Triggerwarnung

Logo

BITTE BESTÄTIGE, DASS DU 18 JAHRE ODER ÄLTER BIST

Achtung! Potenziell sensible und jugendgefährdende Inhalte!

Dieses Forum enthält rein fiktive Geschichten, die sich mit verschiedenen Themen und Genres beschäftigen. Dabei können schwierige, belastende oder verstörende Inhalte behandelt werden, darunter u.a. Gewalt, psychische Erkrankungen, Traumata, sexuelle Inhalte oder andere sensible Themen.

Die dargestellten Inhalte sind frei erfunden und stellen keine Realität dar. Sie spiegeln nicht die Ansichten oder Überzeugungen der Forenbetreiber oder Autoren wider.

Wir distanzieren uns ausdrücklich von jeglicher Verherrlichung von Gewalt, Diskriminierung, Selbstverletzung oder ähnlichen Handlungen. Die Inhalte dienen einzig der künstlerischen und literarischen Auseinandersetzung.

Das Forum ist ausschließlich für volljährige Nutzer (18+) vorgesehen. Minderjährige haben das Forum auf der Stelle zu verlassen.

  • „Nicht nur wegen ihrer Unberechenbarkeit sind Dämonen so gefährlich. Sie verfügen über Fähigkeiten, die denen von gewöhnlichen Hexen überlegen sind. Dämonen sind pure Magie und verstehen sie in einer Art und Weise, die uns fremd ist. Gargoyles, die auch durch Linien springen können, fühlen es am ehesten nach. Das sind aber eher schwierig zu bekommende Vertraute, denn sie binden sich nur einmal im Leben.“

    Darius verstand sich meisterlich darin, andere Personen einfach zu ignorieren. Kam ihm jemand schräg, der eindeutig unter seiner Preisklasse rangierte, sprengte er ihn einfach weg. Oder zerquetschte ihn. Nahm ihm den Sauerstoff und ließ ihn ersticken. Es gab viele Wege, um eine nervende Persönlichkeit aus ihrer Existenz zu bugsieren. Als er nun Iris hinter sich auf die Füße springen hörte, stellte er sich bereits darauf ein, von minderwertigen Magieanflügen bombardiert zu werden. Das wäre ja noch zu verschmerzen gewesen.
    Iris wählte jedoch eine Variante, die er weniger leicht von der Hand weisen konnte. Unverfroren griff sie nach seinem Arm und Darius hielt inne. Hoch aufragend und vollkommen unbeweglich verharrte er an Ort und Stelle, so als würde er ihr noch einen Augenblick geben, um sich doch noch zu besinnen. Allerdings schien diese Hexe nicht wirklich über einen Selbsterhaltungstrieb zu verfügen. „Bleib hier, du eingebildeter Scheißkerl…! Ich rede mit dir!“
    Nur redete Darius nicht mit Iris, wenn er das nicht wollte. Ganz langsam drehte er seinen Torso bis er ihr einen Schulterblick zuwerfen konnte. Dabei neigte er die Nasenspitze so weit, dass die getönte Brille leicht verrutschte und er über das Glas hinweg die kleine, lebensmüde Hexe besah. Statt runden Pupillen befanden sich waagerechte Pupillen wie bei einer Ziege in bernsteinfarbenen Augen. Das Lächeln war aus seiner Miene verschwunden und als er einatmete, um deutlich zu machen, dass man ihn nicht einfach so anfasste, stutzte er. Dort, wo Iris ihn am Arm packte, breitete sich ein unangenehmes Prickeln aus. Nicht das der verheißungsvollen Sorte, sondern ein warnendes. So ein Gefühl hatte er noch nie erlebt, außer in den wenigen Auseinandersetzungen mit den anderen Leviathanen.
    „Hm“, machte Darius nur schlicht bevor sein freier Arm wahnsinnig schnell herumfuhr und Iris‘ Unterarm zu fassen bekam. In atemberaubender Geschwindigkeit wirbelte er die Hexe herum und mit dem Rücken an seine Brust. Ihren Arm drückte er dabei schmerzhaft an seiner Flanke nach hinten, sein Unterarm presste sie mit unmenschlicher Kraft unterhalb ihrer Brust an ihn. „Liebes, du solltest dir in Erinnerung rufen, dass ich dich mit deinen versiegelten Kräften schneller ins Jenseits ziehen kann, als du Hilfe schreien kannst.“ Seinen Kopf hatte er gesenkt, damit er mit dunklen, rumpelnden Worten in ihr Ohr raunen konnte, die Stimme so sinnlich wie tödlich gleichermaßen. Ihr Puls raste unter seinem Arm, sei es von Wut oder etwas anderem. Sie war genauso zerbrechlich wie die meisten weiblichen Hexen. Einige von ihnen hielten das, was im Jenseits mit ihnen angestellt wurde, auch nur bedingt oft aus bevor sie zerbrachen. Wortwörtlich.
    Jetzt konnte er auch ungehemmt die Stirn in Falten legen. Es war nicht nur ihre Hand gewesen, die brannte. Nein, alles an ihr stand in Flammen. Jeder Zentimeter, wo sie ihn berührte, fing an zu brennen, erst leise, dann immer deutlicher. Als würden seine Zellen nach und nach verkohlt werden. Er plante, sie längerfristig zu halten, aber er musste zugeben, dass das Gefühl nicht nur lästig, sondern auch penetrant war. Irgendetwas war ihm entgangen, als er ihr Blut gekostet hatte. Irgendetwas stimmte mit ihr nicht.
    Damit er sich nicht verriet stieß er Iris grob von sich. Durch die Wucht fiel sie nach vorn und auf die Knie. Darius wäre kein mächtiger Dämon, wenn er auf Körperlichkeit Wert legen musste. Er war die Magie pur und als solche manipulierte er sie auch. Er legte den Kopf herausfordernd schief, als er Energie aus der Kraftlinie in direkter Nähe zog. Wie ein Amboss ließ er sie gesammelt auf Iris‘ schmächtigen Körper niederfahren, die unter dem unsichtbaren Gewicht auf den kalten Betonboden gepresst wurde. Ihre Witchmarks protestierten – auch das spürte der Dämon problemlos. Aber er würde den sprichwörtlichen Teufel tun und Energie durch oder in sie pumpen. Sollte sie doch selbst auf die Idee kommen, wie sie diese Marks loswerden konnte.
    „Das Erste, was du lernen solltest, wäre ein kleines Bisschen Selbsterhaltungstrieb. Wobei, stopp – es ist lustiger, wenn du nicht merkst, dass du im nächsten Moment schon tot sein kannst“, sagte Darius und schlenderte, die Hände wieder in den Taschen vergraben, um Iris herum. Vor ihrem Gesicht hielt er ein, ging in die Hocke und musterte das mehr als nur vor Wut verzerrte Gesicht. „Du trägst mein Mal. Vielleicht sollte ich es beschleunigen und dich jetzt einfach schon mitnehmen. Hier gibt es niemanden, der dich rettet. Oder den es interessiert.“

  • Oh, scheiße!
    Ein plötzliches Unbehagen kroch durch ihren Körper. Dafür waren nicht einmal die befremdlichen Ziegenaugen verantwortlich, die sie kalt musterten. Die Augen allein für sich genommen, waren schon Erinnerung genug, dass sie keinen normalen Mann beleidigt hatte. Kein Mensch, der sich auf ihren Protest einließ. Nein, viel schlimmer war das fehlende Lächeln, das sich Darius aus dem Gesicht gewischt hatte. Dieses selbstgefällige und amüsierte Lächeln auf ihre Kosten, dass in Iris die Weißglut geschürt und ihm etwas Menschliches verliehen hatte. Einen Moment lang passierte gar nichts, dann wirbelte Darius sie so schnell um die eigene Achse, dass sich Iris einbildete ein bedenkliches Knackgeräusch in ihrem Genick zu hören. So und nicht anders musste sich ein Schleudertrauma anfühlen. Ihr Rücken prallte gegen den Dämon. Hart. Die Luft wurde ihr aus den Lungen gedrückt und Iris schnappte keuchend nach Luft. Der Arm unterhalb ihrer Brust machte es nun wirklich nicht besser. Aus Reflex versuchte sich die Hexe aus dem eisernen Griff zu befreien, aber alles, dass anstelle eines Protests auf ihrem Mund kam, war ein abgehakter Schmerzlaut. Erst jetzt bemerkte Iris, dass der Dämon ihren Arm mit unbarmherziger Kraft nach hinten verdrehte. Ein kräftiger Ruch und er würde ihre die Schulter auskugeln.
    „Liebes, du solltest dir in Erinnerung rufen, dass ich dich mit deinen versiegelten Kräften schneller ins Jenseits ziehen kann, als du Hilfe schreien kannst.“
    Das Herz rutschte ihr in die Hose. Der Druck auf ihrem Brustkorb und der Schmerz in ihrem Arm machten es ihr fast unmöglich eine Antwort über die Lippen zu pressen. Fast.
    Iris wäre nicht Iris, wenn sie in ihrem bisherigen Leben nur vernünftige und kluge Entscheidungen getroffen hätte. Angst zeigen, war nie eine Option gewesen obwohl ihr Herzschlag die Skala längst sprengte. Deshalb gab es nur einen Weg: Mit dem Kopf durch die Wand. Ein wildes Grinsen legte sich auf ihr Gesicht.
    „Oh, wirklich? Ich glaube nicht, dass du der richtige Typ bist, der mich zum Schreien bringen kann. Sorry, Darius.“
    Eine Antwort bekam sie nicht, dafür aber einen groben Stoß in den Rücken. Schmerz zuckte durch ihre Knie, als sie auf dem Betonboden aufschlug. Noch war ihr ganz schwindelig von dem Blut, das in aberwitziger Geschwindigkeit und mit einer deutlichen Überdosis an Adrenalin durch ihre Adern gepumpt wurde. Deshalb verstand sie auch nicht, wieso plötzlich die Decke über ihnen einstürzte. Ein enormes Gewicht drückte sie mit jedem Zentimeter ihres Körpers in den harten Untergrund bis die Knochen unangenehm knirschten. Es presste ihren Brustkorb zusammen, komprimierte Muskeln, Sehnen und Nerven. Aber das war nicht die Decke der Fabrikhalle, sondern pure Magie.
    „Das Erste, was du lernen solltest, wäre ein kleines Bisschen Selbsterhaltungstrieb. Wobei, stopp – es ist lustiger, wenn du nicht merkst, dass du im nächsten Moment schon tot sein kannst.“
    Die unsichtbare Kraft presste sie fest auf den Boden. Sie fühlte es am ganzen Körper wie das Prickeln aberhunderter von winziger Nadeln. Es war nicht die Art von Magie, die von den Farrows genutzt wurde. Das hier war Kraftlinienmagie. Iris ächzte unter dem Druck und schaffte es nicht einmal ihr Gesicht zudrehen, als perfekt glänzende Lederschuhe in ihrem Blickfeld auftauchten.
    „Du trägst mein Mal. Vielleicht sollte ich es beschleunigen und dich jetzt einfach schon mitnehmen. Hier gibt es niemanden, der dich rettet. Oder den es interessiert.“
    Die Witchmarks glühten und die Hexe glaubte, ein leises Knistern in der Luft zu hören, das von ihren schnaufenden Atemzügen beinahe vollständig übertönt wurde. Die feinen Härchen an ihren Unterarmen und in ihrem Nacken, eigentlich am ganzen Körper wenn auch nicht überall sichtbar, stellten sich auf. Selbst von ihrem zerwühlten Haarschopf standen ein paar feine Strähnchen ab. Es war ein eigenartiges Gefühl. Als wäre jemand mit einem aufgepusteten Ballon einmal über ihren Körper gefahren.
    „Versuchs doch“, zischte sie, wobei ihre Wange über den körnigen Beton schleifte. Allein die kleine Bewegung, das Sprechen kostete unglaublich viel Kraft. „Ich mach dir dein Leben zu Hölle. Daneben sieht die echte Hölle aus wie ein Kindergeburtstag.“

    We all change, when you think about it.
    We’re all different people all through our lives.
    And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
    so long as you remember all the people that you used to be.

    [DOCTOR WHO]

  • „Durch ihre Vertrauten besitzen Dämonen eine schier grenzenlose Kapazität an Magie. Sie ziehen sie über ihre Vertrauten, die für das Ungleichgewicht bezahlen. Weil sie ihre Vertrauten dadurch in kürzester Zeit umbringen können, haben sie einen so hohen Verschleiß. Umso fähiger du bist, desto wertvoller bist du für sie. Gerade als Hexe und dazu noch als Frau kannst du mehr Energie halten als die meisten anderen.“

    Darius brauchte seinen Blick nicht schweifen zu lassen. Er fühlte, wie die Siegel auf Iris‘ Haut für seine Ohren zu klirren begannen und verrieten, wie viele sie davon am Körper trug. Die Wut brachte sie zum Schwingen, aber solange die kleine Hexe nicht wusste, wie man Kraftlinienmagie speicherte, würde sie selbst die paar wirklich soliden Siegel nicht brechen können. Der Großteil eben jener wirkte fahrlässig geflickt und signalisierten ihm, dass Iris genug unkontrollierbare Macht besaß, um mittelgradige Siegel sprengen zu können. Darunter fiel jedoch nicht der Skarabäus – der war fachmännisch und extrem stabil ausgebaut. Nicht, dass Darius das Siegel nicht brechen konnte, aber selbst er musste dafür eine nicht unerhebliche Menge an Macht durch diesen zierlichen Körper ziehen oder schieben.
    „Versuch’s doch“, zischte Iris derweil und Darius sah sie mit ausdruckslosem Gesicht an.
    „Hm? Du musst schon etwas lauter sprechen, damit ich dich hören kann.“
    „Ich mach dir dein Leben zur Hölle.“
    „Das wäre eine interessante Aussicht.“
    „Daneben sieht die echte Hölle aus wie ein Kindergeburtstag.“
    „Du warst schon mal da? Schön, dann wird das Jenseits ja wie Urlaub für dich sein“, spöttelte der Dämon und führte Zeigefinger und Daumen an den Kuppen zusammen, bevor er eine kurze, waagerechte Bewegung beschrieb. „Aber erst einmal hast du nur zu sprechen, wenn ich dir das erlaube.“
    Mit zufriedenem Blick sah er, wie sich Iris‘ Lippen wie von selbst aufeinanderpressten. Er musste sie nicht berühren, um Gewalt über sie wirken zu können. Dass er sie wie alle anderen seiner Opfer so manipulieren konnte, bedeutete, dass sie nicht immun gegen seine Magie war. Woher kam also dieses widerliche Prickeln, als er sie angefasst hatte?
    Mit einem Seufzen erhob sich Darius. Er setzte die Spitze seines makellos polierten Schuhs gegen Iris Taille und stieß sie herum. Wie ein nasser Sack rollte sie über ihre Seite und blieb auf dem Rücken liegen, noch immer nicht fähig, sich eigenmächtig zu rühren. Ihr Augen hingegen fraßen gerade Löcher in seine Seele. Sofern er noch eine gehabt hätte. Doch wie vermutet ging das Brennen sogar durch seinen Schuh hindurch, war allerdings noch zu verschmerzen gewesen. Skalierte der Schmerz vielleicht mit der angewandten Gewalt?...
    Darius besaß die Freiheit, mit einer grazilen Anmut über Iris zu steigen und breitbeinig über ihr stehen zu bleiben. Seine Augen wurden wieder komplett durch die dunklen Brillengläser verhüllt, was das Lesen seines Gesichtsausdrucks schwierig gestaltete. „Lektion verstanden?“, fragte er und wiederholte die Geste mit seiner Hand, die Iris‘ Lippen voneinander löste.

