Oh… Ne. Dann würde ich ihn erst recht nicht zwischen meine Beine lassen.”
    “AHHH! Verdammt was soll das du dreckige Bauernhure!”, schrie die höhere Stimme, eine Blondine mit stahlgrauen Augen plötzlich.

    Vanora hatte sich eines der Erfrischungsgetränke, die auch in der Bibliothek auf kleinen Tischen weit genug von den Büchern entfernt standen, gegriffen und es den lästernden Biestern ins Gesicht geschüttet. “Oh, Verzeihung! Ich dachte, ihr wolltet euch vielleicht den Mund ausspülen, nachdem so viel Mist daraus gekommen ist.” Sie lächelte schmallippig, ihre Zähne mahlten wütend aufeinander. “Außerdem ist der Boden hier so uneben… Ich muss über eine Teppichfalte gestolpert sein...”, flötete sie unschuldig und deutete auf den perfekt glatten Orientteppich unter ihren Füßen. Am liebsten hätte sie mit diesen Biestern noch viel mehr gemacht. Ihre Worte waren so widerlich gewesen, dass sie nur noch rot sah. Vernunft und Harmoniebedürfnis hatte sie für diesen Moment im Regalgang liegen gelassen.

    Die noblen Damen wischten sich das gezuckerte Getränk aus dem Gesicht und funkelten Vanora böse an. “Das wirst du bereuen!”, brummte die Blonde wütend und kam mit großen Schritten auf sie zu, bis sie von ihrer braunhaarigen Freundin zurückgehalten wurde. “Genevieve, sie ist es nicht wert.” Trotzdem riss sie sich los und stürmte weiter auf Vanora zu, die die Augenbrauen überrascht hob und ein paar Schritte zurück wich. Nicht, weil sie sich vor der jungen Blondine mit dem Namen Genevieve fürchtete, sondern weil ihre Natur dennoch nicht gewalttätig war und sie das Ganze nicht zu einem Kampf ausarten lassen wollte. Einen Kampf, den die anderen beiden auf jeden Fall verlieren würden, denn sie bezweifelte, dass sie, wie Vanora, ebenfalls eine Kampfausbildung genossen hatten.

  • In der Bibliothek war wie erwähnt mehr Personal vor Ort, um diesen Ort sicher, sauber und die Bücher an Ort und Stelle zu wissen, so kam es auch, dass Antti, einer der dort eingesetzten Diener, den kleinen Disput mitbekam. Normalerweise interessierte er sich nicht für das tratschende Geschwätz der edlen Me‘Dams, denn diese wussten oft nicht, wann sie es gut sein lassen sollten und zeigten damit eigentlich auch nur ihr eigenes unschönes inneres Gesicht. Aber wer war er, dass er über diese jungen Damen urteilte? Nein, das tat er nicht. Gut, er tat es doch, aber das musste ja keiner wissen. Denn was auch keiner erfahren sollte, war, dass er solchem Geschwätz dann doch gern lauschte. So erfuhr man so viel mehr, als wenn man auf den Dienstbotenfunk der anderen Häuser wartete. Also hatte Antti gelauscht, sehr aufmerksam gelauscht, denn einmal mehr drehte es sich um den Sprößling der van Degeraeds, den Blinden der beiden. Antti konnte soweit nichts Schlechtes über diesen Herren sagen, sicher, er hatte ihn nie außerhalb dieses Hauses angetroffen, aber wenn er hier war, dann war er stets freundlich und höflich zu seinem Herren und auch zum Personal. Doch das waren nun Gedanken, denen er nicht weiter folgen sollte, denn es hatte sich eine dritte Frauenstimme eingeschaltet und trat für den nicht anwesenden Me‘Syr Zarahiel ein. So ganz verstand er nicht, warum dies nun geschah, aber er wusste, was seine Aufgabe war und daher trat er nach einem kurzen Blick um die Ecke besonders hoch gestreckt hervor, denn Me‘Dam Genevieve war fast schon größer als er. „Darf ich bitte erfahren, um was es hier geht?“, fragte er und sah so aus, als hätte er von dem Vorfall hier absolut nichts mitbekommen. Dann tat er so, als hätte er die Anwesende erst jetzt erkannt. „Aaahhh Me‘Dam Genevieve, ist es nicht bald schon an der Zeit für Euren Tanz mit Me‘Syr Jaden Torculi?“, fragte er und sah dabei betont auf die Uhr. Ja, auch davon wusste er und er hätte es normalerweise nicht durchblicken lassen, wäre die Lage hier nicht ein wenig verzwickt. „Und Ihr Me‘Dam Vanora“, wandte er sich an die Dunkelblonde. „Hatte ich Euch nicht bei Eurem letzten Besuch versprochen, ein ganz besonderes Buch herauszusuchen? Ich habe es zur Seite gelegt und kann es Euch nun gern präsentieren.“ Das mit dem Buch war eine aalglatte Lüge, aber das wussten die anderen beiden Damen nicht und er wollte hier die Situation einfach nur in aller Ruhe über die Bühne bringen.

    ***

    Irgendwann hatten Noabelle und Zarahiel es geschafft, den vielen neugierigen Fragen und Blicken zu entkommen. Sie betraten ein Zimmer und der Schwarzhaarige meinte: „Das hier müsste es sein, wenn ich mich nicht irre.“ - „Wie sicher bist du dir dabei?“, fragte seine Schwester ihn zurück und sah sich in dem Raum um. - „Das Zimmer sollte recht klein sein, mit ein paar Sitzgelegenheiten und einem -Spiel der Könige- vor dem Fenster.“ - „Hmmmm“, meinte Noabelle gedehnt. Es war ein schöner Raum, ein Zimmer, ein Salon, in dem die Familie wohl kleinere Zusammentreffen mit Freunden und Bekannten verbrachte. Neben einem Flügel und den Sitzgelegenheiten mit hier und da kleinen Tischchen, gab es eine indirekte und warme Beleuchtung von zahlreichen Kerzen, ob an den Wänden, an der Decke mit Kronleuchtern oder auf Ständern im Raum verteilt. Rund um den Flügel war selbst für weniger als eine Handvoll Paare die Möglichkeit, sich im Takt der Musik zu wiegen. Die Wände waren in einem freundlichen, hellen Blau gehalten, Bilder von Landschaften, der Familie und tanzenden Paaren hingen an den Wänden, Blumenarrangements waren auf Tischen und Kommoden verteilt, die sich an den Wänden reihten.

