„Nicht nur wegen ihrer Unberechenbarkeit sind Dämonen so gefährlich. Sie verfügen über Fähigkeiten, die denen von gewöhnlichen Hexen überlegen sind. Dämonen sind pure Magie und verstehen sie in einer Art und Weise, die uns fremd ist. Gargoyles, die auch durch Linien springen können, fühlen es am ehesten nach. Das sind aber eher schwierig zu bekommende Vertraute, denn sie binden sich nur einmal im Leben.“
Darius verstand sich meisterlich darin, andere Personen einfach zu ignorieren. Kam ihm jemand schräg, der eindeutig unter seiner Preisklasse rangierte, sprengte er ihn einfach weg. Oder zerquetschte ihn. Nahm ihm den Sauerstoff und ließ ihn ersticken. Es gab viele Wege, um eine nervende Persönlichkeit aus ihrer Existenz zu bugsieren. Als er nun Iris hinter sich auf die Füße springen hörte, stellte er sich bereits darauf ein, von minderwertigen Magieanflügen bombardiert zu werden. Das wäre ja noch zu verschmerzen gewesen.
Iris wählte jedoch eine Variante, die er weniger leicht von der Hand weisen konnte. Unverfroren griff sie nach seinem Arm und Darius hielt inne. Hoch aufragend und vollkommen unbeweglich verharrte er an Ort und Stelle, so als würde er ihr noch einen Augenblick geben, um sich doch noch zu besinnen. Allerdings schien diese Hexe nicht wirklich über einen Selbsterhaltungstrieb zu verfügen. „Bleib hier, du eingebildeter Scheißkerl…! Ich rede mit dir!“
Nur redete Darius nicht mit Iris, wenn er das nicht wollte. Ganz langsam drehte er seinen Torso bis er ihr einen Schulterblick zuwerfen konnte. Dabei neigte er die Nasenspitze so weit, dass die getönte Brille leicht verrutschte und er über das Glas hinweg die kleine, lebensmüde Hexe besah. Statt runden Pupillen befanden sich waagerechte Pupillen wie bei einer Ziege in bernsteinfarbenen Augen. Das Lächeln war aus seiner Miene verschwunden und als er einatmete, um deutlich zu machen, dass man ihn nicht einfach so anfasste, stutzte er. Dort, wo Iris ihn am Arm packte, breitete sich ein unangenehmes Prickeln aus. Nicht das der verheißungsvollen Sorte, sondern ein warnendes. So ein Gefühl hatte er noch nie erlebt, außer in den wenigen Auseinandersetzungen mit den anderen Leviathanen.
„Hm“, machte Darius nur schlicht bevor sein freier Arm wahnsinnig schnell herumfuhr und Iris‘ Unterarm zu fassen bekam. In atemberaubender Geschwindigkeit wirbelte er die Hexe herum und mit dem Rücken an seine Brust. Ihren Arm drückte er dabei schmerzhaft an seiner Flanke nach hinten, sein Unterarm presste sie mit unmenschlicher Kraft unterhalb ihrer Brust an ihn. „Liebes, du solltest dir in Erinnerung rufen, dass ich dich mit deinen versiegelten Kräften schneller ins Jenseits ziehen kann, als du Hilfe schreien kannst.“ Seinen Kopf hatte er gesenkt, damit er mit dunklen, rumpelnden Worten in ihr Ohr raunen konnte, die Stimme so sinnlich wie tödlich gleichermaßen. Ihr Puls raste unter seinem Arm, sei es von Wut oder etwas anderem. Sie war genauso zerbrechlich wie die meisten weiblichen Hexen. Einige von ihnen hielten das, was im Jenseits mit ihnen angestellt wurde, auch nur bedingt oft aus bevor sie zerbrachen. Wortwörtlich.
Jetzt konnte er auch ungehemmt die Stirn in Falten legen. Es war nicht nur ihre Hand gewesen, die brannte. Nein, alles an ihr stand in Flammen. Jeder Zentimeter, wo sie ihn berührte, fing an zu brennen, erst leise, dann immer deutlicher. Als würden seine Zellen nach und nach verkohlt werden. Er plante, sie längerfristig zu halten, aber er musste zugeben, dass das Gefühl nicht nur lästig, sondern auch penetrant war. Irgendetwas war ihm entgangen, als er ihr Blut gekostet hatte. Irgendetwas stimmte mit ihr nicht.
Damit er sich nicht verriet stieß er Iris grob von sich. Durch die Wucht fiel sie nach vorn und auf die Knie. Darius wäre kein mächtiger Dämon, wenn er auf Körperlichkeit Wert legen musste. Er war die Magie pur und als solche manipulierte er sie auch. Er legte den Kopf herausfordernd schief, als er Energie aus der Kraftlinie in direkter Nähe zog. Wie ein Amboss ließ er sie gesammelt auf Iris‘ schmächtigen Körper niederfahren, die unter dem unsichtbaren Gewicht auf den kalten Betonboden gepresst wurde. Ihre Witchmarks protestierten – auch das spürte der Dämon problemlos. Aber er würde den sprichwörtlichen Teufel tun und Energie durch oder in sie pumpen. Sollte sie doch selbst auf die Idee kommen, wie sie diese Marks loswerden konnte.
„Das Erste, was du lernen solltest, wäre ein kleines Bisschen Selbsterhaltungstrieb. Wobei, stopp – es ist lustiger, wenn du nicht merkst, dass du im nächsten Moment schon tot sein kannst“, sagte Darius und schlenderte, die Hände wieder in den Taschen vergraben, um Iris herum. Vor ihrem Gesicht hielt er ein, ging in die Hocke und musterte das mehr als nur vor Wut verzerrte Gesicht. „Du trägst mein Mal. Vielleicht sollte ich es beschleunigen und dich jetzt einfach schon mitnehmen. Hier gibt es niemanden, der dich rettet. Oder den es interessiert.“