  • Oh, er wollte ihr tatsächlich den Mund verbieten? Iris' Widerwille erwachte zu ganz neuem Leben. Vielleicht hätte sie den Mund gehalten, wenn er nicht so überheblich mit ihr umspringen würde. Eine weniger halbgare Antwort auf ihre Frage hätte es vielleicht auch getan. Die Belehrung konnte er sich zu seinem Tribut aus dem Club in den Arsch stecken. Die gepfefferte Antwort kribbelte schon auf ihrer Zunge, doch da bewegte sich rein gar nichts. Die plötzlich sehr sprachlose Hexe versuchte ihren Mund zur Mitarbeit zu zwingen, aber da pressten sich ihre Lippen schon von ganz allein fest aufeinander. Iris war nicht dumm. Sie wusste das Darius sie mit seinem Hokusoukus ruhig stellte. Von ihm dann auch noch wie ein lebloser Mehlsack mit dem Fuß herumgedreht zu werden, war schon fast entwürdigend. Sie wollte protestieren, doch ihre Lippen blieben versiegelt.
    Auf dem Rücken hatte sie endlich wieder freie Sicht und bereute diesen Umstand sofort, als sie Darius' Blick auffing. Er sah sie an wie nertötendes Rätsel, das er nicht lösen konnte und nicht wie einen lebenden, atmenden Menschen. Eigentlich war es schon seltsam, dass er so heftig reagierte, um eine Grenze zu ziehen. Der Stoß hätte dafür völlig gereicht. Aber Iris musste zugeben, dass es doch Eindruck hinterließ, bewegungsunfähig und geknebelt am Boden zu liegen. Ohne Knebel und ohne Fesseln. Er machte das alles nur mit einem Wink seiner Finger. Das alles änderte nichts daran, dass sie ihn mit einem wütenden Funkeln zu durchbohren versuchte.
    Iris wusste nicht, warum gerade die nächste Handlung sie dermaßen erschreckte, aber als er sich breibeinig über ihren erstarrten Körper stellte, schlich sich das erste Mal ein Hauch von Panik in ihr überlastetes Nervensystem. Erst leise, dann immer lauter, rauschte es in ihren Ohren. Warum bewegte er sich nicht und starrte sie nur an? Wenn er sie denn anstarrte, hinter den dunklen Gläsern seiner Sonnenbrille hätte er auch genauso gut in jede andere Richtung sehen können. Es wäre Iris gar nicht aufgefallen. Die Hexe versuchte sich zu winden, doch die Magie hielt sie fest in der Position.
    ...und wenn er sie nun wirklich ins Jenseits ziehen würde?
    Iris! Du und deine große Klappe!
    Sie wollte auf gar keinen Fall mit ihm gehen. Niemand würde das wollen. Viel zu hektisch atmete sie durch die Nase und beim nächsten tiefen Atemzug stieg ihr ein vertrauter Geruch in die Nase. Das war kein Schwefel. Damit hätte sie gerechnet, aber das hier roch wie Luft im Sommer kurz vor einem Gewitter. Iris liebte den Geruch. Sie verband ihn mit dem Regen, der auf heißem Asphalt verdunstete. Mit dem Auffrischen der Luft wenige Sekunden vor dem ersten Donnergrollen. Das Knistern in ihren Ohren schien noch viel lauter zu werden. Sie würde nicht mit ihm gehen.
    „Lektion verstanden?", sagte Darius und löste den Bann, der ihre Lippen versiegelte.
    Iris schnappte nach Luft. Es war ein Reflex, als müsste sich ihr Körper davon überzeugen, dass der Bann wirklich gebrochen war. Allein ihr Blick sprühte Gift und Galle in die Richtung des Dämons. Iris öffnete den Mund, doch dann zog sie plötzlich misstrauisch die Augenbrauen zusammen.
    War das ein Test?
    Ganz langsam klappte die Hexe den Mund wieder zu und presste die Lippen unbewusst fester zusammen als notwendig. Die unangenehme Erfahrung wollte sie nun wirklich nicht wiederholen. Ganz langsam nickte Iris. Die Bewegung war so minimal, dass sie leicht zu übersehen war. Im Gegensatz zu ihrem Mund war der Rest ihres Körpers noch immer zur Bewegungslosigkeit verdammt.
    Amüsierte er sich gerade? Machte ihm das Spaß?
    In genau diesem Moment verschwand auch das Gewicht, das sie zu Boden drückte. Es dauerte nur einen Wimpernschlag, da warf Iris sich herum und kroch hektisch von Darius weg. Sie konnte gar nicht schnell genug Abstand zwischen den Dämon uns sich bringen. Eine Mischung aus Wut, Angst und Verwirrung spiegelte sich in ihrem Gesicht wieder. Sie zu überwältigen war so kinderleicht für ihn gewesen. Rückblickend war das schon ziemlich beunruhigend. Ihre Nägel kratzten über den spröden Beton während Iris das alte Sofa anvisierte. Das verhunzte Möbelstück würde ihr kaum zur Rettung eilen und sich heldenmutig zwischen Iris und den Dämon werfen, aber zumindest gab es ihr ein Ziel, auf das sich die Hexe konzentrieren konnte. Wenn ihre Beine endlich aufhörten zu zittern, konnte sie sich vielleicht sogar daran hochziehen und ein bisschen ihrer Würde behalten. Iris knirschte mit den Zähnen und streckte den Arm soweit sie konnte aus. Nur noch ein klitzekleines Bisschen und sie würde einen der Metallfüße zufassen bekommen. Sie musste sich nur noch ein bisschen mehr strecken, sich ein bisschen mehr Mühe geben.
    "Fuck...", zischte Iris als sie erstmal saftig eine gewischt bekam, bevor sich ihre Fingerspitzen angelaufene Metall überhaupt berührten.

    We all change, when you think about it.
    We’re all different people all through our lives.
    And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
    so long as you remember all the people that you used to be.

    [DOCTOR WHO]

    3 Mal editiert, zuletzt von Calandra (24. März 2025 um 17:34)

  • „Dämonen ergötzen sich manchmal auch einfach nur an der Angst ihrer Opfer. Nichts scheint ihnen mehr einen Kick zu verliehen, als die Angst in den Augen ihrer Opfer zu sehen. Hoffe, dass dich der Dämon schneller tötet als dich zu foltern. Darin sind sie meisterlich.“


    In grober Erwartung hob Darius beide Augenbrauen, als Iris den Mund öffnete, um zum Protest anzusetzen. Doch leider besann sie sich eines Besseren und klappte ihn wieder zu. Zeitgleich mit ihrem Nicken senkten sich seine Augenbrauen auf ein gewohntes Level ab. Zu schade. Er hatte gehofft, ein bisschen mehr von ihrer pikanten Seite haben zu können.
    Nur einen Augenblick später bekam er seinen Wunsch teilweise erfüllt. Die kleine Hexe rollte sich zwischen seinen Füßen auf den Bauch und zog sich über den rauen Beton von ihm fort. Bei diesem Anblick konnte der Dämon nicht anders als leise zu lachen. So schnell hatte sie ihr scharfes Mundwerk wieder verloren? Dabei hatte er gehofft, es noch für seine Zwecke nutzen zu können.
    „Hey. Was gedenkst du, tust du da?“, fragte er amüsiert und schlenderte ihr gemächlich hinterher, während sie sich mit eiserner Entschlossenheit auf das zerrüttete Sofa zu zog. Scheinbar hatte diese kleine Demonstration gereicht, damit sie nicht mal mehr auf ihren eigenen Beinen stehen konnte. Womöglich brach das kleine Hexi schneller als ihm lieb war.
    Bevor Iris‘ Finger den Fuß des Sofas erreichen konnten, mischte sich Darius ein. Kurzerhand packte er Iris am Knöchel und zog sie rückwärts, weg von ihrer auserkorenen Insel. „Nein, nein, wir werden uns nicht versuchen mit einem Möbelstück zu retten.“ Seine Stimme klang entspannt und noch immer amüsiert, aber tatsächlich rumorte es in ihm. In der Sekunde, in der er ihren Knöchel gepackt hatte, war das Brennen zurückgekehrt. Kein leichtes Stechen und Flirren, sondern ein ausgewachsener Schmerz, der sich seine Hand hinauf durch sämtliche Synapsen fraß. Mit jedem Herzschlag und jedem Meter, den er sie über den Betonboden in die Mitte des Raumes zog, verstärkte sich der Schmerz, bis er schließlich nicht anders konnte und sie loslassen musste. Das geschah ziemlich unverwandt, wodurch Iris‘ Fuß auf dem Boden aufschlug. Schnell musterte er die Innenseite seiner Hand, die augenscheinlich unversehrt war. Keine Brandblasen. Keine Narben. Nichts außer seiner perfekten Haut.
    Vielleicht lag es doch nicht daran, mit welcher Intention er heranging? Es gab eigentlich nur einen Weg, das wirklich herauszufinden.
    Nur… nicht jetzt.
    Iris lag noch immer auf dem Bauch, als Darius in die Knie ging und über ihrer Taille hockte. Er berührte sie nicht – darauf achtete er – und öffnete die Knöpfe seiner Manschetten, ehe er sie langsam hochkrempelte.
    „Sag mir, Iris Hyacinthia Farrow“, raunte der Dämon mit jahrhunderteralter Stimme, die die Mischung aus Laszivität und Gefahr perfekt beherrschte, „wovor hast du Angst? Verrate es mir und du entkommst mir dieses Mal vielleicht. Oder möchtest du doch lieber stillschweigend mitgenommen werden? Dorthin, wo du Antwort auf deine nicht gestellten Fragen bekommen kannst, dafür aber einen Preis zahlen musst?“

  • Offensichtlich verfolgte Darius andere Pläne als die Hexe, die alarmiert den Kopf herumwarf als sich kräftige Finger wie ein Schraubstock um ihr Fußgelenk schlossen. Instinktiv trat Iris aus. Zumindest versuchte sie es, doch Darius hatte sie so fest gepackt, dass sie lediglich ein armseliges Zucken ihres Beines zustande brachte. Beiläufig, als schlenderte der Dämon an einem sonnigen Tag gemütlich durch den nächstgelegenen Park, schleifte er all die Meter zurück, die sich gerade noch zwischen Darius und sich gebracht hatte. Kleine Steinchen schürften über ihre Handinnenflächen, doch es gab nichts in Griffweite, an das sich Iris hätte klammern können. Da erinnerte sich die Farrow-Hexe daran, dass sie nicht nur im Besitz von zwei Armen war, sondern auch von zwei gesunden Beinen. Und eines davon war frei. Etwas klickte hinter der Iris‘ Stirn. Die junge Farrow begann mit allem, was sie körperlich aufbringen konnte, zu bocken. Mit dem freien Fuß trat sie nach hinten und erwischte zu ihrem Bedauern nur Luft. Sie zog und zerrte, wandte sich vollem Körpereinsatz und hätte möglicherweise Darius noch das Gesicht zerkratzt, wenn sie denn drangekommen wäre. Dass sie sich damit ihre Kleidung versaute, interessierte sie gerade herzlich wenig.
    Plötzlich ließ Darius ihren Fuß los. Entweder wurde es dem Dämon langsam zu bunt oder ein Tritt hatte doch sein Ziel getroffen. Weder noch, wie Iris schnell feststellte. Darius‘ Präsenz war allgegenwärtig und umhüllte sie mit einer drückenden Atmosphäre. Der Mann war ihr eindeutig zu nah, sie konnte ihn quasi über sich spüren.
    „Sag mir, Iris Hyacinthia Farrow, wovor hast du Angst?“
    Iris dachte an eiskaltes, dunkles Wasser.
    Wasser so schwarz und so tief, dass sie weder den Boden noch den Himmel sehen konnte.
    Die Alarmglocken in ihrem Kopf liefen Amok. Hinter dem verspielten Ton in seiner dunklen Stimme versteckte sich eine uralte Gefahr. Über sich hörte sie das leise Rascheln von Stoff und Iris‘ gesamter Körper versteifte sich sofort. Sie drehte den Kopf leicht zur Seite um einen vorsichtigen Blick nach oben zu werfen. Darius hockte tatsächlich über ihr und irgendwie gefiel ihr die Art und Weise gar nicht wie er seine Ärmel zurückschlug.
    Ihr Blick glitt über entblößte und kräftige Unterarme, von den Handgelenken bis zu den Ellenbogen. Sie sah wie sich die Muskeln unter der Haut bewegten, sich anspannten und lockerten. Dabei sahen sie absolut normal aus, ziemlich gewöhnlich sogar. Cousine Lobelia hatte vielleicht doch Recht. Iris verlor langsam den Verstand. Sie musste verrückt sein, wenn sie bei dem Anblick makelloser und vollkommen menschlicher Unterarme einen Hauch von Enttäuschung empfand.
    „Verrate es mir und du entkommst mir dieses Mal vielleicht.“
    „Fick Dich“, keifte sie.
    „Oder möchtest du doch lieber stillschweigend mitgenommen werden. Dorthin, wo du Antwort auf deine nicht gestellten Fragen bekommen kannst, dafür aber einen Preis zahlen musst?“
    Vermutlich hätte sie einfach liegen bleiben sollen, aber Iris rollte sich zurück auf den Rücken, aber sie versuchte kein zweites Mal von ihm weg zu kommen. Das hatte beim ersten Versuch schon nicht funktioniert. Iris lauschte ihrem eigenen Herzschlag, der viel zu laut und viel zu schnell in ihren Ohren pochte. Selbst ihr Blickfeld flackerte an den Rändern im selben Rhythmus. Atemlos würgte sie ein paar Worte hervor während sich ihr Brustkorb stockend unter der schnellen Atmung bewegte.
    Über Darius' Kopf schimmerte der strahlendblaue Himmel durch die Löcher im Fabrikdach.
    „Danke, aber ich verzichte.“

    We all change, when you think about it.
    We’re all different people all through our lives.
    And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
    so long as you remember all the people that you used to be.

    [DOCTOR WHO]

  • „Hüte dich vor der Zahl drei. Drei Striche, drei Gefallen, die du dem Dämon schuldest. Trägst du drei Striche, kann er mit dir sofort in die nächste Kraftlinie springen. Oder wenn er Magie durch dich zieht und dir den Schmutz auflädt. Benutz öfter dein Zweites Gesicht, um zu überprüfen, wie verschmutzt deine Aura ist. Oder zieh Bannkreise. Dann sieht es allerdings jeder.“


    Darius hatte Widerworte längst erwartet. Nachdem er ihr einmal vorgeführt hatte, dass er derjenige war, der den Ton angab, hätte Iris es besser wissen müssen. Allmählich verlor selbst ein Leviathan seine Geduld, um länger um den heißen Brei herumzutanzen. Nach zwei Worten der Ablehnung rollte sie sich zwischen seinen Beinen auf den Rücken, umständlich und langsam. Dieses Mal blieb sie an Ort und Stelle. Scheinbar war sie der Typ Mensch, der erst durch Handgreiflichkeiten den Ernst der Lage kapierten. Mit leicht geneigtem Kopf legte er seine Unterarme auf seinen Oberschenkeln ab.
    „Danke, aber ich verzichte“, krächzte die Hexe und besiegelte damit ihr Schicksal.
    Da fiel Darius auf, dass Iris‘ Augen nicht wirklich nach seinen suchten. Ihr Blick driftete an seinem Gesicht vorbei, ganz kurz und flüchtig nur, aber es entging ihm nicht. Über ihm drängte sich das Sonnenlicht durch ein Loch in der Decke und gab den Blick auf den blauen Himmel frei.
    Das war es also, wonach sie sich sehnte? Lag darin ihre Angst vergraben?
    Darius würde es herausfinden. Ohne mit der Wimper zu zucken griff er gedanklich nach der nächsten Kraftlinie. Sofort mischte sich der Geruch nach Brimstone in die staubige Luft der alten Halle und Iris zog die Nase kraus. Noch ein wenig weiter kippte der Dämon seitlich den Kopf, dann hob sich wie ein schwarzer Vorhang das Nichts um sie beide herum. Immer höher und höher wuchs das absolute schwarz und türmte sich langsam wie ein Tipi um sie beide herum auf. Iris‘ ohnehin schon rasanter Puls beschleunigte sich erneut und er entdeckte zumindest eine neue Regung in ihren Augen. Aber echte, pure Angst war es nicht.
    Noch nicht, flüsterte er sich selbst zu, als nur noch wenige Zentimeter Decke und blauer Himmel über ihm erkennbar war.
    „Mal sehen, ob ich dich nicht vielleicht doch überzeugen kann“, raunte Darius und verzog die Lippen zu einem verschmitzten Lächeln. Kurz bevor sich der Vorhang aus Nichts über ihren Köpfen schloss, löste sich auch die Sonnenbrille auf Darius‘ Nase auf. Mit einem Aufblitzen seiner bernsteinfarbenen Ziegenaugen schloss sich der Vorhang und schluckte Iris sowie alles andere.