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    „Der Raum ist nicht sonderlich groß, die Farben wohl gewählt, es gibt Sitzgelegenheiten, aber ich sehe kein solches Spiel, sondern einen Flügel in dessen Mitte. Könnte es sein, dass du ein anderes Zimmer meinst?“, fragte sie, was ihren Bruder nur mit den Schultern zucken ließ. An sich war der Zweitgeborene sich sehr sicher gewesen, dass dies der Raum war in dem Tristos und er die ein oder andere Partie des Spiels der Könige gespielt hatten, doch vielleicht irrte er sich auch, denn es war, wie so vieles andere, schon eine Weile her, seit er hier gewesen war. „Dann lass uns in die anderen Räume sehen“, schlug er vor, doch seine Schwester bewegte sich nicht. - „Möchtest du jetzt dieses Spiel spielen?“, fragte die Braunhaarige ihren Bruder und sah ihn verschmitzt an. - „Nein. Das hatte ich nicht vor. Und nun willst du mir sagen, dass dieser Raum ja dann genauso gut ist und wir gar nicht weitersuchen müssen?“ - Noabelle schmollte einen Augenblick, da ihr Bruder einen Teil ihrer Gedanken erraten hatte. Aber nur einen Teil. „So ist es“, gab sie dann bereitwillig zu und schmiegte sich an seinen Arm, sah zu ihm hinauf.

    Es sah aus, als würde Zarahiel in den Raum hineinsehen, was er natürlich nicht tat, dennoch wirkte es so. „Der Raum ist leer und ich glaube auch nicht, dass hier groß jemand stören würde. Es hat auch einen Sitzplatz am Fenster, falls du dort sitzen möchtest…. Oder….“ - Zarahiel wurde aufmerksam und neigte seinen Kopf etwas auf die Seite seiner Schwester. „Oder?“, fragte er, aber er ahnte bereits, er hätte es lieber lassen sollen, denn wenn seine kleinste Schwester so anfing, ging das für ihn meist nicht sonderlich gut aus. Zanken brachte da oft auch nichts, sie gewann so gut wie jede Diskussion, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Aber welcher große Bruder würde seiner kleinen Schwester auch einen Wunsch abschlagen? - „Wie wäre es, wenn du für mich etwas auf dem Flügel spielst?“, fragte sie ihn. - Und er hatte es geahnt. „Noabelle, nicht hier. Wir sind hier, um mit Tristos und Florine ihre Verlobung zu feiern.“ - „Ich weiß, aber dennoch sind wir auf der Suche nach einem abgelegenem Ort, fern der feiernden Menschen.“ - Und nun ging es los. Zarahiel seufzte. „Ja, aber du weißt warum.“ - „Sicher weiß ich das. Und es war mir auch bewusst, dass es so kommen würde.“ - „Dennoch hast du ja dazu gesagt, an meiner Seite zu bleiben, denn sonst hättest du gar nicht erst mit hierherkommen dürfen“, erinnerte Zarahiel sie, denn Noabelle hatte ihr Debüt noch gar nicht gehabt und sollte daher auch nicht auf solchen Festen anzutreffen sein. „Und nun schmoll nicht.“ - „Ich schmolle nicht“, sagte sie, aber sie schmollte sehr wohl und ihr Bruder wusste es. Sie konnte es ihm ansehen. „Zarahiel, bitte. Nur ein bisschen, wir sind hier doch ganz allein. Niemand wird es mitbekommen“, bettelte sie, da sie ihren Bruder bislang nur einmal hatte spielen sehen. Sie wusste nicht, warum er es gelernt hatte, aber er hatte es gelernt und sie fand sein Spiel sehr gut, auch wenn er natürlich nicht besser spielte, als sie, das verstand sich natürlich von selbst. „Zarahiel…. Biiiiiiiiiitteeeeeeeee.“ Sie sah ihn an und hätte ihr Bruder es verstanden mit den Augen zu rollen, so hätte er dies bestimmt getan, was dann wohl hieß, dass sie ihn fast soweit hatte. „In der Mitte des Raums steht der Flügel. Er sieht moderner aus, als das alte Ding, das bei uns daheim rumsteht.“ Noabelle ließ den Arm ihres Bruders los und Zarahiel machte ein paar zögerliche Schritte in den Raum hinein. „Drei, zwei, eins, eins, eins“, zählte sie herunter und sagte ihrem blinden Bruder so die Anzahl der Schritte an, in der er den schwarzen Flügel erreichen würde. Nun nach wie vor war Noabelle darin nicht so geübt wie ihr Bruder Ashael, aber sie hatte gelernt sich zu behelfen und ihr Bruder hatte gelernt dies umzusetzen. - Zarahiel hatte seinen Stab, der für diesen Anlass eher an einen extra langen, schmalen Gehstock erinnerte, vorsichtig vor sich gehalten, zog diesen dann aber zurück und streckte seine Hand nach dem Flügel aus. Immerhin wollte er vermeiden, dass er einem solch edlen Stück eine Macke verpasste. Das Holz fühlte sich sehr glatt und fast schon kühl unter seinen Fingern an. Es musste lackiert worden sein. Eine Hand am Flügel umrundete er ihn, bis er an den Tasten angekommen war. Sanft drückte er eine dieser bis zum Anschlag hinunter und ein wohliger Ton erfüllte für einen kurzen Moment den Raum. Das Klavier war wohl gestimmt. Zarahiel tastete nach dem Hocker, setzte sich und legte seinen Stab zu seinen Füßen an die Beine des Hockers. „Schließt du bitte die Tür?“, bat er seine Schwester dann. - „Sicher, sagte sie, ging zurück zur Tür, zog sie etwas zu, schloss sie aber nicht gänzlich, sondern lehnte sie nur an und setzte sich dann auf einen der Stühle im Raum, so dass sie ihren Bruder beim Spielen betrachten konnte. Ein leiser Windstoß, durch das etwas geöffnete Fenster sorgte dafür, dass die Tür sich geräuschlos wieder etwas öffnete.