    Das, was sich um Iris erhoben hatte, war nicht nur pure Magie. Es war alles, was den Dämon höchstpersönlich ausmachte. Mit seiner Macht konnte er sämtliche Gestalten annehmen und nun war er zur absoluten Finsternis geworden. Kein Ton und kein Licht drangen in die Kuppel, die Iris umhüllte und ihr Sicht und Gehör nahmen. Unter ihr spürte sie den Boden und nachdem einige Sekunden lang nichts geschehen war, wagte sie es, sich aufzurichten. Kein Körper prallte gegen den ihren, keine Hände stießen sie zurück. Keine Magie brach sie zu Boden oder verwehrte ihr die Bewegung. Selbst als sie ihre Hände ausstreckte, fand sie keinen Körper. Als hätte sich der Dämon in Luft aufgelöst.
    Doch kaum versuchte die kleine Hexe aus der Kuppel zu entkommen, versagte ihr Körper den Dienst. Wenn sie aufstand, verlor sie die Orientierung und das Gleichgewicht. Wenn sie sich in eine Richtung über den Boden zog, schien es nie ein Ende zu finden. Sie saß in der Kuppel aus Dunkelheit fest, die plötzlich zum Leben erwachte.
    Es war eine sanfte, fast schon zärtliche Berührung an der Außenseite von Iris‘ Oberschenkel. Es fühlte sich an wie Finger, die ihr Bein streichelten, doch als Iris nach ihnen schlug, traf sie ins Leere. Das Gefühl jedoch blieb bestehen, unnachgiebig und unverkennbar. Die Finsternis selbst streckte ihre Hände nach der Hexe aus, glitten höher zu ihrer Hüfte, ihrer Flanke, ihrem Brustkorb. Darius schmeckte die Aufregung, die durch ihre Adern rauschte, aber das bestimmte Etwas fehlte noch immer. Scheinbar fürchtete sie sich nicht davor, einfach missbraucht zu werden. Das war wohl nicht eine ihrer Ängste.
    Die Finger glitten weiter, hoch zu ihrer Schulter und von dort über ihren Arm. Jeden Zentimeter schienen die unsichtbaren Finger zu liebkosen, wobei Darius gedanklich vermerkte, dass er ihr mit Magie wirklich gefährlicher werden konnte, als wenn er sie direkt berührte. Mit dem Wissen führte er die Berührung weiter aus bis er an ihrem Handgelenk angekommen war. Kleine Kreise beschrieben die unsichtbaren Finger auf der Innenseite ihres Handgelenks. Noch immer keine Angst. Sie wägte sich in Sicherheit.
    Das würde er mit Sicherheit ändern.
    Einen Augenblick später brach die Kuppel aus Finsternis und löste sich auf. Gleißendes Licht blendete Iris, die zeitgleich mit dem Brechen der Kuppel einen siedend heißen Schmerz erfuhr. Genau dort, wo die Finger soeben noch gewesen waren. Nun waberten schwarze Finger um ihr Gelenk und hielten es fest.
    Der Dämon stand gute zwei Meter entfernt von Iris und richtete seine Manschetten, als wäre nie etwas gewesen. Die Brille saß wieder dort, wo sie hingehörte und nichts verriet, dass er vorhin noch die Finsternis selbst gewesen war. Bis auf den Geruch nach Brimstone vielleicht.
    Dass er in Wahrheit gerade buchstäblich in Flammen stand, sah man ihm kaum an. Tatsächlich brach ihm maximal leichter Schweiß aus, was für einen Leviathan ein ungeheures Zugeständnis war. Das war nicht nur leichtes Brennen. Das war auch kein loderndes Inferno, welches in ihm tobte. Nein, jetzt gerade fühlte es sich so an, als würde er implodieren, wenn er nicht alles in seiner Macht Stehende dagegensetzte. Und das nur wegen ihr.
    Darius warf Iris einen Seitenblick mit größtmöglicher Fassung zu. „Deine Ängste scheinen ziemlich speziell zu sein, Iris Hyacinthia Farrow. Aber ich kenne eine, die praktisch jedes Lebewesen hat.“
    Die Finger aus Finsternis um Iris‘ Handgelenk lösten sich im Nichts auf und die Katastrophe nahm ihren Lauf. Dunkelrot pumpte Iris‘ Körper ihr das Blut aus der tiefen Schnittwunde, die Darius ihr zugefügt hatte. Eine, die ohne prompte Behandlung nicht nur lebensgefährlich, sondern tödlich war.
    „Sofern du dich nicht teleportieren kannst, läuft deine Sanduhr. Tick Tack, Liebes“, flötete der Dämon, der mit jedem Pulsschlag dieser dahergelaufenen Hexe gefühlt ein Teil seiner Selbst aufgeben musste. Es war ein abgekartetes Spiel, von dem Iris nichts wusste. Was auch immer mit ihr nicht stimmte, es sorgte dafür, dass es den Dämon nicht nur beeinflusste, sondern wahrlich verletzte. Nichts und niemand außer einem anderen Leviathanen konnte ihm gefährlich werden. Deshalb gab es nur sieben von ihnen, und doch erkannte Darius in diesem Moment, dass Iris‘ Tod durch seine Hand auch den seinen bedeuten würde. Bevor sie durch seine Tat starb würde er alles tun, damit sie es nicht tat, um seine eigene Haut zu retten. Er setzte darauf, dass sie es weder verstand, noch bemerkte, noch in Erwägung zog. Aber eigentlich hatte sie dieses Spiel unlängst gewonnen.
    Wäre da nicht das viele Blut, dass sich unter ihr wie ein absurdes Spiegelbild sammelte und im Beton langsam versickerte.

  • Darius löste sich buchstäblich in Luft auf und mit seinem Verschwinden kam die Dunkelheit. Eine undurchdringliche Schwärze verschluckte auch das letzte Tageslicht und ließ Iris in der Finsternis zurück. Für den Bruchteil einer Sekunde bildete sich Iris ein noch ein flüchtiges Echo der glühenden Ziegenaugen in der Dunkelheit zu sehen bis auch dieser Lichtschimmer erlosch. Das schwarze Nichts erdrückte sie und wog schwerer als die Magie, die sie vor wenigen Minuten am Boden gehalten hatte. Es gab keine Geräusche mehr, keinen sichtbaren Anhaltspunkt, der ihr noch Orientierung bot. Beklemmung machte sich in Iris breit, die kaum wagte zu atmen und erst, als ihre Lungen nach Luft schrien, öffnete sie den Mund. Eine Welle der Erleichterung schwappte über die Hexe hinweg, vermischte sich zu einem Wirbel mit dem aufkeimenden Funken einer vergrabenen Furcht, die ihren Herzschlag beschleunigte. Sie konnte atmen! Für einen Moment hatte sie wirklich geglaubt, dass eisiges Wasser ihre Kehle flutete, sobald sie den Mund öffnete. Aber da war nichts. Nur eine vollkommene Leere, die ihr Gehör, Sicht und ihre Stimme raubte. Letzteres stellte Iris mit Schrecken fest, denn als sie nach Darius rief, blieben ihre Worte stumm. Aller Sinne beraubt, rappelte sich Iris auf um nach einem Ausweg zu suchen, doch kaum hatte sie sich aufgerichtet, taumelte sie und fiel erneut zu Boden. Oben und unten, links und rechts. Nichts davon hatte in der absoluten Finsternis irgendeine Bedeutung. Wie eine Ertrinkende schlug Iris um sich und doch war die Dunkelheit gnädig genug ihr Luft zum Atmen zu lassen. Iris kroch über den Boden, der ihr die lächerliche Illusion von Halt schenkte.
    Sie ertrank, aber nicht in kalten Fluten sondern in purer Dunkelheit.
    Ein Berührung am Bein ließ die Hexe zusammenzucken. Aus Reflex wollte sie an sich herabschauen, aber es war sinnlos. Es fühlte sich an wie Hände, die beinahe zärtlich über ihren Oberschenkel streichelte. Iris schlug danach, doch das Gefühl verschwand nicht. Sanft wanderte die unsichtbare Berührung zu ihren Hüften herauf und machte auf dem Weg ihren Brustkorb hinauf keine Halt. Iris wurde speiübel. Sie fühlte sich aufgeliefert und wehrlos. Immer wieder, weil es das Einzige war, das sie tun konnte, schlug sie in der Dunkelheit nach den Händen. Sie versuchte sie von ihrem Körper zu streifen wie lästige Krabbelviecher, die über ihren Körper krochen.
    Waren es überhaupt Hände? Sie konnte nichts sehen. Die Beklemmung, die sie durch die Dunkelheit verspürte, schlug in Ekel um.
    "Hör auf damit!", rief sie in das Nichts ohne sich selbst oder gar ein Echo zu hören. "Lass Deine dämlichen Spielchen! Das ist nicht mehr lustig!"
    Die Berührung stoppte an ihrem Handgelenk und beschrieb dort sanfte Kreise über ihrem rasenden Puls. Iris hasste sich und Darius dafür, dass er es trotz dieser makabren Showeinlage schaffte, sie mit dieser trügerischen Geste ein wenig zu beruhigen. Er konnte ihr nichts antun oder nicht? Immerhin hatten sie einen Deal. Dafür musste es doch Regeln geben! Als hätte die Finsternis ihre Gedanken gelesen, brach die Kuppe auf und Iris fühlte wieder das Sonnenlicht auf ihrem Gesicht. Die Hexe blinzelte gegen die Sonne an und sog die staubige, abgestandene Luft gierig in ihre Lungen.
    Ein gleißender Schmerz durchzuckte ihr Handgelenk.
    Iris hätte die wabernden Schatten beinahe nicht bemerkt, wäre der Schmerz nicht gewesen.
    "Au...! Was soll der Scheiß!?"
    Egal wie sehr sie sich auch bemühte, das letzte Überbleibsel der Dunkelheit ließ sich einfach nicht abschütteln. Und es tat weh. Sehr sogar. Es fühlte sich an, als hätte ihr jemand ein Messer direkt in Handgelenk gerammt. Iris' Kopf fuhr herum und sie entdeckte Darius, der nun ein paar Meter von ihr entfernt stand und die Manschettenknöpfe seines Hemdes mit einer Gelassenheit schloss, als hätte ihn das Spektakel nicht mehr gekostet als ein Fingerschnippen.
    "Deine Ängste scheinen ziemlich speziell zu sein, Iris Hyacinthia Farrow. Aber ich kenne eine, die praktisch jedes Lebewesen hat."
    Iris öffnete den Mund um ihm die nächste Beleidigung entgegen zu schleudern, doch dazu sollte es nie kommen.
    Plötzlich spürte sie eine warme und zähe Flüssigkeit, die über ihre Hand und Finger floss. Kein Geräusch war jemals lauter gewesen, als das leise Tröpfeln auf dem staubigen Beton. Iris hatte den Blick noch gar nicht gesenkt, da schaltete ihr Körper bereits um und sprengte mit einem neuen Anstieg ihres Pulses die Skala. Die Panik setzte ein bevor die Hexe das Blut an ihrem Arm überhaupt bemerkte. Aber da war es, ganz unverkennbar. Es quoll in Strömen aus einem tiefen Schnitt, der sich über die Innenseite ihres Handgelenkes zog. Er war so präzise, fast chirurgisch, dass sie glaubte unter dem dunklen Rot einen bleichen Schimmer von Knochen zu sehen. Panisch presste sie ihre freie Hand auf den Schnitt, doch das Blut floss ungehindert durch ihre Finger hindurch.
    "Was hast du getan...?", murmelte sie unter Schock.
    Die Erkenntnis war ein Schlag ins Gesicht.
    Iris war nicht dumm.
    Sie würde verbluten.
    "Was zum Teufel hast du mit mir gemacht!?"
    Ein ungewohnt schriller Unterton mischte sich in den wütenden Aufschrei. Unter ihr bildete sich bereits ein erschreckend beeindruckende Blutlache, die ihr Knie erreichte und die abgewetzte Jeans dunkelrot färbte. Iris sah Darius wutentbrannt an, doch kein Zorn täuschte darüber hinweg, was sich gerade in der jungen Hexe abspielte. Todesangst war ein Gefühl so alt wie die Welt selbst und während Iris heftig zu zittern begann, stand der Dämon völlig ungerührt daneben. Er stand einfach regungslos da und sah dabei zu wie sie langsam ausblutete. Schlimmer noch, es schien ihn sogar zu amüsieren.
    "Sofern du dich nicht teleportieren kannst, läuft deine Sanduhr. Tick Tack, Liebes."
    "Fick dich, fick dich...", wiederholte sie fluchend. "Du weißt genau, dass ich das nicht kann, du verdammtes Arschloch!"
    In einem Akt der Verzweiflung drückte sie den Ärmel ihres Pullovers auf den Schnitt. Es brachte nichts. Der Stoff sog sich innerhalb von Sekunden mit ihrem warmen Blut voll.
    "Nein, nein, nein...", murmelte Iris panisch. "Das ist nicht fair, Darius! Mach das wieder rückgängig! Wir hatten einen Deal! Tu irgendwas!"
    Sie verlor das Zeitgefühl.
    Binnen von Minuten - oder waren es nur Sekunden? - trübte sich ihr Blickfeld ein. Schwarze Schatten tanzten an den Rändern entlang, verschlangen immer mehr von der Welt, an die sich Iris mit aller Willenskraft klammerte. Sie spürte ihre Finger nicht mehr. Bald schon verlor sie auch das Gefühl in den Beinen, dann im Rest ihres Körpers und eine erdrückende Kälte lähmte sie bis sie nichts anderes mehr konnte als zittern. Iris war schwindelig. Die Leichtigkeit, die sich in ihrem Kopf ausbreitete, machte es schwer sich aufrecht zu halten.
    "Das kannst du nicht machen...", wisperte sie.
    Mit einem dumpfen Aufprall kippte Iris zur Seite, den Klammergriff um ihr blutiges Handgelenk längst vergessen. Sie fiel in ihre eigene Blutlache, doch ihre Gedanken scherten sich längst nicht mehr darum. Während ihr Arm in warmem Blut lag, war das Blut, das ihr Wange berührte schon ganz kalt.
    Das war's also?
    Die Gedanken zerfaserten zu endlosen Fragen und alle kreisten um eine Frage: Würde sie überhaupt jemand vermissen? Roxy? Ihre Familie? Mom? Wäre sie nicht viel glücklicher, wenn sie aufhören konnte, sich um Iris zu sorgen? Sie musste auch nie wieder Angst vor ihrer eigenen Tochter haben. Ein Träne perlte über Iris' Wange und verlor sich im Blut. Iris starrte ins Leere, auf grauen Beton und polierte Lederschuhe. Darius.
    "Hilf mir...", murmelte sie kaum verständlich. Die Silben klangen verwaschen und schwerfällig auf ihrer Zunge. Jede kleinste Bewegung kostete so, so viel Kraft. Aber der Dämon bewegte sich nicht. Von Todesangst geschüttelt, nahm Iris kaum war, dass sie leise schluchzte. "Was willst du von mir, verdammt nochmal? Warum tust du das...? Ich weiß nicht..."
    Iris blinzelte.
    Und während die Welt langsam verblasste, wusste Iris plötzlich ganz genau, was Darius von ihr wollte. Im Nebel, der sie nun umgab, war es auf einmal glasklar. Dieser dreckige Wichser wollte, dass sie bettelte. Sie hätte vor Wut und Erniedrigung am liebsten mit der Faust auf den Beton eingedroschen, aber sie konnte kaum den kleinen Finger bewegen. Darius würde sie hier einfach liegen lassen, aber Iris wollte leben.
    "Bitte", hauchte sie so leise, dass nur ihr Atem, der den glänzenden Blutfilm zum Zittern brachte, sie verriet. "Bitte, hilf mir. Ich will nicht sterben. Ich tu alles was du willst."

    We all change, when you think about it.
    We’re all different people all through our lives.
    And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
    so long as you remember all the people that you used to be.

    [DOCTOR WHO]

  • „Dämonen geraten nie in eine Bredouille.“

    Darius stand einer Säule gleich einfach nur da und wartete wortlos darauf, dass Iris kapitulierte. Mit jeder Sekunde, die verstrich und ihren Lebenssaft aus ihrem Körper pumpte, brüllte seine magische Natur lauter auf. Der Zwang, endlich zu handeln und sich der Gefahr der Auslöschung zu stellen, wuchs zu einem fast unerträglichen Druck an. Sein Gesicht war völlig ausdruckslos, doch in seinem Inneren herrschte das Chaos.
    Iris‘ hektische Bewegungen erstarben und wurden zäh und langsam. Ein Zittern überkam sie, während die Lache unter ihr immer größer wurde. Noch saß sie – immerhin etwas – aber das würde nicht mehr lange anhalten. Ihr Kopf wog allmählich hin und her; ihr wurde schwindelig vom Blutverlust.
    „Das kannst du nicht machen…“, wisperte sie ehe sie zur Seite kippte. Das Blut biss sich mit ihren pinken Haaren, bildete allerdings einen schönen Kontrast zu ihrer hellen Haut. Das mochte Darius. Dunkles Blut auf heller Haut war für ihn schon immer bezeichnend gewesen.
    „Oh doch, Liebes. Das kann ich“, erwiderte der Dämon schlicht, als er gemächlich auf die Hexe zu schritt. Er hatte seine eigenen Füße nicht mehr unter Kontrolle. Das würde er aber niemals zugeben.
    Iris‘ Atem wurde flacher. Der Glanz in ihren Augen begann sich zu trüben. Die Wärme, die ihr Körper ausstrahlte, schwand allmählich. Sie starb und das in nicht einmal einer Minute. Darius hatte schon zu viele Wesen sterben sehen und fühlen, als dass er den Moment nicht genau abpassen konnte. Er wartete nur noch auf den Augenblick, in dem die Ohnmacht sie ergreifen würde. Spätestens dann würde das wütende Urbiest, das in seinem Kern rasend wurde, seine Ketten sprengen und sein Handeln beeinflussen.
    „Hilf mir…“
    Sein Gehör war viel zu gut, als dass ihm diese Worte entgangen wären. Lauernd stand er vor ihr, den Blick auf sie gesenkt, die Hände in den Taschen seiner teuren Hose vergraben. Das waren nicht die Worte, die ihn dazu bewegt hätten, eher zu reagieren. Denn was er von ihr wollte, sollte sie mittlerweile eigentlich wissen.
    Träge blinzelte Iris. Ihr Puls wurde schon arg langsamer, das hörte Darius. Einzig ihre Lippen waren es, die sie noch zu bewegen vermochte. Dann hauchte sie endlich die Worte, die ihn dazu bewegten, nicht mehr nur als stiller Zuschauer ihren Sterbekampf zu bewundern.
    „Ich komme darauf zurück, Iris Hyacinthia Farrow“, versprach er ihr, als er vor ihr in die Hocke ging und die Hand in dem Augenblick ausstreckte, als sie das Bewusstsein verlor.
    Das Biest in seinem Inneren sprengte die Ketten und riss ihn mit sich. Es war eine solche Macht, so völlig anders als jede, die der Leviathan jemals zuvor verspürt hatte. Mit übermenschlicher Geschwindigkeit packte er Iris‘ Unterarm mit dem aufgeschnittenen Handgelenk und drückte es in die Blutlache. Dann griff er auf die Kraftlinie zu, Macht flutete seine Adern und der Geruch nach Brimstone wog schwer in der Luft. Er richtete die Macht auf das Blut unter ihm, da seine Schuhe verschmutzte und seine Finger rot färbte. Ganz leise murmelte er etwas, und die Macht begann sich zu wandeln. Allerdings führte er sie geradewegs durch Iris‘ Körper hindurch, wo sich das Ungleichgewicht, das sein Zauber mit sich brachte, auf ihrer Aura ablagerte. Schwarze Schlieren – der Schmutz – webten sich in ihre Aura ein und machten sie von nun an leichter auszumachen für alle anderen Dämonen.
    Die Blutlache begann zu knistern. Das Licht brach sie plötzlich in ganz anderen Winkeln als von einer glatten Oberfläche, als die Flüssigkeit mit Knistern und Knacken zu kristallisieren begann. In der Natur völlig fremden Formen ragten Stacheln und scharfe Kanten empor, als sich das kristallisierte Blut bis zu Iris‘ aufgeschnittenem Handgelenk bildete und dort den Schnitt überlagerte. Als würde ihr Körper diese seltsamen Formen absorbieren verschwanden die schaurig schönen Blutkristalle nach und nach, bis nur noch ein dunkler Fleck im Beton darauf hindeutete, was hier soeben geschehen war. Das Biest in Darius war jedoch noch immer nicht zufrieden. Er hob ihren Arm vom Boden an. Eine Sekunde später deckte sein Mund den klaffenden Schnitt ab, den er ihr zugefügt hatte. Nur wenige Sekunden später löste er sich von ihr und hinterließ eine leuchtend rote Narbe, umsäumt von dutzenden, kleinen Einstichen. Einstichstellen von Zähnen, wenn man es denn wusste.
    Achtlos ließ er ihren Arm los. Erst jetzt bekam er sich selbst wieder unter Kontrolle, das unbekannte Biest legte sich schlafen. Sichtlich missmutig kniff er die Augen zusammen. Was zur Hölle war hier los? Entweder hatte eine ihm unbekannte Macht ihn gerade ergriffen oder er drehte langsam doch noch durch. Bis gerade eben hatte er kein Brennen und keinen Schmerz durch ihre Berührung empfunden. Vielleicht täuschte es auch nur.
    Darius streckte erneut die Hand aus und berührte Iris‘ Schulter. Sofort stach es in seiner Hand und er zog den Arm zurück. Ja, das hatte alles wirklich weder Hand noch Fuß.
    „So eine Scheiße…“, fluchte Darius leise, seufzte und kramte durch Iris‘ Jacke bis er ihr Portemonnaie fand. Immerhin daran hatte sie gedacht. Mit findigen Fingern kramte er ihren Ausweis hervor und fand die Adresse heraus, auf die sie gemeldet war. Nicht weit weg von hier und wenn sie noch bei ihren Eltern wohnte, dann hatte er gleich das ganze Nest ausmachen können. Wunderbar. Wenigstens etwas Positives aus dieser ganzen Misere.
    Widerwillig warf Darius sich die schlaffe Hexe über die Schulter. Sofort meldete sich der Schmerz, das Brennen, der Wunsch, die Hexe einfach von sich zu werfen. Aber er schluckte das Empfinden herunter so gut er nur konnte und sprang mit ihr durch die nächste Kraftlinie. Diesen Schmutz lud er natürlich auch Iris auf. Kostenfreie Sprünge gab es nicht.
    Ohne sie im Jenseits zu behalten. Bevor er sich diese wandelnde Zeitbombe ins eigene Haus holte, musste er abklären, was zur Hölle nicht mit ihnen beiden stimmte. Andernfalls kam Hexi noch auf die Idee, ihm gefährlich werden zu können und das dürfte ein Supergau sein.
    Ergo erschien Darius mit Iris mit einem leisen PLOPP direkt auf der gut gepflegten Veranda eines netten Hauses. Der penetrante Duft von viel zu vielen Blumen dränte sich in seine Nase und er nieste ungehalten. Ein kurzer Blick auf die Klingel bewies ihm: Hier wohnte nicht nur Hexi, sondern auch noch ein Teil der Sippe.
    Kurzerhand legte Darius seine Fracht vor der Tür ab und klingelte. Als er von drinnen Schritte hörte und sich kurz darauf die Tür öffnete, war von dem Dämon nichts mehr zu sehen.
    Statt Brimstone lag nur der schwere Blumengeruch in der Luft.

  • "Dieses Mal hat sich Deine Tochter wirklich selbst übertroffen, Magnolia."
    Die unterkühlte, distanzierte Stimme hätte Iris unter Tausenden wiedererkannt. Sylvan Farrow klang alles andere als begeistert. Nicht, dass sich das Oberhaupt der Farrow-Familie jemals für etwas Anderes Begeisterung gezeigt hatte, außer für seine eigene Blutlinie und ihr verstaubtes Erbe. Er trug den Namen Farrow wie ein Ehrenabzeichen auf der Brust. Das Alter schien seinen Ansichten keinen Abbruch zu tun. Er war starr und unnachgiebig wie eine alte, knorrige Eiche.
    "Sie ist auch deine Enkelin", entgegnete Magnolia mit einem gedehnten Seufzen.
    "Ich habe keine Enkelin", antwortete Sylvan mit aller Härte seiner Authorität. "Du weißt, dass ich deiner Ehe mit diesem dahergelaufenen Tunichtgut niemals zugestimmt habe. Ein Idealist und Träumer. Er war nie gut genug für Dich und..."
    "Es geht hier nicht um meine Ehe, Dad", fuhr ihm Magnolia aufgebracht und verletzt ins Wort.
    Ein lauter Knall ließ Iris neben der Tür zusammenzucken. Sie benötigte keine großartige Vorstellungskraft um zu wissen, dass Sylvan gerade mit der geballten Faust auf seinen Schreibtisch geschlagen hatte. Neben ihrem Vater gab es noch eine Sache, die Sylvan Farrow verabscheute und das waren Widerworte. Iris blieb mucksmäuschenstill, während sich die Unruhe im Arbeitszimmer ihres Großvaters langsam legte.
    "Du hast mich nicht zu unterbrechen, wenn ich spreche, Magnolia!", donnerte Sylvan. "Mein Entschluss steht fest. Das Mädchen kann nicht bleiben. Ihr habt das Mal auf ihrer Haut alle mit eigenen Augen gesehen. Eine Verbindung mit einem Dämon ist inakzeptabel und verstößt gegen unseren Kodex. Sie wird den Zirkel verlassen."
    "Das kannst du nicht...", wisperte Magnolia geschockt.
    "Soweit ich mir erinnere, ist das hier immer noch mein Zirkel und das bedeutet ich kann", antwortete Sylvan. "Und ich werde."
    Iris schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter. Sicher, die war nicht der größte Fan ihrer eigenen Familie und wünschte dem Großteil puren Giftefeu an den Hals, aber verstoßen zu werden...Soweit war bisher noch niemand gegangen. Seit sie vor einer Woche nach der Begegnung mit Darius in ihrem Zimmer aufgewacht war, war Iris zu einem Geist in ihrem eigenen Haus geworden. Es lag nicht unbedingt daran, dass sie sich die meiste Zeit in ihrem Zimmer aufhielt und die anderen Familienmitglieder mied. Sobald sie einen Raum betrat, wurde sie von allen Anwesenden ignoriert als wäre sie, nun ja, ein Geist. Niemand sprach mit ihr, sah sie an oder erkannte auch sonst auf irgendeine Weise ihre Existenz an. Bis auf Magnolia.
    "Sei nicht dumm! Was denkst du, wie sie hier her gekommen ist? Wenn unser Familie Gefahr droht ist das ganz allein die Schuld deiner unfähigen Tochter. Ich habe dir tausendmal gesagt, dass solche Magie nie etwas Gutes hervorbringt. Es ist nicht natürlich!"
    "Dad, bitte..."
    Ganz langsam löste sich Iris von der Wand und schlich auf Zehenspitzen durch den Flur davon. Sie wollte nicht hören, wie ihre Mutter bettelte.

    Niemand hätte den Tag für die Geburtstagsfeier des kleinen Oak besser wählen können. Über ihnen glitzerte der strahlendblaue Himmel und für einen Frühlingstag war es herrlich mild. Der Gemeinschaftsgarten des Zirkels war erfüllt von Gelächter und dem süßen Duft von Honig und Zuckerguss. Magnolia hatte sich mit der Torte selbst übertroffen. Die kleinen Eicheln aus Marzipan sahen ihren realen Vorbildern zum Verwechseln ähnlich, genauso wie die Eichenblätter aus dunkler und heller Schokolade. Alle Details waren sorgfältig auf der dreistöckigen Geburtstagstorte drapiert. Rose, zu Iris' Bedauern, Oaks Mutter, was den Jungen zu ihrem direkten Cousin machte, hatte vor Begeisterung in die Hände geklatscht. Iris war davon überzeugt, dass es ihrer Tante eigentlich nie wirklich um den Jungen ging. Es hatte ihr nur die Genugtuung gegeben im Gegensatz zu ihrer Schwester auf den letzten Drücker noch einen Erben produziert zu haben. Zumindest hatte sie Sylvan Farrow damit sehr glücklich gemacht. Das einzige Mal, dass sie den alten Mann mit einem Lächeln gesehen hatte, war an Tag von Oaks Geburt gewesen.
    Die ganze Familie der Farrows war zusammen gekommen um den 6. Geburtstag des kleinen Oak zu feiern. Der Großteil saß an einem langen und gedeckten Tisch und trank Tee aus kleine Porzellantassen, die über und über mit kleinen Blümchen bemalt waren. Selbst die filigranen Henkel waren wie kleine Blütenblätter geformt. Es war schrecklich kitschig aber ganz und gar Farrow. Wer am Tisch keinen Platz fand, der hatte sich auf den Picknickdecken gemütlich gemacht und verdrückte ein Sandwich nach dem anderen. Ein paar Kinde liefen lachend durch die Brombeerbüsche und stopften sich mit süßen, reifen Beeren voll. Da waren die Bauchschmerzen vorprogrammiert.
    Iris saß allein auf einer Bank unter einem Baum.
    Sie hatte allein ihrer Mutter zuliebe auf ihre umstrittene Garderobe verzichtet und war in ein langärmliges Kleid geschlüpft, dass ihr ganz anständig bis zu den Knien reichte. Iris hatte darauf geachtet, dass das Mal über dem Kopf ihres Skarabäus durch den fehlenden Ausschnitt gut verdeckt war. Magnolia hatte ihr gesagt, dass Iris' Fehltritt bis auf Weiteres im inneren Kreis der Familie blieb. Iris wollte nicht wissen, was für Versprechen Sylvan ihrer Mutter abgerungen hatte, damit sie bleiben konnte. Denn auch eine Woche später hatte niemand etwas unternommen, um sie aus dem Haus zu werfen. Beiläufig strich Iris den Saum des Kleides glatt, dass in einem zarten Lilaton, wie die Blüten des Iris in den Blumenbeeten vor ihrem Fenster, gefärbt war. Es war nicht ihr Geschmack, aber es war ein Kompromiss und es hatte ihre Mutter zum Lächeln gebracht.
    Sie zupfte am Ärmel des Kleides.
    Die Wunde an ihrem Arm sah noch genauso aus wie am ersten Tag. Die Narbe hob sich in einem tiefen Rot von der blassen Haut ihres Handgelenks ab und manchmal wenn Iris mit den Fingerspitzen über die seltsamen Einstiche darum fuhr, bildete sie sich ein Darius Anwesenheit direkt neben sich zu spüren. Wenn der Wind durch ihren Arm strich, konnte sie sich vorstellen, wie er sich mit einem amüsierten Grinsen vorbeugte und sein Atem über ihre Haut streichelte. Es war unheimlich und grotesk. Darius war ein Monster, das ihr lächelnd beim Sterben zugesehen hatte nur um ihr einen weiteren Gefallen abzuringen und nun wusste dieses Monster wo sie wohnte. Sie glaubte nicht, dass all die Talismane aus Tannenzapfen und geschliffenen Mosaikscherben, die die Farrows in den Bäumen verteilt hatten um einen Bannkreis zu beschwören, den Dämon davon abhielten, sie zu holen wenn er danach verlangte.
    Iris legte seufzend den Kopf zurück und sah in die Baumkrone hinauf.
    Die Magnolie blühte in aller Pracht, stark und stolz streckten sich ihre langen Zweige in Richtung der Sonne. Die Blüten hatten die hübscheste Farbe, die Iris je gesehen hatte. An den Spitzen leuchteten sie strahlendweiß und zur Knospe hin verwandelte sich das Weiß erst in ein zartes Rosa und am Ende in ein tiefes, kräftiges Pink. Die Blütenpracht überdauerte das ganze Jahr und seit über 30 Jahren war nie ein Blütenblatt gefallen, selbst im Winter nicht. Iris' Vater hatte den Baum für Magnolia gepflanzt und mit dieser wunderschönen Magie belegt.
    Manchmal, hatte ihr Mutter gesagt, wenn der Wind richtig steht, sang die Magnolie. Nun, sie sang nicht richtig, nicht mit Worten, die Menschen verstehen konnten. Es war eher ein Flüstern des Windes in den Zweigen gemischt mit dem melodischen Klang kleiner Glöckchen. Früher hatte die Magnolie oft für ihre Mutter gesungen und ihr damit ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Heute waren ihre Lieder nur noch selten zu hören.
    Wenn die Magnolie dennoch sang, war ihr Lied so, so traurig, dass sich niemand gegen die Tränen wehren konnte.