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    Zarahiel saß vor dem Flügel auf dem Hocker, eine seiner Hände schwebte für ein paar Augenblicke über den Tasten des Klaviers, ehe er erneut eine Taste anschlug, um zu wissen wie er seine Hände zu legen hatte. Ein paar Augenblicke dachte er darüber nach, was er seiner kleinen Schwester vorspielen sollte und war kurzzeitig dazu geneigt ihr ein einfaches Kinderlied zu präsentieren, wählte dann aber dem Anlass des Festes etwas anderes aus. Der Schwarzhaarige hatte die Augen geschlossen und begann erst mit einer Hand zu spielen, ehe er die zweite dazu nahm. Es war ein Bitte melde dich an, um diesen Link zu sehen., das ihn auch selbst bewegte, denn einst hatte er genauso empfunden und…

    Kaum erfüllten die ersten Klänge den eher kleinen Raum, traten einige der Gäste, die in der Nähe waren und diese bemerkt hatten näher heran und auch herein, sahen Noabelle, die ihrem Bruder gebannt dabei zusah, wie er auf dem Flügel spielte und suchten sich ihrerseits einen Platz, an dem sie der Melodie lauschen konnten. Hier und da wurde leise getuschelt: „Oh, wie schön.“ - „Wusstest du, dass er musiziert?“ - „Was soll er denn sonst tun?“ - „Nun, ja. Ich weiß es nicht.“ - „Ist er nicht ein gutaussehender Mann!“ - „Ja, wenn das mit den Augen nur nicht wäre.“ - „…gruslig, manchmal…“ - „Aber er soll das Erbe mütterlicherseits antreten und wäre damit dann, so vermutet mein Herr Papa, reicher als sein Bruder.“ - „Soll er nicht auch verlobt sein?“ - „Ich weiß nicht, ob ich mit dieser Frau tauschen wollte. Es ist doch… nun… Sicher muss man ständig für ihn sorgen.“ - „Ihn ständig im Auge behalten wie ein kleines Kind…“ - „Seine Verlobte… wäre sie nicht mit ihm hierher gekommen? Wenn er denn verlobt wäre?“ - „Soweit ich gehört habe, hat er den Frauen doch abgeschworen und keiner weiß warum.“ - „Aber hat man ihn nicht erst kürzlich im Freudenhaus gesehen?“ - „Und auf dem Ball der Königin, war da nicht so eine Dunkelhäutige an seiner Seite?“ - „Ja, aber die haben sie auf dem Marktplatz aufgelesen und wollten ihr etwas Gutes tun. So hab ich es gehört. Sie teilen wohl denselben Makel…“ - „Er sieht trotz allem zum Anbeißen aus.“ — Nicht nur in der Bibliothek wurde hinter seinem Rücken über ihn gesprochen. Oft waren es Dinge, die er lieber nicht gehört hätte, oder Dinge, die andere lieber nicht hören sollten, jene, die wichtig für ihn waren und denen er wichtig war.

    In diesem Augenblick bekam Zarahiel von all dem was gesprochen nichts mit, irgendwie hatte er sich mit seinem Spiel in eine andere Welt versetzt und konzentrierte sich nur noch auf die Bewegungen seiner Finger und den Klängen, die dadurch das betätigen der Tasten entstanden. Irgendwann glitt sein Spiel in eine andere Bitte melde dich an, um diesen Link zu sehen. über, ein Lied, das er vielleicht nicht spielen sollte, und dennoch ließ er den Klängen und Tönen ihren freien Lauf.

    Noabelle war irgendwann aufgestanden und zu ihrem Bruder getreten, stand nah bei ihm und sah in die Runde der Anwesenden die sich nun in dem kleinen Raum gesammelt hatten. Es waren einige bekannte Gesichter, unter ihnen auch Ileana Torculi. Sie wirkte ein wenig verzaubert und traurig zugleich, wie sie ihren Bruder betrachtete, wie er in sein Spiel versunken war und von keinem der Anwesenden Notiz zu nehmen schien.

  • Einer der Diener in der Bibliothek griff erstaunlich ruhig und diplomatisch in die Situation ein und rettete sie vor einer Eskalation. Vanora atmete auf, als die Blondine nach einem erschrockenen Blick auf die Uhr rasch davon stürmte. Ihre Freundin gleich hinterher. Sie sah den Diener dankbar an. “Danke. Und verzeiht die Unannehmlichkeiten.” Ihr war auch nicht entgangen, dass er ihren Namen kannte, obwohl sie sich nicht erinnerte, ihm jemals begegnet zu sein. Sie seufzte, fühlte sich jetzt, wo ihre Vernunft langsam zurück zu ihr fand, lächerlich und errötete verlegen. Sie hatte überreagiert. Wahrscheinlich sprachen überall Leute so über Zarahiel und sie konnte sie schlecht alle bestrafen. Außerdem hatte auch sie sich über seine Blindheit beschwert und während sie wusste, dass all die anderen Stimmen, die über ihn flüsterten und seine Blindheit auf die eine oder andere Weise verurteilten, ihn relativ wenig berührten, war ihr auch bewusst gewesen, dass ihre Worte ihn sehr wohl getroffen hatten. Direkt und schmerzhaft. Sie war die Letzte, die sich über solche Lästereien wie die der Damen eben aufregen durfte. Sie blinzelte ein paar Mal, als sie bemerkte, dass sie in Gedanken abgedriftet war und der Diener noch immer vor ihr stand. “Ich schätze Ihr habt kein Buch für mich?”, fragte sie mit einem schiefen Lächeln. “Keine Sorge, ich mache keinen Ärger mehr und nochmals danke für Eure Hilfe.” Damit ließ sie den Diener allein und verließ die Bibliothek. Ihr stand jedoch so gar nicht der Sinn danach, auf das Fest zurückzukehren. Die Situation mit den Frauen, ihr Verhalten, sie schämte sich und war gerade nicht mehr wirklich in Feierlaune. Also lief sie den langen Gang, der von der Bibliothek ausging, weiter entlang, auf der Suche nach einem Rückzugsort, um ein paar Minuten durchzuatmen und ihre Gedanken zu ordnen, als sie plötzlich leise eine Klaviermelodie vernahm…