    We all change, when you think about it.
    We’re all different people all through our lives.
    And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
    so long as you remember all the people that you used to be.

    [DOCTOR WHO]

  • „Echte, gesegnete Kirchen sind der einzig wirklich sichere Zufluchtsort. Bannkreise schützen dich auch, aber nur, wenn du einen stabilen selbst ziehen kannst. Talismane reichen in der Regel für gewöhnliche Dämonen und wenige darüber, anfassen würden sie Stücke aber trotzdem nicht.“


    Eine gesamte Woche lang ließ Darius Iris in Ruhe. Er war beinahe wie vom Antlitz der Welt verschwunden. Wäre da nicht das Mal auf Iris‘ Brust, die seine Existenz zweifellos belegte. Dass die Woche im Jenseits zu einer der schlimmsten der vergangenen 2 Jahrhunderte zählte, kam im Diesseits natürlich nicht an. Hier ahnte niemand, dass man sich möglichst weit von dem Ort entfernen sollte, der Darius‘ Anwesen darstellte. Erst nach einer Woche hatte sich das Chaos halbwegs gelegt und etwas Vergleichbares wie Normalität war im Jenseits eingekehrt.
    Weniger normal war es jedoch, wie sich ein adrett gekleideter Mann auf dem Bürgersteig vor dem Hause Farrow aus dem Nichts materialisierte. Sichtlich genervt von der strahlenden Sonne am wolkenlosen Himmel rückte Darius die sportlich wirkende Sonnenbrille mit dem feinen Silbergestell zurecht. Statt eines dunklen Anzuges trug er einen blassblauen mit grauem Nadelstreifenmuster. Anlässlich des Wetters verzichtete er darauf, die Jacke zu zuknöpfen, sondern ließ das helle Seidenhemd zur Geltung kommen. Wieder trug er bis auf die Armbanduhr keinen großartigen Schmuck, als er die gepflegten Pflasterweg zum Haus entlang spazierte und die Ohren spitzte. Aus dem Garten hinter dem Haus drangen fröhliche Stimmen, leise Musik und das Jauchzen von Kindern. Ein leichter Windzug verriet ihm, dass es Süßspeisen geben musste und Leute mit viel zu viel Parfum sich dort aufhielten. Scheinbar ging da hinten ein kleiner Familientreff vor sich.
    Darius begann süffisant zu grinsen. Welch ein Publikum, wenn er die jüngste Farrow aus dem Diesseits reißen würde.
    Mit großen Schritten pirschte sich der Dämon um die Hausecke herum, die Stimmen wurden immer lauter. Vielleicht sollte er die Chance auch einfach nutzen und direkt die ganze Sippe auslöschen. Dann wäre dieser Familienzweig wenigstens kein Dorn mehr im Auge. Wer konnte schon sagen, dass nicht noch eine Abnormität wie Iris aus dieser Blutlinie entspringen würde?
    Als er die nächste Hausecke anpirschte, hielt er abrupt an. Sachte streckte er die Hand aus und berührte etwas in der Luft, was niemand sehen konnte. Wie die Hexen auch konnte Darius, wenn er auf die Kraftlinien zu griff, Bannkreise sehen. Solche wie der, den die Farrows um den Gartenbereich gezogen hatten. Je kleiner der Kreis, um so einfach zu schützen. Aber der hier… Darius kicherte, als er einen ungefilterten Schwall Kraftlinienenergie und seine Aura in den Kreis pumpte. Die Aura der Hexen wurde überschrieben, als wäre es nie ein Hindernis gewesen, und machte diesen Bannkreis zu seinem Bannkreis. Statt ihn leicht bemerkbar zu brechen, senkte er ihn einfach ab und löste ihn schließlich auf. Man wollte die armen Kinder ja nicht erschrecken.
    Apropos Kinder; Kaum trat er um die nächste Hausecke, rempelte ihn eines der Kinder an. Es lief ihm geradewegs gegen die Beine, prallte von ihm zurück und fiel auf den Hosenboden. Mit großen Augen sah der kleine Junge zu Darius empor, der den Blick erwiderte. Für einen Augenblick trat Stille ein, dann beugte sich der Dämon vor und streckte beide Hände nach dem Jungen aus.
    So wie es aussah war Darius in einen Kindergeburtstag geplatzt. Überall war feierlich dekoriert worden, Picknickdecken waren ausgelegt und eine große Tafel inmitten des Gartens aufgestellt worden. Ein Kuchen dominierte den Tisch, als Darius mit dem Jungen auf dem Arm ganz entspannt zur Tafel herüber schritt und die ersten, großen und teilweise auch fragenden Augen sich auf ihn richteten. Er brauchte nur ein paar Momente, ehe er alle Anwesenden ins Auge gefasst hatte und den älteren Mann am Kopf der Tafel als Oberhaupt Farrow identifizierte. Neben ihm war eine Frau, die erst den Jungen auf seinem Arm, dann Darius und dann wieder den Jungen ansah. Ihr wich die Farbe aus dem Gesicht, als sie das doch etwas unpassende Outfit, die Sonnenbrille und sein unerwartetes Erscheinen zusammenzählte.
    Davon ließ sich der Dämon nur nicht irritieren. „Hätte ich gewusst, dass heute jemand Geburtstag hat, wäre ich direkt passend gekleidet erschienen.“ Noch während des Gehens überrollte Darius eine rötliche Wolke von oben nach unten und sein Anzug wechselte die Farbe zu einem knalligen Gelb mit buntem Ballonmuster. Selbst seine Schuhe waren nun feuerrot. „Bitte, lassen Sie sich von mir nicht stören und die Feierlichkeiten unterbrechen.“
    Er hielt vor der Frau an, die am liebsten wohl im Boden versunken wäre. Selbst auf dem Tisch lagen Talismane in Form von blütenhafter Deko. Darius nahm den Jungen von seiner Hüfte und übergab ihn der Frau, die ihre Arme wie einen Käfig um den Jungen schloss. Für sie hatte Darius nur ein flüchtiges Schmunzeln übrig ehe er sich zum Tisch beugte und einen Talisman zwischen die Finger nahm. Er drehte das durchaus schön gefertigte Stück zwischen den Fingern – die Magie erstarb in der Sekunde, in der seine Finger ihn berührten. „Sehr schöne Arbeit. Sehr delikat, aber nutzlos.“ Er legte den toten Talisman wieder zurück und nickte allen Beteiligten kurz zu.
    Schließlich brauchte er sich nicht nach Iris umsehen. Er fühlte, wo sie war.
    Sein Weg führte Darius zu einer großen Magnolie mit einer Sitzbank darunter. Iris, die ihn schon längst entdeckt hatte, war wie festgewachsen auf der Bank. Sie trug angemessene Kleidung für den Anlass – Darius empfand das Kleid als geschmacklos – und er sah bereits, wie sich der Protest in ihr aufbaute. Auch dieser Baum war praktisch mit Talismanen vollgehangen. Keiner davon kitzelte den Leviathan auch nur ansatzweise.
    „Iris Hyacinthia Farrow“, begrüßte Darius die Hexe und blieb eine Armeslänge entfernt vor ihr stehen. Dass sich im Hintergrund alle Erwachsenen darum kümmerten, die Kinder in Sicherheit zu bringen und anschließend sich selbst, scherte ihn nicht sonderlich. Er blickte auf Iris hinab, ihr Handgelenk wies noch immer die eindeutige Wunde auf. Interessant. Sein Mal hatten sie verdecken lassen, aber die Wunde, die aussah wie ein Suizidversuch nicht. „Ich würde sagen, du schuldest mir noch zwei Gefallen. Wir machen es ganz kurz und ich sage dir, was ich als Gegenleistung für beide Gefallen haben möchte, okay? Dann kämst du ganz einfach aus unserem Deal heraus.“
    Er hatte ihre volle Aufmerksamkeit. Galant deutete er über seine Schulter zurück zum Tisch, wo die älteren Herrschaften fast panisch die Flucht ergriffen. Alle bis auf den Kopf der Farrows. „Man soll das Übel an der Wurzel packen, richtig? Dann hätte ich von dir gerne, dass du das Oberhaupt der Farrowfamilie tötest. Einfach, nicht wahr? Das kannst du mit deiner Magie, oder?“
    Erst jetzt fiel die charmante Maske, die Darius ständig auf seinem Gesicht trug. Ein wildes, gehässiges Grinsen spaltete seine untere Gesichtshälfte und enthüllte zwei Reihen spitzer, weißer Zähne. Sollte Iris es nicht schaffen, dieser Bitte nachzukommen, hätte sie die Gefallen verwirkt und dann wäre sie seins. Seins, um das, was im Jenseits durch ihn zu Bruch gegangen war, wieder zu flicken.

  • __________________________________________________________________________

    "I'm keeping you from death, not letting you live. There's a difference."
    __________________________________________________________________________


    Die Gewissheit, dass etwas ganz gehörig aus dem Ruder lief, beschlich Iris, als die Zweige der Magnolie in ihrem Rücken erzitterten. Entweder hatte sie nicht bemerkt, dass der Wind auffrischte oder etwas stimmte nicht mit ihr. Nun ja, mehr als sonst jedenfalls.
    Iris überblickte die Geburtstagsfeier mit zusammengekniffenen Augen und plötzlich erfasste die Hexe derselbe Schauer, der auch die Magnolie in Unruhe versetzte. Ein dezenter Geruch von Brimstone mischte sich unter den honigsüßen Duft der Geburtstagsleckereien und dem Frühlingsbouquet der Wildblumen, die überall im Gemeinschaftsgarten der Farrows die Wege säumten. Die Note war noch so unscheinbar, dass niemand außer Iris die Veränderung zu bemerken schien. Sie sah in strahlende Gesichter, lauschte der ausgelassenen Stimmung bis nach und nach Stille um den großen Tisch einkehrte. Alle Blicke richteten sich zu dem kleinen, mitgrünen Gartentor. Unbewusst fasste sich Iris an den Arm und krümmte ihre Finger um die leuchtendrote Narbe, von der ein unangenehmes Prickeln ausging. Sie fuhr mit dem Daumen die Linie entlang und verzog dabei das Gesicht. Was sie für ein Echo des Schmerzes gehalten hatte, den der Schnitt ihr zugefügt hatte, ging nicht von der Narbe sondern von dem Witchmark am betroffenen Handgelenk aus. Das Rad der Hekate war durch die hässliche, rote Linie einmal in der Mitte geteilt worden.
    „Hätte ich gewusst, dass heute jemand Geburtstag hat, wäre ich direkt passend gekleidet erschienen."
    Darius.
    "Bitte, lassen Sie sich von mir nicht stören und die Feierlichkeiten unterbrechen.“
    Aufgeregtes Gemurmel erhob sich, doch Iris fixierte ganz beharrlich ihre flachen Ballerinas. Sie hatte bis zur letzten Sekunde gehofft, dass sie sich den Geruch einbildete und alles ein Produkt ihres traumatisierten Verstandes war. Darius‘ Stimme, markant und glasklar, erfüllte den geschmückten Garten.
    „Sehr schöne Arbeit. Sehr delikat, aber nutzlos.“
    In diesem Augenblick griff die Panik um sich. Knarzend wurden Stühle zurückgeschoben, Teller und Besteck klappert und achtlos auf den Tisch fallen gelassen, Schritte entfernten sich eilig aus dem Garten. Unter die Unruhe mischte sich der erstickte Schluckauf des kleinen Oak, der nicht verstand, warum seine Geburtstagsfeier plötzlich vorbei war. Alle Eltern scheuchten ihre Kinder in die angrenzenden Häuser und Türen fielen geräuschvoll zu. Fensterläden wurden geschlossen und Vorhänge zu gezogen. Als ob irgendetwas davon gegen den Dämon in ihrem Garten geholfen hätte.
    „Iris Hyacinthia Farrow.“
    Sie konnte nicht verhindern, dass sie beim Klang seiner Stimme, die viel zu nah war, zusammenzuckte.
    „Ich komme darauf zurück, Iris Hyacinthia Farrow.“, hallte die in ihrer Erinnerung wieder.
    Iris zwang sich den Kopf zu heben. Sie hatte vielen erwartet, aber nicht einen knallgelben Anzug mit Luftballons. Die ganze Aufmachung wirkte an Darius so absurd, dass sie unter anderen Umständen wohl einen passenden Kommentar dazu abgegeben hätte, doch es schien, als hätte Iris Farrow ihre Zunge verschluckt. Die Magie in den Witchmarks sträubte sich massiv gegen die Anwesenheit des Dämons, als hätten sie das gleiche Erinnerungsvermögen wie ihre Trägerin. Iris hatte es bereits in den vergangenen Tagen immer wieder gespürt und gehört. Das Brennen. Das Knistern. Als versuchte die Magie, die ihre Kräfte im Zaum hielt, etwas abzuschütteln.
    „Ich würde sagen, du schuldest mir noch zwei Gefallen. Wir machen es ganz kurz und ich sage dir, was ich als Gegenleistung für beide Gefallen haben möchte, okay? Dann kämst du ganz einfach aus unserem Deal heraus.“
    Ihr Blick schnappte hoch zu Darius‘ Gesicht. Es würde niemals so einfach werden, wie er es darstellte. Darius war bereit gewesen, sie zu töten um seinen Willen zu bekommen. Jetzt hatte er einen ganzen Zirkel gegen sie in der Hand und obwohl Iris ihre Familie nicht sonderlich mochte, ihnen sogar öfters die Pest an den Hals gewünscht hatte, erfasste sie allein beim Gedanken daran das blanke Grauen.
    „Man soll das Übel an der Wurzel packen, richtig? Dann hätte ich von dir gerne, dass du das Oberhaupt der Farrowfamilie tötest. Einfach, nicht wahr? Das kannst du mit deiner Magie, oder?“
    Das attraktive Gesicht des Dämon - Sie würde niemals zugeben dieses Adjektiv jemals für Darius verwendet zu haben - verwandelte sich eine hässliche Fratze. Spitze Zähne funkelten ihr entgegen und sie presste die Fingerspitzen in ihr Handgelenk. Zusammen mit dem lächerlich, bunten Anzug verstand Iris, warum Clowns bei vielen Menschen Unbehagen auslösten. Nicht, dass Darius wie ein Clown aussah.
    Nein, er sah aus wie ein wahrgewordener Albtraum.
    „Das kann nicht Dein Ernst sein“, antwortete Iris, die ihre Stimme wiedergefunden hatte, fassungslos. Er wollte, dass sie jemanden tötete? Iris mochte bereits viel in ihrem Leben angestellt haben, aber sie war keine Mörderin. Sie sah zu Sylvan Farrow, der, wenn sie ganz genau hinsah, doch ein wenig beunruhigt aussah und eindeutig die Rache seiner Enkelin fürchtete. Für einen Augenblick erschien ihr die Vorstellung sogar verlockend, aber…Iris schüttelte den Kopf. „Ich kann das nicht…Bitte mich um etwas anderes. Irgendwas.“
    Plötzlich weiteten sich Iris‘ Augen. Blankes Entsetzen spiegelte sich darin, als sich aus ein paar Metern der Entfernung eine Frau auf Darius und Iris zu bewegte.
    Magnolia schritt mit erhobenem Haupt über den Rase als wäre sie die Göttin Hekate selbst. Ein paar blonde Strähnchen hatten sich aus ihrem Dutt gelöst und umrahmten kringelnd ihr Gesicht. Ihre Mutter sah aus wie eine Löwin, die bereit war sich einer geifernden Horde von Hyänen in den Weg zu werfen, um ihr Junges zu beschützen.
    „Du bist hier nicht willkommen, Namenloser“, sagte sie ruhig und mit einer Gefasstheit, die angesichts des Dämons in ihrem Garten beeindruckend war. Magnolia wusste so gut wie alle anderen, die sich in ihren Häusern verschanzten, dass sie nicht die Fähigkeiten besaßen, sich auf einen Kampf einzulassen. Die Hexe hoffte auch nicht auf Verständnis. Nicht von einer Kreatur, die sich an dem Leid ihrer Tochter weidete. Mit einer Ruhe, die ihresgleichen suchte, schob sie Magnolia zwischen den Dämon und ihre Tochter.
    „Mom, nicht“, stammelte Iris und griff nach der Hand ihrer Mutter.
    Doch Magnolia hatte nur Augen für den Dämon. Die Ähnlichkeit zu Iris war unverkennbar. Vor allem den entschlossenen und sturen Zug um ihre Mundwinkel, hatte sie an ihre Tochter weitergegeben. Die Frauen besaßen zweifellos denselben Dickkopf.
    „Ich weiß, warum du hier bist, aber du hast meiner Tochter bereits genug angetan und ihre Magie ist zu unberechenbar um nützlich für Deinesgleichen zu sein.“
    Iris' Herz blieb stehen.
    „Mom.“
    Darius würde sie nicht gehen lassen.
    „Ich biete Dir einen Tausch an, Namenloser. Nimm mich an Iris‘ Stelle. Ich komme mit dir ohne Schwierigkeiten zu machen, wenn du meine Tochter aus dieser Abmachung entlässt.“

    We all change, when you think about it.
    We’re all different people all through our lives.
    And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
    so long as you remember all the people that you used to be.

    [DOCTOR WHO]

    2 Mal editiert, zuletzt von Calandra (31. März 2025 um 14:57)

  • „Es hält sich das hartnäckige Gerücht, dass Dämonen nicht lügen können. Es gibt allerdings niemanden, der ihnen das bestätigen kann. Die meisten sind durch ihre Hand gestorben.“


    „Das kann nicht Dein Ernst sein.“
    Darius‘ Grinsen wurde noch breiter. In seinem Kopf hörte er seine eigenen tadelnden Worte, dass er sehr wohl könne und auch würde. Genau darin bestand zumeist die Crux bei seinen Deals: Er handelte einen undefinierten Gefallen aus, den er schließlich so wählte, dass sein Ziel nicht anders als verlieren konnte. Eine Antwort auf irgendeine Frage brachte schon einen großen Gegenwert an Schmutz mit sich. Addiert man den Sprung und das Retten ihres Lebens hinzu, so kam Iris schlussendlich auf in etwa dieselbe Menge Schmutz, wie wenn man ihn dazu beauftragte, einen tödlichen Fluch zu winden. Es gab einen Spielraum am Gleichgewicht, den jeder Dämon einzuhalten hatte. Nur mussten dass die Hexen nicht unbedingt wissen.
    „Ich kann das nicht… Bitte mich um etwas anderes. Irgendwas.“
    „Möchtest du darum verhandeln und mir einen dritten Gefallen schulden, Iris Hyacinthia Farrow?“, erkundigte sich Darius ganz gerissen, doch bevor er eine mündliche Antwort bekam, weiteten sich die Augen von Hexi. Das Entsetzen darin würde er wohl auf hundert Metern Entfernung richtig einschätzen können. Scheinbar brachte sich gerade jemand ins Spiel, der keine Teilnahmeberechtigung hatte.
    „Du bist hier nicht willkommen, Namenloser“, sagte die Frau mit einer Ruhe, die einem zugefrorenen See gleichkam.
    Darius antwortete ohne den Blick von Iris zu nehmen. „Frag die kleine Hexe hier nach meinem Namen. Sie kennt ihn.“ Sein Grinsen und die spitzen Zähne waren in der Sekunde verschwunden, in der die Frau einen Blick auf sein Gesicht erhaschen konnte.
    Notgedrungen musste er allerdings den Blick von Iris lösen. Die Frau, die ihr gar nicht mal unähnlich war, schob sich zwischen Dämon und Hexe. Nur trat Darius keinen Schritt zurück und verblieb in einer empfindlichen Nähe zu der Frau.
    „Mom, nicht“, kam es leise hinter ihrem Rücken hervor und Darius hatte die direkte Verbindung, die er brauchte. Wenn jetzt noch ihr Name fiel…
    Sekunde. Nein. Er entschied sich auf der Stelle um. Er wollte ihren Namen nicht. Er wollte viel lieber andere Dinge, wie sie beispielsweise aus dem Weg haben.
    „Ich weiß, warum du hier bist, aber du hast meiner Tochter bereits genug angetan und ihre Magie ist zu unberechenbar um nützlich für Deinesgleichen zu sein.“
    Darius hob eine Augenbraue an.
    „Mom.“
    „Ich biete Dir einen Tausch an, Namenloser. Nimm mich an Iris‘ Stelle. Ich komme mit dir ohne Schwierigkeiten zu machen, wenn du meine Tochter aus dieser Abmachung entlässt.“
    Da hatte jemand wohl seine Hausaufgaben gemacht. Dass sich das Mal eines Dämons übertragen ließ, war kein Geheimnis. Nur ging dieses Risiko niemand ein, denn meist bedeutete es den Tod. Wäre Iris‘ Mutter ein starkes Individuum gewesen, wäre Darius womöglich geneigt gewesen, solch einem Handel zu zustimmen. Doch unter gegebenen Umständen reizte ihn die Vorstellung nicht einmal ein bisschen.
    Statt einer Antwort schoss Darius‘ Hand vorwärts. Seine Finger schlossen sich um den schwächlichen Hals der Hexe. Als wöge Iris‘ Mutter nicht mehr als ein Sack Federn hob Darius sie vom Boden hoch und schnürte ihr die Luft ab. „Wärst du mächtiger als deine Tochter hätte ich einen Gedanken an deinen Vorschlag verschwendet. Aber das ist leider nicht der Fall.“
    Sie röchelte, weil Darius ihr die Luft abschnitt. Hinter ihr hörte er Iris kreischen, aber sein Fokus lag auf einem anderen Detail. Egal, wie viel Tötungswille er dieser Frau entgegenbrachte – kein Brennen durchzog seine Fasern. Kein Kribbeln in den Fingern warnte ihn vor seinen Taten. Grandiose Stille herrschte in seinem Kern, während er der Hexe langsam das Leben aus dem Körper quetschte. War es also doch nicht das Godwin-Blut, welches Iris diese Eigenschaft verlieh?
    Finger krallten sich in seine Handrücken und das Brennen kehrte zurück. Darius‘ Mundwinkel wurden hart als er einen Schritt rückwärts ging und sich außer Reichweite von Iris‘ eiskalten Händen brachte. Ohne mit der Wimper zu zucken warf Darius Iris‘ Mutter von sich. Sie flog schnell und kurz durch die Luft. Krachend schlug sie in den Tisch ein, der Kuchen und sämtliches Geschirr flogen durch die Luft. Ungerührt von seiner Tat streckte Darius Iris seine Hand aus, mit der er eben noch ihre Mutter gewürgt hatte. Es sah so aus, als böte er ihr seine Hand zum Aufstehen an.
    „Nun, Iris Hyacinthia Farrow. Wollen wir? Es gibt noch viel für uns beide zu tun, Liebes.“

  • Ein angsterfüllter Schrei durchschnitt die Luft und Iris war auf die Füße gesprungen bevor sie überhaupt kapierte, dass der markerschütternde Laut aus ihrer eigenen Kehle gekommen war. Alles geschah so furchtbar schnell. Sie hatte nicht einmal genug Zeit um zu blinzeln. Darius hatte ihre Mutter am Hals gepackt und in die Luft gehoben, als wöge die zierliche Frau nicht mehr als eine Feder. Hilflos strampelte Magnolia mit den Füßen während der eiserne Griff ihr jegliche Möglichkeit zum Atmen verwehrte. Iris verschwendete keinen Gedanken an die Konsequenzen als sie ihre Fingernägel in Darius' Handrücken schlug. Die Hexe zerrte an seinen Fingern, kratzte wie eine Furie über seine Haut, doch nichts lockerte den Halt des Dämons. Die Panik in den geweiteten und hervorgetretenen Augen ihrer Mutter verdoppelte ihre eigene blanke Angst. Tatsächlich schossen Tränen in Iris' Augen als Magnolias Lippen allmählich blau anliefen und sich ihre geröteten Augen nach hinten verdrehten. Die Kräfte verließen die Farrow-Hexe und aus dem heftigen Strampeln wurde ein klägliches Zucken. Darius würde sie umbringen.
    "Hör auf! Bitte!", flehte Iris verzweifelt, während ihre Nägel nicht den kleinsten Kratzer hinterließen. "Du bringst sie noch um!"
    Das war nicht Teil der Abmachung gewesen, dachte Iris naiv.
    "Nein!" kreischte sie.
    Darius entzog sich ihren verzweifelten Bemühungen und Iris' Herz setzte zum zweiten Mal an diesem Nachmittag aus. Vor ihrem geistigen Auge sah sie den Kopf ihrer Mutter bereits mit einem grauenhaften Knacken zur Seite kippen. Sie sah, wie Darius den Körper achtlos zu Boden fallen ließ und darüber stieg, als ginge ihn das alles nichts mehr an. Er würde die Zähne blecken, sie mit sich ins Jenseits reißen und ihre Mutter wäre völlig umsonst gestorben. Mit der eigenen Machtlosigkeit konfrontiert, schlug Iris die Hände vor den Mund und erstickte ein Schluchzen. Jetzt hatte sie es geschafft. Sie hatte ein Leben auf dem Gewissen.
    Wie durch ein Wunder trat die grauenvolle Vision nicht ein.
    Nein, Darius schleuderte Magnolia einfach von sich und sah nicht einmal über die Schulter um zu sehen, wo die röchelnde Frau landete. Aber Iris sah es. Krachend schlug die Hexe auf dem gedeckten Geburtstagstisch auf und blieb regungslos zwischen den Trümmern eines schönes Tages liegen.
    "Mom!", rief Iris.
    Die glatten Sohlen der Ballerinas rutschten über den Rasen, fanden keinen Halt, als sie bereits einen Satz nach vorne machte um ihrer Mutter zur Hilfe zu kommen. Da baute sich Darius in seiner vollen Größe vor Iris auf und schnitt ihr den Weg ab ohne dabei mit der Wimper zu zucken. Ruckartig bremste die Hexe ab damit sie nicht gegen seine Brust prallte. Am liebsten wäre sie soweit wie möglich von ihm entfernt. Genauso wie von diesem Ort, der für niemanden mehr sicher war. Ihr Atem ging schwer und Darius versperrte ihr die Sicht. Lebte ihre Mutter noch? Lediglich im Augenwinkel sah sie Sylvan aufspringen, in dessen Blick sie das erste Mal einen ehrlichen Anflug von Sorge entdeckte.
    „Nun, Iris Hyacinthia Farrow. Wollen wir? Es gibt noch viel für uns beide zu tun, Liebes.“
    Iris senkte zähneknirschend den Blick auf die angebotene Hand.
    Mit dem Handrücken wischte sich Iris über die Augen. Es war ihr vollkommen gleich, dass sie dabei ihr Make-Up ruinierte. Mit den Tränen wischte sie auch die Furcht aus ihrem Gesicht, auch wenn ihr Herz immer noch viel zu schnell schlug. Im Hintergrund hörte sie ein ersticktes Flüstern.
    Die Stimme von Magnolia.
    "Iris..."
    Der Ton in der sanften Stimmen brach ihr das Herz.
    Ihr Blick schnappte hinauf in Darius' Gesicht und bohrte sich in die verspiegelten Gläser seiner Sonnenbrille.
    Furcht war nun einer bitteren Entschlossenheit gewichen. Ein Knistern erfüllte die Luft und wieder umgab Iris dieser Geruch von Sommergewitter.
    "Das zahl ich dir heim", brachte sie mit wackeliger Stimme hervor. "Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht wann, aber ich finde einen Weg."
    Iris warf einen letzten Blick über die Schulter auf die Magnolie und ein trauriges Wispern raschelte in den Ästen. Voller Abscheu legte sie ihre eiskalte Hand in Darius'. Sie zuckte leicht zusammen, als sie einen kleinen, elektrischen Schlag spürte. Das Knistern wurde lauter. Eindringlicher.
    "Das verspreche ich dir."

    We all change, when you think about it.
    We’re all different people all through our lives.
    And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
    so long as you remember all the people that you used to be.

    [DOCTOR WHO]

  • „… Die Sonne vermisse ich am Meisten. Die echte Sonne. Wie sie Wärme auf die Haut zaubert. Oh, und das Essen natürlich. Ohne den Schwefelgeschmack…“


    Manchmal war es wirklich besser, kurz zu warten und nicht einfach alles zu töten, was im Weg stand. Darius klopfte sich gedanklich selbst auf die Schulter, Iris‘ Mutter nicht das Genick gebrochen zu haben. So hatte er die beste Vorlage bekommen, um die kleine Hexe direkt in seine offenen Fänge zu treiben. Die Gewissheit begann sich zu setzen, als er Iris dabei beobachtete, wie sie sich die Tränen des Horrors aus dem Gesicht wischte und schwarze Schlieren unterhalb ihrer Augen zurückließ. Oft genug hatte er diesen Anblick schon genießen dürfen, aber wenn er bei besonders widerspenstigen Individuen auftrat, gefiel er ihm umso mehr.
    Das leise Flüstern, das Iris‘ Namen trug, erklang hinter Darius aus den Trümmern des Tisches. Er vergeudete keine Sekunde, um sich umzudrehen oder die Hand sinken zu lassen. Viel lieber erwiderte er den Blick seiner Hexi, die ihn ansah, als würde sie ihm eigenmächtig den Hals umdrehen wollen. Obwohl, wenn er sich den Ausdruck in ihren Augen recht besah, dann lag ihnen vielmehr Trotz inne als er gedacht hatte. Wie schön. Dann hatte er ja doch noch etwas länger mit ihrem Dickkopf zu tun.
    „Das zahl ich dir heim. Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht wann, aber ich finde einen Weg“, versprach sie dem Dämon und sein Mundwinkel zuckte belustigt nach oben. Er bezweifelte, dass sie mit ihrer eigenen Macht jemals dazu imstande sein würde. Nur dieser verdammte Einfluss, der ihr oblag, verlieh ihrer Drohung einen minimalen Effekt. „Das verspreche ich dir.“
    Ihm war es egal, dass Abscheu ihre Handlung begleitete, als Iris ihre eiskalte Hand in die von Darius bettete. Fast augenblicklich stand seine Hand in Flammen, doch die Fassade des Dämons bröckelte nicht einmal. Es lag nicht in seiner Natur, Schmerz zu zeigen oder ihn gar zu bevorzugen. Genauso wenig versprach er Dinge, denn ähnlich wie Lügen kam er aus diesem nicht mehr heraus. Deshalb nahm er ihr das Versprechen auch nicht ab – aus reiner Vorsicht.
    „Wir werden sehen, wie lange du deinen Widerwillen aufrechterhalten kannst“, sagte Darius und streckte seinen Geist nach der nächsten Kraftlinie aus. Die Energie explodierte in ihm mit dem Geschmack nach Heimat und lief knisternd durch Iris hindurch. Mit ihm als Anker floss die Energie in stetem Fluss und suchte sich keinen Ausweg über ihre Witchmarks. Zu sorgfältig führte er den Fluss der Kraftlinie, die ihnen den Geruch nach Brimstone in die Nase trieb. Seine eigene Aura verschob er binnen eines Herzschlages, als er nach der von Iris griff traf ihn abermals ein elektrischer Schlag. Er zuckte zusammen als Reaktion auf die Gegenwehr, die ihn davon abhalten würde, Iris in Zukunft mittels Energie zu frittieren. Grob und gegen ihren Willen verschob er ihre Aura, änderte ihren Klang, bis sie wie seine eigene mit der Kraftlinie mitschwang. Das dumpfe Dröhnen eines Glockenturmes erklang in ihren Köpfen, fahl und geisterhaft. Ein Filter legte sich über ihre Blicke, als hätte man ihnen ein Stück rotes Papier vor die Augen gehalten.
    Und dann fiel Iris in einen roten Strudel und den Boden unter den Füßen.