    Die Tür war angelehnt, mehrere Gäste standen vor und direkt hinter der Tür im Zimmer. Warum hatte Tristos Familie in diesem abgelegenen Teil einen Musiker platziert? Das kam ihr seltsam vor. Die Melodie war so schön, dass sie sie immer näher lockte. Klaviermusik hatte sie schon immer auf eine besondere Art berührt und so ein gut gespieltes Solo-Stück bekam sie nicht allzu oft zu hören. Die Neugier lockte sie in den Raum hinein, sie schob sich an ein paar Leuten vorbei, um einen Blick auf den Pianisten und seine geschickten Hände zu erhaschen, den sie vorher aufgrund ihrer kleinen Statur nicht sehen konnte. In den kleinen Lücken zwischen den Taillen und den Armen der Gäste erkannte sie immer wieder kleine Ausschnitte: Ein Mann in einem rosafarbenen Anzug, lange rabenschwarze Haare, großgewachsen, breite Schultern, plötzlich hielt sie inne. Ihre Augen weiteten sich, ihre Brust verengte sich und sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
    Er war es.
    Sie hatte es nicht sofort erkannt, weil er früher kein Klavier spielen konnte und seine Haare kürzer getragen hatte, aber sie stand nur noch hinter wenigen Gästen und hatte einen guten Blick auf ihn, auf den Stock zu seinen Füßen, der so typisch für ihn auf solchen Veranstaltungen war, seine Körperhaltung, wie er sich beim Spielen bewegte… Auch wenn sie ihn in dieser Position vorher nie gesehen hatte, hätte sie ihn unter tausenden wiedererkannt.
    Er war es.
    Gefangen zwischen dem Impuls zu fliehen und zu bleiben, erstarrte sie und lauschte seinem Spiel. So schön, dass sie ihr Herz bluten fühlen konnte, ihre Augen glänzten im Kerzenschein. Sie biss sich auf die Lippe bis es weh tat. Seit wann spielte er Klavier? Warum? Doch nicht, weil sie ihm einmal erzählt hatte… Nein, das war absurd. Warum sollte er noch irgendetwas für sie tun, nachdem sie ihn so verletzt hatte?

    Mit einem Mal stürzten all die Emotionen auf sie herein, die sie tagtäglich verdrängte. Die Schuld und die Reue lasteten wie ein schwerer Stein auf ihren Schultern und drohten sie unter sich zu zerquetschen. Die Sehnsucht verengte ihre Brust, ließ jeden Herzschlag schmerzen und die Trauer über das, was war und nie wieder werden würde, schnürte ihr die Kehle zu und schnitt ihr die Luft ab. Stille Tränen bahnten sich einen Weg über ihre geröteten Wangen. Sie musste diesen Raum verlassen, wenn sie nicht auch für die nächste Szene auf diesem Fest verantwortlich sein wollte. Als sie sich umdrehte und den Raum fluchtartig verließ entdeckte sie Noabelle im Augenwinkel. Ein ersticktes Schluchzen entwich ihr, als sie die Flure entlang eilte.

    Erst als sie im Garten angelangt war und die Melodie nicht mehr zu hören war, hatte sie das Gefühl wieder atmen zu können. Sie nahm mehrere tiefe zitternde Atemzüge und ließ sich dann auf einer steinernen Bank nieder. Ihr Blick schweifte leer über die Beete. Sie registrierte die Schönheit der Blumen und der metallenen Dekorationen nicht einmal, die Farbenpracht kam ihr vor wie Stufen von Grau. Nichts hätte sie so sehr an die Leere in ihrem Herzen erinnern können, wie dieser Moment eben und es fühlte sich so schmerzhaft an, als hätte sie sich gerade erst getrennt. Die Wunde war nicht mehr frisch, aber sie hatte sie nie heilen lassen, nur hinter Mengen von Verbänden versteckt, versucht die Blutung zu stillen, damit sie überleben konnte.

    Aber jetzt blutete sie wieder und sie war nicht sicher, ob sie es nochmal schaffen konnte, die Blutung zu stillen und diese Gefühle zu unterdrücken.

  • In seinem Spiel tauchte Zarahiels Geist für einen Augenblick auf, er wirkte in dem Moment angespannter und aufmerksamer. Er konnte nicht sagen, was es gewesen war, das seine Aufmerksamkeit geweckt hatte. Natürlich hatte er mitbekommen, dass sich andere Gäste zu ihnen gesellt hatten, auch dass seine Schwester ihm nun näher war als zuvor noch, aber da war noch etwas anderes gewesen, etwas Altbekanntes und doch so fremdes. Er hatte dann den Kopf geschüttelt, denn was hätte dieses Gefühl denn auslösen sollen? Er konzentrierte sich lieber wieder auf sein Spiel, denn in seinen Gedanken hörte er seinen Meister, der ihm das Spielen gelehrt hatte, dass er aufhören solle Geistern nachzujagen und sich auf die Melodie konzentrieren solle. So tat er dies dann auch, obwohl er gern in Erfahrung gebracht hätte, was es gewesen war, das ihn erreicht hatte.

    Noabelle hatte Vanora sofort erkannt, sobald sie die kleine Hüterin gesehen hatte. Ihr gesicht hatte sich sichtlich aufgehellt und sie wollte schon auf sie zueilen, doch bemerkte sie dann, dass die Dunkelblonde alles andere als glücklich und zufrieden wirkte. Hatte sie nicht sogar Tränen auf den Wangen? Noabelle hatte bereits ihre Hand erhoben und wollte den Namen der einstigen Schülerin ihres Bruders rufen, doch da war sie schon weg. Hin- und hergerissen zwischen dem Impuls Vanora zu folgen und der Zusage ihrer Elten gegenüber, dass sie bei ihrem Bruder bleiben würde, blieb Noabelle an Ort und Stelle und sah nun nicht mehr so zufrieden aus, wie gerade eben noch. Was war nur passiert, dass Vanora so aus der Bahn geworfen hatte?

    ***

    Was Noabelle verborgen blieb, da sie auch nichts von der näheren Bekanntschaft von Ileana Torculi und Vanora Norn wusste, war, dass Ileana Vanora ebenso bemerkt hatte. Erst war sie in den Hintergrund getreten, als sie die Dunkelblonde entdeckt hatte. Sie wollte nicht mit ihr konfrontiert werden, denn sie hatte ihr und auch Zarahiel übel mitgespielt. Doch, betrachtete Ileana ihre einstige Rivalin, denn das hatte sie in Vanora gesehen, genau und sah, wie diese in sich zu zerbrechen begann. Ihr schlechtes Gewissen regte sich mehr und mehr und so konnte die Honigblonde nicht anders und folgte Vanora, als diese fluchtartig den Raum verließ.

    Es war für Ileana gar nicht so einfach gewesen, der kleinen Frau zu folgen, denn kaum hatte sie es geschafft, sich durch die Anwesenden zu schlängeln, sah sie nur noch einen letzten Hauch des Kleides von Vanora hinter der nächsten Gangbiegung verschwinden. Sie eilte ihr nach und musste sogar den ein oder anderen Gast nach ihr fragen, ehe man sie Richtung Garten schickte, wo sie die Dunkelblonde auf einer der Steinbänke sitzend in sich zusammengesunken vorfand. Sie wirkte etwas der Welt entrückt und so traurig, als würde die gesamte Last der Erde auf ihrer Schultern liegen. Langsam näherte Ileana sich ihr, hatte ein Taschentuch in Händen und hielt dies Vanora hin. „Guten Abend Me‘Dam Vanora. Es ist lange her, seit wir uns das letzte Mal begegnet sind. Kann ich etwas für Euch tun?“, fragte sie in der Hoffnung, dass sie ihr schlechtes Gewissen irgendwie leichter werden lassen konnte.

  • Vanoras Blick ging scheinbar ins Leere. Vor ihrem inneren Auge sah sie ihn noch immer spielen. Seine schlanken gepflegten Hände, die über die Tasten flogen und diese herzzerreißend schöne Melodie aus dem Instrument hervor lockten. Sie erinnerte sich kaum noch daran, wie sich seine Hände angefühlt hatten, als er sie berührt hatte… Als seine Finger zärtlich über ihre Gesichtszüge wanderten und ihr Lächeln fanden. Aber sie wusste noch, wie seine Augenlider erkennend flatterten, wie seine Mundwinkel sich hoben und diese niedlichen Grübchen auf seinen Wangen erscheinen ließen, wenn er ihr Lächeln erkannte. Ob er manchmal noch an sie dachte? Ob er sich erinnerte, wie sich ihr Lächeln unter seinen Fingerkuppen angefühlt hatte? Sie verdiente es nicht, dass er es tat. Sie erlaubte es sich eigentlich nicht einmal zu hoffen, dass er hin und wieder noch einen Gedanken an sie verschwendete. Selbst wenn er das tat, was würde er von ihr denken? Der Frau, die ihm mutmaßlich ein Jahr lang eine heile Welt vorgespielt hatte, nur um ihm dann höchstpersönlich das Herz aus der Brust zu reißen, um es vor ihm auf den Boden zu klatschen, als hätte es niemals einen Wert für sie gehabt. Sie wollte gar nicht wissen, was er von ihr dachte. Mit Sicherheit nichts Gutes.

    Eine zarte Frauenstimme, die sie kannte, aber sehr lange nicht mehr gehört hatte, holte sie für einen Moment aus ihrer Gedankenspirale. Sie hob den Blick auf Ileana Torculi. Die Frau, die bezeugt hatte, wie sie von einem fremden Nobelmann unzüchtig geküsst wurde, kurz bevor Zarahiels Großtante herein gestürmt war und sie dafür an den Pranger gestellt hatte. Kurz bevor es Drohungen gehagelt hatte, bis Vanora eingeknickt war und zugestimmt hatte, ihrer Beziehung zu Zarahiel ein Ende zu setzen. Sie sah die blonde Frau einen Augenblick lang schweigend an, erkannte etwas in ihren Zügen, dass sie so sehr verwirrte, dass Vanora es gleich als Hirngespinst abtat. Sie war wirklich durch den Wind.

    “Ileana.”, sprach sie leise. “Lasst mich…”, sie seufzte schwer, als wäre sie unendlich müde und erschöpft, “einfach in Ruhe. Ich… Ich möchte gerade allein sein. Okay?”, bat sie die Adelige und wandte den Blick dann wieder von ihr ab. Sie ergriff weder ihr Taschentuch, noch scherte sie sich darum, dass der Kohlestift in Kombination mit ihren Tränen dunkle Schlieren unter ihren Augen hinterlassen hatte. War das wichtig? Was war schon wichtig? Alles war egal. Jetzt gerade war alles egal.

  • Ileana war zwiegespalten, auf der einen Seite würde sie nichts lieber, als ihre ehemalige Rivalin wieder verlassen, der sie unschönes angetan hatte, aber auf der anderen Seite sollte sie für ihre alte Sünde vielleicht endlich Buße tun. Ihr Bruder hatte ihr inständig dazu geraten, denn auch wenn sie sich nur hatte zu einer Marionette machen lassen, war ihr Mitwirken schlimm genug gewesen, dass sie mindestens in ein oder zwei Leben gewaltig eingegriffen hatte.

    „Ich verstehe Euren Wunsch. Aber ich glaube nicht, dass Ihr nun alleine sein solltet. Ich weiß auch, dass ich die letzte bin, die Ihr Euch an Eurer Seite wünscht. Aber vielleicht…“ Sie überlegte ob sie das wirklich tun wollte. Sie schlug ihre Augen nieder und meinte: „Vielleicht gibt es da etwas, das ich Euch nun endlich sagen sollte.“ Gespannt wartete Ilana nun, ob Vanora sich anhören wollte, was sie zu sagen hatte, sie wusste selbst noch nicht wo sie anfangen sollte, aber sie hoffte, dass sich das finden würde, würde die Dunkelblonde zustimmen.

  • War das hier eine weitere Strafe für ihre Sünden? Dass die Frau, zu der sie stets freundlich gewesen war, die sie wiederum aber immer als Kontrahentin gesehen hatte, sich plötzlich dazu erbarmt sah, ihr Elend zu lindern? Oder brachte es ihr vielleicht sogar Freude, sie so am Boden zu sehen? Hatte Shoshana sie geschickt, um Vanora daran zu erinnern, dass sie sich von Zarahiel fernhalten sollte? Vanora seufzte schicksalsergeben, als sich ihr Verdacht erhärtete, dass Ileana sie nicht in Ruhe lassen würde. “Wirklich? Glaubt Ihr ernsthaft, es gibt irgendetwas, das ich gerade von Euch hören möchte?”, grummelte sie und legte den Kopf leise stöhnend in den Nacken. Die kühle Abendbrise wirbelte ihr Haar in ihr Gesicht. Sie ließ die Finger durch ihre dunkelblonden Strähnen gleiten, um sie zu bändigen. “Aber bitte. Ihr werdet es mir ja so oder so sagen…” Sie richtete den müden Blick auf die hübsche Frau vor ihr. “Setzt Euch doch gleich.”, murmelte sie ironisch und deutete auf den Platz neben ihr auf der Bank.