    Iris‘ Füße fanden Boden, nachdem sie nur Sekunden durch die Kraftlinie gesprungen waren. Ganz gewöhnlicher Boden – Holzparkett – befand sich unter ihren Ballerinas, der Geruch nach Schwefel war omnipräsent. Eine weitere Note mischte sich darunter. Der Geruch nach alten Schriften. Als Iris den Blick hob, hatte ihre Umwelt noch immer einen gewissen Rotstich intus. Um sie herum ragten dunkle Regale empor und bildeten die Wände des Raumes, in dem sie stand. Über zwei Etagen hinweg erstreckten sich die Regale, die teilweise mit Büchern gefüllt worden waren. Alle anderen Bücher hatten einen neuen Bestimmungsort: kreuz und quer über den Boden verteilt. Zwei Rollleitern ermöglichten den Zugang zur zweiten Etage, die Darius niemals nutzen würde. Fenster gab seitlich keine; die Decke bestand aus einer gläsernen Kuppel, die das Licht einer roten Sonne hineinließ.
    „Ceri, wieso liegen immer noch so viele verdammte Bücher auf dem Boden herum?“
    Darius‘ Stimme schwang ungehalten durch den Raum, während er mit großen Schritten über die wüst verstreuten Bücher stieg und geradewegs auf eine Person zu marschierte, die sich zwischen Stapeln an Büchern zusammenkauerte. Iris war perfekt in einen kleinen, freigeräumten Kreis gesprungen worden.
    Die große Gestalt des Dämons verdeckte den Anblick auf die filigrane Frau, die sich so klein wie möglich machte. Nur gab es vor ihm keinen Schutz. Darius bückte sich und vergrub eine Hand in ihrem silberblonden Haar, das ihr gerade bis zum Kinn fiel. Spitze Ohren stachen zwischen den Strähnen hervor und smaragdgrüne Auge versteckten sich unter den angsterfüllt zusammen gekniffenen Lidern. Rabiat zog er sie an ihren Haaren hoch bis ihre Füße den Kontakt zum Boden verloren. Kein Laut drang aus ihrer Kehle, doch ihre Hände versuchten sich an seinem Handgelenk nach oben zu ziehen.
    „Du hattest gut eine Woche Zeit, sie wieder an ihren Platz zu bringen.“ Darius brachte sein Gesicht nah an das der Elfin heran. Sie öffnete ihre Augen und eine Spur Trotz funkelte in den wunderschönen Augen. Auch wegen ihnen hatte er sie damals haben wollen. „Brauchst du neue Motivation?“
    Ceri schüttelte andeutungsweise mit ihrem Kopf. Darius seufzte und ließ sie frei. Mit einem dumpfen Aufprall sank sie auf den Boden und blickte zu Boden. So sah Darius nicht, wie sie ihre Zähne zusammenbiss.
    Der Dämon machte auf dem Absatz kehrt und schritt mit ausladenden Schritten zu seiner neuen Errungenschaft hinüber. „Das ist Ceri. Stell sie dir wie mein Hausmädchen vor.“ Hausmädchen war natürlich maßlos untertrieben. Was diese Elfe über ihre Sklavenzeit hinweg erdulden musste, sprengte dieses Verhältnis. „Da du ja keine Erfahrungen mit Kraftlinien hast, muss ich mir keine Sorgen machen, dass du zu springen versuchst. Hier in meinem Anwesen ist es sicher.“
    Im Hintergrund erklang ein gedämpftes Geräusch und Darius hielt einen Herzschlag inne ehe er ungerührt fortfuhr. „Setz keinen Fuß vor die Tür. Das meine ich ernst, Liebes. Ich muss dich als Vertraute noch registrieren, erst dann wird mein Anspruch auf dich gültig. Mein Mal“, er deutete mit einem Finger auf Iris‘ Brust, „reicht nicht dafür aus, dich vor anderen Dämonen zu schützen.“
    Sicherlich würden viele einen Bogen um sie machen, da sie das Zeichen eines Leviathans trug. Sollten aber gewisse Vertreter seiner Art auftauchen… wusste er, dass sie geneigt waren, gewisse Grenzen auszutesten. Er wollte nicht, dass sich das Chaos, das ohnehin draußen im Umkreis von gut einem Kilometer dank seines Wutausbruches tobte, noch weiter ausbreitete. Eine Armeslänge entfernt hielt Darius inne und setzte sein spöttisches Grinsen auf. Die Sonnenbrille wurde unscharf, dann löste sie sich im roten Nebel auf und enthüllten das erste Mal seine volle Mimik. Er hatte sich ein markant geschnittenes Gesicht auserwählt, um es leichter bei den Frauen zu haben. Nur seine bernsteinfarbenen Augen mit den waagerechten Pupillen einer Ziege konnte er nicht ändern. Brauchte er in der Regel aber auch gar nicht.
    „Ich will mal nicht so sein und dich in deinem neuen Zuhause willkommen heißen. Willst du dich frischmachen? Dann zeigt dir Ceri das Bad, obwohl ich die Spuren eigentlich ganz charmant finde. Wirkt stimmig“, lächelte er warm, was wieder so absurd war wie dieser gelbe Anzug mit den Luftballons. „Oder möchtest du es direkt hinter dich bringen und dich registrieren?“

  • Das Jenseits begrüßte Iris nicht mit einem Knall sondern mit seinem Seufzen. Erstaunlich sanft setzten ihre Füße wieder auf festem Boden auf, nachdem der rote Wirbel Darius und sie verschluckte. Dem groben Zug hätte sie niemals widerstehen können. Darius hielt nicht bloß ihre kleine Hand in seiner, sondern bemächtigte sich Iris' ganzer Existenz. Mit einem kräftigen Ruck hatte er sie von allem getrennt, das sie ausmachte.
    Obwohl ihr schwindelig war, sich ihre Beine wie Pudding anfühlten und das Echo eines weitentfernten Glockenturms in ihren Ohren dröhnte, fand sie recht schnell einen festen Stand doch nicht die Orientierung wieder. Iris' Nase und Lungen füllten sich mit dem allgegenwärtigen Geruch von Brimstone. Für einen kurzen Moment war die Hexe so überwältigt von der Veränderung, dass ihr der Atem stockte und sie glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Blinzelnd drängte Iris die neuen Tränen zurück, die der Schwefelgeruch ihr in die Augen trieb. Nach ein paar Sekunden zwang sich Iris die Augen ganz zu öffnen um ihre persönliche Hölle zu betrachten, in die Darius sie katapultiert hatte. Jemand hatte einen Rotfilter über die neue Umgebung gelegt. Sie blinzelte erneut. Einmal. Zweimal. Doch es änderte nicht an dem rötlichen Licht, das einfach alles an diesem Ort berührte. Iris sah sich langsam um. Das Erste, das sie sah, waren Bücher, so viele Bücher wie sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte, und ein heilloses Chaos. Überall auf dem Boden lagen verstreute Einbände herum oder waren zu kleinen Türmchen in den unterschiedlichsten Größen gestapelt. Falls es ein System darin gab, war es unmöglich zu erkennen. Links und rechts von Iris streckten sich Bücherregale in die Höhe und als Iris den Kopf in den Nacken legte um deren Ende zu suchen - sie waren riesig - entdeckte sie auch die Quelle des rötlichen Lichtes. Hinter einer gewaltigen Glaskuppel, die wohl das Dach bildete, glühte eine rote Sonne. Der Anblick hätte faszinierend sein können, wenn in diesem Moment nicht eine verhasste Stimme die Stille durchbrochen hätte.
    „Ceri, wieso liegen immer noch so viele verdammte Bücher auf dem Boden herum?“
    Es war dieser Moment, in dem Iris dem Dämon ruckartig ihre Hand entriss und noch ein wenig bleicher wurde. Entsetzte starrte sie auf ihre zitternden Finger. Deshalb stand sie noch auf beiden Füßen! Sie hatte sich an den einzigen Knotenpunkt geklammert, der ihr halt bot um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Quälende Scham ließ ihren Magen verkrampfen und mittlerweile hätte sie lieber Vorlieb mit dem harten Parkett genommen. Der Schock, gegen ihren Willen durch die Kraftlinien gezogen worden zu sein, fiel langsam von ihr ab und die Realität kehrte wie ein Schlag ins Gesicht zurück. Oaks Geburtstag. Die hässliche Fratze, die Darius' Gesicht gewesen war. Sein Grinsen und wie sich ihre Mom todesmutig dem Dämon entgegengestellt hatte. Ihre Mom, die von Darius wie eine Strohpuppe durch den Garten geschleudert worden war. Iris blinzelte gegen das Brennen in ihren Augen. Sie würde Darius nicht noch mehr davon freiwillig schenken.
    „Du hattest gut eine Woche Zeit, sie wieder an ihren Platz zu bringen."
    Endlich schnappte ihr Blick zu dem Dämon, der sich ein paar Meter entfernt hatte und nun eine zierliche Gestalt an den Haaren vom Boden aufhob. Es war grauenhaft mit anzusehen, doch die Frau wehrte sich nicht. Sie gab nicht einmal einen Laut von sich. Ein spitzes Ohr ragte aus dem silbrigen Haarschopf hervor und obwohl ihr Gesicht schmerzverzerrt war, war es schöner als alles, was Iris je gesehen hatte. Niemand würde ihr glauben, dass sie an diesem schrecklichen Ort eine leibhaftige Elfe vorfand. Wie alle anderen kannte auch Iris dieses uralte Volk nur aus Büchern und Erzählungen. Iris erschauderte. Elfen hatten ein langes, langes Leben. Wie lange mochte diese Frau, Ceri, schon in Darius' Fängen sein?
    Iris versteifte sich als Darius die Elfe achtlos zu Boden fallen ließ, sie keines weiteren Blickes würdigte und wieder auf sie zukam. Instinktiv wich die Hexe einen Schritt nach hinten und stieß gegen einen der Bücherstapel, der raschelnd und mit einem dumpfen Poltern umkippte. Sie presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. Liebes...Sie hasste es, wenn er das sagte.
    Als er die Tür erwähnte huschte ihr Blick durch die Bibliothek. Dabei fiel ihr das erste Mal auf, dass es keine Fenster gab. Der einzige Blick, der ihnen eine Illusion von Freiheit vermittelte, war die große und gläserne Kuppel am rötlichen Himmel. Dieses Mal zeigte Iris keiner Reaktion, als Darius seine Ziegenaugen präsentierte. Sie sah ihn mit einer vertrauten Verbissenheit an, doch aus ihrer Stimme war jegliche Aggression und für den Moment auch jeglicher Kampfgeist gewichen.
    "Rede nicht mit mir, als wäre ich freiwillig hier", sagte sie leise. Niemand konnte anzweifeln, dass ihr die vergangen Minuten tief in den Knochen saßen. "Ich bin nicht dein Gast, sondern eine Gefangene. Und das hier ist nicht mein Zuhause. Es ist ein Gefängnis."
    Mit zitternden Finger wischte sich Iris unter den Augen entlang um etwas von dem verschmierten Make-Up zu entfernen. Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper, als sie die verlaufenen Wimperntusche am Stoff ihres Kleides abwischte. Sie hatte das scheußliche Ding eh nie gemocht, aber ihre Mutter hatte die Farbe geliebt. Iris schob den Gedanken an Magnolia beiseite.
    Das Lächeln auf Darius Lippen verzerrte sich in ihrer Vorstellung zu einem Spalt mit perlweißen Reißzähnen.
    Sie glaubte nicht, dass sein Lächeln jemals wieder anders für sie aussehen würde.
    "Bringen wir es hinter uns."

    We all change, when you think about it.
    We’re all different people all through our lives.
    And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
    so long as you remember all the people that you used to be.

    [DOCTOR WHO]

  • „Die Leviathane haben alle ihre eigenen Territorien, die sie untereinander meiden. Betritt einer das Gebiet eines anderen, dann gilt das praktisch als Angriff. Außer bei ihm… Darius duldet ihn aus einem bestimmten Grund.“


    „Bringen wir es hinter uns.“
    Offensichtlich hatte die Einlage bei Iris Wirkung gezeigt. Ihre üblicherweise schroffe und spitze Art war nahezu gänzlich verschwunden. Ein bisschen traurig war Darius darüber schon. Aber er wusste, dass sie gerade einen Schock verarbeiten musste und danach gelangten Menschen üblicherweise zu ihrer alten Größe zurück. Oder Spitzzüngigkeit in ihrem Falle.
    „Wunderbar. Dann folge mir einfach. Wir müssen zum Amt und dir einen neuen Namen verpassen. Hexi ist zu abgegriffen, aber wir werden schon fündig“, sagte Darius erheitert und machte auf dem Absatz kehrt, um durch das Chaos voraus zu gehen.
    Er kam gerade drei Schritte weit, dann knallte es ohrenbetäubend im Raum. Eine dicke Wolke aus rotem Nebel explodierte vor einigen Regalen, gefolgt von einem lauten, erschrockenen Aufschrei. Einem kindlichen Aufschrei. Darius indes hielt prompt inne und starrte den Nebel an, als wäre er ein Kaffeefleck auf seinem besten Anzug.
    „Daaaariuuuuus~~~ Da bist du ja wieder!“
    Darius‘ Gesichtsausdruck wurde kalt und steif, als sich der Nebel lichtete und den Blick auf ein Kind freigab. Ein dickes, pausbäckiges Kind mit einem orangenen Shirt, das eine schwarze Welle quer umlaufend hatte, und einer kurzen, schwarzen Shorts, die so kurz war, dass sie seinen Hintern nicht vollständig bedeckte. Speckrollen quollen unter dem Saum des Shirts hervor und Haare suchte man vergebens. Eine einzige, kleine Strähne stand von seiner Stirn ab. Ansonsten war er komplett glatzköpfig. Der Junge hüpfte über die Bücherstapel, erwischte einen Band auf dem Boden und rutschte aus. Schwerfällig rappelte er sich wieder auf und setzte seinen Weg fort. „Da ist ja immer noch heilloses Chaos auf den Straßen! Wo warst du denn spielen?“
    „Ich war nirgends spielen, sondern arbeiten, Pan“, grollte Darius und machte keinen Hehl draus, dass er den Kleinen dort nicht wirklich mochte.
    Der Junge blies beleidigt die Pausbacken auf. „Ich heiße nicht mehr Pan“, verkündete er trotzig. „Ich will jetzt Kevin heißen. Kevin ist drüben total beliebt. Jeder findet Kevin toll. Die haben da sogar einen Film mit gelben Männchen und da gibt es auch einen Kevin!“
    „Nein, ich nenn dich nicht Kevin.“
    „Okay, was ist mit Karen? Warte, ich ändere meine –„
    „Pan, geh einfach weg.“ Darius wedelte genervt in Pans Richtung und stolzierte weiter. Bis ihm auffiel, dass Pan sich nicht bewegte, sondern sehr interessiert hinter ihm dreinsah. Zu spät fiel Darius wieder ein, dass er ja eine neue Hexe hergeholt hatte. Dummer Fehler.
    Oooohhhh“, machte Pan verzückt und klatschte in die Hände, bevor er geradewegs auf Iris zu hüpfte. „Das ist also der Grund, wieso du so gewütet hast? Lass mal sehen~~~
    Darius machte auf dem Absatz kehrt, die Entspannung war direkt aus seinen Gliedern gewichen. Jetzt wirkte der gutaussehende Dämon zum ersten Mal wirklich angespannt und darüber hinaus wirklich ungehalten. „Pan, verzieh dich und lass meine Beute in Frieden.“
    Mhhh, sie ist noch nicht registriert! Ich seh das doch!“, flötete er weiter und ließ sich nicht davon stoppen, dass Darius ihm Funken sprühend auf den Fersen war. „Sie trägt doch bisher nur dein Mal. Aaaalso kann ich doch auch mal probieren, oder?“ Pan kam vor einer völlig überrumpelten Iris zum Halten und grinste sie breit mit seinen kupfernen Ziegenaugen an. Dann griff er unvermittelt nach Iris Handgelenk und grinste mit einem Heizahngrinsen. Schon im nächsten Augenblick flimmerte das Jenseits, als Pan ungefilterte Kraftlinienenergie in Iris‘ fragilen Körper lenkte. Als würde man ein Einmachglas bis zum Bersten füllen, presste der kleine Dämon Energie in die Hexe hinein. Viel zu viel ungefilterte, rohe Energie, die kein Ventil fand, um sie wieder zu verlassen. Es knackte nicht, als das ohnehin angebrochene Siegel an Iris‘ Handgelenk unter der Last vollends brach. Dafür knallte es ein weiteres Mal mit einer Lautstärke, die man durch Darius‘ komplettes Anwesen hören konnte.
    Ein weiteres Knallen erklang. Dieses Mal so laut, dass es sein gesamtes Territorium hören können würde. In nur einem Wimpernschlag hatte Darius Pan von Iris mit einem kräftigen Tritt wegbefördert. Der Junge knallte in das nächste Regal, doch anstatt ins Holz zu versinken, fing er sich wie mit einer Luftblase rechtzeitig ab. Er grinste unverändert breit und klopfte sich die zu enge Hose ab. „Sei doch nicht so böse, Darry. Ich will doch nur gucken!“
    „Ich hab dich gewarnt“, knurrte Darius, der langsam den noch immer erhobenen Fuß sorgsam auf den Boden abstellte und einen Blick zu Iris riskierte. Sie stand noch, sie atmete noch. Offensichtlich schien Pan keinerlei Probleme zu haben, sie zu berühren. Das war mehr als nur ungünstig.
    Und warum, bei allen Kreisen, stank es hier so verbrannt?!