  • „Ich bin mir nicht sicher“, gestand Ileana leise ein und wirkte nun mehr und mehr verunsichert. Vielleicht war das eine dumme Idee gewesen, Vanora zu folgen, aber Zarahiel reinen Wein einzuschenken würde sie noch viel weniger schaffen, als der betroffenen Frau. Wobei, dies auch noch abzuwarten blieb, denn noch hatte sie nur den Mut nicht gleich wieder umzudrehen und davonzueilen. Die Honigblonde zögerte einige Wimpernschläge lang, denn Vanora war sehr deutlich, dass sie nicht willkommen war, was sie aber absolut verstand. Sie oder eine Ihrer Freundinnen hätten die Dunkelblonde mit den strahlend schönen Augen vermutlich einfach weggejagt.

    Ileana setzte sich. Ihre Haltung wirkte steif, ihr Gesichtsausdruck so, als würde man sie gerade aufs Schafott führen. Sie räusperte sich. „Ihr liebt ihn noch immer sehr. Nicht wahr?“ Ihre Stimme war nur ein Hauch in der Abendluft und offener Schmerz hallte leise darin wieder. Es war der eigene Schmerz, einer unerwiderten Liebe. „Es tut mir sehr leid, was Euch angetan wurde, Vanora. Was ich Euch angetan habe.“ Sie klang ehrlich, auch wenn es Ileana Ansicht möglich war Vanoras Blick zu halten. Sie schämte sich dafür, dass sie sich hatte benutzen lassen. „Es war nicht recht, wie Me‘Dam van Shemering sich eingemischt hat. Und es war ebensowenig recht, dass ich ihr dabei geholfen habe. Ich weiß nicht, ob es etwas ändern wird, aber es war nur ein Schauspiel. Die alte Me‘Dam hat einen Schauspieler organisiert, welchen sie sogleich sie Euer Wort hatte, reichlich entlohnt hatte und davonschickte.“ Ileana knetete das Taschentuch in ihren Händen. „Er ist bald nach diesem Vorfall aus der Stadt und aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Wusstet ihr das? Seine Tante hat getobt, aber da sie seiner Mutter nicht verraten konnte, was sie getan hatte und diese es als gut erachtete ihren Sohn wieder reisen zu lassen, haben wir ihn in der letzten Zeit kaum zu Gesicht bekommen. Dies ist erst das zweite Mal, seit man munkelt, dass er wieder in der Stadt ist…“ Ileana verstummte und blickte kurz auf. Sie war sich selbst nicht sicher, warum sie das nun alles gesagt hatte. „Ich dachte, ich tue das Richtige, um den Weg für ihn und mich zu ebnen. Ich wusste nicht… zu dieser Zeit noch nicht, dass er… das Ihr…“ Sie senkte ihren Blick erneut. „Es tut mir leid.“

    ***

    Nach einem dritten Lied hatte Zarahiel sein Spiel dann beendet, er bückte sich nach seinem Stock und erhob sich dann, um den nun mehr und mehr gefüllten Raum zu verlassen. Leises Raunen ging durch die Reihen der Anwesenden und Noabelle war sogleich an seiner Seite, ohne ihn zu überreden, noch weiter zu spielen. „Hattest du nicht gesagt, wir wären allein und du hättest die Tür geschlossen?“, fragte er seine Schwester leise, aber nicht nur ein Hauch an Vorwurf lag in seiner Stimme. Noabelle hatte ihre Hand wieder in seine Armbeuge gelegt und gemeinsam verließen sie den Raum, ohne warten zu müssen, denn man machte ihnen den Weg frei. - „Hatte ich. Dem war auch so, nur hat der Wind die Tür wieder etwas aufgedrückt“, antwortete sie, ohne sich auch nur etwas schuldig zu fühlen. „Sollen sie doch wissen, wie toll du spielst. Das…“ - „Hör auf mich vermitteln zu wollen, wie ein armes Hündchen, das du auf der Straße aufgelesen hast, Belle. Es reicht schon, dass Mama und der Rest der älteren weiblichen Verwandtschaft meint, das tun zu müssen. Ich bin es mehr als leid. Ich spiele nicht für die anderen, ich wollte für dich und vielleicht noch für mich spielen…“ - „Ist ja gut. Es tut mir leid“, gab sie nun doch etwas betreten zur Antwort. „Aber keiner meint es böse Zarahiel, das weißt du doch, nicht wahr?“ - Der Angesprochene brummte nur darauf, was Noabelle aber wissend nicken ließ. „Wollen wir jetzt sehen, wo die anderen stecken?“ - „Wenn es sein muss“, stimmte ihr Bruder dann zu.

  • Wenn sie nicht schon für genug Wirbel auf diesem Fest gesorgt hätte, hätte Vanora vielleicht angefangen hysterisch zu lachen, als Ileana sie nun fragte, ob sie Zarahiel noch liebte. Stattdessen schnaubte sie nur abfällig. Ihr Blick verharrte eisern auf ihren Fingern, die sie immer wieder verknotete und löste, als versuchte sie dadurch, irgendwelche Antworten zu finden, die sich ihr nicht erschließen wollten. “Ist das jetzt eine Fangfrage? Hat Me’Dam van Shemering Euch geschickt?”, fragte sie schroff. “Ich halte mich weiter von ihm fern. Keine Sorge.”, murmelte sie geschlagen. Aber die nächsten Worte der Adeligen ließen sie nun doch aufhorchen. Sie hob den Kopf und sah die Blondine an. Hatte sie sich verhört? Kam da gerade wirklich eine Entschuldigung aus ihrem Mund? Vanora war so sprachlos, dass sie nichts rausbrachte. Ihre Augen weiteten sich überrascht, als sie tatsächlich das Schauspiel und ihre Rolle darin gestand. Aber änderte das wirklich etwas? Vanora seufzte tief und senkte den Blick wieder. “Selbst wenn es das war, hat Me’Dam van Shemering mir damit gezeigt, dass sie keine Skrupel hat zu tun, was nötig ist, um ihren Willen durchzusetzen.”, murmelte sie hoffnungslos. “Und sie hat sehr deutlich gemacht, dass sie mich nicht an der Seite ihres Großneffens sehen will.” Dennoch lauschte sie Ileanas Worten über Zarahiel und was er in den letzten beiden Jahren so getan hatte interessiert. Dass er auf Reisen war, erklärte wohl, warum es bis jetzt so gut geklappt hatte, ihm aus dem Weg zu gehen. “Wisst Ihr, wohin er gereist war?”, fragte sie nach. Sie war sicher, dass Ileana nicht mehr für Me’Dam van Shemering spionierte, also musste sie ihr Interesse an ihm auch nicht verbergen. Sie sah in die haselnussbraunen Augen der jungen Frau. Sie war etwa im selben Alter wie sie selbst, vielleicht ein bisschen jünger. Vanora erkannte die Reue in ihren Augen, das ehrliche Bedürfnis, ihren Fehler wieder gut zu machen. “Ich nehme Eure Entschuldigung an.”, meinte sie schließlich. Ihre Mundwinkel hoben sich schwach. “Ihr wart jung und naiv. Ich weiß nicht, was Me’Dam van Shemering Euch erzählt hat, um Euch zu überzeugen. Vielleicht, dass sie Euch hilft, Zarahiel näher zu kommen… Ich… Ich hätte nicht so gehandelt, aber ich verstehe es. Sie kann ziemlich manipulativ sein.”, gestand sie ihr zu. “Habt Ihr das Zarahiel auch schon gestanden?”

  • Ileana zuckte ob der schroffen Entgegnung zusammen, aber es geschah ihr recht. Das verstand sie nur zu gut. Doch sie sprach immer weiter, denn wenn sie es jetzt nicht tat, dann würde sie es immer mit sich herumtragen. „Sie hat aber auch gezeigt, dass ihr keine andere Wahl blieb, als einen Schauspieler zu organisieren. Sie wollte auf gar keinen Fall, dass Eliel van Degeraed etwas davon mitbekam. Ich glaube mittlerweile, dass sie nicht so mächtig ist, wie sie tut. Vielleicht war sie es einst, aber heute gibt es jüngere, die es besser machen und sich von den Alten nicht mehr einschüchtern lassen.“ Ileana zuckte mit den Schultern. „Sie wollte jemanden an seiner Seite sehen den die… nun .. den sie… beeinflussen könnte, der auf ihrer Seite steht und jemandem von adeligen Blut. Am liebsten wäre ihr wohl eine entfernte Cousine gewesen… was ich erst später erfahren habe. Ich dachte wirklich… nun ja.“ Sie wollte nicht aussprechen, dass sie gehofft hatte, dass dieses Schauspiel sie und Zarahiel einander nähergebracht hätte. Die Frage nach den Reisen war da etwas, das sie lieber beantwortete. „Jaden, mein Bruder, sagte etwas von Fahrenden, mit denen sie wohl gereist waren und einem Dorf, dass sie besucht hätten und anderen Orten, die ich nicht mehr weiß und auch nicht warum sie dort waren.“ Die Augen von Ileana leuchteten in Dankbarkeit auf. Damit hatte sie nun nicht gerechnet, sie hatte nicht einmal gewagt zu hoffen, dass Vanora ihr vergeben würde. Und doch war dies gerade geschehen. „Danke“, hauchte sie. „Ihr wisst nicht, was mir das bedeutet und wie leid es mir tut. Ich weiß, dass es falsch war. Und kein gutes Licht auf mich wirft.“ Dann senkte sie ihren Blick wieder und eine Schamesröte legte sich auf ihre Wangen. „Nein“, gestand sie. „Ich habe es ihm nicht gesagt. Ich konnte nicht. Ich habe es versucht. Aber nie den Mut dazu gefunden.“

  • Die Dunkelblonde hob eine Augenbraue. So richtig verstand sie nicht, was Ileana damit meinte, dass der alten Dame keine andere Wahl geblieben war, als einen Schauspieler zu engagieren. Sie stimmte nicht mit ihr überein, dass Shoshana van Shemering nicht so mächtig sein sollte, wie sie tat, denn sie wusste um das große Vermögen, auf dem die Witwe saß und Geld war nunmal Macht. Wenn sie Schauspieler bezahlen konnte, die für sie den Ruf einer Frau ruinierten, dann konnte sie auch Brandstifter bezahlen, die ihren Stall in Flammen aufgehen lassen würden. Vanora zuckte mit den Schultern. “Ja, sie wollte nicht mich.”, sagte sie bloß dazu. Aber ihr Plan schien ja auch nicht aufgegangen zu sein. “Warum ist es mit der entfernten Cousine dann eigentlich nichts geworden? Ich hätte fest damit gerechnet, dass Zarahiel mittlerweile verheiratet wäre. Vielleicht sogar schon mit Nachwuchs auf dem Weg.” Vanora sah die Adelige mit fragend hochgezogener Augenbraue an.

    Welches Dorf Zarahiel besucht hatte, konnte sie sich gut vorstellen. Sie erinnerte sich an das Blindendorf in den Bergen, das vollkommen auf die Bedürfnisse von blinden Menschen ausgerichtet war. Es hatte Seile, die leitend von einem Ort zum anderen führten und keine Gegenstände, die Sehende als Dekoration gern in die Landschaft stellten, die Blinden aber immer wieder zum Verhängnis wurden… Sicherlich hatte er sich dorthin zurückgezogen.