  • Es blieb Iris nichts Anderes übrig, als Darius zähneknirschend zu folgen. Die Freude, die dabei in den gelben Ziegenaugen des Dämons funkelte, konnte Iris wirklich nicht teilen. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass ihre Familie für den Augenblick vor Darius und ihrer eigenen Dummheit sicher war. Obwohl ihre Sorge eigentlich nur Magnolia allein gehörte. Rose und ihrer so wohlerzogenen Tochter, Lobelia, hätte ein kleiner Ausflug ins Jenseits sicherlich nicht geschadet. Sie sah noch einmal zurück zu der Elfe, Ceri, die sich bereits wieder den unzähligen Büchern widmete. Ein letzter Blick auf das Gesicht blieb Iris allerdings verwehrt, denn da knallte es bereits so laut in der Bibliothek, dass sie für einen kurzen Moment glaubte, ihr Trommelfell sei geplatzt.
    Mit dem kleinen, rundlichen Jungen, der aus dem Nebel trat, hatte sie aber nun wirklich nicht gerechnet. Als Iris auffiel, dass sie starrte, vor allem, weil Darius ganz offensichtlich nicht sehr begeistert über den Auftritt war, senkte sie langsam den Blick. Lediglich durch den dunklen Schatten ihrer Wimpern oder flüchtig aus dem Augenwinkel, verfolgte sie das Gespräch der Dämonen. Der Junge, Pan, musste ein Dämon sein, er hatte die gleichen Augen wie Darius, nur in einer anderen Farbe.
    Das ist also der Grund, wieso du so gewütet hast? Lass mal sehen~~~“, flötete Pan. Gewütet? Iris runzelte die Stirn. „Mhhh, sie ist noch nicht registriert! Ich seh das doch. Sie trägt doch bisher nur dein Mal.“
    Mit einem unguten Gefühl hob Iris den Kopf und wurde sogleich mit einem übermütigen und grinsenden Dämon konfrontiert. Iris wich einen Schritt zurück, doch Pan war schneller als sie blinzeln konnte. Sie bekam nur am Rande mit, wie Darius nicht länger nur genervt, sondern auch allmählich ungehalten wurde.
    Aaaalso kann ich doch auch mal probieren, oder?“
    "Was...?", stammelte sie überrumpelt.
    Bevor Iris genau darüber nachdenken konnte, was Pan damit meinte, hatte der kleinere Dämon bereits ihr Handgelenk gepackt. Beim Anblick des Grinsens wurde ihr ganz flau im Magen. Was dann geschah, kam so plötzlich und unerwartet, dass Iris aus Reflex zurückschreckte und dabei noch mehr Bücher umstieß. Dennoch gab es aus dem Griff kein Entkommen. Iris‘ Arm stand in Flammen bevor sich das Gefühl in ihrem gesamten Körper ausbreitete. Die Siegel ächzten unter der rohen Kraft, die ohne jegliche Zurückhaltung ihren Körper flutete. Ihre Nervenbahnen brannten lichterloh während die Energie einen Weg hinaussuchte. Der Druck stieg an und wummerte in ihrem Schädel, der sich anfühlte, als würde er in der nächsten Sekunde platzen. Iris verkrampfte und ihre Finger zuckten hilflos im Griff des Dämons.
    Dann knallte es.
    Durchdringend und so laut, als wäre knapp neben ihr etwas explodiert. Gleichzeitig gab Pan ihre Hand frei und taumelte. Zitternd umklammerte nun selbst ihr Handgelenk. Mit weitaufgerissenen Augen sah sie zu, wie sich das Witchmark an ihrem Handgelenk in Luft auflöste. Buchstäblich. Die schwarzen Linien blätterten wie alte Farbe von ihrer Haut, schwebten wie federleichte Aschflöckchen empor bis nichts mehr übrig war. Pans Energie hatte genau das Handgelenk mit dem beschädigten Siegel als geeignetes Ventil ausgewählt und es endgültig zerbrochen. Wenn sie jetzt mit dem Daumen über ihr Handgelenk fuhr, war da nur noch die Narbe, die Darius ihr hinterlassen hatte. Sie achtete nicht auf die Dämonen, denn als ihr Blick auf das Parkett fiel, verschlug es ihr die Sprache.
    Von ihren Füßen aus schlängelte sich ein rauchender, verkohlter Riss durch das Parkett. Er war nicht sonderlich tief und endete an dem massiven Stützbalken eines der unteren Bücherregale, der das Gewicht der oberen Reihen ein Stockwerk höher trug. Das Holz knarzte und qualmte. Der Riss hatte dort nicht Halt gemacht. In einer gezackten Linie hatte er sich bis zum Ende in das Holz gefressen. Die Maserung war aufgeplatzt, Splitter und Bruchstücke lagen überall am Boden verstreut. Mit einem Ächzen lösten sich ein paar der Regelbretter aus ihren Verankerungen und kippten in Richtung des rauchenden Balkens nach unten. Die Bücher drauf rutschten zur Seiten, polterten teilweise herunter und verloren beim Sturz einzelne Blätter, die durch die Luft segelten. Als der Lärm nachließ, blieb nichts zurück außer neues Chaos.
    Mit etwas Fantasie sah es sogar danach aus, als wäre ein Blitz in das Regal eingeschlagen.

    We all change, when you think about it.
    We’re all different people all through our lives.
    And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
    so long as you remember all the people that you used to be.

    [DOCTOR WHO]

  • „Das Jenseits ist in sieben Herrschaftsgebiete unterteilt. Dieses hier untersteht Darius. Normalerweise wird das Auftauchen eines anderen Leviathans ohne Ankündigung als Angriff gewertet und entsprechend beantwortet. Der Schaden, der dabei entsteht, kann ein ganzes Gebiet erschüttern.“

    „Uuuuuuh, die ist ja richtig explosiv!“
    Pans Freude über das, was Iris mit dem Boden angestellt hatte, steckte Darius nicht an. Der größere Dämon rümpfte die Nase, als er die Brandspuren auf dem, im Diesseits, teuren Parkett entdeckte. Wie ein Blitzschlag suchte sich die Energie ihren Weg durch den Boden bis hinüber zu einem der Regale, wo sie sich verästelte und die Zwischenböden gesprengt hatte. Gerade noch aufgestellte Bücher rutschten übereinander und das Chaos begann vom Neuen.
    Zum ersten Mal zeigte sich etwas wie Weißglut auf dem sonst so entspannten Gesicht.
    „Aaaw, guck doch mal! Ich hab ihr nur ein Witchmark dafür wegsprengen müssen! Wo kommt sie her? Was kann sie?“ Pan reihte Frage nach Frage aneinander, während er hopsend schon wieder auf Darius und Iris zu kam. Dass Darius‘ Blick auf ihm aussah, als würde er ihm gleich den Kopf abreißen, sah Iris nicht. Dafür aber Ceri, die hinter Bücherstapeln in Deckung gegangen war und sich langsam aus dem Schatten schälte.
    „Du bist eine Hexe. Also, was kannst du?“, stellte Pan Iris weiter Fragen und Darius ballte schon eine Hand zur Faust. „Wie heißt du eigentlich? Was hast du von Darry denn haben wollen?“
    „Pan. Fass sie noch ein einziges Mal an und ich komprimiere dich so stark, dass du als Einzeller zurück in dein Gebiet springen musst.“ Er drehte sich Pan nicht einmal bei seinen Worten zu. Stattdessen wischte er mit der Spitze seines Lederschuhs über den schwarzen Striemen in seinem Parkett und sah schon wieder weg, als ihm auffiel, dass nichts passiert war. Er wiederholte die Bewegung. Wieder nichts. Der verkohlte Riss verschwand nicht.
    Jetzt ballte sich auch die zweite Hand an seiner Seite zur Faust.
    „Pan, wie schön, dich zu sehen.“ Ceri näherte sich zaghaft, aber mit erhobenem Haupte dem Dreiergespann. Ihre Stimme war melodisch, so als würde allein ihre Stimme reinste Magie mit sich tragen. Trotzdem war sie weich und zart und so leise, dass das kleinste Geräusch sie wohl verschluckt hätte.
    Pans Aufmerksamkeit verschob sich direkt von Iris hin zu Ceri. Ein breites Grinsen erschien auf dem fetten Gesicht und dann sprang er direkt auf die Elfe zu, die die Arme für ihn ausbreitete. „Ceri, meine Beste! Wenigstens eine, die mich gerne sieht! Sag mal, wie findest du denn Kevin als Namen? Super, oder? Richtig mit Tragweite behaftet?“
    „Kevin wird dir nicht gerecht. Das klingt viel zu einfach für dich, Peter.“
    Pan wackelte in ihren Armen und quietschte, als hätte sie ihm gerade das größte Kompliment der Welt gegeben. Mit sanften Bewegungen streichelte sie ihm seine Glatze, doch das Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden, kaum konnte Pan es nicht mehr sehen.
    „Bei allen Kreisen, er macht mich wahnsinnig…“, murmelte Darius, dessen Fäuste sich allmählich wieder entspannten. Den Striemen war er noch immer nicht losgeworden und er befürchtete, dass das Regal auch nicht zu retten war. Das war mittels Magie passiert. Er war eine der mächtigsten Entitäten, wenn es um Magie ging. Wieso konnte er diesen lächerlichen Riss nicht einfach schließen?!
    Schlussendlich machte Darius nun doch Anstalten, aus der Halle mit seinen Büchern zu treten. Er winkte Iris über seine Schulter hinweg zu und bedeutete ihr, ihm zu folgen. „Wir wollten zum Amt, schon vergessen, Liebes?“ Sein Blick streifte Ceri mit der stummen Anweisung, Pan weiter zu beschäftigen, bis sie wieder da waren. Sie blinzelte ihm lediglich zu, ehe sie Iris einen Blick zuwarf, der voll von Mitleid war.

  • Die Welt geriet aus den Fugen. Dabei war es nicht die Bibliothek oder Iris selbst, die kippten und das Gleichgewicht verloren. Nein, es war etwas, das tief in Iris verankert war und dessen Versiegelung durch Pan einen empfindlichen Riss bekommen hatte. Eine Urgewalt brodelte hinter ihren Rippen, erschüttert durch die ungefilterte Energie eines Dämons, der nicht wusste, welches Potenzial in dem zerbrechlichen Menschenkörper brodelte. Iris hatte ihr ganzes Leben lang daran gezweifelt, dass überhaupt irgendjemand wusste, was mit ihrer Magie nicht stimmte. Wackelig, als wäre eine Seite ihres Körpers plötzlich schwerer als die Andere, stand sie mitten in dem Chaos, das sie dank Pan angerichtet hatte.
    Ruckartig riss Iris den Kopf herum, als die Stimme des kleineren Dämons sich wieder näherte. Pan sah geradezu euphorisch aus, als hätte er gerade ein neues Spielzeug entdeckt. Bei dem Gedanken lief es ihr eiskalt den Rücken herunter. Dämon hin oder her...Iris funkelte Pan mit unzweifelhafter Abneigung an und wäre sie eine Katze hätte sie die Krallen ausgefahren und wohl gefaucht. Stattdessen wich sie einen Schritt zurück, unbewusst ein wenig mehr hinter Darius. Es fiel ihr erst auf, als sich sein breiter Rücken in ihr Blickfeld schob. Dass sie nun beinahe hinter ihm kauerte, schmeckte der Hexe genauso wenig, wie die Neugierde von Pan. Iris konnte in seinen Ziegenaugen erkennen, dass er am liebsten noch einmal nach ihr gegrapscht hätte. 'Hätte er ein intaktes Witchmark genau so leicht sprengen können?', ging es Iris durch den Kopf. Sie sah zu dem zerstörten Regal, dem verkohlten Holz. Es roch ganz leicht nach angesengtem Pergament und Leder. Das war mehr als ein verdorrtes Rosenbeet oder ein explodierendes Glas.
    "...Wie heißt du eigentlich? Was hast du von Darry denn haben wollen?", flötete Pan.
    Darius' Drohung schreckte ihn offensichtlich nicht ab.
    "...Darry?", murmelte Iris und zog trotz der Tatsache, dass ihr immer noch die Knie schlotterten, die Augenbrauen hoch.
    „Pan. Fass sie noch ein einziges Mal an und ich komprimiere dich so stark, dass du als Einzeller zurück in dein Gebiet springen musst", sagte Darius mit einer Beherrschung, die Iris ein Rätsel war, doch dann fiel ihr Blick auf etwas.
    Iris senkte den Blick zu Darius' Fäusten.
    Zu den geballten Fäusten.
    Sie verstand genug von Körpersprache um diese Anzeichen lesen zu können.
    Es war das erste Mal, dass sie einen Anflug von Zorn an Darius bemerkte und dieser kratzte an der spiegelglatten Oberfläche. Iris hatte ihn erlebt wie er sie verhöhnte, seine Arroganz und den oberflächlichen Charme, mit dem er seine Klienten bezirzte. Sie hatte das Bösartige am eigenen Leib gespürt, als er sie mit seiner Magie gebändigt und in Schatten gehüllt hatte. Aber egal, wie Iris sich benommen hatte, er war nicht einmal dermaßen aus der Haut gefahren.
    Iris würde nicht erfahren, was es bedeutete wenn Darius die Beherrschung komplett verlor und das hatte sie Ceri zu verdanken. Die Anwesenheit der Elfe fühlte sich unwirklich an. Obwohl die grobe Behandlung durch ihren Herrn erst wenige Augenblicke her war, trug sie sich selbst mit einer Anmut und Würde, die Iris den Atem verschlug. Trotz ihres ausdruckslosen Gesichtes war sie wunderschön und ihre Stimme wie ein bezaubernder Gesang.
    „Wir wollten zum Amt, schon vergessen, Liebes?“
    Ja, für einen Moment hatte sie das.
    Obwohl von Wollen keine Rede sein konnte, folgte sie Darius aus der Bibliothek hinaus. Im Augenblick schien ihr sogar die Gesellschaft des Dämons, der sie hätte eiskalt verbluten lassen, erträglicher als eine Minute länger mit Pan in einem Raum zu bleiben. Sie drehte sich nicht noch einmal zu Ceri und dem Dämon in Kindgestalt um. Der Klang von Pans Stimme reichte aus, damit sich ihr auch mit ausreichend Distanz die Nackenhaare aufstellten. Wenn er noch einmal so viel Energie durch die leitete, könnte er sie damit vielleicht sogar umbringen.
    Flüchtig huschte ihr Blick über Darius' Rücken. Pan wäre nicht der erste Dämon, der es versucht hätte.
    Zumindest das hatten die beiden Dämonen gemeinsam.
    Iris rieb sich die Innenseite ihres Handgelenkes.
    "Er hat es zerstört. Als wäre es kinderleicht", murmelte Iris. Sie wirkte noch immer ein bisschen neben sich. "Es fühlte sich...falsch an. Ich fühle mich falsch an."
    Sie konzentrierte sich auf den Klang von Darius Schuhen auf dem glänzenden Parkett.
    "Wozu brauche ich eigentlich einen neuen Namen? Was stimmt mit meinem nicht?", fragte Iris und war geistesgegenwärtig genug ihren eigenen Namen nicht auszusprechen. Wer wusste schon, ob die Wände hier nicht Ohren besaßen.
    Es reichte vollkommen, dass ein Dämon im Besitz ihres echten Namens war.

    We all change, when you think about it.
    We’re all different people all through our lives.
    And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
    so long as you remember all the people that you used to be.

    [DOCTOR WHO]

    Einmal editiert, zuletzt von Calandra (15. April 2025 um 19:01)