    Ein schwaches Lächeln huschte über ihre Züge, als sie Ileanas Dankbarkeit sah. Offensichtlich hatte sie nicht mit Vergebung gerechnet, aber was brachte es ihr schon, ihr das für den Rest ihres Lebens vorzuwerfen? Besonders jetzt, nachdem sie ihren Fehler eingesehen hatte? Als es um Zarahiel ging, legte sich ein Schatten auf ihr Gesicht. “Vielleicht ist es besser, wenn Ihr es ihm nicht sagt.”, murmelte Vanora resigniert. Sie wollte nicht, dass er davon erfuhr und sich daraufhin vielleicht Hoffnungen machte, dass das mit ihnen nochmal etwas werden könnte – falls er daran überhaupt Interesse hatte. Solange die Bedrohung durch seine Großtante bestand, musste sie sich fernhalten. Sie konnte das Risiko nicht eingehen, denn hier ging es nicht nur um sie. Es ging um ihre Familie und auch um seine…

  • „Er hat sich dem Zugriff seiner Tante entzogen. Soweit ich weiß, hatte sie nach ihm geschickt, aber er ist ihrem Ruf nicht gefolgt und als er dann auf Reisen war, hatte es sich auch erstmal erledigt. Nun ist Shoshsna sehr krank und es sieht so aus, als hätte sie es aufgegeben, denn auch, als die Brüder zurück waren, hat sich nur Ashael bei ihr eingefunden. Und sie hat nicht mehr die Kraft und das Durchhaltevermögen, in die Stadt zu reisen.“ Iliana war sehr bereitwillig, ihre Sicht der Dinge zu erzählen. Sie wusste nicht, ob es Vanora etwas brachte, aber schaden tat es nicht. „Zarahiel mied bisher das öffentliche Leben. Feste, Bälle, Einladungen. Neben hier, war er nur auf dem Ball der Königin anzutreffen und das auch nicht sonderlich lange.“ Die Honigblonde senkte die Stimme etwas. „Denn als das Gerücht in Umlauf kam, dass Feen dort anwesend sein sollten, waren sie schon wieder verschwunden.“ Hier zuckte sie mit den Schultern. „Soweit ich weiß, hat er sich keine Frau genommen, aber hier brodelt die Gerüchteküche, denn keiner weiß genau, was in den letzten Jahren war. Ashael ist unverheiratet, aber seinen Eltern wäre sehr daran gelegen, wenn er sich endlich binden würde. Und derzeit wohnt Etienne Avondrood bei ihnen. Ein Cousin der Familie. Warum, das weiß keiner so genau.“ Sie hob die Schultern.

    „Wenn ich es ihm erzählen müsste, würde ich sicherlich vor Scharn sterben. Ich weiß, dass es irgendwann sein muss. Jaden sagt das. Aber ich weiß noch nicht, wie ich das überstehen soll. Aber nun wisst Ihr es schon einmal. Und an dem Rest… nun, ich arbeite dran.“

  • “Oh…”, stieß Vanora aus und sah einen Moment nachdenklich an Ileana vorbei. Wenn das so war, dann könnte es wirklich…? Die Dunkelblonde stoppte diesen Gedanken sofort. Sie wollte sich keine Hoffnung machen, wo keine war. Auch wenn Shoshana vielleicht keine Bedrohung mehr war – was sie auch nicht sicher wusste – so hatte sie Zarahiel noch immer das Herz gebrochen. Mit Sicherheit wollte er sie gar nicht mehr. Erwarten konnte sie es auf jeden Fall nicht. Selbst wenn Ileana ihm gestehen würde, was seine entfernte Familie dem jungen Paar für ein Spiel gespielt hatte… Immerhin hatte sie trotzdem entschieden, sich von ihm zu distanzieren und ihn stark verletzt, statt ehrlich zu sein. So wie sie ihn kannte, würde ihn auch das sehr enttäuschen, hatte er doch immer viel Wert darauf gelegt, dass sie Probleme gemeinsam angingen und darüber sprachen, egal wie groß sie schienen. “Avondrood?”, fragte Vanora überrascht. “Hieß so nicht auch die Cousine, mit der er verkuppelt werden sollte?”, erinnerte sie sich dunkel. Ob das etwas zu bedeuten hatte, ließ sich nur mutmaßen, aber vielleicht startete die Familie damit ja noch einen Versuch, ihn mit ihr zu vermählen? Dass auch Ashael bis heute keine Frau gefunden hatte, verwunderte sie. Natürlich war er damals auch nicht allzu begeistert von den Heiratsplänen seiner Familie gewesen, aber sie kannte ihn als pflichtbewussten Mann, dem seine Familie sehr wichtig war. “Ist Ashael mit Zarahiel mitgegangen, als er auf Reisen war?”, wollte sie wissen. So könnte sie sich die fehlende Frau an seiner Seite erklären.

    Vanoras Blick ruhte mitfühlend auf der Honigblonden. Sie konnte sich in etwa vorstellen, wie sich Ileana fühlen musste und sie war ehrlich nicht sicher, ob Zarahiel ihr jemals verzeihen könnte, was sie getan hatte. Dennoch… “Tut es für Euch.”, riet sie ihr. “Es wird sich schrecklich anfühlen, auch wie Zarahiel Euch danach vielleicht behandelt, aber immerhin habt Ihr es dann von der Seele und könnt damit beginnen, Euer Verhalten wieder gut zu machen.” Ein warmes Lächeln erschien auf ihren Zügen. “Darf ich Euer Taschentuch vielleicht doch kurz ausleihen? Irgendwann muss ich wieder da rein und wenn man mich so sieht… Naja, ich denke, ich habe für genug Wirbel gesorgt heute.”

  • „Ja, so hieß sie. Er ist ihr jüngerer Bruder. Sie soll geheiratet haben, ein Kind bekommen haben und nun verwitwet sein. Ich glaube, Eliel soll ihn etwas anleiten. Der Vater von Etienne ist schon vor Jahren verstorben und seine Mutter trifft wohl nicht die besten Entscheidungen. Aber das ist nur der Tratsch, der so die Runde macht.“ Ileana kannte sich immerhin mit Ratsch und Tratsch aus. Sie nickte. „Ashael war die gesamte Zeit bei ihm. Wie hätte es auch sonst gehen sollen?“ Ileana schlug sich die Hand vor den Mund und sah verlegen drein. „So hatte ich es nicht gemeint.“ Sie winkte ab und nickte dann. „Irgendwann werde ich es tun. Aber nicht heute. Heute habe ich meinen Mut bereits aufgebraucht.“ Ileana lächelte schwach und reichte mit einem „Natürlich“ das etwas zerknautschte Taschentuch weiter. „Es ist nur halb so schlimm. In ein paar Augenblicken wird sicher keiner mehr etwas von Eurer Aufgewühltheit sehen.“ Dann sah sie Vanora verwundert an. „Was habt Ihr denn angestellt?“